Gruppenleiter

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Ernst Jordan

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evangelische Christen für klares Deutsch

 

Im Anfang war das Wort,
und das Wort war bei Gott,
und Gott war das Wort.

So steht es am Anfang des Johannes-Evangeliums. Und weiter heißt es:

Dasselbe war im Anfang bei Gott. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist. In ihm war das Leben und das Leben war das Licht der Menschen.

Unabhängig von den verschiedenen Interpretationen, die diese bedeutenden Worte im Laufe der Jahrhunderte erfahren haben - eins haben alle Deutungen gemeinsam: Das Wort, die Sprache, ist göttlichen Ursprungs und damit zugleich Urgrund all unserer Begriffe, d. h. der Möglichkeit an sich, die Schöpfung und damit die Welt zu begreifen. Ohne dass die Welt und alles Erschaffene nicht gedanklich erfasst, begrifflich gefasst und im Wort konkretisiert ist, gibt es für den Menschen kein bewusstes, mit Licht d.h. mit Erkenntnis erfülltes Leben.

Der Mensch ist erst Mensch durch das Wort, das „im Anfang bei Gott“ war.

Die Geschichte dieses „Wortes“, d.h. der Sprache und des in ihr konkretisierten Denkens, das wir hier mit Erkenntnis, Einsicht, Verständnis erklären dürfen, ist lang und beginnt mit diesem Mythos, der uns nur soviel sagen will: Diese ungeheure und einzigartige Möglichkeit des Menschen ist uns geschenkt, anvertraut und zur Verantwortung gegeben worden. Wir können sie ergreifen und verwenden, wir können mit ihr gestalten und handeln, und das im weitesten Sinne. Denn Sprache vermittelt uns nicht nur unsere Welt, sie ist unsere Welt. Sie ist das Abbild unseres ganzen, spezifisch menschlichen Wesens.

1.

Wir können zeitlich viel weiter zurückgehen, aber mit Luthers Wirken beginnen wir hier in den deutschen Landen zu verstehen, was das Wort vermag, welche Zugänge es schafft und welche Wirkung mit Sprache erzielt werden kann. Nicht nur, dass der Reformator den Menschen seiner Zeit den christlichen Glauben näher brachte, indem er die biblischen Texte in ihre Sprache übersetzte, ihnen damit in der Welt ihrer Vorstellungen und Erfahrungen die göttliche Botschaft erklärte und begreifbar machte. Er schuf auch eine neue Welt der Erkenntnis, der Einsicht in jedem und mit jedem Wort, das er aus dem Schatz der Sprache seines Landes, seiner Welt und der in ihr gegebenen Erscheinungen formte.

Luther ist nicht der erste, der auf der Grundlage seiner Kenntnis vom Wesen und vom Bau der Muttersprache einen sprachlichen Schöpfungsprozess gestaltet: schon Jahrhunderte vor ihm erweitern Mönche und Dichter, Anwälte und Handwerker die Sprache des Volks in ihren eigenen Wirkungskreisen. Sie lesen und schreiben, sie übersetzen und dichten und sie erfinden im Rahmen der ihnen einsichtigen Gesetze und Regeln ihrer Sprache neue Wörter und Strukturen, durch die sie das Denken und Begreifen und damit zugleich ihre Welt und die Welt ihrer Mitmenschen erweitern und vertiefen. Hier sei nur auf das St. Galler Paternoster oder das Evangelienbuch des Otfrid von Weißenburg verwiesen, Werke, an denen man auch heute noch die Mühen, den Fleiß, die Kraft und die Fantasie ihrer Schöpfer bezüglich ihrer sprachlichen Gestaltung ablesen kann – vorausgesetzt, man macht sich selbst einmal diese Mühe. Und dasselbe gilt für die Schöpfer profaner Dichtung jener Zeit: den unbekannten Dichter des Ludwigslieds etwa oder den Autor der Straßburger Eide.

Heute weiß jeder gebildete Mensch, welche großartige geistige Bewegung mit diesem Wirken begann und welche geistreichen, fantasiebegabten Menschen in den folgenden Jahrhunderten eines der bedeutendsten Werke der Kulturgeschichte im zentralen Europa schufen: die deutsche Sprache.

 2.

Nun ist im Grunde jede Sprache Abbild bzw. Ausdruck und Leistung einer besonderen individuellen Kultur. Das Besondere aber an der deutschen Sprache und ihrer Leistung ist zum einen die rasante Entwicklung zu einer hochdifferenzierten Kultursprache, die sie in wenigen Jahrhunderten genommen hat, und zum anderen die lange unbestrittene Tatsache, dass sie in jedem Gebiet praktischer und geistiger „Bewegung“ nicht nur leistungsfähig, d.h. erschließend wirksam, sondern auch entwickelbar war. Die Möglichkeiten der deutschen Sprache sind aufgrund ihrer Struktur und der in ihr wirksamen „Gesetze“ – der syntaktischen und grammatischen Regeln, der Gesetze der Wortbildung und -neuschöpfung – geradezu unbegrenzt. Das verdeutlichte der Umgang ihrer Sprecher insbesondere in den vergangenen zwei Jahrhunderten: kein Lebensbereich, kein wissenschaftlicher oder künstlerischer Raum, in dem die Menschen nicht in ihrer Sprache ein neues Phänomen begrifflich fassen und kennzeichnen konnten. Das galt nicht nur für die uns allen vertrauten großen Geister in der Dichtung und der Philosophie (für die das Wort das wichtigste „Instrument“ ihres Handelns ist) oder in den Naturwissenschaften, der Wirtschaft und dem Handwerk – es galt für jeden Menschen in unserem Sprachraum: zahllose Redewendungen, Vergleiche und Metaphern schuf der einfache Mann (natürlich auch die Frau) „auf der Straße“ im alltäglichen Umgang mit seinesgleichen im Bewusstsein dieser Leistungsfähigkeit seiner Sprache.

 3.

Es ist nun außerordentlich interessant, die Umstände und Wirkungsfaktoren zu untersuchen, die dazu geführt haben, dass wir Heutigen das nicht mehr erkennen, ja nicht nur Luthers „Weg“ verlassen, sondern offenbar auch die Fähigkeit verloren haben, das Gemeinsame von Denken und Sprechen oder von Glauben und Sprache wahrzunehmen: zu erkennen, dass sich in unserer Sprache (und ich nenne sie einmal noch die deutsche) unser Wesen gestaltet und abbildet, unsere Seele, unser Fühlen, Denken und Glauben – unsere gemeinsamen Werte, die uns verbindende Identität, das, was wir sind als Christen und als christlich geprägte Menschen dieses Landes.

Was nötigt uns in zunehmendem Maße Gemeinsames, Vertrautes und Wertvolles (vor allem: Einzigartiges) aufzugeben, ja, über Bord zu werfen wie einen lästigen Ballast. Nicht mehr „Kirche“ zu sagen, nicht mehr „Gemeinde“ und „Gebet“, sondern in der „Living Church“ eine „Church Night“ zu feiern mit „Night Fever“, in „Communitys“ zu wirken und die „Message“ zu hören? Müssen wir zur „Pray Time“ eingeladen werden, zum „Sing & Pray“ und zum „Candlelight Praise“, um das richtige „Worship“ zu erfahren?

Alles was wir nicht in unserer Muttersprache aussprechen, bleibt in Distanz, oder ist uns der „Lord“ näher als Gott, sind uns „Dschisass Kreißt“ und „Merri“ vertrauter als Jesus und Maria? Lernen unsere Kinder wirklich nur noch beim „Godly Play“ in der Bibel zu lesen? Wollen wir wirklich lieber Gospels hören und singen als „Lobe den Herren“ oder „Geh aus, mein Herz“?

Dies sind nur wenige von inzwischen zahllosen Fragen, die alle mit der Veränderung unserer Sprache in unseren Gemeinden zu tun haben und jeder von uns mag sie für sich beantworten, er sollte sich nur der einen Tatsache dabei bewusst sein: Sprache ist nicht nur ein Kommunikationsmittel und beliebig austauschbar, Sprache ist in viel tieferem Sinn der Raum all unseres Wissens, unseres Glaubens und unseres Charakters, und all das ist unverwechselbar gebunden an jedes einzelne Wort in unserer Sprache: mit jedem Wort, das ich aufgebe, verliere ich eine unverwechselbare begriffliche Einmaligkeit, mit jedem neuen Wort verändere ich die Welt.

Deshalb muss sich die Kirche mehr als jede andere Gemeinschaft oder Institution in unserem Land ihrer Verantwortung für die Muttersprache bewusst sein: nur eine klare, im Bewusstsein und im Herzen verankerte Sprache kann auch ein klares und verständliches Evangelium verkündigen.

Das ist unser Appell.

Ernst Jordan, Februar 2010