Infobrief 387 (45/2017): Kulturpreis Deutsche Sprache in Kassel

10. November 2017

1. Presseschau vom 3. bis 9. November 2017

  • Kulturpreis Deutsche Sprache in Kassel
  • Mit jeder Sprache stirbt auch eine Kultur
  • Wie Sprache unser Denken lenkt

2. Unser Deutsch

  • Karlsruhe

3. Berichte

  • Gender-Fragen
  • Luther im Gesangbuch
  • „Wortspiel“ beim Deutschen Musikradio DMR

4. VDS-Termine

5. Literatur

  • Neue Anglizismen
  • Mitherausgeber und Unterstützer gesucht
  • Bayerischer Buchpreis
  • Samuel Beckett in Deutschland

 

 

1. Presseschau vom 3. bis 9. November 2017

Kulturpreis Deutsche Sprache in Kassel


Foto: VDS

Für seine besonderen Verdienste um die deutsche Sprache wird am Samstag, den 11. November 2017 in Kassel der Jacob-Grimm-Preis Deutsche Sprache an Prof. Dr. Norbert Lammert vergeben. Weiterhin werden das Projekt „Klasse! Wir singen“ des gemeinnützigen Vereins Singen e.V. mit dem Initiativpreis Deutsche Sprache und die Sprachsendung „Sozusagen!“ des Bayerischen Rundfunks mit dem Institutionenpreis Deutsche Sprache ausgezeichnet.

Der VDS vergibt den dreiteiligen Kulturpreis Deutsche Sprache gemeinsam mit der Eberhard-Schöck-Stiftung in Zusammenarbeit mit der Stadt Kassel.

 

Mit jeder Sprache stirbt auch eine Kultur

In einem Gespräch im Deutschlandfunk erläuterte Sprachwissenschaftler und VDS-Mitglied Prof. Dr. Ernst Kausen das Sprachensterben. Zur Zeit werden weltweit rund 6000 Sprachen gesprochen, in zwei bis drei Generationen wird davon wohl nur die Hälfte übrig sein. Gründe dafür sind sowohl die Globalisierung als auch die Tatsache, dass einige Sprachen auf Grund der niedrigen Zahl von Sprechern nur geringe Überlebenschancen haben, da sie nicht an ausreichend viele Kinder weitergegeben werden. „Mit jeder Sprache, die zugrunde geht, geht auch gleich eine ganze Kultur zugrunde, so klein diese Sprache inzwischen auch geworden sein mag.“ Das sei ein sehr trauriger Prozess. Die Befürchtung, dass der Globalisierung immer mehr Sprachen zum Opfer fallen und am Ende nur noch Englisch und Chinesisch übrig bleiben, kann Prof. Kausen aber nicht bestätigen. Auch wenn alle zehn Tage eine Sprache sterbe, seien wir davon noch weit entfernt. (deutschlandfunkkultur.de)

 

Wie Sprache unser Denken lenkt

Ekkehard Felder, Professor für Germanistische Linguistik an der Universität Heidelberg, bewertet im Deutschlandfunk Kultur die sprachliche Behandlung der Gewalttat in Texas in den deutschen Medien. Deutsche Medien bezeichneten die Gewalttat von Texas häufig als Schießerei . „Das ist nicht passend“, sagt Felder: „Schießerei verbinden wir stark vielleicht mit Western, wenn wir zur älteren Generation gehören. Schießerei hat etwas Willkürliches, in dem Fall auch etwas Verharmlosendes.“ Ein passenderer Begriff wäre Massaker, dieser „ist erstmal unspezifisch und meint größeres Blutbad, ein Gemetzel. Wir wissen noch nichts von den Motiven. Wenn wir allerdings von einer gezielten, geplanten Tat ausgehen, also von etwas Systemischem, dann wird häufig der Terror-Begriff verwendet. Da stehen dann politische oder religiöse Motive im Hinter­grund“. Mit der Wahl der Bezeichnung findet ein sog. Framing statt. „Wenn Präsident Trump jetzt von einem kranken Einzeltäter spricht, ist das schon deshalb angezeigt, weil er wahrscheinlich die Waffengesetze nicht ändern will.“ Felder weiter: „Medien müssen bedenken, dass Sprache das Denken lenkt, die Wahl der richtigen Formulierungen ist entscheidend und gehört zum Auftrag der Berichterstattung.“ (deutschlandfunkkultur.de)

 

2. Unser Deutsch

Karlsruhe

„Damit gehen wir nach Karlsruhe“, ruft ein empörter Abgeordneter, und er meint damit eine Klage vor dem Bundesverfassungsgericht, das in Karlsruhe beheimatet ist. Der Ortsname steht hier für die Einrichtung in seinen Mauern, er hat damit gleichsam eine zusätzliche Bedeutung angenommen. Jeder, der den Sachzusammenhang kennt, versteht sofort, was gemeint ist. Allerdings verzeichnet dies kein Wörterbuch. Denn es handelt sich hier um ein semantisches Verfahren, das schon die antike Rhetorik beschrieben hat. Sie nannte es ‚Metonymie‘, d.h. soviel wie ‚uneigentliches Sprechen‘. Mit ‚uneigentlich‘ ist gemeint, dass ein Sachverhalt nicht direkt benannt wird, hier also als ‚Bundesverfassungsgericht‘ sondern eben indirekt durch Nennung des Ortes, an dem dieses Gericht seinen Sitz hat. Wir begegnen dieser Verwendung von Ortsnamen in unzähligen Varianten. Die Namen München, Nürnberg, Köln stehen in der Bundesliga für die Vereine, die dort zuhause sind. ‚Deutschland gegen Italien‘ ist die uneigentliche Kurzform für ‚die deutsche Nationalmannschaft spielt gegen die italienische‘. Regierungen werden oft nur durch Nennung der Hauptstädte Berlin, Paris, Washington benannt. Hamburg steht in Berichten für den G-20 Gipfel und die Krawalle, welche ihn begleiteten. Man kann sagen: Die Ortsnamen bieten eine appellative Kurzreferenz. Jeder versteht sie, der den sachlichen Zusammenhang zwischen dem Eigennamen und der eigentlichen Sache kennt. Es ist ein kreatives Verfahren, das allem menschlichen Sprechen in allen Sprachen eigen ist. Darum funktioniert es auch sprachübergreifend. Ein semantisches Wunder, von dem wir meist nur unbewusst Gebrauch machen.

Horst Haider Munske

Die Artikel der Rubrik „Unser Deutsch“ bieten häufig Anlass zur Diskussion. Wer mitdiskutieren möchte, ist im VDS-Rundbriefforum herzlich dazu eingeladen: http://rundbrief.vds-ev.de.

 

3. Berichte

Gender-Fragen

VDS-Vorstandsmitglied Jörg Bönisch hielt einen Vortrag beim Sprachrettungsklub Bautzen mit dem Titel „Geschlechter-Ungerechtigkeit und Sprachzerstörung“. Die Gendersprache verletze sprachliche Grundregeln, so der Referent. Einen Bericht und Fotos gibt es auf der Internetseite des Sprachrettungsklubs. (sprachrettungsklub.de/)

 

Luther im Gesangbuch

Die Regionalgruppe Bodensee/Oberschwaben (88) hatte am 27.10. eine besondere Veranstaltung zum Thema „Luther und die deutsche Sprache“ im Programm. Der Referent, Pfarrer Günther Nörthemann, erklärte nicht nur den Einfluss des Reformators auf die Entwicklung der deutschen Sprache. Er begleitete seinen Vortrag in der Klosterkirche Ravensburg-Weißenau zudem mit Chorälen aus evangelischen und katholischen Gesangbüchern, die Luther geschrieben oder übersetzt hat.

Das gleiche Vortragskonzept wiederholte Günther Nörthemann auch noch einmal am 9.11.17 in der St. Philippus und Jakobus Kirche in Herdecke und auf Einladung von Regionalleiter Bruno Klauk und die Mitglieder der Region 58. (pressreader.com)

 

„Wortspiel“ beim Deutschen Musikradio DMR

Das Deutsche Musikradio DMR spielt ausschließlich deutschsprachige Musik. Damit hebt es sich von vielen anderen Sendern mit US-amerikanischer Plattenrotation ab. Ab nächster Woche dreht es sich beim DMR auch verstärkt um die deutsche Sprache. Die neue einstündige Sendung „Wortspiel“ greift aktuelle Themen über Sprachentwicklung und Sprachpolitik, Medien und Kultur auf. Moderiert wird die Sendung von Stefan Ludwig und Holger Klatte. In der ersten Sendung am Montag um 20 Uhr geht es um Kulturkontakte zwischen Deutschland und Frankreich. (deutschesmusikradio.de)

 

 

4. VDS-Termine

11. November, Region 34 (Kassel)
Preisverleihung: Kulturpreis Deutsche Sprache
Zeit: 16:00 Uhr
Ort: Festsaal, Kongress Palais Kassel Stadthalle, Holger-Börner-Platz 1, 34119 Kassel

 

5. Literatur

Neue Anglizismen

Eine Besprechung des VDS-Anglizismen-Index 2017 erschien in dieser Woche in der Nordwest-Zeitung. Die Anglizismen-Liste solle „zumindest in Werbeagenturen, Redaktionen, Schulen und Universitäten stets griffbereit sein“. Die aktuelle Ausgabe enthalte 150 neue Einträge, darunter fake news (Falschmeldung), crunchy (knusprig) und hate (Hass). (nwzonline.de)

 

Mitherausgeber und Unterstützer gesucht

Das „Wörterbuch überflüssiger Anglizismen“ wurde im IFB-Verlag Deutsche Sprache nach der 9. Auflage nicht mehr fortgeführt, weil die Anglizismenflut seinerzeit deutlich nachgelassen hatte. Inzwischen sind einige Jahre vergangen und es hat sich wieder einiges angesammelt. Eine 10. Auflage wäre somit wünschenswert. Die beiden bisherigen Herausgeber Reiner Pogarell und Markus Schröder wollen gerne an einer Neuauflage mitwirken, können aber nicht die Hauptarbeit leisten.

Wer hat Lust auf die Herausforderung, Mitherausgeber der 10. Auflage des Wörterbuchs überflüssiger Anglizismen zu werden? Sie brauchen dazu ein gutes Sprachgefühl, ein wenig Zeit und Geduld mit den anderen Mitwirkenden. Ein bisschen Geschick im Umgang mit Word-Dateien ist hilfreich.

Was wäre dann zu tun? Gründliche Durchsicht der 9. Auflage. Abgleich mit dem neuesten Anglizismenindex. Kommentierung der Neuaufnahmen. Erstellung einer neuen Word-Datei auf Basis der letzten Auflage. Korrekturlesen. Natürlich – wie im VDS üblich – ehrenamtlich.

Und noch etwas: Wir suchen jemanden, der einen gründlichen Abgleich mit den Ablösewörtern des Norwegischen Sprachrats vornehmen kann. Auch diese Tätigkeit könnte mit einer Mitherausgeberschaft verbunden werden. Neben Sprachgefühl, Zeit und Geduld wären natürlich Norwegisch-Kenntnisse unverzichtbar.

Wenn Sie Interesse an diesen Herausforderungen haben, dann melden Sie sich unter info@ifb-verlag.de

 

Bayerischer Buchpreis

Der Bayerische Buchpreis wurde in der Kategorie Belletristik an den österreichischen Schriftsteller Franzobel für seinen Roman „Das Floß der Medusa“ über die 1816 vor der Küste Senegals havarierte Fregatte „Medusa“ verliehen. Franzobel beschrieb den Schreibprozess seines Buches selbst in seiner Dankesrede als „Kraftakt“. Dieser scheint sich jedoch ausgezahlt zu haben, lobte die Jury doch insbesondere das „kunstvolle Bauprinzip“ und die elegante Anbindung des historischen Stoffs an die heutige Zeit.

Den Preis in der Kategorie Sachbuch erhielt der Kultursoziologe Andreas Reckwitz für sein Werk „Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne“.

Für sein Lebenswerk als Schriftsteller und Illustrator wurde Tomi Ungerer mit dem Ehrenpreis des Ministerpräsidenten ausgezeichnet. (br.de, deutschlandfunkkultur.de)

 

Samuel Beckett in Deutschland

Das Deutsche Literaturarchiv in Marbach zeigt in einer aktuellen Ausstellung bis Juli 2018 unveröffentlichte Tagebücher von Samuel Becketts Reise durch Nazi-Deutschland. Seit 1928 reiste Beckett mehrfach durch Deutschland, brachte sich autodidaktisch Deutsch bei und las u.a. Goethe, Rilke und Hölderlin im Original. Höhepunkt der Marbacher Ausstellung sind seine German Diaries, Notizbücher in denen seine intensive Beschäftigung mit deutschen Büchern, Filmen, Musik, Bildhauerei, Architektur, dem Theater und insbesondere der Malerei dokumentiert ist. In der Ausstellung sind die vollständig transkribierten Notizen zu sehen, die in zwei Jahren auch im Suhrkamp-Verlag erscheinen werden. (welt.de)

 


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Redaktion: Lea Jockisch, Holger Klatte, Ann-Sophie Roggel

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