Textbeiträge

Folgende Textbeiträge sind im Anglizismenindex enthalten:

Anglizismen, die in die Irre führen: Dipl.-Ing. Gerhard H. JunkerSchluss mit der Engländerei!: Patrick KeckDie Suche nach dem deutschen Wort: Dr. Holger KlatteÜber die Sprachloyalität der Deutschen: Prof. Dr. Heinz-Günter SchmitzDie Anglomanie und die Sprachwissenschaft: Dr. Franz Stark

Anglizismen, die in die Irre führen

Anglizismen verdrängen nicht nur gute und aussagekräftige deutsche Wörter oder ganze Wortfelder wie „Ticket“ „Fahrkarte, Eintrittskarte, Flugschein, Kinokarte, Knöllchen“; sie verflachen nicht nur die deutsche Sprache und verderben ihre Aussagekraft, sondern sie führen auch in die Irre. Betroffen wären vor allem deutschsprachige Besucher in den Mutterländern der englischen Sprache, wenn sie Pseudo-Anglizismen gebrauchen, die es im Englischen nicht oder nicht in der Bedeutung gibt, in der sie in den deutschsprachigen Ländern gebraucht werden.

Im „Konzept“ des Anglizismen-Index heißt es deshalb: “Zudem kann der Index deutsche Besucher englischsprachiger Länder vor der Peinlichkeit bewahren, Pseudoanglizismen zu verwenden, die im Original-Englisch nicht vorkommen oder eine völlig andere Bedeutung haben.“
Im Folgenden werden 10 krasse Fälle aufgezeichnet und besprochen.

airbag:
(Webster’s Unabridged Dictionary) – an inflatable plastic bag mounted under the dashboard or on the back of the front seat of a car: it cushions the driver and passengers by inflating automatically in the event of collision.

Der „airbag“ nimmt eine Sonderstellung ein, denn er ist sowohl in der englischen wie in der deutschen Version eine Fehlinformation der Öffentlichkeit. Denn nicht Luft schießt beim Aufprall des Fahrzeuges in den „bag” (= Sack) ein, sondern ein Explosionsgas, entstanden durch die Zündung eines Festbrennstoffes, und zwar ein giftiges − zumindest in der Frühphase seiner Anwendung.

Der „air bag“ ist  ein früher Bote der Anglomanie, falls man  seinen Erfindern nicht  bewusste Täuschung der Öffentlichkeit unterstellen will. Erste Versuche zur Entwicklung eines Sicherheitssystems für Kraftfahrzeuge wurden in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts in den USA durchgeführt, auch ein Patent auf das entwickelte Gerät wurde erteilt − aber das Gerät arbeitete mit Druckluft und erfüllte den Zweck nicht: die Luft strömte beim Aufprall nicht schnell genug in den Luftsack ein. Erst die danach von Daimler-Benz (DB) begonnene Entwicklung war erfolgreich, sie basiert auf Pyrotechnik; das beim Aufprall des Fahrzeuges durch die Zündung eines Festbrennstoffes entstehende Explosionsgas schießt in Millisekunden in das Kissen ein. 1971 wurde darauf DB das deutsche Patent 2152902 C2 erteilt: Der „funktionierende Airbag“ ist also eine deutsche Erfindung! Die ersten Fahrzeuge mit diesem Sicherheitssystem wurden auf der IAA 1980 von DB vorgestellt, zunächst noch unter der Bezeichnung „Luftsack“. Erstes mit einem „Airbag“ ausgerüstetes Auto war der Mercedes-Benz W126 (S-Klasse). Der „Luftsack“ war in „Airbag“ umbenannt worden. Müßig zu fragen, ob man schon damals in Stuttgart meinte, eine Fehlinformation ließe sich dadurch kaschieren, dass man sie auf Englisch gibt.

Der Anglizismen-Index benennt seit seiner ersten Ausgabe 2002 dieses nützliche Gerät funktionsgerecht „Prallkissen“. Eine allgemeine Verbreitung dieser Fakten würde die Einführung der Benennung „Prallkissen“ sicher fördern.

blockbuster:
(Webster’s Unabridged Dictonary). – an aerial bomb containing high explosives and weighing from four to eight tons, used as a largescale
demolition bomb.

Wenn Ihnen, verehrte Leser, der „Blockbuster“, der heute gedankenlos als Synonym für „Kassenschlager“ verwendet wird, schon einmal begegnet wäre, dann gehören Sie der Kriegsgeneration an und zu den Glücklichen, die diese Begegnung überlebt haben. Als Synonym für „Kassenschlager“ gebraucht, stellt er eine Taktlosigkeit gegenüber den Opfern des Luftkrieges im 2. Weltkrieg dar. Durch die tonnenschweren Luftminen, genannt „block-buster” (= Wohnblockknacker), sind im Zweiten Weltkrieg Tausende von Menschen umgekommen. Wenn ihn die Nachfahren englischer und amerikanischer Bomberpiloten verwenden, muss man das hinnehmen, von Deutschen jedoch nicht. Auch die, denen die Schrecken des Luftkrieges erspart geblieben sind, müssten sie kennen, aus den Büchern von Ralph Giordano und Jörg Friedrich (Der Brand) oder von Sendungen im Fernsehen. Schätzungen gehen von 600.000 Opfern aus. Maßgeblich beteiligt waren daran diese „Blockbuster“, die ganze Straßenzüge in Schutt und Asche gelegt haben, bevor nachfolgende Phosphorbomben die verheeren-den Feuerstürme entfachten.

body bag:
(Webster’s Unabridged Dictionary) – large bag made of heavy material and used to transport a dead body, as from a battlefield to a place of burial.

Der „body bag“ ist ein makaberes Beispiel in der Serie von Anglizismen rund um den „body“, die der Englischwahn gezeugt hat; denn „body“ ist im Englischen nicht nur der Körper (ohne Kopf und Extremitäten), sondern wird auch ohne das Adjektiv „dead“ als menschliche  Leiche verwendet. Das schert offenbar den Ladenbesitzer nicht, wenn er in seinem Schaufenster eine Umhängetasche als „body bag“ auszeichnet, der im Englischen ein Leichensack ist, in dem z.B. die im Irak und in Afghanistan umgekommenen GIs zum Heldenfriedhof in Arlington geflogen wurden. Textbeispiel aus Wikipedia: „Body Bags (zu deutsch: Leichensäcke) ist ein US-amerikanischer TV-Horrorfilm von John Carpenter und Tobe Hooper aus dem Jahr 1993

happy hour:
(Wikipedia) – Die Happy Hour (englisch für Glückliche Stunde) bzw. Blaue Stunde ist diejenige Stunde des Tages, ab der dem gesellschaftlichen (englischen) Comment gemäß nach Arbeitsende der Konsum von Alkohol angemessen ist und gestattet erscheint.

Die „glückliche Stunde“ entpuppt sich in diesem Land oft als „Nepp-Stunde“, wenn die Teilnehmer von Bus- und Schiffsfahrten zurückkommen, auf denen ihnen nicht nur billige Getränke verabreicht wurden, sondern bei denen ihnen eloquente Verkäufer alle Arten von Ramschware aufge-schwätzt hatten, an deren Kauf sie vor Antritt der Happy-Hour-Fahrt nie gedacht hätten.

Mac:
(Duden) – keltisch, »Sohn« (Bestandteil von schottischen [oder irischen] Namen [z.B. MacLeod]; Abk. M‘, Mc).

Die Vorsilbe „Mac“ oder abgekürzt „Mc“ bedeutet also in (ursprünglich) keltischen Familiennamen „Sohn des“, ebenso wie die Nachsilbe „son“ in germanischen. Trotzdem wird derzeit in der deutschen Geschäftswelt alles Mögliche „ver-mact“. Man fasst sich an den Kopf und fragt sich, was in die Protagonisten dieser Mac-Welle gefahren ist; ihre „Mac-Sucht“ ist eine der verrücktesten Auswüchse der Anglomanie in diesem Land. Spitzenreiter der Verrücktheit ist der „McClean“ fürs Bahnhofsklo − also der Sohn des „Sauber“, sprich des „Sauber-Machers“ (und der Klofrau). Selbst die Deutsche Post schämt sich nicht, diesen Blödsinn mitzumachen und ihre Papierwarenläden McPaper zu nennen − also „Sohn des Papiers“: Wo soll die Mac-Sucht“ enden? Bei „McGermany“?

oldtimer:
(Concise Oxford English Dict) – informal a very experienced or long-serving person. North American an old person — — vintage car – an old style or model of car.

Es empfiehlt sich also nicht, mit einem alten Bretzel-VW nach England zu fahren, vor allem wenn ma keine „old person“ ist, Denn der „Oldtimer“ ist ein typischer Pseudo-Anglizismus, erfunden schon bevor die große Anglizismen-Welle die deutschen Strände erreicht hat.

public viewing:
(Wikipedia) – Im amerikanischen Englisch bezeichnet p.v. die öffentliche Aufbahrung eines Verstorbenen

Ein amerikanischer Tourist muss schockiert sein, wenn er hiezulande in den Medien und auf Plakatwänden mit „public viewing“ konfrontiert wird, das die Ausrichter der Fußballweltmeisterschaft 2006 in Deutschland statt „Freilichtfernsehen“ unters Fußballvolk gebracht haben, weil auch sie meinten, Weltoffenheit demonstrieren zu müssen. Hätten sie sich die Mühe gemacht, in einem englischsprachigen Lexikon nachzuschauen, sie hätten gemerkt, dass es den Begriff im britischen Englisch gar nicht gibt und dieser im amerikanischen Englisch die öffentliche Aufbahrung prominenter Verstorbener bedeutet.

rail & fly:
(Langenscheidt) – to rail = schimpfen, lästern, fluchen.

Wenn man sich über die fortwährende Verspätungen im Zuverkehr ärgert, wäre dieser aus zwei Verben bestehende Aufforderung der Deutschen Bahn sicherlich ein angemessener Spruch; denn er heißt wörtlich übersetzt „schimpf und fliege“. Was die Deutsche Bahn jedoch meint, ist „rail & flight“, also „Schiene und Flug“. Man sollte meinen, Unternehmen wie die Deutsche Bahn sollten ein paar Anglisten auf ihrer Gehaltsliste haben, die sie vor solchen peinlichen Fehlleistungen bewahren. Auch fiel ihr in ihrem „Denglischwahn“ nicht mehr ein, dass es für ihr Angebot das treffliche „Zug zum Flug“ gäbe.

shooting star:
(Concise Oxford English Dict.) –  a small, rapidly moving meteor burning up on entering the earth’s atmosphere
Langenscheidt – Sternschnuppe

„Shooting star“ ist und bleibt eine Sternschnuppe, die beim Eintritt in die Erdatmosphäre verglüht auch wenn die Dudenredaktion sie bereits in den Fremdwort-Duden als „Person od. Sache, die schnell an die Spitze gelangt; Senkrechtstarter“ aufgenommen hat. Man fragt sich warum uns in unseren Medien diesen Pseudo-Anglizismus aufgeredet, wenn es doch den „Senkrechtstarter“ gibt, denn zu verglühen wünschen sich die so bezeichneten doch gewiss nicht

slip:
(Webster’s Unabridged Dictionary) – a woman’s undergarment, sleeveless and usually having shoulder straps, extending from above the bust down to the hemline of the outer dress. (Oxford English dict.) a loose fitting garment, especially a short petticoat.

Da wäre der deutsche London-Tourist der Düpierte; er müsste sich als Transvestit vorkommen, wenn ihm bei einem Londonbesuch die Unterhosen ausgegangen wären und er im „Harrods“ einen „Slip“ kaufen wollte, wo ihm als slip ein Damenunterrock präsentiert wird.

slow motion:
(Concise Oxford English Dict.) the action of showing film or video more slowly than it was made or recorded, so that the action appears much slower than in real life.

Auch dieser Anglizismus führt in die Irre, zumindest solche Leser und Hörer mit nur mäßigen Kenntnisse des Englischen. Sie wissen, dass „slow“ langsam und „motion“ Bewegung heißt und übersetzen „langsame Bewegung“ – doch nicht die Bewegung ist langsam, sondern nur ihre Abbildung. Wenn dennoch die „slow motion“ als Einsprengsel in deutschen Sätze gebraucht wird – wie in London bei Olympia – dann ist dies eine der gröbsten und dümmsten sprachlichen Entgleisungen überhaupt. Denn das deutsche Wort ZEITLUPE ist eine der schönsten und besten Wortschöpfungen der jüngeren Sprachgeschichte; ein Wort zum verlieben, klangschön und prägnant, es beschreibt dazu den Vorgang präzise; wie die (optische) Lupe einen Gegenstand  vergrößert darstellt, so bildet  die „Zeit-Lupe“ den Ablauf einer Bewegung verlängert ab. Im Englischen gibt es ein solches Wort wie Lupe nicht – nur das umständliche „magnifying glass“ – Die „Zeitlupe“ wäre also umgekehrt eine wertvolle Bereicherung der englischen Sprache.


Diese Beispiele sind freilich die ärgerlichsten aus der Sammlung der im aktuellen VDS-Anglizismen-Index 2012 verzeichneten rund 7.400 Anglizismen der Allgemeinsprache. Sie stiften Verwirrung bei denen, die Englisch lernen wollen oder die auf Reisen englisch sprechen müssen, weil sie entweder falsches Englisch sind oder weil ihre Verwendung in diesen Ländern als instinktlos gelten müssen.

Doch auch der Gebrauch der Mehrzahl der im Anglizismen-Index verzeichneten Anglizismen ist ein Ärgernis, weil sie existierende gute deutsche Wörter oder ganze Wortfelder verdrängen. Oder gibt es einen vernünftigen Grund, warum ein Laden ein shop, ein Ereignis ein event, ein Glanzlicht ein highlight oder eine Fahrkarte, eine Entrittskarte, ein Flugschein, ein Strafmandat jetzt ein Allerwelts-Ticket sein soll?

Dieser Beitrag ist eine Überarbeitung  des Aufsatzes „Blockbuster und andere Zumutungen“ im Anglizismen-Index (2008), IFB Verlag für deutsche Sprache (ISBN 978-3-931263-80-5, www.anglizismenindex.de).

 

Eine Polemik von Patrick Keck

„In den letzten Jahrzehnten hat sich das Deutsche allzu widerstandslos als eine Art Dorftrottel unter den Sprachen präsentiert, der nicht richtig in der Lage ist, für aktuelle Gegenstände aus seinem angestammten Wortschatz neue Begriffe zu bilden, und sich statt dessen auf eine Weise, die ein amerikanischer Kommentator als „vorauseilende Unterwürfigkeit“ bezeichnete, mit schlaffer, altersfleckiger Hand aus dem weltweit dampfenden englischen Breitopf bedient.“ Max Goldt

Bereits im Jahr 1899 veröffentlichte der deutsche Germanist und Lehrer Hermann Dunger eine Streitschrift mit dem Titel „Wider die Engländerei in der deutschen Sprache“. Erfolg war seinem Buch allerdings nicht beschieden. Es wurde von Kaiser Wilhelm II. auf Betreiben dessen Mutter, Victoria von Sachsen-Coburg und Gotha, der ältesten Tochter von Englands Königin Victoria, verboten. Jenes Thema, das vor über hundert Jahren die Zensoren auf den Plan rief, brennt auch heute noch unter den Nägeln: die Verballhornung der deutschen Sprache durch unnötige Anglizismen. Höchste Zeit also, der Engländerei erneut den Kampf anzusagen. Mediale Sprachverhunzer, effektheischende Reklamefuzzis und globaliserungs­versessene Unternehmen stehen am Anfang der Reihe: Sie haben weite Teile des modernen Lebens in ihrem eisernen, anglizismushörigen Griff. Doch auch Politik und Wissenschaft leiden zunehmend an einem offensichtlichen Sprachverlust. Unter dem Mäntelchen der Weltläufigkeit bedienen sie sich lieber eines – nebenbei bemerkt: meist erbärmlichen – Englischs, anstatt auf ein viel naheliegenderes Wunderwerk an Rhythmus, Reichtum der Ausdrucksmöglichkeiten und messerscharfer Präzision zurückzugreifen: die deutsche Sprache.

Für all jene, die darin höchstens eine partielle Sonnenfinsternis erkennen können, hält dieser Beitrag in weiterer Folge zahlreiche Beispiele bereit, die die deutsche Sprache beim Katzbuckeln zeigen. An dieser Stelle ist es wichtig zu betonen, dass ich keineswegs gegen Kreativität, Veränderung und Entwicklung im weitesten Sinne bin. Auch dass „Entwicklung“ nicht automatisch eine positive Veränderung in allen Details mit sich bringt, liegt auf der Hand. Jugendliche entwickeln eigene Sprachen, die für so manchen Ästheten an Verblödung grenzen mögen, etwa wenn es in SMS-Sprech heißt, „Omg omg komm kurz on.“ „Oh mein Gott, oh mein Gott, komm kurz online zum chatten!“ Doch was für viele an Wahnsinn grenzt, hat auch seine Sonnenseiten: Wortschatz, Phantasie, und Kreativität sind in den hoch individualisierten Jugendsprachen nachweislich stärker ausgeprägt als noch vor Jahrzehnten, als der schriftliche Austausch per Briefverkehr abgewickelt wurde.

Ihren Anfang nahm diese Entwicklung Mitte des 20. Jahrhunderts mit dem European Recovery Program – kurz: Marshallplan, benannt nach dem damaligen Außenminister und späteren Friedensnobelpreisträger George C. Marshall. Damit schufen die USA in Europa einen Markt, der nicht nur für den Export amerikanischer Güter, sondern auch für den Export der amerikanischen Kultur wie geschaffen war. Rund um den Globus wurden und werden Symbole, Gebräuche, Werte, Normen und Begriffe von den USA in den Rest der Welt exportiert. Dieses Prinzip ist naturgemäß eng an den Weltmachtstatus der USA gebunden und keineswegs ein reziproker Prozess, sondern eine kulturelle Einbahnstraße. Wie heißt es so schön: Wer zahlt, schafft an. „Amerikanisierung“ ist nicht mehr und nicht weniger als ein anderer Ausdruck für „Kulturimperialismus US-amerikanischer Prägung“. Die weitverbreitete Verwendung von Anglizismen ist der sprachliche Ausdruck eben jener Amerikanisierung, die den deutschsprachigen Raum voll erfasst hat. So orientiert sich heute praktisch die gesamte cineastische Unterhaltungsindustrie an der Starfabrik Hollywood; in jedem Kino dominieren amerikanische Straßenfeger, pardon Blockbuster. Im Radio ist hauptsächlich englischsprachige Popmusik zu hören. Die meisten Fernsehserien transportieren den American Way of Life. Ganz egal, welchen Sender man einschaltet oder welche Zeitschrift man aufschlägt: Anglizismen bis zum Abwinken, von Nordic Walking über Mountain Biking, Houserunning, Rafting, Kitesurfing, Canyoning und die Fastfood-Kultur bis zu Convenience-Produkten

Während es im Zuge der 68er-Bewegung zumindest breiten ideologischen Widerstand gegen die Weltpolitik der Vereinigten Staaten – zumal in Bezug auf den Vietnamkrieg – gab, regte sich gegen das amerikanische Konsumverhalten im deutschsprachigen Raum von Anbeginn der Amerikanisierung bis heute kaum Protest. Hin und wieder hört man schwächliche Stimmen in dieser Richtung, die etwa die Wiener Kaffeehauskultur gegen Starbucks oder McCafé verteidigen wollen, aber im Großen und Ganzen lassen wir uns bereitwillig – und nicht zuletzt auch sprachlich – disneyfizieren, cocakolonisieren und mcdonaldisieren. Imitation macht eben auch vor der Sprache nicht halt, auch nicht vor der deutschen mit ihrer stolzen Geschichte. Während Karl V. noch meinte „Ich spreche Spanisch zu Gott, Italienisch zu den Frauen, Französisch zu den Männern und Deutsch zu meinem Pferd“, ist es heute einem deutschen Pferd nicht einmal mehr gegönnt, einen würdigen Namen zu tragen. Stattdessen heißt es Power Flame, Prescious Boy oder Rising Star. Der deutsche Sprachraum hat den letzten Schritt ins sprachliche Absurdistan längst getan. Aber wen kümmert’s, in der Mode herrscht schließlich Summer Feeling. Speziell deutschsprachige Modezeitschriften – sorry: Fashion Magazines – sind mit englischen Begriffen vollgestopft. Das beginnt mit Berichten von der letzten Fashion Week, geht weiter über die best-dressed VIPs, den Pink-Ribbon-Event und bedeutende Anregungen von Lifestyle-Expertinnen bis hin zu Tipps für das Networking. Eine Zeitschrift zum Thema Einrichtung heißt „Home“ – warum, weiß niemand; vielleicht, weil die Macher so gut Englisch können. Jeder Shooting-Star läuft mit seinem XL-Bag durch die Straßen der hippsten Cities. Am Women’s Day verraten die Society Ladies die Secrets der Top-Caterer und die intimsten Geheimnisse über ihre Homemade-Buffets. Wer nicht weiß, wie er sich bei den Top-Events des Jahres dressen soll, informiert sich vorher beim Promi-Outfit-Check über die neuesten Styling-Trends.

Nachdem aber ein Feingeist nicht vom Brot allein leben kann, wird in den trendigsten Locations Relax-Food oder Fusion-Küche vom Feinsten serviert. Was Frau bei all diesen aufregenden Occasions tragen soll, findet sie auf ausgedehnten Shoppingtouren: High-Heels, Riemchen-Heels, Ankle Booties oder doch Overknee-Boots? Sollen es heute Babydoll-Kleidchen, Car Coats, Shiftkleider, Longshirts mit Polka Dots oder gar ein Boyfriend-Blazer in shiny Optik sein? Wenn Frau ins Büro geht, verleiht ihr der Business-Look de Luxe einen coolen Touch. Die Farben? Es ist eigentlich egal, ob das Outfit in satten Plum-Tönen, in Bleached Sand oder Dusky-Green gehalten ist. Hauptsache die Basics passen zum trendy Look. Wer stylingmäßig noch immer unsicher ist, beschränkt sich zunächst besser aufs Window Shopping. Schließlich will niemand als Fashion Victim dastehen, zumal es ja durchaus sein könnte, dass man auf dem Red Carpet plötzlich einem Model Scout gegenübersteht oder gar einer echten Celebrity. Und was ist das Wichtigste auf dem Roten Teppich? Natürlich das richtige Posing, denn blöd in eine Kamera schauen kann ja jeder. Ist Ihnen eigentlich schon aufgefallen, dass es heute keine Geschäftseröffnungen mehr gibt? Das wäre auch wirklich zu banal. Store Opening oder Shopening klingt doch gleich viel weltgewandter, noch dazu, wo man dabei meistens auf Styling-Ikonen, Drama-Queens und andere Fashionistas trifft.

Doch nicht nur Mode- und Lifestyle-Journalisten, sondern auch Leitbetriebe wie die Österreichischen Bundesbahnen schießen in ihrem Bemühen, sich modern und weltgewandt zu geben, teilweise weit übers Ziel hinaus. Gleich vorweg: Die folgenden Begriffe sind nicht etwa in der englischen, sondern in der deutschen Version des Netzauftritts der ÖBB zu finden. Das neueste Produkt heißt Railjet. Gratulation! Was gibt es sonst noch? Intercity, Eurocity, City-Shuttle, City Airport Train, Online-Ticket, Handy-Ticket, Webshop, Mobile Services, Rail Cargo Austria und eine Anlaufstelle für Lost & Found. Sie verstehen nur Bahnhof? Dann beschweren Sie sich doch im Call Center! Immerhin muss man sagen, dass auch die ÖBB Mut zum Hybrid beweisen: Business-Abteile, Presse-Corner und ein umfangreiches Angebot an Snacks & Getränken sind nur einige wenige Beispiele für das spielerisch-kreative Wording der ÖBB. Wer bei all diesen modernen Begriffen Lust darauf bekommen hat, Bahnfahren in Kombination mit coolen Veranstaltungen zu genießen, dem sei ein Event-Ticket wärmstens ans Herz gelegt. Währenddessen sucht das Nachrichtenmagazin „profil“ nach High Potentials, die nach einem ausgiebigen Check gerankt werden. Die Besten werden schließlich gecastet.

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Die soeben präsentierten Highlights zeigen eines ganz deutlich: Nicht die niedrige Geburtenrate ist Schuld am Bedeutungsschwund des Deutschen, sondern die seltsame Leidenschaft der Deutschen und Österreicher, ihre eigene Sprache verkommen zu lassen. Vereinfachung, Verkürzung und Verballhornung stehen an der Tagesordnung. Das Schrecklichste an der grassierenden Simplifizierungswut ist, dass die vereinfachte Sprache im Gegenzug mit Anglizismen aufgemotzt wird. Dieses unglückselige Phänomen bleibt allerdings keineswegs auf die Wirtschafts- und Alltagskultur beschränkt, sondern ist immer öfter auch bei Behörden sowie politischen und wissenschaftlichen Institutionen zu beobachten. Jene, deren Muttersprache Englisch ist, sind in diesem Szenario eindeutig im Vorteil. Selbst Menschen, die an und für sich gut Englisch sprechen, erreichen in der Zweitsprache niemals das Niveau ihrer Muttersprache. Wer die Feinheiten und Nuancen der Zweitsprache nicht kennt, bleibt lieber auf sicherem Terrain. Dass sich bei der Verwendung einer Zweitsprache die Gedankengänge des Sprechers vereinfachen, ist naheliegend. Wenn Sprache verkümmert und die Sprecher nicht ernst genommen werden, sinkt zwangsläufig sowohl das wissenschaftliche Niveau als auch das kulturelle. Sich nicht dagegen zu wehren, kommt einer Bankrotterklärung gleich. Als versöhnlichen Abschluss möchte ich Ihnen daher an dieser Stelle einige vorbildliche Aktionen präsentieren, die sich keineswegs damit abgefunden haben, diese Bankrotterklärung zu unterschreiben.

Im Bildungsbereich zählen dazu etwa der Deutsche Lehrerverband, der im Jahr 2006 eine schulische Initiative für die deutsche Sprache startete, und der Arbeitskreis Deutsch als Wissenschaftssprache (ADAWIS), der „Sieben Thesen zur deutschen Sprache in der Wissenschaft“ veröffentlichte. Dass sowohl schulische als auch wissenschaftliche Einrichtungen dringenden Handlungsbedarf für eine Offensive zum Wohl der deutschen Sprache ortet, ist ein deutliches Zeichen dafür, woher der Wind weht. Es wird Zeit, dass auch Meinungsbildner reagieren. Doch die Hauptverantwortung dafür, dass die deutsche Sprache lebendig bleibt und laufend bereichert wird, liegt dennoch bei jedem Einzelnen von uns. Diese Eigenverantwortung nehmen zahlreiche weitere Initiativen wie der „Verein Deutsche Sprache“ oder eben jenes Buch, das Sie soeben in Händen halten, wahr. Die Aktion „Lebendiges Deutsch“ sammelte auf ihrer Netzplattform griffige deutsche Begriffe, die an die Stelle hässlicher, komplizierter oder allgemein unverständlicher englischer Wörter treten könnten. Die Zahl der eingelangten Anregungen war teilweise enorm. So wurden beispielsweise als deutsche Alternative für das Lehnwort Brainstorming mehr als 10.000 Vorschläge eingebracht, als treffendste deutsche Entsprechung wurde schließlich „Denkrunde“ ausgewählt. Und auch die Empfehlungen für zahllose weitere Begriffe sind teils von bestechender Einfachheit, teils von außergewöhnlicher Schönheit, z.B. Prallkissen statt Airbag, Schnellkost statt Fastfood oder Punktlicht statt Spotlight. Die Aktion „Lebendiges Deutsch“ zeigt, dass sich Sprache nicht bloß entwickelt, sondern bewusst gestaltet werden kann. Natürlich lässt sich über Begriffe wie „Prallkissen“, „Schnellkost“ oder „Punktlicht“ trefflich streiten. Braucht man sie? Nicht unbedingt. Doch eines steht fest: Verwenden könnte man sie ohne Weiteres, da sie Konzepte kurz und prägnant beschreiben. Die deutsche Sprache lädt geradezu ein, durch Zusammenfügung unterschiedlicher Wörter wunderbare neue Begriffe zu kreieren.

Ein wahrer Meister der Wortschöpfung ist Martin Walser. Bei ihm werden Menschen zu „Beleidigungs­spezialisten“ und notorischen „Einemandernet­waszuliebetuenden“. Ältere Herren, die sich in junge Damen verlieben, stürzen sich in die nächstbeste „Affären­lächerlichkeit“. Die Zeit zwischen der Trennung und dem Wiederzusammensein wird zur „Hinundherzeit“. Wenn nichts mehr geht, muss das „Nichtmehr­weiter­machen­können“ akzeptiert werden. Alles, was noch nicht zu Papier gebracht wurde, ist das „Nochnicht­verwirklichte“. Wunderwörter. Wenn es eine Sprache schafft, solche präzisen Feinheiten am laufenden Band hervorzubringen, muss man sie doch einfach lieben. Was meinen Vater Edi Keck und mich selbst betrifft, fand dieses Nichtanders­können seinen Ausdruck in der Niederschrift unseres gemeinsamen Buches „Schluss mit der Engländerei“. Das großzügige Angebot von Gerhard H. Junker, einen Beitrag für die Jubiläumsausgabe des Anglizismen-Index zu schreiben, habe ich daher mit Freude angenommen. Und ich hatte dabei, wie der Fußballer Andy Möller sagen würde, „vom Feeling her ein gutes Gefühl“.

Einleitung

Die Argumente für oder gegen das Ersetzen englischer Fremdwörter durch deutsche Entsprechungen sind in den vergangenen Jahren so häufig ausgetauscht worden, dass es manchmal müßig ist, sie immer wieder zu lesen. In vielen Veröffentlichungen, auf Papier oder in Foren im Internet, geht es mittlerweile gar nicht mehr um Sinn oder Unsinn einzelner Fremdwörter oder darum, ob es verständlichere deutsche Ausdrücke für einen Gegenstand oder einen Sachverhalt gibt. Anglizismengegner und -befürworter werfen sich gegenseitig vor, dass sie nicht das Recht hätten einander zu kritisieren. Es entsteht das Gefühl, dass niemand mehr noch ein Ohr für Begründungen hat, wenn kritisiert wird, dass andere die Kritik anderer kritisieren.

Was macht der Anglizismen-Index?

Es wird mit diesem Beitrag festgestellt, dass der Anglizismen-Index des Vereins Deutsche Sprache e.V. in dieser festgefahrenen Diskussion eine vermittelnde Stellung einnimmt. Der Anglizismen-Index macht Vorschläge dafür, wie englische Fremdwörter und „denglische“ Bezeichnungen auf Deutsch ausgedrückt werden können. Damit wird gezeigt, dass die deutsche Sprache die Fähigkeit besitzt, für englische Bezeichnungen eigene Begriffe zu entwickeln. Angesichts der zunehmenden Bedeutung des Englischen ist es berechtigt, an dieser Fähigkeit zu zweifeln. Der Anglizismen-Index verdeutlicht dieses Ausmaß wie keine anderes Wörterbuch. Die neueste Ausgabe enthält 7.075 Einträge.

Keineswegs kann dem Anglizismen-Index entnommen werden, dass das Deutsche auf Fremdwörter verzichten kann. Etwa 20 Prozent der in dieser Liste enthaltenen Einträge werden als ergänzend oder differenzierend eingestuft: Charter, Dumping-Preis, leasen, Match-Ball, Rowdy.

Darüberhinaus werden viele Wörter englischen Ursprungs, die es im Deutschen gibt, gar nicht aufgeführt, weil sie nicht mehr als fremd erkannt werden: Chips, Film, Golf, Sport, Streik.

Andere als englische Fremdwörter kommen im Anglizismen-Index nicht vor. Der Anteil des Wortschatzes aus anderen Sprachen beträgt im Deutschen 30 Prozent, vor allem aus dem Griechischen, Lateinischen und Französischen. Ich muss aber diese Sprachen nicht beherrschen, um die Wörter, die meine Muttersprache daraus entlehnt hat, zu verstehen. So weiß ich, dass in der Bibliothek Bücher stehen, obwohl ich nie Altgriechisch gelernt habe. Ein bestimmter Fremdwortanteil gehört also zu den grundlegenden Eigenschaften einer Sprache und ist ihrer Weiterentwicklung förderlich. Ein Wort als Fremdwort aufzufassen, liegt zu einem guten Teil auch im Ermessen desjenigen, der es einteilt, und welches Wort richtig oder auch nur nützlich ist, bleibt häufig Ansichtssache. Was ist am Einfluss des Englischen also auszusetzen?

Seit einigen Jahrzehnten ist das Deutsche einem in der Sprachgeschichte in dieser Form und in diesem Ausmaß bisher einmaligen Einfluss durch das Englische ausgesetzt. Dies ist bis zu einem gewissen Grad nicht ungewöhnlich, weil Englisch derzeit eine wichtige Fremdsprache ist. Aber der Umfang und die Geschwindigkeit dieses sprachlichen Kontakts überschreitet die Grenzen dessen, was für die Weiterentwicklung einer Sprache und für das Verständnis der Mitglieder einer Sprachgemeinschaft normal und vernünftig ist. Aus diesem Grunde ist jede Bemühung, die auf diese gravierende sprachliche Veränderung hinweist und sie zu bremsen versucht, begrüßenswert.

Viele Einträge im Anglizismen-Index klingen zwar „deutsch“, lösen jedoch bei den Lesern Verwunderung aus, weil sie sie möglicherweise zum ersten Mal hören: Klapprechner, Zeithänger, Krafttrunk, Gabelfrühstück, Prallkissen.

Das Deutsche hat, wie alle anderen Sprachen auch, die Möglichkeit, seinen Wortschatz mit den Mitteln der Wortbildung zu erweitern. Besonders ausgeprägt ist im Deutschen die Möglichkeit der Zusammensetzung von Wörtern. Dabei werden zwei oder mehr allein vorkommende Wortbestandteile zu einem Wort zusammengefügt. Besonders bei deutschen Substantiven wird die Zusammensetzung von Wörtern bevorzugt angewandt und ist uneingeschränkt produktiv. Diese Wortbildungen sind zumeist selbsterklärend und ohne Kontext verständlich.

Der Anglizismen-Index macht sich diese Möglichkeit der Wortbildung zu nutze. Es werden Begriffe z.T. neu gebildet, welche innerhalb der Bedeutung ihrer realen Entsprechungen liegen. Diese Begriffe werden von einer Arbeitsgruppe diskutiert, bevor sie vorgeschlagen werden. Nichts anderes haben Sprachkritiker in der Vergangenheit getan, die teilweise erheblichen Einfluss auf die Entwicklung der deutschen Sprache hatten. Es erscheint uns heute unvorstellbar, dass es Wörter wie Zufall (im 14. Jahrhundert für lateinisch accidens), Jahrhundert (für lateinisch saeculum) oder Tatsache (für englisch matter of fact) nicht gegeben haben soll. 1

Dass einige Vorschläge des Anglizismen-Index durchaus akzeptiert werden, zeigen kleinere Erhebungen im Internet: Wurde der „Klapprechner“ anfangs oft als Beispiel für eine misslungene Worterfindung abgetan, findet man heute über 8.000 Einträge bei Google. Es lässt sich beobachten, wie sich dieses Wort weiterentwickelt.

Warum werden Fremdwörter verwendet?

Kritik an Fremdwörtern ist im deutschen Sprachraum heutzutage fast ausschließlich Kritik an Wörtern aus dem Englischen oder dem amerikanischen Englisch. Besonders auffällig sind diese gemeinhin in der Werbung und oder bei Produktauszeichnungen, aber auch bestimmte Wortschatzbereiche (z.B. in den Medien, der Betriebswirtschaft, der EDV, im Modegeschäft) neigen dazu, Anglizismen in großer Zahl zu entwickeln und weiterzutragen. Wissenschaftliche Erhebungen dazu sind kaum vorhanden – auch weil methodische Probleme belastbare Aussagen darüber erschweren2. Der Einfluss des Englischen verläuft auf zwei Arten:

  1. Produkte werden englisch bezeichnet, Werbebotschaften erfolgen auf Englisch
  2. Begriffe werden aus dem englischen Fachwortschatz übernommen

Bei der ersten Form der Aufnahme ist ausschlaggebend, dass die Person, die einen Gegenstand oder Sachverhalt benennen will, Auswahlmöglichkeiten bei der Benennung oder beim Entwurf eines Werbespruchs hat. Auf welche dieser Möglichkeiten seine Wahl fällt, hängt von Bedingungen ab, die bei diesem Kommunikationsprozess eine Rolle spielen. Sie ist abhängig von der Wahl der Zielgruppe, die angesprochen werden soll, oder von der Gruppe, der sich der Sprechende oder Schreibende zugehörig fühlt. Implizit wählt er in dieser Situation also diejenige Variante aus, mit der er glaubt, seine Kommunikationsabsicht am erfolgreichsten vermitteln zu können. Für ihn hat eine bestimmte Variante also einen höheren Wert als andere. Ein Beispiel aus der Fußgängerzone:

Ein neues Schuhgeschäft bietet hochwertige Markenschuhe an und hat dabei eine gutverdienende Kundschaft ab einem Alter über 40 im Blick. Wie nennt es sich? Zur Auswahl stehen: Hit-Shoes – Schuhladen – Fachgeschäft für Fußmode – Shoes for fun – Schuhe mit Niveau.

Es liegt eine Kommunikationssituation zwischen dem Händler bzw. dem Werbenden und dem Kunden vor. Die Bezeichnungen für das Geschäft sagen im Prinzip das Gleiche aus: Hier werden Schuhe verkauft. Der Schuhverkäufer hat Auswahlmöglichkeiten je nachdem, welche Schwerpunkte er in dieser Kommunikationssituation setzen will. Wählt er eine Bezeichnung, die zum Teil oder vollständig aus Fremdwörtern besteht, dann schreibt er diesen Fremdwörtern bestimmte Merkmale zu, von denen er glaubt, dass sie seine Kunden verstehen und sich sogar besonders angesprochen fühlen.

Wir sehen also, dass es Vorüberlegungen bei der Benennung gibt. Hersteller und Werbende müssen sich voneinander abgrenzen, sie sprechen verschiedene Zielgruppen an, sie möchten allein durch ihre Benennungen Botschaften vermitteln. Und wenn ein Händler seine Schaufensterauslage damit anpreist, dass er „Sale!“ daran schreibt, wendet er sich damit an diese bestimmten Gruppen, weil er vor allem eines im Sinn hat: verkaufen! Ihm ist es zunächst einmal gleichgültig, dass auch die deutsche Sprache Möglichkeiten bereithält, dieses Ziel zu erreichen. Überlegungen über den Wert einer Sprache oder darüber, dass die deutsche Sprache Schaden nehmen könnte, stellt er nicht an.

Nun ist es nicht zu vermeiden, dass die Wortwahl auch andere Teilnehmer der Sprachgemeinschaft erreicht, die der Zielgruppe nicht angehören. Hier ist festzustellen, dass jene Nachteile haben, die die gewählte Fremdsprache nicht beherrschen. Dies ist im Allgemeinen der Fall, wenn Fremdwörter nicht ausreichend in die aufnehmende Sprache integriert sind oder wenn der eigene Wortschatz in großem Umfang ersetzt wird.

Die zweite Form der Aufnahme englischer Wörter erfolgt durch die Benennung neuer Sachverhalte oder Vorgänge in einer Sprache, in der dafür kein Begriff vorhanden ist. Häufig werden für ein neues Produkt oder aus dem Fachwortschatz die englischen Bezeichnungen einfach übernommen: Netbook, Marketing, Mailbox, Chip.

In den vergangenen Jahrzehnten ist auffällig, dass gerade jene Kommunikationssituationen, in denen hochwertige Inhalte vermittelt werden sollen, in denen für etwas geworben wird, die jung, modern und überlegen klingen sollen, ins Englische wechseln. Es sind die angesehenen Lebensbereiche, die Wissenschaften, die (EDV-) Technik, der Tourismus, der Verkehr, große Teile der Wirtschaft, die Werbung, die Mode und die Popkultur. Dort ist z.T. „schon die Mehrzahl aller sinntragenden Wörter (im Unterschied zu den Funktionswörtern) englisch.“ (Zimmer 1997, S. 20). Das Deutsche liefert hier nur noch Füllmaterial.

Dürfen Angehörige einer Sprachgemeinschaft erwarten, dass die Alltags-Kommunikation in ihrer Muttersprache erfolgt? Vollständig wohl kaum, die wachsende weltweite Verflechtung aller Lebensbereiche hat natürlich sprachliche Auswirkungen. Aber wenn grundlegende Konventionen innerhalb einer Sprachgemeinschaft einseitig geändert werden, haben diese Benachteiligten mindestens einen Grund sich zu wundern, wenn nicht einen dafür, sich zu beschweren3. Denn wenn für sie eines der grundlegendsten Merkmale der Sprache ist, dass sie verbindet und nicht trennt bzw. ausgrenzt, dann ist die Frage nach dem Hintergrund für solche Veränderungen selbstverständlich. Der Anglizismen-Index drückt nichts anderes aus, als dass sich die deutsche Sprache in diesen Bereichen weiterentwickeln kann.

Darf man sich über Fremdwortgebrauch beschweren?

Sprache ist etwas, über das wir täglich verfügen. Unser Verständnis der Welt und unser Zugang zu den Dingen werden weitgehend über die Sprache geregelt. In der Muttersprache bringen wir es alle zu einer Gewandtheit, für die wir beim Erlernen einer Fremdsprache viel Aufwand betreiben müssten. Jedes Mitglied einer Sprachgemeinschaft verfügt deswegen über ein bestimmtes Wissen, oft auch nur über bestimmte Vorstellungen, die das Wesen und die Bedeutung seiner Muttersprache betreffen.

Unsere Sprache ist jedoch nicht nur unsere eigene, weil sie das Verkehrsprodukt von Generationen ist. Die Sprache, deren heutige Form Jahrhunderte alt ist, hält bestimmte Weltvorstellungen fest. Nicht zu lernen, wie man sie verbessern kann, wie man an ihr arbeiten kann, ist ein Verlust an Kultur. Ist es deswegen nicht berechtigt, sich über die Weiterentwicklung seiner Sprache Gedanken zu machen?

Denn es sollte klar sein, dass die Beschäftigung mit der Sprache die geistige Entwicklung und das Sprachgefühl fördert, dass sie zu der Einsicht führt, dass neben dem Rezipieren der unterschiedlichen Ausprägungen der Sprache im Alltag die Reflexion derselben gehört. Eine Gesellschaft, die sieht, dass die Sprache von ihren Mitgliedern geschätzt wird, dass sie in vielen Bereichen des Alltags wichtig ist, bildet ein gesundes Verhältnis zu sprachlichen und kulturellen Themen heraus.

Hinzu kommt, dass bestimmte Gruppen innerhalb einer Sprachgemeinschaft größeren Einfluss auf die Entwicklung der Sprache nehmen als andere. Medien (vor allem auch die durch das Internet entstandenen medialen Übertragungsformen), Politik, Werbung, Schule und Wissenschaft prägen eine Sprache. Deswegen ist es sogar geboten Auseinandersetzungen mit „Sprachmächtigen“ führen, die mehr Einfluss auf eine Sprache ausüben als die Einzelnen, insbesondere dann, wenn sich öffentliche Stellen, Massenmedien oder Unternehmen an uns wenden.

Und sind nicht schon die Beschwerden über den unnötigen Gebrauch von Anglizismen Anlass genug, darüber zu sprechen? Oft wird eine Diskussion über den Sinn und Unsinn eines Wortes in Gang gesetzt. Bleibt die Sprache Thema solcher Diskussionen, wird sie lebendiger, erhält mehr Einfluss, mehr Ansehen. Nicht zu unterschätzen ist übrigens der Buchmarkt, der zu diesem Thema bedient wird. Schriften, die Themen rund um die Sprache behandeln, stehen auf den Verkaufslisten weit oben. Fast mitleidig sehen aber manche Germanisten und Linguisten auf das Lamentieren der Vereine, Stiftungen und Gesellschaften herab, die antreten, um die Sprache vor Veränderungen zu „retten“. Manchmal werden sogar „schlimme Folgen“ befürchtet, wenn Mitglieder einer Sprachgemeinschaft ohne Germanistikstudium glauben, sich zu ihrer Muttersprache fachlich äußern zu können, nur weil sie diese Sprache beherrschen 4. Die Wissenschaft versucht, die Sprache, wie sie verwendet wird, zu erklären. Wie diese Sprache sein sollte, will sie unter keinen Umständen mehr sagen. Natürlich ist es richtig, wenn Sprachwissenschaftler fehlerhafte Begründungen von linguistischen Laien korrigieren. Aber wenn sich große Teile der Sprachgemeinschaft um die Zukunft ihrer Sprache sorgen, ist es überheblich, als Antwort nur abzuwinken und auf die Natürlichkeit dieser Entwicklung hinzuweisen.

Deswegen gehört auch das Herausgeben eines „Denglisch“-Wörterbuchs zu den Tätigkeiten, welche sich günstig auf die Entwicklung der deutschen Sprache auswirken können. Die Belege, dass der Index auch genutzt wird, sind zahlreich. Er liegt in mancher Zeitungsredaktion aus, wird manchmal sogar vom Chefredakteur ‚verordnet‘, um nach einem verständlichen deutschen Wort zu suchen, wenn ein englisches überflüssig zu sein scheint. Auch Menschen mit Deutsch als Muttersprache, die kein Englisch können, besitzen den Anglizismen-Index. Er reicht aus, um Anglizismen im Deutschen zu erklären und zu übersetzen. Wer sich also kein deutsch-englisches Wörterbuch kaufen möchte, kommt mit dem Index gut durch die Fußgängerzonen in deutschen Städten.

Vor allem aber ist er ein nicht zu unterschätzendes Argument gegenüber Werbenden und Marketingabteilungen, die sehen müssen, dass der Einfluss des Englischen die Gemüter jener bewegt, die möglicherweise zu ihren Kunden gehören.

Fazit

Die Sprachwissenschaft hält es für eine sinnvolle Form der Sprachkritik, auf Leerformeln, Euphemismen und Verschleierungsstrategien zu achten und Sprachformen zu beurteilen. Von dieser Art der Sprachkritik sind die Herausgeber des Anglizismen-Index nicht weit entfernt. Ihre Liste englischer Fremdwörter legt ein differenziertes Verhältnis zum Spracheinfluss dar, das jeden Verdacht der Deutschtümelei ausräumen sollte.

Denn Zuneigung zur eigenen Sprache darf man nicht unterbinden, indem man Freunde der deutschen Sprache, die in den Fußgängerzonen nur noch „Sale!“ lesen und sich darüber ärgern, den Mund verbietet. Es reicht nicht, die Laien nur auf die Sprachwissenschaft zu verweisen und ihnen die Kompetenz, mitdiskutieren zu können, abzusprechen.

Praktische Ansprüche bekommt der Einsatz des Anglizismen-Index, wenn er sich dafür einsetzt, dass Nichtverstehen, Missverständnisse und kommunikative Konflikte, ja Rechtsfälle vermindert oder verhindert werden sollen.

 


Anmerkungen

  1. Weitere Beispiele bei Zimmer (1997, S. 9ff.).
  2. Vgl. Brinkmann, (1992), Carstensen (1995), Yang (1990). Solche Untersuchungen dürfen sich nicht auf Wörterbücher beziehen, auch Zeitungstexte liefern kein reales Bild. Ihre Grundlage muss der allgemeine Sprachgebrauch sein, denn der lebhafte Gebrauch englischer Wörter vollzieht sich vor allem in der flüchtigen Sprache der elektronischen Medien, des Gesprochenen usw.
  3. Weitergehende Folgen, z.B. gesetzliche Regelungen im Verbraucherschutz bei unverständlichen Warenauszeichnungen oder verschleiernden Werbebotschaften, werden hier nur erwähnt, aber nicht weiter ausgeführt.
  4. Hoberg (2002, S. 33).

Literatur

  • Anglizismen-Wörterbuch. Der Einfluß des Englischen auf den deutschen Wortschatz nach 1945. Begr. v. Broder Carstensen. Fortgef. v. Ulrich Busse unter Mitarb. v. Regina Schmude. Berlin – New York 2001.
  • Brinkmann , B. (Hrsg.), Ein Staat – eine Sprache? Empirische Untersuchungen zum englischen Einfluss auf die Allgemein-, Werbe- und Wirtschaftssprache im Osten und Westen Deutschlands vor und nach der Wende. Frankfurt a.M. 1992.
  • Hoberg, Rudolf, Braut die Öffentlichkeit die Sprachwissenschaft? In: Spitzmüller, Jürgen / Roth, Kersten Sven / Leweling, Beate / Frohning, Dagmar (Hg.), Streitfall Sprache. Sprache als angewandte Linguistik? Mit einer Auswahlbibliographie zur Sprachkritik (1990 bis Frühjahr 2002).
  • Yang, Wenliang, Anglizismen im Deutschen, am Beispiel des Nachrichtenmagazins Der Spiegel. Tübingen 1990.
  • Zimmer, Dieter E., Deutsch und anders. Die Sprache im Modernisierungsfieber. Reinbeck 1997.

 

65 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs wird an dessen wichtigstes weltpolitisches Ergebnis hierzulande nur selten erinnert: an die miltitärisch-politische Vormachtstellung und die (damit zusammenhängende) starke wirtschaftliche und kulturelle Einflußnahme der Vereinigten Staaten in Europa, zunächst in West- und nach dem Ende des Kalten Krieges auch in Osteuropa, wobei das besiegte Deutschland, d.h. zunächst die frühe und dann die um die DDR vergrößerte Bundesrepublik, dieser Einflußnahme am stärksten ausgesetzt war und ist. Deutlichster Ausdruck – und unbestechlicher Spiegel – der politischen-wirtschaftlichen und kulturell-mentalen Verhältnisse ist – wie immer – die Sprache: Die sog. Anglizismen haben, wie zahlreiche Forschungsarbeiten zeigen, in allen sozialen, geographischen, sach- und fachbezogenen und kommunikativen Teilbereichen der deutschen Gesamtsprache seit 1945 bis heute immer weiter zugenommen.. Ein kürzlich erschienenes Spezialwörterbuch offenbart das inzwischen erreichte Ausmaß: Die in der deutschen Allgemeinsprache von 1990 bis 1999 festzustellenden neuen Wörter und Wendungen sind schon zu rund 60 % aus dem Angloamerikanischen entlehnt oder – als Mischbildungen oder Scheinentlehnungen – mit Hilfe angloamerikanischer Wörter oder Wortbausteine gebildet worden.1

Die stete Zunahme der Anglizismen bedeutet zugleich, daß bei immer mehr (neu)entlehnten Begriffen auf die Möglichkeit verzichtet wurde, sie durch eigene (Neu)Wörter (Lehnprägungen) wiederzugeben. Aus dem „mountain bike“ wurde nicht mehr das „Bergrad“, wie seinerzeit aus dem „pocket book“ ohne weiteres das „Taschenbuch“ wurde. Hinzu kommt, daß sich immer mehr Anglizismen, vor allem solche, für die es schon gleichbedeutende eigene Wörter gibt, auf deren Kosten ausbreiten oder deren Verwendung einschränken, man denke an „open air“, „event“, „shop“ oder auch den an sich schon „eingebürgerten“ älteren Anglizismus „Start“ bzw. „starten“, der zunehmend auch für „Anfang“ und „Beginn“ gebraucht wird: „Semesterstart“, der Tag „startet mit Sonne“. Weiter ist zu beobachten, daß die früher vorhandene Neigung, Anglizismen dem deutschen Laut-, Schreib- und Formensystem anzugleichen (vgl. cakes“ > Keks), sie also (wenn schon nicht durch Lehnprägungen) wenigstens auf diese Weise „einzudeutschen“, ebenfalls stark abgenommen hat, was natürlich auch wieder mit der Allgegenwart des Englischen zu tun hat.

Mit der steten Zunahme der Anglizismen (unter weitgehender Beibehaltung ihrer „fremden“ Aussprache, Schreibung und Flexion) stellt sich dann zunehmend das von Gebildeten allzuleicht übersehene Problem ihrer Verständlichkeit: Zahlreiche Anglizismen, manchmal sogar häufig verwendete, werden – wie die Forschung zeigt – von vielen Sprachteilnehmern nicht richtig oder gar nicht verstanden.2 Doch wird dieser bedenkliche Befund von Gesellschaft und Staat ohne weiteres hingenommen (nun schon jahrzehntelang) – im Unterschied zu anderen europäischen Ländern, wo man – zumal im Bereich des öffentlichen Sprachgebrauchs, der Wirtschaft, Werbung oder Warenkennzeichnung – mit Sprachgesetzen und vergleichbaren Maßnahmen das Recht des Bürgers auf eine allgemeinverständliche Sprache sicherstellt.

Daß der amerikanische Einfluß auf die deutsche Sprache (und zugleich auf die gesamte deutsche Kultur) seit 1945 so übermächtig ist und bis heute so wenig Widerstand findet, ist außer auf die totale Kriegsniederlage und die lange Okkupation ganz wesentlich auch darauf zurückzuführen, daß viele der für das kulturelle Profil der Bundesrepublik Verantwortlichen durch die (noch selbsterlebte) zwölfjährige Diktatur in der jüngsten deutschen Geschichte die gesamte deutsche Geschichte entwertet und kompromittiert sahen (bzw. zu sehen veranlaßt wurden) und demzufolge versuchten, mit jener auch diese zu verdrängen. Die politisch, wirtschaftlich, kulturell und damit auch sprachlich maßgebenden Kreise orientierten sich daher von Anfang an und bis heute ideologisch und kulturell an ihrer Führungsmacht, die ihrerseits diese Orientierung durch ihre Agenten im eigenen Interesse – offen oder verdeckt – immer massiv gefördert hat. In sprachlicher Hinsicht heißt dies eben, daß zumindest die deutschen Führungsschichten die fremde angloamerikanische Sprache deutlich höher einschätzen als die eigene, was sich u. a. daran zeigt, daß man – wie erwähnt – immer seltener die Möglichkeiten der Eindeutschung (sei es durch Lehnprägung, sei es durch Angleichung) nutzt, daß man Anglizismen auf Kosten schon vorhandener deutscher Wörter gebraucht oder sogar in zunehmendem Maße Scheinentlehnungen verwendet (ganz abgesehen von dem oft unnötigen und voreiligen Verzicht auf Deutsch als Wissenschaftssprache, Diplomatensprache usw.). Mit Blick auf die eigene Sprache kann man dieses Sprachverhalten nur als einen Mangel an Sprachtreue, an Sprachloyalität gegenüber der Muttersprache ansehen – ein Mangel, der mittlerweile gerade von den Freunden der deutschen Sprache und Kultur im Ausland, insbesondere von vielen Auslandsgermanisten, beklagt wird, da er längst auch schon die deutsche Sprach- und Kulturpolitik beeinträchtigt und sich auch auf die Stellung und Einschätzung des Deutschen im internationalen Wettbewerb der Sprachen (z. B. in der EU) und auf den Deutschunterricht im Ausland außerordentlich nachteilig auswirkt.

Die „Amerikanisierung“ der deutschen Sprache, gegen die seit den 50er Jahren immer wieder einmal einzelne Schriftsteller wie Becher, Klemperer, Weiskopf, Flake, Sieburg, O. M. Graf ebenso mutig wie vergeblich zu Felde zogen3, wurde dann auch noch dadurch wesentlich begünstigt, daß die „zuständigen“ Wissenschaftler, die Linguisten, darin im allgemeinen kein Problem, keine Gefahr sahen, ja daß sie nicht selten – im nachhinein gesehen – (wie andere Intellektuelle auch) geradezu zu Ideologen der Entwicklung wurden, die sie vor Augen hatten. Jedenfalls vollzog die deutsche Nachkriegslinguistik und mit ihr dann auch die Sprachkritik und Sprachpflege unter dem Eindruck der strukturalistischen und funktionalistischen amerikanischen Linguistik seit den 60er Jahren eine völlige Abkehr von der bisherigen Sprachbetrachtung, die vorwiegend historisch und durchaus auch sprachloyal ausgerichtet war. Diese „strukturalistische Wende“ führte nun auch zu einer ganz neuen Beurteilung der sog. Fremdwörter und damit auch der schon damals häufiger werdenden Anglizismen, die man bis dahin im allgemeinen kritisch gesehen hatte und die man in der bisherigen Sprachpflege (und in der Deutschdidaktik) zu vermeiden oder zu ersetzen bestrebt gewesen war.

Die neue, bis heute weithin herrschende Auffassung4 war nun, daß sämtliche Wörter der Gegenwartssprache, einschließlich aller sog. Fremdwörter, streng synchronisch, d. h. nur nach ihrer aktuellen kommunikativen Funktion, ihrem gegenwärtigen Nutz- und Gebrauchswert für den Sprecher bzw. die Sprachgemeinschaft, zu bewerten seien. Das bedeutete, daß z. B. „Computer“ und „Rechner“, „sorry“ und „Verzeihung“, „Ticket“ und „Fahrkarte“, „Information“ und „Auskunft“ usw. zunächst einmal grundsätzlich gleichberechtigt und gleichwertig sind. Bei einer etwaigen sprachkritischen Beurteilung und Bewertung dieser Wörter dürfe ihre Geschichte, d. h. ob sie deutscher oder fremder Herkunft seien, nicht die geringste Rolle spielen. Wichtig, „relevant“ (so lautete das Modewort) sei nur, ob und inwieweit sie im jeweiligen Verwendungszusammenhang „kommunikativ“, „funktionell“ und „effizient“ seien. Und da könne eben das entlehnte Wort ggf. durchaus kommunikativer, funktioneller und effizienter sein als das heimische. In diesem Zusammenhang wurde sogar der Standpunkt vertreten, daß im Hinblick auf die immer wichtiger werdende internationale Kommunikation und auf Fremdsprachenerwerb und Fremdsprachenunterricht viele sog. Internationalismen (wie „Information“, „Television“, „Ticket“ u. v. a.) einen höheren Gebrauchswert hätten als die entsprechenden einheimischen Wörter und daher diesen vorzuziehen seien – ein Standpunkt, in dem offensichtlich auch nur wieder der „Zeitgeist“, in diesem Fall der in der Bundesrepublik weithin herrschende politische Internationalismus zum Ausdruck kommt, d. h. das Streben nach globaler Integration um jeden Preis, auch um den Preis kultureller und sprachlicher Eigenständigkeit und letztlich auch der Sprachloyalität.

Ganz im Gegensatz zu den früheren deutschen Sprachmeistern und Sprachreinigern wie auch den Sprachwissenschaftlern (von Jacob Grimm bis zu Adolf Bach) wird die aus tausendjähriger Geschichte erwachsene sprachliche (und kulturelle) Eigenständigkeit und Unverwechselbarkeit des Deutschen, seine „Individualität“ (W. v. Humboldt), seine „kraftvolle Sonderart“ (E. Richter) nicht mehr als etwas unbestreitbar Positives und daher unbedingt Schätzens- und Bewahrenswertes angesehen, sondern als etwas Rückständiges, bestenfalls als etwas frei Verfügbares, das man ggf. dem (vermeintlichen) Fortschritt (dem man dienen zu müssen glaubt) zu opfern habe. Man übersieht dabei völlig (was die Sprachmeister immer wußten), daß die Sprache über die Funktion der (vielbemühten) „Kommunikation“, über den reinen Nutz- und Gebrauchswert hinaus noch andere Werte, Gefühls- und Traditionswerte etwa, besitzt und erschließt, daß sie ein Identitäts- und Gruppensymbol, eine „Botschaft“ (im Sinne McLuhans) sein kann, daß sie der „Spiegel der Nation“ (Schiller), ihrer Eigenart und Geschichte ist und daher ein Mittel sein kann, sich seiner Herkunft, seiner Heimat, seines Erbes zu versichern. Man weigert sich auch, die Erkenntnis Weinreichs (und anderer) zur Kenntnis zu nehmen, daß im Bewußtsein der Sprecher einer Sprache, im „synchronen“ Sprachbewußtsein durchaus auch ein gewisses sprachgeschichtliches Wissen, ein (wie immer eingeschränktes) Wissen um die (eigen- oder fremdsprachliche) Herkunft sprachlicher Erscheinungen vorhanden ist und daß aufgrund solchen Wissens in bestimmten Kultursituationen und bei bestimmten Sprechergruppen eine betont sprachloyale, ja sprachnationale Haltung entstehen kann, die Sprachgebrauch und Sprachentwicklung nachhaltig beeinflussen kann. Es fehlt daher auch jedes wirkliche Verständnis für aktive Sprachloyalität, für sprachloyale Fremdwortkritik und für sprachreinigende Bestrebungen, gerade auch die der Vergangenheit, die das Deutsche ganz wesentlich mitgeprägt haben. Denn diese waren (und sind) zwar mit ihrer Forderung nach größerer Allgemeinverständlichkeit auch durchaus immer synchronisch ausgerichtet, aber zugleich auch immer (in unterschiedlichem Maße) historisch-patriotisch begründet, d. h. von dem Gedanken geleitet, daß ein einheimisches Wort einem fremden auch deswegen vorzuziehen sei, weil es in der eigenen Sprache und Sprachgeschichte verwurzelt sei.

In der deutschen Sprachgeschichte gibt es bewußte Äußerungen der Sprachloyalität, Bekenntnisse des Stolzes auf die eigene Sprache, auf ihre altehrwürdige Tradition, ihre Eigenständigkeit, ihren Ausdrucksreichtum, ihre Schönheit schon seit althochdeutscher Zeit. Derartige Zeugnisse häufen sich seit der Barockzeit und sind seit der Zeit der Klassik und Romantik kaum noch zu zählen.5 Aktive und engagierte Sprachloyalität – in der Form eines (wie immer gearteten) Vorgehens gegen fremdsprachliche Einflüsse, die als zu stark und zu gefährlich für die eigene Sprache (auch in deren Funktion als Erkenntnisinstrument) empfunden wurden – begegnet ebenfalls in allen Epochen. Als aktive Sprachloyalität kann man wohl schon die vielfältigen und wohlüberlegten Übersetzungen lateinischer Ausdrücke in althochdeutscher Zeit ansehen; denn sie wurden, wie Notker der Deutsche in seinem berühmten (lateinischen) Brief an Bischof Hugo von Sitten betonte, vorgenommen, „weil man in der Muttersprache schneller begreift, was man in einer fremden Sprache kaum oder nicht völlig begreifen kann.“6 Auch später, vor allem in den Epochen übermächtigen französischen Einflusses, haben unzählige Sprachschöpfer (darunter die „Klassiker“), Sprachreiniger, Wissenschaftler, Übersetzer und Sprachfreunde in hingebungsvoller Sprachtreue die Individualität, die Sonderart des Deutschen bewahrt und gestärkt. Es gab zeitweise regelrechte Sprachreinigungsbewegungen, die sich oft über die Sprachreinigung hinaus auch für eine kulturelle, geschichtliche, moralische und sogar religiöse Selbst- und Neubesinnung einsetzten, deren Anfang sie jeweils schon selbst zu repräsentieren glaubten. Die letzte große Sprachreinigungsbewegung in Deutschland war die des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins (1885 – 1945). Er hatte einen stark patriotischen, manchmal – zeitbedingt – auch einen sprachnationalistischen Einschlag, vertrat aber insgesamt durchaus einen gemäßigten, keinen radikalen, extremen Purismus, d. h. er ließ die seit langem eingebürgerten, allgemein gebräuchlichen Lehnwörter unangetastet. Dank seiner beharrlichen Spracharbeit konnten schließlich Zehntausende von Fremdwörtern auf allen Lebensgebieten durch Lehnprägungen ersetzt werden, wodurch der Eigencharakter der deutschen Sprache (durch Rückgriff auf ihre Geschichte und Struktur) gestärkt, zum anderen ihre Gemeinverständlichkeit gefördert wurde.

Die Bearbeiter des vorliegenden Index setzen – in aller Bescheidenheit – diese jahrhundertalte mächtige Tradition aktiver deutscher Sprachloyalität fort, die ihnen, insgesamt gesehen, aller Ehren wert erscheint. Sie leisten der Sprachgemeinschaft mit dem Index einen wichtigen und erwünschten Dienst, der ihnen durch die gegenwärtige sprachkulturelle Notsituation gefordert erscheint, wobei sie bedauern, daß die neudeutsche Linguistik mit ihrer – oben erläuterten – grundsätzlichen Abkehr von sprachloyalen Haltungen und Traditionen der Sprachgemeinschaft diesen Dienst nicht mehr leisten will und kann. Wie ihre vielen berühmten oder auch unbekannten Vorgänger in der deutschen Sprachgeschichte bieten die Bearbeiter des Index für die zahllosen unnötigen Fremdwörter ihrer Zeit, die Anglizismen, passende Ersatzwörter an, oft mehrere zur Wahl. Zwar werden Anglizismenverehrer und Linguisten, wie immer, einwenden, dies oder jenes neu vorgeschlagene Ersatzwort sei mit dem von ihm zu ersetzenden Fremdwort doch nicht vollständig deckungsgleich, doch meinte schon Lessing zu solchen Bedenken (im Hinblick auf neugeprägte Verdeutschungen seiner Zeit): „Was die Leser vors erste bei dem Worte noch nicht denken, mögen sie sich nach und nach dabei zu denken gewöhnen.“7 Und tatsächlich haben ja in der Vergangenheit die Deutschen – im eigenen Interesse – Tausende von Ersatzwörtern angenommen und sich daran gewöhnt. In den vergleichweise wenigen Fällen, in denen sich bestimmte Anglizismen schon weithin eingebürgert haben, haben die Bearbeiter – mit Blick auf die Integration älterer Anglizismen („shawl“ > „Schal“) und ganz im Einvernehmen mit vielen (gemäßigten) Sprachpflegern der Vergangenheit – neben einem Ersatzwort auch eine ans deutsche Schreib- und Lautsystem angeglichene Form des Anglizismus (z. B. handy > Händi) vorgeschlagen, um ihn, wenn die Sprachgemeinschaft schon nicht (mehr) auf ihn verzichten will, wenigstens auf diese Weise einzudeutschen.


1 D. Herberg u. a. (Hg.): Neuer Wortschatz. Neologismen der 90er Jahre im Deutschen. Berlin, New York 2004.
2 Hinzu kommt, daß sich unter den übrigen rund 40 % auch noch zahlreiche Lehnprägungen nach amerikanischem Vorbild befinden. Vgl. D. Herberg u. a. (Hg.): Neologismen der 90er Jahre im
Deutschen, Berlin, New York 2004.
3 Vgl. u. a. A. Effertz / U. Vieth: Das Verständnis wirtschaftsspezifischer Anglizismen […]. Frankfurt 1996, bes. S. 15 ff., s. auch FAZ vom 13. 9. 2003.
4 Vgl. dazu Vf.: Amideutsch oder deutsch? – Zur Geschichte und Aktualität der Fremdwortfrage. In: Das Wort. Germanistisches Jahrbuch der GUS. Moskau 2002, S. 135 – 168, bes. S. 147 ff.
5 Näheres in dem in Anm. 3 genannten Aufsatz.
6 Vgl. die Belege bei Straßner 1995, 1 ff.
7 Vgl. E. Hellgardt: Notkers des Deutschen Brief an Bischof Hugo von Sitten. In: Befund und Bedeutung. Festschrift für H. Fromm. Hg. V. K. Grubmüller u. a. Tübingen 1979,
8 S. 169 – 192, hier S. 173.
9 G. E. Lessing. Sämtliche Schriften. Hg. V. K. Lachmann. Aufs neue durchgesehen und vermehrt von W. v. Maltzahn.

Die Kontroverse über Nutzen oder Schaden der Flut von Anglizismen, die uns in der Allgemeinsprache ständig begegnen, hat – nicht zuletzt durch das Wirken des „Vereins Deutsche Sprache (VDS)“ – im Lauf des Jahrzehnts immer mehr an öffentlicher Aufmerksamkeit gewonnen. Überraschend ist dabei die gesellschaftliche Verteilung der Standpunkte. Sieht man von dem an Sprachfragen nicht interessierten Teil der Bevölkerung ab, ist es eine Mehrheit in der Gesellschaft, die diese stetige Zunahme an Anglizismen im Sprachgebrauch ablehnt, während sich eine Minderheit, bevorzugt unter den akademischen Linguisten, davon unberührt zeigt, „Entwarnung“ gibt oder diese Entwicklung als natürlich oder notwendig verteidigt. Die sprachinteressierten Nichtlinguisten, die das Ausmaß des Anglizismengebrauchs kritisieren, gelten ihnen als Laien, wenngleich unter diesen viele Wissenschaftler anderer Disziplinen vertreten sind. Das Verstörende für die anglizismenkritischen „Laien“ ist, dass es gerade die „Fachleute für Sprache“ sind, die sich davon nicht betroffen fühlen, wenn uns tagtäglich in der Werbung, in der Mode, in der Popmusik, in Trendsportarten, im Wirtschafts- und Bankenjargon und sogar in amtlichen Verlautbarungen ein Schwall englischstämmiger Ausdrücke und Phrasen entgegen quillt. Die „Laien“ gehen davon aus, dass auch – und gerade – die Linguisten ihre eigene Sprache genauso schätzen und deshalb auch „beschützen“ wollen wie sie selbst und ihre Sorge um die Erhaltung des Kulturguts deutsche Sprache teilen.

Die Tatsache, dass sich bei den Besorgten oft eine allzu engstirnige Ablehnung selbst notwendiger und zeitgemäßer Anglizismen beobachten lässt, ist eine andere Sache. Immerhin ist bei den meisten von ihnen die Verbundenheit mit der Sprache, so wie sie sie einst erworben haben (oder auch aus der anspruchsvolleren Literatur kennen) das ausschlaggebende Motiv. Bei einem Teil der Fachlinguisten aber weiß man nicht so genau, wie sie „privat“ als Sprachteilhaber fühlen, weil sie sich öffentlich (nur) auf die „Position der Wissenschaft“ zurückziehen und bestreiten, dass die – ja nun wirklich nicht übersehbare – Flutwelle der Anglizismen in der deutschen Allgemeinsprache ein Problem bilden könnte.

Der Rückzug eines erheblichen Teils der Fachlinguisten auf das „Wertfreiheits-Postulat“ (und nicht selten auf eine weltanschauliche Einstellung, die sie jedoch nicht zur Diskussion stellen) führt dazu, dass zwischen ihnen und den Laien kein „Diskurs“ zustande kommt. Das verabsolutierte Credo dieser Linguisten lautet ungefähr so: „Wir wollen (nur) wissen, warum Sprache so funktioniert, wie sie funktioniert. Wir analysieren die Sprechpraxis, die wir vorfinden und versuchen, daraus abstrakte Muster abzuleiten. Die Aufgabe des Wissenschaftlers ist es, die Funktion aller Phänomene – unabhängig von den Einstellungen zu den Phänomenen selbst – zu erklären“. So ähnlich beschreibt der Sprachwissenschaftler Jürgen Spitzmüller die Position vieler seiner Kollegen in seiner 2005 veröffentlichen Untersuchung „Metasprachdiskurse. Einstellungen zu Anglizismen und ihrer wissenschaftlichen Rezeption“.

Spitzmüller gibt eine in der akademischen Linguistik gängige Auffassung wieder. Ob deren Vertreter die Mehrheit ihres Fachs bilden, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Es sieht aber danach aus. Vielleicht sind auch manche von ihnen insgeheim gar nicht so überzeugt von einer so begrenzten Sicht auf Sprache, vertreten sie aber zumindest öffentlich. Da mag auch Furcht vor Verlust an Reputation bei Vertretern des (vermeintlichen oder wirklichen) „Mainstreams“ der eigenen „Zunft“ eine Rolle spielen. Eine Erscheinung, die auch unter uns Journalisten nicht selten anzutreffen ist, wenn es um das Bekenntnis zu bestimmten Meinungen geht! Glücklicherweise gibt es aber auch eine Anzahl akademischer Linguisten, die sich nicht scheuen, die deutsche Sprache als Ganzes, also auch in ihren gesellschaftlichen, politischen, kulturellen und historischen Dimensionen, als Gegenstand ihres Fachs anzusehen. Um nur ein paar Namen zu nennen, etwa Harald Weinrich, Jürgen Trabant, Helmut Glück, Konrad Ehlich und einer Reihe von Mitgliedern im Wissenschaftlichen Beirat des VDS. An sie richtet sich all das nicht, was im Folgenden an Widerspruch gegen eine solcherart verstandene Linguistik vorgebracht wird.

Die Auffassung, dass Phänomene unabhängig von der eigenen Einstellung zu den Phänomen zu analysieren sind, ist selbstverständlich dort richtig, wo die Linguistik sich innerhalb der Grenzen sprachstruktureller Untersuchungen bewegt. Aber verlangt es nicht die Forderung nach einem (auch) gesellschaftlichen Bezug von Forschung, dass man sich über diese Grenze hinauswagt?! Dass man sich ein Urteil bildet und argumentativ vertritt? Dass die Sprache und ihr aktueller Zustand als Medium betrachtet wird, das in einen gesellschaftlichen, politischen und kulturellem Kontext eingebettet ist?! Auch wenn man sich dabei in außerwissenschaftliche Gefilde begeben und seine eigenen politisch-weltanschaulichen Grundlagen sichtbar machen und der Diskussion aussetzen muss?

Für ernstzunehmende Anglizismenkritiker – zu denen weder eifernde Deutschtümler noch verknöcherte Gegner jeglichen Sprachwandels zählen – ist (Mutter-)Sprache eben mehr als nur ein System, dessen Funktionen und Regularitäten interessieren. Auch mehr als nur ein Verständigungsmittel, sondern etwas, das gemeinsame Lebenswelten schafft, ein kulturelles Selbstbild einer Gesellschaft wiedergibt und so eine wichtige Grundlage der Einheit und des Zusammenhalts im Gemeinwesen (Nation, Staat) bildet. Etwas, das seine Sprecher selbst noch im Streit miteinander verbindet und Vertrautheit bietet. Denn die Begriffe der Muttersprache sind das gemeinsame Werk vieler Generationen, der Wortschatz ist (bis zu einem gewissen Grad) so etwas wie ihr kulturelles Gedächtnis, ihrer Eigenart und ihrer spezifischen Werthaltungen. Kurz: Sprache prägt zwar nicht allein, aber doch auch die ethnisch-kulturelle kollektive Identität der Angehörigen Sprachgemeinschaft.

Allerdings wird dieser Teil der Identität von einer Sprache mitbestimmt, mit der man aufgewachsen ist, wie man sie von den Eltern, in der Schule und „im Leben“ kennengelernt hat. Was den Spracherwerb in der Schule angeht, bewirken die Unterschiede, die zwischen dem Deutsch- und Geschichtsunterricht der 1950er oder 1960er Jahre und dem der 1980er und 1990er Jahre bestehen, auch Unterschiede in der Vorstellung von „richtigem“ oder „gutem“ Deutsch. Es ist es ein oft anzutreffender Irrtum, dass der große englische Einfluss auf den deutschen Wortschatz schon mit dem Kriegsende 1945 und der darauf folgenden Besetzung Westdeutschlands begonnen habe. Bis um 1970 wurde noch häufig z. B. nach deutschen Entsprechungen (Lehnübersetzungen, Lehnübertragungen und Lehnschöpfungen) für neuauftauchende englische Begriffe gesucht. Beispiele sind etwa „Kalter Krieg“ (cold war), „Luftbrücke“ (airlift/big lift), „Gehirnwäsche“ (brainwashing), „Selbstbedienung“ (self-service) oder „Atomwaffensperrvertrag“ (non- proliferation-treaty).

Zu den Gründen dafür, warum es dann in den 1970er und 1980er Jahren immer seltener geschah, zählt sicher auch der allgemeine Bewusstseinswandel im Gefolge der sog. „1968er-Revolution“. Sowohl eine bis dahin übliche Leistungsorientierung in der schulischen Bildung und eine auf breiterer literarischer Kenntnis beruhende Spracherziehung wie auch die Vorstellung einer eigenen nationalen und kulturellen deutschen Identität verloren stark an Geltung, ja gerieten geradezu in Misskredit. Heute 20 bis 40jährige haben deshalb ein anderes Bild von deutscher Sprache als heute 50 bis 70jährige. Letztere haben noch einen weitgehend anglizismenfreien und von vertiefteren Literatur- und Geschichtskenntnissen sowie von einem anderen (nicht primär anwendungsorientierten) Bildungsbegriff bestimmten Spracherwerb erlebt. Deshalb ist der Anteil derer, die sich durch den wachsenden Einfluss des Englischen in ihrer kulturellen Identität bedroht fühlen, in der zweiten Altersgruppe auch größer. Diese altersbezogene Relativierung bedeutet aber keineswegs, die heutige Flut der Anglizismen pauschal gutzuheißen.

Es sind aber nicht nur die Nachwirkungen der 1968er-Bewegung, was die große Öffnung für alles Anglo-Amerikanische bewirkte. Die Existenz des Privatfernsehens (seit 1984), dessen Programme in hohem Maße von (wenn auch synchronisierten) amerikanischen Filmen und Serien leben, verschaffte amerikanischen Schauplätzen, Figuren, Produkten und der amerikanischen Lebensart Leitkultur-Charakter. Die Dominanz englischsprachiger Rock- und Popsongs im Radio wiederum erzeugte eine Dauerpräsenz dieser Sprache. Die massenhafte Verbreitung des Computers und schließlich die Globalisierung der Weltwirtschaft machten englische Begriffe und Englisch überhaupt zu Prestigeobjekten.

Es geht deshalb in der gesellschaftlichen Kontroverse um die Anglizismen nicht nur um rein Sprachliches, auch nicht einmal nur um Identität, sondern auch um den politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Status einer Sprachgemeinschaft im internationalen Kräftespiel. Zwischen Anglizismen und Anglisierung der Begriffs- und Gedankenwelt besteht ja sehr wahrscheinlich ein enger Zusammenhang. Ist dieser Prozess neben einem sozusagen „natürlichen“ Ablauf nicht zum Teil auch steuerbar? Und wenn ja, wem nützt das vor allem, wessen Interessen werden damit bedient? Wird Deutschland mit seiner langen Bildungs-, Kultur- und Wissenschaftstradition in der weltweit entstehenden „Wissensgesellschaft“ international wirklich mehr geschätzt – oder doch weniger, wenn es seine Sprache und sein Erscheinungsbild so stark anglisiert? Für eine Beurteilung der gegenwärtigen Anglizismenwelle spielen außerlinguistische Überlegungen eine viel größere Rolle, auch wenn deren Ergebnisse weniger leicht abzusichern sind als sprachstrukturelle Aussagen der Linguistik. Wohl aber lassen sich starke Plausibilitätsgründe für sie anführen.

Man kann über Vorzüge und Nachteile des Gebrauchs von Anglizismen durchaus reden und auch streiten – egal, ob als „Laie“ oder als Linguist. Beide scheinen sich aber mit dem notwendigen „Diskurs“ schwer zu tun. Ein Teil der Anglizismengegner nimmt die Ergebnisse der Sprachwissenschaft nicht zur Kenntnis, schenkt ihr in dem begrenzten Bereich, in dem sie verlässliche Fakten liefern kann, kein Gehör. Ein Teil der Linguisten wiederum lehnt es ab, auf „laienhafte“ Argumente einzugehen und zieht sich auf seine für unangreifbar gehaltene sprachwissenschaftliche Position zurück (die im Übrigen noch vor zwei Jahrzehnten der Auffassung der „Laien“ viel näher stand).

Sucht man nach einer unabhängigen Haltung zwischen diesen Positionen eines gegenseitigen Nichtverstehens, bleibt nur, die häufigsten Argumente beider Seiten fair und im Detail zu betrachten. Das soll in diesem Beitrag wenigstens kursorisch geschehen. (Mehr Details in: Stark 2009). Der Beitrag erhebt jedoch nicht – das sei ausdrücklich betont – wissenschaftlich-linguistischen Anspruch, auch wenn er die wichtigsten Argumente dieser Disziplin berücksichtigt. Es sind die Überlegungen eines linguistisch interessierten Journalisten, der sich dabei auch die Freiheit zur berufsspezifischen Arbeits- und Ausdrucksweise vorbehält. Etwa Zitate verkürzt wiederzugeben (ohne ihre Aussage zu verändern) oder aus einer großen Menge von Fakten repräsentativ auszuwählen. Getragen ist die Darstellung von zwei Überzeugungen: Erstens, dass die gesellschaftliche Kontroverse um die Anglizismen durch eine bessere Kenntnis der Befunde der Linguistik mehr Sachlichkeit und Substanz gewinnen könnte; zweitens, dass sie sich mit linguistischen Mitteln allein gar nicht entscheiden lässt!

Aber auch eine offene Diskussion der kontroversen Positionen muss von einigen Grundtatsachen ausgehen. So haben sich in den letzten vier oder fünf Jahrzehnten in weiten Teilen der Welt die Lebensverhältnisse so stark verändert, dass dies eben auch Auswirkung auf die Sprache(n) zeigt. Stichworte für die Veränderung sind: die Präsenz elektronischer Medien, digitale Kommunikationspraktiken, Entwicklung hin zu einer „Netz-Gesellschaft“ (Haarmann 2002). Die ökonomische Globalisierung schließlich bringt, ob wir das wünschen oder nicht, eine zunehmende Angleichung von Lebensstilen und Kulturen mit sich – und diese begünstigen zugleich die weitere Zunahme der Globalisierung. Der vor allem von diesen jüngsten technischen Innovationen ausgelöste sozioökonomische und soziokulturelle Wandel macht auch vor der Sprache nicht Halt. Eine elektronische (SMS) oder eine E-Mail wird in einem anderen Sprachstil verfasst als ein Brief. Überhaupt hat diese „elektronische Medialisierung“ unseres Lebens die Anteile von Wort und Bild in der Kommunikation deutlich hin zur bildhaften Zeichengebung verschoben. So werden zum Beispiel in E-Mails immer häufiger Gefühlszustände nicht durch entsprechende Worte, sondern durch „Emoticons“ ausgedrückt. Was die (zumindest schriftliche) Sprachenvielfalt beeinträchtigt, ist die Begrenztheit der Tastatur des Computers. Auf ihr ist weder ausreichend Platz, um die vielleicht einhundert (oder mehr) unterschiedlichen Schrift- und diakritischen Zeichen der größeren (Alphabet-)Sprachen zu berücksichtigen, noch werden für kleinere Sprachen überhaupt die erforderlichen Zeichen vorgesehen. All das begünstigt die verbreitetste Sprache und deren Zeichenvorrat, das Englische.

Englisch ist heute zugleich Grundlage der Globalisierung wie auch deren Motor. Und welche Rolle dafür das machtpolitische, militärische und wirtschaftliche Gewicht der einzigen Supermacht USA spielt, muss nicht eigens ausgeführt werden. In diesem Zusammenhang ist nicht zu unterschätzen, wie stark auch die zunehmende Einsprachigkeit selbst gebildeter Angelsachsen diese Entwicklung des Englischen zu einer Welteinheitssprache fördert. Wer mit ihnen kommunizieren will, muss dies in ihrer Sprache tun. Wozu dann noch andere Fremdsprachen lernen, wenn die eine auch genügt?! Und warum für neue Sachen noch Begriffe aus eigenem Sprachmaterial zu formen, wenn man – vermeintlich zeitgeistgemäß – gleich einen Anglizismus dafür übernehmen oder neu bilden kann?!

Dennoch: Die vom sozioökonomischen Wandel erzeugten Bedingungen sind in Rechnung zu stellen, wenn man über Möglichkeiten zur Erhaltung von Status und Stellung der eigenen Sprache nachdenkt. Der Bedarf an Englisch, den die neuen Informationstechniken und die globale Wirtschaft erzeugt haben, lässt sich nicht einfach ignorieren. Englische Ausdrücke im Deutschen grundsätzlich zu verwerfen, weil sie „fremd“ sind, Sprachpuris-mus also, wäre gerade in solchen Zeiten absurd. Denn ein Teil von ihnen liefert zweifellos ergänzende oder spezialisierende Begriffe, die wir in der globalen Informationsgesellschaft benötigen. Die kontinuierliche Anpassung eines Wortschatzes an neue Gegebenheiten ist notwendig und natürlich.

Eine konstruktive Anglizismenkritik negiert die Weiterentwicklung des Wortschatzes nicht, sondern prüft die einzelnen Fälle auf ihre Berechtigung und Notwendigkeit. Das versucht der vorliegende Anglizismen-Index des VDS, indem er rund 20 Prozent der 7200 aufgeführten Lexeme als „ergänzend“ oder „differenzierend“ einstuft. Dies sind Anglizismen, die Bezeichnungslücken im Deutschen schließen bzw. eine andere Konnotation als ihre existierende deutsche lexikalische Entsprechung besitzen. Allerdings unterscheidet der Index nicht nach der Gebrauchsfrequenz der Lexeme, so dass sich auch sehr selten verwendete Ausdrücke quasi „gleichwertig“ neben ständig gebrauchten finden. Die Zahl wirklich „verdrängend“ wirkender Anglizismen ist sicher kleiner als die im Index verbleibenden rund 80 Prozent. Die Aufnahme auch sehr selten gebrauchter Anglizismen hängt wohl mit der Absicht der Herausgeber zusammen, für alle von ihnen gefundenen Belege eine Verstehenshilfe oder einen Vorschlag für eine zumindest lexikalische deutsche Entsprechung zu unterbreiten. Vielleicht können sich die Herausgeber des Index dafür entscheiden, in künftigen Ausgaben eine Unterteilung in Teil A mit Wörtern hoher Frequenz und einen Teil B mit Wörtern geringer Frequenz vorzunehmen, wobei für Letztere die Entscheidung: verdrängend oder nicht, unnötig würde.

Was viele Kritiker eines Gebrauchs überflüssiger Anglizismen beunruhigt, ist nicht nur, dass sie sie als Störung ihres Sprachgefühls oder als teilweise unverständlich empfinden, sondern ihre Sorge um die Zukunft für die Kultursprache Deutsch. Dürften doch die vielen Anglizismen auch als Katalysator für eine noch weitere Ausbreitung des Englischen in inländische Kommunikationsbereiche dienen (wie vielfach jetzt schon als Konzernsprache, Wissenschaftssprache und Unterrichtssprache einzelner Universitätsstudiengänge). Würde Englisch, so fragen sie besorgt, im deutschen Sprachgebiet womöglich einmal den Status einer offiziellen Zweitsprache neben der Muttersprache erlangen, so dass Deutsch zur Sprache privater Kommunikation absinkt, in wichtigen Domänen und in anspruchsvollen Diskursen jedoch nur noch Englisch verwendet wird? Und: Würde ein so rascher und so weitreichender Sprachwandel nicht auch unser kulturelles Selbstbild, unsere kollektive Identität, ganz in Richtung auf eine anglo-amerikanisch geprägte „Leitkultur“ verschieben?

Für wie ernst man diese Befürchtungen nehmen mag, sie existieren und sie haben im größeren Teil der Öffentlichkeit, quer durch alle Bevölkerungsschichten, zu einer immer stärker werdenden Kritik am aktuellen Ausmaß des Anglizismengebrauchs geführt. Diejenigen Linguisten, die eine Anglizismenkritik grundsätzlich zurückweisen, begründen ihre Haltung mit zwei zentralen Feststellungen. Die erste besagt: Die Aufnahme (selbst in großem Umfang) von Anglizismen würde keinesfalls die deutsche Sprachstruktur (Grammatik) stören oder gar beschädigen. Vielmehr ließen sich die allermeisten Anglizismen – schon wegen der genetischen Verwandtschaft beider Sprachen – mühelos in den deutschen Sprachbau einpassen. Bei dieser Feststellung richten sie den Blick auf die Morphologie und Syntax der deutschen Sprache. Die die zweite Behauptung, die auf die Semantik (unter Einbeziehung der Pragmatik) zielt, lautet: Auch die Veränderung des Wortschatzes sei unproblematisch. Denn eine Ersetzung bisher gebrauchter deutscher Wörter durch Anglizismen könne man nicht einfach als Verdrängung und damit als Verarmung des deutschen Wortschatzes interpretieren. Jeder aktuelle Sprachzustand sei ein Nebeneinander von Altem und Neuem. Das Verschwinden indigener deutscher Wörter und ihr Ersatz durch Anglizismen oder englisch-deutsche Hybridbildungen machten die Sprache zwar anders, aber nicht ärmer.

Treffen diese Behauptungen zu? Die erste weitgehend ja! Dazu nur ein paar Stichpunkte (ausführlich siehe: Stark 2009): Weder der Zwang, englischen Substantiven im Deutschen ein Genus und eine Pluralform zuweisen, noch sie mit Deklinationsendungen versehen zu müssen, führt beim deutschen Sprecher zu einer Verunsicherung. Gleiches gilt für Adjektive, solange sie prädikativ gebraucht werden („Der Typ ist cool“). Auch bei vielen attributiv verwendeten Adjektiven ist das der Fall („Der coole Typ“). Allerdings gibt es eine Handvoll Adjektive – und gerade sehr häufig benutzte – die sich im Deutschen einer attributiven Verwendung widersetzen („gay, happy, light“ etc.) und ebenso wenig lassen sie sich steigern. In den meisten Fällen lässt sich diese Schwierigkeit – ein wenig unelegant – umgehen („Training light“, „noch mehr happy“). Auch für verbale Anglizismen gilt, dass sich bei Infinitiven in der Regel deutsche Endungen anfügen lassen. Bei finiten Verbformen allerdings existiert wiederum eine Handvoll, bei denen das nicht geht („faken“, aber nicht: „er fakt“). Ebenso sind Formen des Partizip Perfekts ausgeschlossen („gebackupt“, „upgebackt“). Kurzum: Die Anpassung an die deutsche Morphologie ist in einigen Fällen nicht möglich, doch zu einer Verunsicherung im deutschen Grammatikgebrauch führt das nicht.

Auch die Unterschiede im Syntaxsystem des Englischen und Deutschen werden in der Regel durch verschiedene Techniken bewältigt, so dass kein „Filser-Deutsch“, also kein ungrammatischer Satz, entsteht. Etwa dadurch, dass englische Syntagmen innerhalb einer Satzfolge oder auch eines Einzelsatzes durch Interpunktion bzw. Sprechpausen erkennbar abgetrennt oder in geschriebenen Texten in Anführungszeichen gesetzt werden. Einige kleinere Störungen lassen sich beobachten, etwa wenn ein bisher intransitiv gebrauchtes deutsches Verb ein transitives englisches auch transitiv verwendet („mit jemanden kommunizieren/etwas kommunizieren“). Oder wenn die im Englischen weitverbreitete Getrenntschreibung eigentlich zusammengehöriger Komposita bei gleicher Verfahrensweise im Deutschen das Verständnis syntaktischer Bezüge erschwert. Aber zu einer generellen Störung syntaktischer Strukturen des Deutschen führt das nicht.

Es trifft also weitgehend zu, dass selbst eine breite Aufnahme von Anglizismen nicht die von manchen Sprachkritikern befürchtete Beschädigung der deutschen Morphologie und Syntax bewirkt. Hier liegt nicht das Problem! Und es würde den Diskurs zwischen Linguisten und nichtlinguistischen Kritikern sicher erleichtern, wenn die Letzteren diese Befunde zur Kenntnis nähmen.

Aber trifft die „Entwarnung“ der Linguisten auch für die zweite Behauptung zu, also da, wo es um die Semantik geht? Macht es die deutsche Sprache „nur anders, aber nicht ärmer“, wenn Anglizismen an die Stelle längst bestehender deutscher Wörter treten, ohne dass sie einen echten konnotativen Mehrwert haben? Gibt es gar keine „überflüssigen Anglizismen“ – einfach deshalb, weil sie sonst ja nicht verwendet würden? Also auch, wenn der einzige „Mehrwert“ darin besteht, dass ein Ausdruck eben englisch und nicht deutsch ist. Wer so argumentiert, akzeptiert jedes beliebige Motiv für die Verwendung eines Anglizismus: von Wichtigtuerei über Geringschätzung (und oft unzulänglicher Kenntnis) des Reichtums der eigenen Sprache bis hin zur bewussten Tarnung oder Vortäuschung eines Sachverhalts. Darf man allein den Nutzwert eines Anglizismus (aus welchen Motiven seine Verwendung einem Kommunikationsziels auch dient) immer über den Gefühls- und Traditionswert eines verfügbaren gleichwertigen Begriffs der eigenen Sprache setzen?

Die Antwort ist nein! Denn es ist kaum zu bestreiten, dass sich die in einer Sprache ausgedrückte Gedankenwelt verändert kann, wenn erhebliche Teile des bisherigen Wortschatzes durch Ausdrücke aus einer anderen Sprache ersetzt werden. (Ein klassisches Beispiel dafür bietet der Wandel in der der Begriffs- und Gedankenwelt, der sich durch den Umbau des germanisch-heidnischen in den althochdeutsch-christlichen Wortschatz vollzog – ein Wandel, den wir heute natürlich begrüßen). Die in einer Einzelsprache vorhandenen Wörter und bildhaften Wendungen bestimmen die Art und Weise mit, in der wir die äußere und innere Welt erfassen und geistig ordnen – die jeweilige „Weltansicht“ also, wie Wilhelm von Humboldt es ausgedrückt hat. Seine Einsicht wurde im 20. Jahrhundert von den Amerikanern Sapir und Whorf wieder aufgenommen und (nach der Entdeckung einzelner Fehlinterpretationen der untersuchten Vernakularsprachen) von vielen wieder verworfen. In jüngster Zeit hat die Whorf’sche Theorie jedoch wieder stärkere Unterstützung in der Linguistik, vor allem unter Psycholinguisten, gefunden (vergl. Levinson 2003 und Evans/Levinson 2009).

Das komplexe Gebiet der Semantik und des Zusammenhangs von Sprache und Gedankenwelt müsste ausführlicher erörtert werden, als es in diesem kurzen Aufsatz geschehen kann. Nur soviel: Natürlich wird die „Weltansicht“ nicht durch lexikalisch austauschbare Bezeichnungen konkreter Objekte verändert. Bei der Klassifizierung der gegenständlichen Welt spielen unterschiedliche kulturelle Erfahrungen kaum eine Rolle. Die unterschiedliche Bezeichnung der Hand, des Fußes, der Nase oder des Wassers, der Luft, des Baums oder des Regens oder der Tür, der Treppe, des Tisches oder auch eines Fahrrads oder Automobils in einer anderen Sprache rufen (sofern wir diese Sprache verstehen) in unserem Geist dieselbe Vorstellung (Konzept) hervor.

Aber: Gilt dies auch für viele abstrakte Begriffe? Ausdrücke, mit denen wir etwas nicht Sichtbares, etwas Ideelles, eine geistige Vorstellung bezeichnen und vielleicht zugleich positiv oder negativ bewerten? Etwa Begriffe wie „Freiheit, Gerechtigkeit, Gemeinschaft, soziale Sicherheit, Verstand, Bildung“ oder die berühmte deutsche „Gemütlichkeit“, die in englischen Wörterbüchern nur – und nie ganz zutreffend – paraphrasiert wird. Nehmen wir den Begriff „Bildung“, Wenn man im Deutschen jemanden als „gebildet“ bezeichnet, gibt weder das engl. „educated“ noch das frz. „cultivé“ das Gemeinte voll wieder. Abstrakten Begriffen liegen in den einzelnen Sprachen häufig nicht die gleichen Bedeutungsvorstellungen bzw. Konzepte zugrunde wie ihren Entsprechungen im Wörterbuch einer anderen Sprache. Sie beruhen nicht oder zumindest nicht genau auf der gleichen Sicht der Dinge. Vielmehr beruhen sie auf historisch-kulturellen Entwicklungen, die in die Sprache eingegangen sind und ihr einen individuellen Charakter verleihen.

Noch deutlicher wird die Kultur- und Mentalitätsabhängigkeit von sprachlichen Ausdrücken im Fall der Metaphern, der figürlichen Redeweise. Eine typische deutsche Zusammensetzung aus jüngerer Zeit ist das „Waldsterben“. Es ist ein emotional aufgeladenes Wort, das den besonderen Stellenwert des Waldes im deutschen Empfinden spätestens seit der Romantik widerspiegelt. Ein Gut, das über seine natürliche Existenz und Nützlichkeit hinaus gefühlsmäßig so hoch bewertet wird, dass es sogar „sterben“ kann, was sonst nur Menschen können. Die romanischen Völker teilen diese Waldverehrung oder -verherrlichung nicht, weshalb dieser Vorgang dort mit viel sachlicheren Ausdrücken bezeichnet wird. Oder nehmen wir die englische Verwendung des deutschen Lehnworts „angst“, das dort einen speziellen Bezug zu deutschen Ängsten hat, wenn sie als übertrieben empfunden werden. In allen Sprachen werden ständig Begriffe, Metaphern und feste Redewendungen gebraucht, die in besonderem Maße das Historisch-Kulturelle an einer gewachsenen Sprache ausdrücken. Oder wie es Stephen Levinson, der Direktor des Max-Planck-Instituts für Psycholinguistik ausdrückt: „Es ist die Kultur, die den Großteil der Konzeptpakete liefert, die in einer bestimmten Sprache codiert sind. Der Inhalt von Sprache und viel von ihrer Form sind weitgehend das Ergebnis kultureller Tradition“ (2003: 27).

Wenn man diese Auffassung teilt – und der Autor dieser Zeilen tut es – dann kann ein Übermaß an Anglizismenverwendung gewiss die im Deutschen mögliche Gedankenwelt der angloamerikanischen immer ähnlicher machen. Ob man das bedauert oder begrüßt, ob man es als Verlust oder Gewinn empfindet, ist freilich eine persönliche Entscheidung. Die Kontroverse um das notwendige und vertretbare Maß an Anglizismen lässt sich nicht durch rein linguistische Kriterien entscheiden. Für die meisten Sprachteilhaber spielen außerlinguistische Überlegungen eine viel größere Rolle. Sie akzeptieren es nicht, dass das, was zum spezifischen Kulturerbe einer einzelnen Sprache bzw. Sprachgemeinschaft gehört, ausgeklammert wird. Und ein politisch bewusster Sprachteilhaber befürchtet auch nicht ohne Grund mögliche Folgen für die internationale Stellung und das Gewicht der Sprachgemeinschaft als Wirtschafts- und Wissenschafts-Standort.

Auf solche Überlegungen nicht einzugehen, weil sie außerlinguistisch sind, bleibt einer Sprachwissenschaft, die sich nur „strukturell“ und „wertfrei“ versteht, selbstverständlich unbenommen. Aber sie muss es sich dann auch gefallen lassen, dass man ihr die Zuständigkeit in Bezug auf die Anglizismenkontroverse als Ganzes abspricht. Die Kontroverse um den akzeptablen Umfang der Anglizismenverwendung ist auch eine weltanschauliche, ein Wertekonflikt. Und diesen kann weder die Linguistik noch eine andere Wissenschaft entscheiden. Man kann lediglich für den eigenen Standpunkt werben und den anderen zu überzeugen versuchen.

Für unser praktisches Verhalten könnte es dies bedeuten: Englische Sprache und Anglizismen als Kommunikationsinstrumente der globalen Wirtschaft, der internationalen Politik und des weltweiten Wissenschaftsaustauschs sind eine Tatsache. Diese Einsicht bedingt aber nicht die gleichzeitige Übernahme unnötiger Begriffe in alle anderen Sprach-, Denk- und Kulturbereiche. Wenn wir das Kulturerbe „deutsche Sprache“ erhalten wollen, müssen wir zu einer vernünftigen Einstellung gegenüber Anglizismen und dem Einfluss des Englischen finden. Und das bedeutet, im eigenen Sprachverhalten jeweils konkret abzuwägen, wo die Bedürfnisse einer zunehmend globalisierten „Netz-Gesellschaft“ die Verwendung des Englischen oder englischer Benennungen tatsächlich erfordern und wo wir – im Interesse der Erhaltung der vertrauten und identitätsstiftenden eigenen Sprache – darauf verzichten sollten.

Verwendete Literatur

Haarmann, Harald (2002): Englisch, Network Society und europäische Identität. Eine sprachökologische Standortbestimmung. In: Hoberg, Rudolf (Hrsg.): Deutsch- Englisch – Europäisch. Mannheim: Duden-Verlag.

Levinson, Stephen (2003): Language and Mind. Let’s get the issues straight!

Onysko, Alexander (2007): Anglicisms in German. Borrowing, Lexical Productivity, and Written Codeswitching. Berlin/New York: de Gruyter.

Spitzmüller, Jürgen (2005): Metasprachdiskurse. Einstellungen zu Anglizismen und ihre wissenschaftliche Rezeption. Berlin/New York: de Gruyter.

Stark, Franz (2009): Wie viel Englisch verkraftet die deutsche Sprache? Paderborn: IFB-Verlag.

Trabant, Jürgen (2008): Über das Ende der Sprache. In: Messling, M./ Tintemann, U. (Hrsg.): Der Mensch ist nur Mensch durch seine Sprache. München: Wilhelm Fink.