Mutterland und Vatersprache: Sollten wir die Nationalhymne wirklich umdichten?

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Quelle: zeitjung.de, abgerufen am 14. März 2018

Nationalhymne verändern, um für Gleichberechtigung zu sorgen? Ob das ein Weg sein kann, fragen wir Eckhard Kuhla, der sich mit Gendersprache beschäftigt.

Endlich wieder Internationaler Frauentag. Vor 107 Jahren sind Frauen aufgestanden, um gemeinsam für gleiche Rechte zu kämpfen. Wahlrecht für Frauen und legalen Schwangerschaftsabbruch haben sie erreicht. Nice, Mädels! Aber das allein reicht nicht. Schließlich sollten Frauen in der jetzigen Zeit die gleiche Behandlung wie Männer erfahren. Die starken Frauen von damals haben gute Vorarbeit geleistet. Doch der Punkt, an dem sich das weibliche Geschlecht gemütlich zurücklehnen kann, ist noch nicht gekommen. Denn wir leben in einer Welt, in der Trump Präsident ist, Feminismus zum Schimpfwort mutierte und das Thema „Gender“ immer noch große Diskussionen heraufbeschwört. Erneut entfacht wurde der Dialog durch die Frage, ob der Text der Nationalhymne abgeändert werden sollte.

Kristin Rose-Möhring möchte die Wörter „Vaterland“ und „brüderlich“ in der deutschen Nationalhymne durch „Heimatland“ und „couragiert“ ersetzen. Sie ist Gleichstellungsbeauftragte – ja, Gleichstellung, nicht Frauenbeauftragte! – des Bundesfamilienministeriums und Sprachwissenschaftlerin. Also eine, die sich tatsächlich auskennt. Aber was wäre der Vorschlag einer Politikerin ohne das Bashing richtig vieler Menschen mit richtig wenig Kompetenz, die natürlich alle eine Meinung haben? Immerhin geht es hier um die Nationalhymne. In solch einem bedeutendem Liedgut, das wir bei jedem WM-Spiel erneut – stehend und mit der Hand auf der Brust natürlich – aus voller Inbrunst und Überzeugung mitgrölen, können nicht einfach mal eben so bedeutende Worte geändert werden, oder?

Gefangen im Gender-Dschungel

In Presse und Netzwerken ist man größtenteils dagegen. Regierungssprecher Steffen Seibert machte öffentlich, dass die Bundeskanzlerin „mit unserer schönen Nationalhymne so wie sie ist in ihrer traditionellen Form sehr zufrieden ist.“ Auch Annegret Kramp-Karrenbauer, Generalsekretärin der CDU, habe sich als emanzipierte Frau von der Hymne immer angesprochen gefühlt.

Kann die Veränderung zweier Begriffe in der Nationalhymne eine Auswirkung auf die Gleichberechtigung im Land haben? Hat Sprache Einfluss auf unser Denken? Sollte Kulturgut einfach so verändert werden? Ist Gendersprache überhaupt sinnvoll? Wieder werfen viel zu viele Menschen ohne jegliches Fachwissen mit viel zu vielen Meinungen um sich. Eckhard Kuhla ist Leiter der Arbeitsgruppe „Gendersprache“ des Vereins Deutsche Sprache. Vielleicht kann er uns einen Weg durch den Genderdschungel zeigen, in dem schon die nächste Schlange uns zu erwürgen droht, weil wir uns nicht korrekt ausgedrückt haben. Duden und Hochschulen versuchen Richtlinien als Wegweiser aufzustellen. Aber alles, was von oben aufgezwängt wird, hat laut Kuhla sowieso keinen Erfolg: „Wir sind grundsätzlich gegen ein System, das den Menschen Selbstbestimmung und Würde nimmt.“

Was spricht dagegen, was dafür?

Ein Redakteur auf welt.de schrieb, dass die Konsequenz der Veränderung dann aber sei, auch Begriffe wie „Muttersprache“ abzuschaffen. „Ich würde nichts ändern wollen“, sagt Kuhla dazu. „Das ist eine künstliche Änderung der Sprache. Wir sind immer gegen das Gewollte und für das Gewachsene. Eine Kunstsprache, die von oben diktiert wird, ist nicht sinnvoll und kann sich nicht durchsetzen.“ Die Einstellung des Wissenschaftlers: Sprache ist Kulturgut, das weitergegeben wird und nicht mutwillig verändert werden kann.

Das wäre dann auch schon das nächste Argument dagegen. Götz Frömming von der AfD twitterte dazu:

Der Experte ist weniger drastisch, aber ähnlicher Auffassung: „Wenn unser Kulturgut immer wieder hinsichtlich sprachlicher Trends verändert wird, ist die Frage: Wann fängt man an, wann hört man auf? In zwanzig Jahren ist wieder etwas anders korrekt.“

Eine Nationalhymne ist trotzdem irgendwie Präsentation nach außen. Deutschland sieht sich gerne als fortschrittlich. Man will mithalten, vorne mit dabei sein. In der österreichischen Bundeshymne wurde im Text bereits 2011 die Zeile „Heimat bist du großer Söhne“ zu „Heimat großer Töchter und Söhne“ abgeändert. Möchte Deutschland weiter vermitteln, dass die Frauen der Nation ignoriert werden? „Hoffmann von Fallersleben wollte in seinem Gedicht den Freiheitsgedanken vermitteln. Es ging überhaupt nicht darum, ausdrücklich die männliche Bevölkerung Deutschlands zu betonen und die weibliche außen vor zu lassen“, antwortet Kuhla darauf. Im Kulturerbe müsse nicht auf Gleichberechtigung geachtet werden. Es werde insgesamt sowieso schon mächtig übertrieben. Oder sollen Begriffe wie „Doktox“ oder Drucka“ der neue Standard sein?

Sprache Sprache sein lassen

Auch der Experte ist also dagegen. Nicht nur Frauen, nicht nur Männer, nein, wir alle müssen verstehen. Verstehen, worum es bei Gleichberechtigung wirklich geht und was dafür noch getan werden muss. Und das passiert eben nicht mal schnell durch zwei neue Worte in der Hymne und nicht durch eine neue Sprache. „Diese ganzen neuen Wortgebilde im zwanghaften Versuch, gendergerecht zu sprechen, turnen eher ab.“ Kuhlas Weg durch den Dschungel ist, uns zum Austauschen und Verstehen zu bringen.

Vielleicht geht es darum. Nationalhymne hin oder her. Vielleicht finden wir nur unseren Weg aus dem Genderchaos heraus und hinein in die Gleichberechtigung, wenn wir Sprache Sprache sein lassen. Vergesst mal Sternchen und „Innen“ und diskutiert mal lieber in der Bar heute Abend. Umso kontroverser die Meinungen, desto besser. Dann stellt sich ziemlich schnell heraus, wo wir wirklich anpacken müssen. Anpacken, so wie die starken Frauen von damals.