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VDS-Infobrief 48. Woche

Presseschau vom 28. November bis 4. Dezember 2012

 

Ende des „Grimm“ und Beginn des Digitalen Deutsch-LexikonsDWDS

Die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften meldete, dass das von ihr parallel zum Abschluss des Grimm-Wörterbuches entwickelte „Digitale Wörterbuch der Deutschen Sprache“ (DWDS) freigeschaltet wurde (www.dwds.de). Die Nutzung ist kostenlos, finanziert wird es für 18 Jahre aus dem Akademienprogamm der deutschen Akademien und durch Drittmittel der Deutschen Forschungsgemeinschaft und des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. In diesem System sind drei bedeutende Wörterbücher, darunter auch der „Grimm“ in seiner abgeschlossenen Ausgabe, mit einer Reihe von Textcorpora verbunden, sodass der Benutzer jederzeit die Beschreibungen in diesen Wörterbüchern selber ergänzen und überprüfen kann; einen wesentlichen Teil der Wörter (derzeit 70.000, weitere 20.000 werden korrigiert) hat eine professionelle Sprecherin eingesprochen, sodass etwa Lerner eine klare und richtige Vorstellung von ihrer Aussprache bekommen. Ebenso kann man sich durch statistische Analysen ein verlässliches Bild vom Aufkommen und Verschwinden dieser Wörter machen. Der „Tagesspiegel“ geht der Frage nach, ob „mit der Umstellung auf das ‚digitale Informationssystem‘ möglicherweise auch eine methodische Neuorientierung einhergehen wird. Sowohl in Göttingen als auch in der Berliner Arbeitsstelle sorge man sich: Wird bei dem DWDS überhaupt noch historisch weitergeforscht – oder konzentriert man sich demnächst nur auf die Gegenwartssprache?“ (www.bbaw.de, www.welt.de, deutschblog.pons.eu, www.tagesspiegel.de)

 

Weltkulturerbe: Friesisch?

Der Südschleswigsche Wählerverband (SSW), der sich als politische Vertretung der dänischen Minderheit und der nationalen Friesen in Südschleswig bezeichnet, und die Fryske Nasjonale Partij (FNP) (= Friesische Nationale Partei) in den Niederlanden wollen die friesische Sprache und Kultur zum Weltkulturerbe anmelden. „Die Geschichte der Friesen reicht bis in die Antike zurück. Kultur und Sprache der Friesen sind somit ein wesentlicher Bestandteil unserer gemeinsamen europäischen Geschichte bis in die heutige Zeit hinein […] Wir halten daher eine Anmeldung der friesischen Sprache und Kultur [...] als Weltkulturerbe für sinnvoll und möglich“, erklärten der Vorsitzende des SSW im Landtag, Lars Harms, und Sybren Posthumus, Fraktionsmitglied der FNP im Provinsparlament Frysland bei einem Pressegespräch. Zunächst wollen SSW und FNP auf nationaler Ebene für ihr Projekt werben. (ssw.de, www.badische-zeitung.de, www.nordschleswiger.dk, www.bild.de)

 

Wissenschaftssprache

Die Sendung „Campus & Karriere“ im Deutschlandfunk berichtete, dass die deutsche Sprache – im Gegensatz zu Englisch – mittlerweile an vielen Hochschulen, auf Konferenzen und in wissenschaftlichen Publikationen „ein Mauerblümchen“ sei. Der Linguist Konrad Ehlich kritisierte das Verwenden einer „reduzierten Sprachvarietät für die kompliziertesten Wissensgegenstände“. Bei den Geisteswissenschaften spiele dies noch eine untergeordnete Rolle. Sei die sprachliche Form Forschungsgegenstand, dominiere die Muttersprache. Ein Trend hin zum Englischen als Wissenschaftssprache zeichne sich aber auch in diesen Disziplinen ab, berichtete Ehlich. Dabei sei die Muttersprache in der Wissenschaft besonders wichtig, um zu Differenzierungen zu kommen. Da Sprache auch Denk- und Weltbilder transportiere, eröffne jede Sprache andere Herangehensweisen. Ehlich habe nichts gegen Englisch als Wissenschaftssprache, fordert aber wissenschaftliche Mehrsprachigkeit. In dem Buch „Deutsch in der Wissenschaft. Ein politischer und wissenschaftlicher Diskurs“, bemängeln Ehlich und Mitherausgeber Wilhelm Krull, Generalsekretär der Volkswagenstiftung, dass der Bolognaprozess oft einen Wechsel zur englischen Unterrichtssprache bewirkte. Wolfgang Thierse, Vizepräsident des Deutschen Bundestags, kritisierte, dass die Europäische Union Englisch und Französisch bevorzuge und alle anderen Sprachen systematisch benachteilige. (www.dradio.de)

 

Misslungen: Filmtitel in Deutschland

Die „Zeit“ kritisierte, dass die Übersetzungen englischer Filmtitel ins Deutsche oder deren englische Umbenennungen meist einfallslos, langweilig, betulich und aufgesetzt seien, etwa der Titel „Love is all you need“ für die dänische Komödie „Den skaldede frisør“ (=Die kahle Friseurin). „People Like Us“ (=Leute wie wir) wurde zu „Zeit zu Leben“, „Bachelorette“ (= Junggesellin) zu „Die Hochzeit unserer besten Freundin“, „The Oranges“ zu „Die Tochter meines besten Freundes“, „Les Intouchables“, eigentlich „Die Unberührbaren“ zu „Ziemlich beste Freunde“. Oft werden Filmtitel nicht übersetzt. Die „Zeit“ meinte, „selbst wenn in der Film- und PR-Branche Englisch längst Lingua franca ist, dürften viele Zuschauer doch keinen Schimmer haben, was mit Cloud, The Dark Knight Rises oder Late Bloomers gemeint ist.“ Den „linguistischen Super-GAU“ stelle der Ersatz des Englischen durch das Englische dar. Dann werde etwa der Film „Taken 2“ zu „96 Hours“ verschlimmbessert. Den Tiefpunkt stellten in diesem Jahr französische Filmtitel in Deutschland dar; z.B. heißt die Tragikomödie „Poupoupidou“ hier „Who killed Marilyn?“. (www.zeit.de)

 

Folgen von SMS

Über Uneinigkeit zu den Folgen des SMS-Schreibens und über die Menge der heutigen Textproduktion berichtete „Die Presse“ in Österreich. Einerseits hielten Eltern Dinge, die sie bei ihren Kindern nicht verstehen, grundsätzlich für gefährlich und gleichzeitig stellte Pisa dem Lesevermögen der österreichischen Schüler immer schlechtere Noten aus. Als Ursache sei die verknappte, verkürzte und willkürlich falsch oder richtig orthografierte SMS-Sprache herangezogen worden. Zudem würden immer weniger Jugendliche Lesen und Schreiben. Einigkeit herrsche darüber nicht. Denn andere Sprachforscher meinen, dass Jugendliche noch nie mehr Zeit als jetzt mit dem Verfassen und Lesen von Texten verbrachten, auch wenn diese auf 160 Zeichen beschränkt seien. Zunehmend gelte die SMS-Sprache ebenso wie die von Twitter und Chat (=Schwatz) als eigenes kulturelles Konstrukt, das parallel zum herkömmlichen Gebrauch von Schreib- und Schriftsprache existiere. Kurznachrichten via SMS sei nicht als rein schriftliche Kommunikation zu sehen, vielmehr handele es sich um eine Art geschriebenes Gespräch, bei dem gelte: schnelle Sprache, gute Sprache. Laut Linguist Peter Schlobinski stehe zudem das Experiment, der spielerische Umgang mit der Sprache, im Vordergrund. (Weiteres: Schlobinski, Peter: „Von HDL bis DUBIDODO: (K)ein Wörterbuch zur SMS“.) (diepresse.com)

 

Eindeutschungen und Fremdwörter

Die Tageszeitung „Neues Deutschland“ erklärte die Geschichte der Fremdwörter und Eindeutschungen ausgehend von den Germanen, die von der Zivilisation des Römischen Reiches beeinflusst wurden, bis heute und veranschaulicht, welche Anglizismen in der deutschen Sprache sinnvoll sind (Layout, Jogging, Playback) und welche nicht (Basecap, Public Viewing). Fragwürdig sei es, wenn anstatt deutscher Wörter wie „herunterladen“ auf das englische „downloaden“ ausgewichen werde. Weitere Beispiele sind „Weekend“, „Highlight“ und „Editorial“ für „Wochenende“, „Höhepunkt“ und „Leitartikel“. Sprachkritiker und VDS-Mitglied Wolf Schneider bemängelte, die Deutschen seien einfach zu faul geworden, eingeführte Wörter aus anderen Sprachen zu übersetzen. Der Publizist Dieter E. Zimmer kritisierte, dass die deutsche Sprache heute ihre Assimilationskraft weitgehend eingebüßt habe. Stattdessen würden englische Ausdrücke einfach eins zu eins übernommen und bedenkenlos mit deutschen Funktionswörtern (Präpositionen, Hilfsverben etc.) kombiniert. (www.neues-deutschland.de)

 

Lese- und Schreibkompetenz bei Studienanfängern

Auf „16vor“, einem Internet-Magazin aus Trier, erschien in der Rubrik „Schule & Campus“ ein uneinheitliches Meinungsbild an der Universität Trier zu den Ergebnissen einer Studie, die massive Mängel bei den Lese- und Rechtschreibkompetenzen bei Studienanfängern feststellte (siehe auch Infobrief 29.Woche/2012). Bildungswissenschaftlerin Michaela Brohm wies darauf hin, dass die Ergebnisse nicht repräsentativ seien, aber die Kultusministerkonferenz die Vorwürfe bei der Diskussion um Bildungsstandards beim Abitur aufgegriffen habe. Ursachen für die veränderten Fähigkeiten der Studenten könnten fragmentarischer Sprachgebrauch in einer reduzierten schriftlichen Kommunikation und die Abnahme des Bücherlesens zum Vergnügen sein. Zudem vermittelten die Schulen Bildungsstandards unzureichend. Befragte Studierende und Mitarbeiter gaben an, dass die Lesekompetenz bei der Mehrheit der Studienanfänger ausreiche und Rechtschreibung und Grammatik nicht als das Maß aller Dinge anzusehen seien. (www.16vor.de)

 


 

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Dies ist der VDS-Infobrief. Er enthält die Neuigkeiten und Nachrichten über die deutsche Sprache der vergangenen Woche. Wir sichten die Presse, Aussagen von Politikern, Wissenschaftlern und Persönlichkeiten, die in den Schlagzeilen stehen. Für eine bessere Übersicht fassen wir die Neuigkeiten zusammen. Handelt es sich um Meldungen aus dem Internet, sind die dazugehörigen Verweise angegeben.

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Medienecho

Wiederum als voller Erfolg erwies sich laut einer Mitteilung eine Vortrags­veranstaltung mit grenz­über­schreitendem Charakter, zu welcher die Regional­gruppe Ortenau des Vereins Deutsche Sprache nach Offenburg eingeladen hatte.
(Badische Zeitung 24.4.2015)

 

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Sprüche

„Mich hat es gestört, dass es keine ordentlichen deutschen Texte gab. Ich dachte, das muss doch gehen. Dass ich Trommler war, kam mir sehr zugute. Ich hab mir die Sprache zurechtgetrommelt. Ich konnte gut Wörter dehnen wie Kaugummi, sie schleudern, zerbeißen, konnte rhythmisch auch die ersten Rap-Dinger anlegen: 'Käthe Dorsch wohnt in Kiel', das war schon Ende der Siebziger.“

Udo Lindenberg, DB mobil 5/2016