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VDS-Infobrief 46. Woche

Presseschau vom 13. bis 19. November 2013

Debatte um mangelhafte Sprachstandstests

Das Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache stellte in einer Studie zur Qualität von Sprachstandsverfahren im Elementarbereich (z. B. in Kindertagesstätten, Vorschulen) fest, dass die bundesweit 21 unterschiedlichen Sprachstandstests qualitative Mängel haben. Nur acht Tests erfüllten mehr als die Hälfte von 32 Qualitätsmerkmalen. Mängel gab es vor allem in der Validität und Objektivität sowie in der ausreichenden Berücksichtigung von Mehrsprachigkeit. Qualität und Wirksamkeit seien daherfraglich.So schwanke die durch die Tests ermittelte Förderquote je nach Bundesland zwischen zehn und 50 Prozent – ein Hinweis, dass der tatsächliche Sprachförderbedarf nicht objektiv und vergleichbar ermittelt werde. Das Mercator-Institut empfiehlt eine Koordinierungsstelle, welche die Tests weiterentwickelt. „Ob ein Kind gefördert wird oder nicht, darf nicht vom Bundesland abhängen, in dem es aufwächst“, erläutert Prof. Dr. Michael Becker-Mrotzek, Direktor des Mercator-Instituts. Hier geht es zur Analyse und Bewertung der Studie. (idw-online.de, www.tagesspiegel.de, www.welt.de)

Das Ergebnis löste eine Debatte um Sprachförderung aus. Die SPD und die Grünen beschlossen am Dienstag (19.11.) den in Nordrhein-Westfalen seit 2007 eingesetzten „Delfin 4“-Test abzuschaffen. Er belegte „einen schlechten 16. Platz“, da unklar sei, ob er anstelle der sprachlichen Fähigkeiten nicht vielmehr die soziale Kompetenz des Kindes messe. Die Fraktionen fordern in einem Antrag, die Sprachförderung für Kinder neu auszurichten. Künftig sollen etwa Erzieher anstatt Personal von außen die Sprachtests und Sprachförderung umsetzen. Die Pläne sollen ab Sommer 2015 umgesetzt werden, im nächsten Sommer soll eine Probephase beginnen. Die CDU-Opposition warnte vor „Schnellschüssen“, denn der Bund überprüfe derzeit die gesamte Sprachstandsdiagnostik. Ergebnisse gebe es allerdings nicht vor 2018. (www1.wdr.de, www.news4teachers.de)

 

Bericht zur Lage der deutschen Sprache

Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung und die Union der deutschen Akademien der Wissenschaften haben den Bericht zur Lage der deutschen Sprache in Buchform unter dem Titel „Reichtum und Armut der deutschen Sprache“ veröffentlicht. Bereits im März haben die vier Forscher Ergebnisse präsentiert (siehe Infobrief 9. Woche/2013). Sie untersuchten für den Bericht vier Themenbereiche: Entwicklung des Wortschatzes, Anglizismen im Deutschen, Wandel und Stabilität der Grammatik und die Entwicklung der sogenannten „Streckverbgefüge“ (z. B. „eine Entscheidung treffen“ statt „entscheiden“). Untersuchungsgegenstand waren gedruckte und veröffentlichte Texte wie Zeitungsartikel, Belletristik und wissenschaftliche Literatur zwischen 1905 und 2004. Die Ergebnisse aus Stichproben von je zehn Millionen Wörtern rechneten die Linguisten hoch. Das Ergebnis: Der Wortschatz sei in den letzten 100 Jahren um 1,6 Millionen Wörter gewachsen. Bei der Grammatik seien leichte Einbußen zu verzeichnen, etwa beim Konjunktiv I. Insgesamt werde die Grammatik einfacher, was für große Kultursprachen typisch sei. Skeptiker nannten dies dennoch „Formenverfall“. Peter Eisenberg, der den Bereich Anglizismen untersuchte, erklärte, dass die meisten englischen Vokabeln wie deutsche Worte benutzt werden. Die englische Grammatik werde ignoriert, und bei Begriffen wie „Babyalter“ handele es sich nicht um Anglizismen, sondern um deutsche Sprachprodukte. Der Anpassungsprozess habe sich im Lauf des 20. Jahrhundert erheblich verstärkt. Die Linguisten seien sich einig, dass nicht jeder Anglizismus eine Bereicherung sei. Nur die ergänzenden und sinnvollen setzten sich auf lange Sicht durch. Ebenso blieben „Streckverbgefüge“ in der deutschen Sprache erhalten, wenn sie eine zusätzliche Aussage enthielten.

U.a. die „Rheinische Post“ warf die Frage auf, ob die Forschung durch das Beschränken auf schriftliche nicht digitale Texte nicht gerade die von Verfall betroffenen Bereiche des Deutschen ausblende. Eisenberg verneinte und begründete, dass „die Kritik daran das Standarddeutsche zum Maß hat“. (www.rp-online.de, www.tagesspiegel.de, www.mdr.de)

 

Kritik am Rechtschreibrat

Die „Welt“ berichtete über den Austritt des Linguisten Peter Eisenberg aus dem Rat für deutsche Rechtschreibung und wertet dies als Protest. Eisenberg arbeitete maßgeblich an der Kürzung und Umformulierung der seit 1996 erarbeiteten neuen Rechtschreibregeln. Die Welt erklärte: „Erst im Oktober hatte das zwischenstaatliche Gremium (...) öffentlich eingestehen müssen, dass nur noch ‚22 Prozent der getesteten Schülerinnen und Schüler in der 9. Jahrgangsstufe als kompetente Rechtschreiber angesehen werden‘ können. 27,2 Prozent erreichen demnach ‚die in den Standards der deutschen Kultusministerkonferenz formulierten Erwartungen nicht‘.“ Das Regelwerk sei unverständlich und widersprüchlich, seit 2010 arbeitete der Rat an einer verständlichen und kürzeren Version, woran Eisenberg entscheidend mitwirkte. Laut Eisenberg legten sich nun angesichts der Vereinfachung der Kommaregeln „Beharrungskräfte im Rat quer, weil sie eine Aufweichung der Reform im Ganzen befürchteten“. Die Arbeit an dem neuen Werk wurde eingestellt.

1997 hatte der Sprachwissenschaftler Horst Haider Munske, Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat des VDS, die damalige Zwischenstaatliche Kommission für deutsche Rechtschreibung verlassen. Munske vertrat anfangs eine Rechtschreibreform, sah die Neuerungen aber als „Überrumpelungsaktion“. 2006 trat Theodor Ickler aus Protest gegen die Reform ebenfalls aus. (www.welt.de)

 

„Viel Federlesen“

Die Seite „Regio aktuell“ berichtete über die von VDS-Vorstandsmitglied Birgit Schönberger organisierte Veranstaltung „Viel Federlesen“, die sie zusammen mit Ludwig Bichlmaier, dem Leiter der Stadtbücherei in Landshut, durchführt. Nachdem „Viel Federlesen“ im Jahr 2003 als Laiendichterwettstreit begann und 2009 in Zusammenarbeit mit dem Verein „Nächte der Literatur“ ausgedehnt auf ein Wochenende „Stadelnächte“ hieß, gibt Schönberger mit Bichlmaier seit 2012 Laienpoeten eine Plattform. Landshuter treten dabei auf unter dem Motto „Was ich schon immer mal loswerden wollte“ und diskutieren anschließend. Die Veranstaltung heißt wieder wie zu Beginn „Viel Federlesen“ und wird zum „Internationale Tag der Muttersprache“ am 21. Februar fortgesetzt. Der VDS und die Stadtbücherei suchen noch einen geeigneten Ort in der Innenstadt von Landshut. (www.regio-aktuell24.de)

 

Preis für „Sprache ist Brücke“

Das von der TU Freiberg und dem Verein „Lichtpunkt“ gegründete Projekt „Sprache ist Brücke“ erhielt den „Preis des deutschen Auswärtigen Amtes für die exzellente Betreuung ausländischer Studierender an deutschen Hochschulen“. Da ausländische Studenten für wissenschaftliche Arbeiten aufgrund sprachlicher Defizite schlechtere Noten erhielten als sie aufgrund ihrer Fachkompetenzen verdienten, vermittelt „Sprache ist Brücke“ Sprachpartner, die den Studenten gezielt beim Deutschlernen helfen. Insgesamt 81 Ehrenamtliche engagieren sich in dem Projekt. Außerdem fördert „Sprache ist Brücke“ mit „Sprachtandems“ das Kennenlernen fremder Kulturen für deutsche Studenten.

Der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) berichtete, Deutschland sei das „beliebteste nicht-englischsprachige Land“ für ausländische Studenten (nach USA, Großbritannien, Australien). Die Zahl der ausländischen Studierenden habe sich zwischen den Jahren 2000 und 2011 von 75.000 auf 250.000 erhöht. Grund dafür sei die kostengünstige, aber exzellente Bildungsqualität der deutschen akademischen Ausbildung sowie das „humboldtsche Bildungsideal der Einheit von Forschung und Lehre“. (www.deutsch-tuerkische-nachrichten.de)

 

Besondere Begriffe

Der „Donaukurier“ erklärte, dass Sprachen dann einen Begriff entwickelten, wenn der Bedarf vorhanden ist. Sprachwissenschaftlerin Kerstin Kazzazi verdeutlichte, warum es im Deutschen keinen (nicht künstlichen) Begriff für „nicht durstig“ gebe: „Satt ist ein Konzept, das uns sehr nahe liegt: Wir essen und irgendwann sind wir voll. Beim Trinken kommt man nicht wirklich an einen solchen Punkt.“ 1999 suchte die Dudenredaktion mit einem Wettbewerb dafür ein passendes Wort und erklärte „sitt“ dazu. Das Wort stehe zwar im Duden, benutzt werde es jedoch kaum. Denken forme also die Sprache. Unbeantwortet sei bisher die Frage, ob der Umkehrschluss gelte (nach der Sapir-Whorf-Hypothese: Sprache formt das Denken). Dies sei wissenschaftlich nur an Menschen, die lediglich ihre Muttersprache sprechen, zu untersuchen. Diese Menschen gebe es heute aber kaum, mit Ausnahme von Kindern, die jedoch wegen ihrer erst beginnenden sprachlichen Entwicklung nicht in Frage kämen. (www.donaukurier.de)

 


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Dies ist der VDS-Infobrief. Er enthält die Neuigkeiten und Nachrichten über die deutsche Sprache der vergangenen Woche. Wir sichten die Presse, Aussagen von Politikern, Wissenschaftlern und Persönlichkeiten, die in den Schlagzeilen stehen. Für eine bessere Übersicht fassen wir die Neuigkeiten zusammen. Handelt es sich um Meldungen aus dem Internet, sind die dazugehörigen Verweise angegeben.

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Medienecho

Wiederum als voller Erfolg erwies sich laut einer Mitteilung eine Vortrags­veranstaltung mit grenz­über­schreitendem Charakter, zu welcher die Regional­gruppe Ortenau des Vereins Deutsche Sprache nach Offenburg eingeladen hatte.
(Badische Zeitung 24.4.2015)

 

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Sprüche

„Ich glaube, die Deutschen sind nicht stolz genug auf ihre Sprache. An Heideggers Aus­spruch, nur Deutsch und Griechisch seien fürs Philosophieren geeignet, ist vielleicht doch ir­gendwas dran. Ich glaube jedenfalls nicht, dass es ein Zufall ist, dass es in der Vergangenheit so viele deutsche Denker und Komponisten gab. Oder in der Gegenwart, dass die Deutschen so einzigartig gute Maschinen und Motoren bauen. Die Komplexität ihrer Sprache bereitet sie genau darauf vor."

Yngve Slyngstad, Chef des Norwegischen Staatsfonds in: Frankfurter Allgemeine Sonntags­zeitung, 7. Februar 2016, S. 40.