Suche auf der VDS-Seite

Drucken

VDS-Infobrief 48. Woche

Presseschau vom 27. November bis 3. Dezember 2013

 

Koalitionsvertrag schwer verständlich

“Von der Verständlichkeit her noch anspruchsvoller als eine politikwissenschaftliche Doktorarbeit” – so bewertete eine Gruppe von Wissenschaftlern der Universität Hohenheim die Sprache des Koalitionsvertrags zwischen der Union und der SPD.

Untersucht haben die Wissenschaftler mit einem Textanalyseprogramm die “formale Verständlichkeit”. Diese sei besonders wichtig, weil derzeit ja alle SPD-Parteimitglieder über das Vertragswerk abstimmen dürfen. Unverständlich werde der Texte vor allem durch Bandwurmsätze mit bis zu 86 Wörtern, Wortungetüme wie “Schnellreaktionsmechanismus”, zahlreiche Fremdwörter oder Fachbegriffe wie “Transphobie” oder “Landesbasisfallwert”. Formal am unverständlichsten sei das Kapitel über Europa.

Als Gründe dafür nennen die Wissenschaftler das Bemühen der Politiker, falsche Versprechen zu vermeiden, die große Zahl der Autoren, die an dem Text mitgearbeitet haben, und die vielen Korrekturdurchläufe. (heise.de)

 

PISA-Studie

Die OECD und das Zentrum für Internationale Bildungsvergleichsstudien (ZIB) teilten am Dienstag in Berlin die Ergebnisse der aktuellen PISA-Studie mit: Zum ersten Mal haben Deutschlands Schüler im internationalen Vergleich in allen drei getesteten Bereichen Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften überdurchschnittlich abgeschlossen. Die 5.000 getesteten Schüler im Alter von 15 Jahren haben im Vergleich zum OECD-Durchschnitt einen Vorsprung von einem halben Schuljahr. Im Bereich Lesekompetenz erzielten sie im Durchschnitt 508 Punkte (OECD: 496 Punkte). Schwerpunkt der diesjährigen Studie war Mathematik. Südostasiatische Länder schnitten insgesamt bei der PISA-Studie am besten ab. Im Jahr 2000 gab es nach Veröffentlichung der ersten PISA-Studienergebnisse einen Aufruhr, denn deutsche Schüler schnitten deutlich schlechter ab, vor allem beim Lesen und Textverständnis. Als Gegenmaßnahme beschlossen die Kultusminister der Länder zahlreiche Schulreformen wie einheitliche Bildungsstandards für alle 16 Bundesländer. Die „Süddeutsche“ erklärte, dass nicht gesichert sei, ob die PISA-Studie tatsächlich die zu messenden Daten erhebe und generell die Relevanz fraglich sei. Die OECD-Bildungsdirektorin Barbara Ischinger erklärte, Deutschland zeige eine einmalige Entwicklung, weil es gelungen sei, die Leistungen in allen drei Testbereichen statistisch signifikant anzuheben und den Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg abzuschwächen. (www.tagesschau.de, www.sueddeutsche.de, www.welt.de, www.faz.net)

Die „Bild“ begann die Serie „Deutsche Sprache, schöne Sprache“, da die Studie gezeigt habe, dass „deutsche Schüler im Vergleich zu anderen Nationen bei der Lese- und Rechtschreibkompetenz noch Nachholbedarf haben, auch wenn sie sich im Vergleich zu den Schock-Ergebnissen der Studie von 2000 deutlich verbessert haben.“ Teil 1 behandelt die „Eselsbrücke“. In Kooperation mit dem „Duden“ zeigt „Bild“ Eselsbrücken, sechs zum Thema Sprache. (www.bild.de)

 

Schreib- und Leselernmethoden Kindern anpassen

Wie Kinder am besten Schreiben und Lesen lernen, hat das Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache untersucht. Die Forscher stellten die Ergebnisse am Donnerstag (28. 11.) auf einem Bildungsforum des Instituts für Qualitätsentwicklung an Schulen Schleswig-Holstein (IQSH) in Kronshagen vor. Prof. Dr. Michael Becker-Mrotzek, Direktor des Mercator-Instituts, erklärte, dass Kinder, die bereits viele sprachliche Anregungen von Eltern und im Kindergarten bekamen, unabhängig von der Methode bis zum Grundschulende angemessen Lesen und Schreiben lernten. Leistungsstarke Kinder lernten mit offenen Konzepten, wie etwa Werkstattunterricht, sehr gut lesen und schreiben. Leistungsschwache Schüler hingegen benötigten „konkrete Regeln, um die richtige Schreibweise zu lernen“, wie Prof. Dr. Hartmut Günther, ehemals Professor für Deutsche Sprache und Literatur an der Universität zu Köln, erklärte. Becker-Mrotzek unterstrich, dass die Qualifizierung der Lehrkräfte im Studium für unterschiedliche Methoden der Sprachförderung entscheidend sei. (idw-online.de)

 

“Dialektschmelze” in Hessen

Der Marburger Sprachforscher Henrich Dingeldein hat festgestellt, dass die Dialekte in Hessen verschwinden. “Es ist sehr schwer, heute noch Menschen zu finden, die jünger als 18 Jahre sind, die noch Dialekt sprechen”, sagte Dingeldein.

Am schlimmsten sei die “Dialektschmelze” in Nordhessen. Dies führt Dingeldein auf die wirtschaftliche Randlage der Region vor der deutschen Wiedervereinigung zurück. “Viele jüngere Menschen mussten zusehen, dass sie sonst wo Arbeit fanden”, so Dingeldein. (www.hr-online.de)

 

Internationaler Erzählwettbewerb „Schläft ein Lied in allen Dingen“

Die Deutsche Gesellschaft e. V., der Verein für Deutsche Kulturbeziehungen im Ausland e. V. und die Stiftung „Verbundenheit mit den Deutschen im Ausland“ rufen junge Menschen dazu auf, sich unter der Titelzeile „Schläft ein Lied in allen Dingen“ von Joseph von Eichendorff in einer deutschsprachigen Erzählung mit ihrem Umfeld auseinanderzusetzen. Ziel des Wettbewerbs ist die Popularisierung der deutschen Sprache. Der Text soll Berührungspunkte zu Deutschland oder zur deutschen Kultur behandeln. Teilnahmeberechtigt sind Menschen bis 30 Jahre, die keine deutsche Staatsbürgerschaft besitzen und nicht im deutschen Sprachraum (Deutschland, Österreich, Schweiz) leben. Einsendeschluss ist der 30. Juni 2014. Weitere Informationen auf www.eichendorff-erzaehlwettbewerb.com. (www.deutsche-gesellschaft-ev.de, www.vda-kultur.de, stiftung-verbundenheit.de)

 

Deutschkurse zur Integration

Die Sendung „Stern TV“ hatte am Mittwoch unter anderem die Deutschkurspflicht zur Integration als Thema. Vor allem Migrantinnen integrierten sich nicht, weil sie die deutsche Sprache nicht lernen. Die Bundesregierung hat im Koalitionsvertrag festgeschrieben: „Der Erwerb der deutschen Sprache ist eine zentrale Voraussetzung für eine gelingende Integration. Wir werden die Angebote zum Erlernen der deutschen Sprache ausbauen.“ Die Linken-Politikerin Sevim Dagdelen sprach sich gegen die seit 2005 verbindliche Deutschkurspflicht von Migranten aus. CDU-Politiker Wolfgang Bosbach erklärte: „Wer in Deutschland Leistungen bezieht, sollte auch die deutsche Sprache lernen müssen.“ (www.stern.de)

 

Briten über Denglisch und Deutsch

Der Duisburger Robert Tonks, gebürtiger Brite, hat sein drittes Buch über Denglisch veröffentlicht, „The Denglish Doosh Reader“, in dem er sich mit britischem Humor den Sprachgebrauch in der Öffentlichkeit vornimmt. Tonks illustriert ironisch, wie in seinen beiden vorigen Büchern, was ein englischer Muttersprachler unter denglischen Kunstwörtern versteht. So assoziiert er mit „Baby Shooting“ nicht „Babys fotografieren“, sondern deren Erschießen. Der Titel des Buches spielt auf Stefan Raabs Duschkopf an, in dessen Werbung „doosh“ vorkommt – anstatt „Dusche“ verbinden englische Muttersprachler „douche“, also Trottel, damit. (www.derwesten.de, www.robert-tonks.de)

Der Brite Ben Schott spricht kein Deutsch und hat dennoch ein Buch veröffentlicht, für das er „deutsche Wörter für die menschliche Verfassung“ wie „Beichtstuhldrang“ und „Herbstlaubtrittvergnügen“ erfunden hat, die er parodistisch erklärt. Der Münchener Mathematiker Oscar Bandtlow unterstützte Schott bei der Arbeit. Im Gespräch mit der „Presse“ erklärte Schott: „Es gibt gewisse Dinge, die scheinen wir nur auf Deutsch ausdrücken zu können. […] Es ist diese Mischung aus Ernsthaftigkeit und Frivolität, die mich fasziniert. Immerhin ist es die Sprache von Nietzsche und Freud [...].“ Und weiter: „Es scheint, dass wir auf das Deutsche zurückgreifen, wenn wir Elementares ausdrücken wollen, das wir nicht beschreiben können“. Doch komme das Bewahren einer reinen Sprache dem Kämmen von Sand am Meer vor der nächsten Flut gleich. (diepresse.com)

 

Namensverteilung: Nikolaus

Eine Freiburger Namensforscherin hat eine Telefonbuch-Studie zur Namensverteilung in Deutschland durchgeführt. Ein Ergebnis: Der Name Nikolaus hat in Deutschland fast 300.000 Namensvetter. Darunter sind auch von Nikolaus abgeleitete Namen wie Klaus, Klose, Großklaus und Klages. (www.dradiowissen.de)

 

Veranstaltung

Am 9. Dezember findet die erste Veranstaltung der Herrenhäuser Nobelpreis-Tage in Hannover statt. Diese widmet sich dem Werk von Alice Munro, die am 10. Oktober mit dem Literaturnobelpreis 2013 ausgezeichnet wurde. Auf dem Programm stehen ein Vortrag von Prof. Dr. Reingard M. Nischik, Literaturwissenschaftlerin, Universität Konstanz, sowie eine Lesung der Schriftstellerin Judith Hermann. Moderieren wird Ulrike Sárkány (NDR Kultur). Weitere Informationen gibt es hier.

 


Der Verein Deutsche Sprache im Internet: vds-ev.de, facebook.com
Das Haus der deutschen Sprache im Internet: www.hausderdeutschensprache.eu, facebook.com

Dies ist der VDS-Infobrief. Er enthält die Neuigkeiten und Nachrichten über die deutsche Sprache der vergangenen Woche. Wir sichten die Presse, Aussagen von Politikern, Wissenschaftlern und Persönlichkeiten, die in den Schlagzeilen stehen. Für eine bessere Übersicht fassen wir die Neuigkeiten zusammen. Handelt es sich um Meldungen aus dem Internet, sind die dazugehörigen Verweise angegeben.

Wollen Sie diesen Info-Brief als E-Post erhalten, bitte Nachricht mit dem Betreff „Anmeldung” an: infobrief@vds-ev.de.


RECHTLICHE HINWEISE

Dieser Infobrief ist kein Diskussionsforum. Nachrichten, die an diese E-Post-Adresse geschickt werden, werden nicht beantwortet und auch nicht weitergeleitet!

Bitte antworten Sie nur dann auf diesen Infobrief, wenn Sie ihn abbestellen oder eine neue E-Post-Adresse angeben wollen.
Zur Diskussion bietet sich das VDS-Internet-Forum an: http://forum.vds-ev.de

Verein Deutsche Sprache e.V. Dortmund
1. Vorsitzender: Prof. Dr. Walter Krämer
Geschäftsführer: Dr. Holger Klatte
Redaktion: Monika Elias

DATENSCHUTZ

Der Verein Deutsche Sprache e.V. nimmt den Schutz Ihrer persönlichen Daten ernst. Die personenbezogenen Daten werden ausschließlich für den Versand dieses Infobriefs gespeichert und keinesfalls an Dritte weitergegeben. Auf Ihren Wunsch hin werden Ihre Daten umgehend gelöscht. Schreiben Sie dazu eine Nachricht an infobrief@vds-ev.de.

 

Medienecho

Für Nuhr ist der Kulturpreis Deutsche Sprache eine seiner wichtigsten Auszeichnungen. „Andere Preise habe ich bekommen, weil ich lustig bin, diesen, weil ich ernst genommen werde“, sagte der Preisträger.  Dabei sei die Sprache für ihn von besonderer Bedeutung. „Schließlich gibt es bei meinem Bühnenprogramm keinen Tanz und keine Pyrotechnik - es geht nur um die Worte.“ (Tagesspiegel, 25.10.2014)

 

Mitglied werden

vds-logo-kleinMachen Sie mit! Im Verein Deutsche Sprache e. V. tun Sie etwas für die Zukunft des Deutschen als Kultur­sprache. Jeder ist willkommen; inzwischen sind es mehr als 36.000 Menschen, die weltweit im VDS in über 120 Ländern die deutsche Sprache fördern. Sie können den VDS als stilles Mitglied unterstützen oder die Vereinsarbeit aktiv mitgestalten. Hier (PDF-Datei) finden Sie den Antrag auf Mitglied­schaft. Am besten gleich ausfüllen und mit gelber Post oder per Fax an die Vereinszentrale zurück­. Weitere Informationen finden Sie hier: Mitglied werden.

Stiftung Deutsche Sprache

stiftungdsDie Stiftung Deutsche Sprache ergänzt die Vereinsarbeit. Sie wurde 2001 ge­gründet, ist weltanschaulich neutral, politisch unabhängig und verfolgt ausschließlich gemeinnützige Zwecke.

Sprüche

„Ich glaube, die Deutschen sind nicht stolz genug auf ihre Sprache. An Heideggers Aus­spruch, nur Deutsch und Griechisch seien fürs Philosophieren geeignet, ist vielleicht doch ir­gendwas dran. Ich glaube jedenfalls nicht, dass es ein Zufall ist, dass es in der Vergangenheit so viele deutsche Denker und Komponisten gab. Oder in der Gegenwart, dass die Deutschen so einzigartig gute Maschinen und Motoren bauen. Die Komplexität ihrer Sprache bereitet sie genau darauf vor."

Yngve Slyngstad, Chef des Norwegischen Staatsfonds in: Frankfurter Allgemeine Sonntags­zeitung, 7. Februar 2016, S. 40.