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VDS-Infobrief 49. Woche

Presseschau vom 4. bis 10. Dezember 2013

 

Sprachtod im Internet

Der ungarische Sprachwissenschaftler András Kornai hat berechnet, dass nur rund fünf Prozent der weltweit vorhandenen Sprachen im Internet verwendet werden. Aaron Griffith, Sprachwissenschaftler an der Universität Wien, erklärte, dies könne ein Anzeichen ihres Aussterbens sein, aber nicht der Grund. Kornais Studie (hier auf Englisch) hat die Wörter in jeder Sprache auf Internetseiten gezählt und außerdem Wikipedia-Seiten, Betriebssysteme und Rechtschreibprogramme einbezogen.
Ein Beispiel sei das Piemontesische in Italien mit rund 2 bis 3 Millionen Sprechern, das kaum einen Standort im Netz habe. Färöisch mit rund 80.000 Muttersprachlern sei dagegen sogar eine Publikationssprache der Wikipedia. (www.computerwelt.at)

 

Wörter des Jahres in Österreich und der Schweiz

Die Universität Graz hat das Wort „Frankschämen“ zum Wort des Jahres gekürt. Die Fachjury unter Leitung von Prof. Rudolf Muhr von der Forschungsstelle Österreichisches Deutsch begründete die Wahl: „Es beschreibt in treffender Kürze das Befremden vieler Bürger über das Verhalten eines spätberufenen Parteigründers bei seinen öffentlichen Auftritten“. Die Süddeutsche Zeitung erklärte: „Frankschämen“ geht auf Frank Strohsack aus Kleinsemmering zurück, „der als kanadischer Milliardär Stronach an die Donau zurückkehrte, um dort mit verworrenen Thesen die Politikszene aufzumischen“. Das österreichische Unwort des Jahres 2013 wurde „inländerfreundlich“.

Die Schweizer wählten „Stellwerkstörung“ zum Wort des Jahres. Die Jury unter der Federführung des Radiosenders SRF 3 erklärte, das Wort „Stellwerkstörung“ sorge im Eisenbahnwagon für ein Gemeinschaftsgefühl, es beschreibe nicht nur die Pannenserie bei den dortigen Bundesbahnen, sondern tauge auch als Metapher für ein Land, welches einfach nicht vom Fleck komme. Unwort des Jahres in der Schweiz ist „systemrelevant“. Es bezeichne Banken, die für zu groß gehalten werden, als dass man sie scheitern lassen könnte – zuletzt geschehen bei der „Zürcher Kantonalbank“. (derstandard.at, www.srf.ch, www.sueddeutsche.de)

 

Integration und Sprache

Die „Süddeutsche“ berichtete über einen „Integrationsversuch mit Hindernissen“: Eine Migrantin, die einen Deutschkurs beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BaMF) in München belegen wollte, kam mit Englisch nicht weiter – sie sollte Deutsch sprechen. Die Mitarbeiter hätten ihre Fragen auf Englisch nicht beantworten können, erklärte eine BaMF-Mitarbeiterin dem Arbeitgeber der Migrantin, die Amtssprache sei Deutsch. Eine Sprecherin in der Nürnberger BaMF-Zentrale erklärte überrascht, dass sie sich das nicht vorstellen könne, da es doch Philosophie des Amtes sei, auch in Englisch zu kommunizieren. (www.sueddeutsche.de)

Das Goethe-Institut teilte mit, dass die Nachfrage nach Deutschkursen im Vergleich zu 2011 mit 250.000 Deutschlernern leicht gestiegen sei. Weltweit sei das Interesse an der deutschen Sprache im Aufwind, der Deutschunterricht an Schulen werde zunehmend wichtiger. (www.n-tv.de)

Die „Deutsch Türkischen Nachrichten“ berichteten, dass das zum Jugendwort des Jahres gewählte Wort „Babo“ (siehe Infobrief 48.Woche/2013) kein Zeichen gelungener Integration sei. Es handele sich hier um einen der übernommenen „Slang-Ausdrücke“, welche auch unter Deutsch-Türken verpönt seien. „Babo“ werde in der Türkei als eine sehr grobe und penetrante Ausdrucksweise eingestuft. Derartige Ausdrücke reduzierten die Vielfalt der Sprache, Deutsch und Türkisch würden verwässert. Daher sprächen und schrieben immer mehr deutsche und deutsch-türkische Kinder schlechtes Deutsch und deutsch-türkische Kinder beherrschten die türkische Sprache nur im Straßenslang. „Ernste schulisch geförderte Zweisprachigkeit“ unterstütze den Spracherwerb und somit den Zugang zum jeweiligen Kulturraum. (www.deutsch-tuerkische-nachrichten.de)

 

Sprachkritik an Literaten

„Die Wahrheit“ in der „taz“ vom 7.12. beschäftigte sich mit Grammatik-, Rechtschreib- und Ausdrucksfehlern in den Werken berühmter Schriftsteller und in heutigen Medien. So lasse Friedrich Schiller in „Merkwürdiges Beispiel einer weiblichen Rache“ einen Marquis sagen: „Er rufte einen seiner Leute“? Die „Märkische Allgemeine“ habe die Nachricht: „Derweil schlägte die Affäre (…) hohe Wellen“ gebracht, und der „Fränkische Tag“ „schlägte“ mit der Schlagzeile zu: „Außenspiegel gestriffen und weitergefahren“.
Die taz listet auch sachliche Fehler auf: Schiller lasse im „Wilhelm Tell“ den Landvogt Geßler den berühmten Apfel direkt vom Baum pflücken – im November! Daniel Defoe lasse seinen Robinson Crusoe nach dem Schiffbruch nackt zum Wrack schwimmen und sich dort die Taschen mit Zwieback vollstopfen.
Die taz rät: „(..) seien Sie fortan aufmerksam beir Lektüre, arbeiten auch Sie anr Sprache und seien Sie aufr Hut.“ (www.taz.de)

 

Russisch als offizielle EU-Sprache gefordert

Die Europäisch-Russische Allianz fordert, Russisch zur offiziellen Sprache der EU zu erklären. Damit die EU diese Forderung in Brüssel erörtert, werden für eine Petition eine Million Unterschriften benötigt. Die europaweite Unterschriftenaktion soll im nächsten Frühjahr beginnen. Tatjana Jdanok, Vorsitzende der Allianz und lettische EU-Abgeordnete, erklärte in einem Gespräch mit dem Radionetzwerk „Stimme Russlands“, Russisch gehöre neben Englisch, Deutsch, Französisch und Spanisch zu den fünf meist verbreiteten Sprachen in Europa. Rund 7 Mio. Europäer beherrschten Russisch als Fremdsprache. Für 6 Millionen EU-Bürger sei Russisch die Muttersprache. Die größte russischsprachige Gemeinde lebe in Deutschland. Jedoch habe die russische Sprache in keinem einzigen EU-Land einen offiziellen Status. Die „Deutsch Russischen Nachrichten“ vermutete, dass die Sprachforderung ein Hinweis darauf sein könnte, dass sich in den kommenden Jahren innerhalb der EU ein neues russisches Bewusstsein innerhalb pro-russischer Kreise und russischsprachiger Gemeinden entwickeln werde. Im Februar 2012 gab es eine Volksabstimmung in Lettland, ob Russisch neben dem Lettischen zweite Amtssprache werden soll. Fast 75 Prozent der 1,5 Millionen Stimmberechtigten sprachen sich dagegen aus. 25 Prozent unterstützten das Vorhaben der Organisation „Muttersprache“ als Vertreter der russischsprachigen Minderheit. (siehe auch Infobrief 7. Woche/2012) (german.ruvr.ru, www.deutsch-russische-nachrichten.de)

 

Deutsche Auslandsschulen

Am Donnerstag unterzeichneten die Kultusminister der Länder und die Staatsministerin im Auswärtigen Amt, Cornelia Pieper, in Berlin eine Verwaltungsvereinbarung zum neuen Auslandsschulgesetz, das zum 1. Januar 2014 in Kraft tritt. Durch das neue Gesetz gibt es eine verbindliche finanzielle und personelle Förderung der deutschen Schulen im Ausland. Zum ersten Mal bekommen die Schulen u.a. eine Planungssicherheit für drei Jahre. Die Verwaltungsvereinbarung regelt vor allem beruflichen Möglichkeiten nach der Rückkehr und die Beurlaubung von Lehrern im Auslandsschuldienst. Pieper erklärte, dass die erfolgreiche Zusammenarbeit von Bund und Ländern im Bildungsbereich auch die deutschen Auslandsschulen stärke. Dies sei „im Interesse Deutschlands, der deutschen Wirtschaft und unserer Kinder an den Auslandsschulen selbst“. Die weltweit 142 deutschen Auslandsschulen sollen die deutsche Sprache und Kultur im Ausland fördern und hoch qualifizierte Studierende und Fachkräfte für Deutschland anwerben. (bildungsklick.de)

 

Vorteile von Fremdsprachkenntnissen in Grenzregionen

Die Bürgermeister von elf niederländischen Städten (u.a von Arnheim, Groningen, Enschede, Venlo und Maastricht) haben in einem Schreiben an die Kultusministerin des Landes gegen die geplante Einschränkung des Deutschunterrichts an Berufsschulen protestiert. Sie argumentierten, dass Jugendliche durch weitere Sprachkenntnisse bessere Berufsaussichten hätten. Der hohen Jugendarbeitslosigkeitsrate in der Grenzregion stünden offene Stellen in Deutschland gegenüber. Fachkräfte mit guten Deutsch-kenntnissen seien auch in den Niederlanden gefragt. (www.news4teachers.de, www.deutschlandradiokultur.de)

Nach 18 Monaten haben elf Polizisten ein Pilotprojekt zum Spracherwerb abgeschlossen. Die Polizisten der Dienststellen entlang der bayerisch-tschechischen Grenze haben Tschechisch gelernt, um sich mit Polizisten bei grenzüberschreitenden Ermittlungen verständigen zu können. Die „Prager Zeitung“ erklärte, dass tschechische Polizisten oft deutsche Sprachkenntnisse besäßen, deutsche Beamte dagegen kaum die Sprache ihrer Landesnachbarn. (www.polizei.bayern.de, www.pragerzeitung.cz)

 

Deutsch in Südtirol

Die Europäische Akademie Bozen (EURAC) hat Lehrmaterial zu den Varietäten des Deutschen und ihren Besonderheiten erarbeitet. Bei der Präsentation der Unterrichtsunterlagen am Dienstag haben Schulamtsleiter und eine Schulklasse aus Meran Übungen durchgeführt und konnten zum Beispiel zu Südtirolismen die deutsche Entsprechung suchen. Andrea Abel, Koordinatorin des EURAC-Instituts für Fachkommunikation und Mehrsprachigkeit, erklärte: „Wir möchten die Schüler für die Vielfalt von Sprache, auch die innerhalb einer einzelnen Sprache, sensibilisieren. Das betrifft Standard- und dialektale Varietäten in verschiedenen Regionen genauso wie Gruppensprachen, also zum Beispiel Merkmale von Jugendsprache oder Phänomene des Sprachwandels.“ Das Material, dass die Forscher des EURAC-Institutes für Fachkommunikation und Mehrsprachigkeit für die einzelnen Schulstufen von der Grund- bis zur Oberschule entwickelt haben, kann kostenlos hier heruntergeladen werden. (www.suedtirolnews.it)

In Bozen gab es eine Beschwerde bei dem freiheitlichen Landtagsabgeordneten Sigmar Stocker, weil der Briefkopf auf einem Rundschreiben des Landes Südtirols die deutsche Sprache fehlte. Stocker erklärte schriftlich: „Auch wenn es ein Druckfehler sein wird, zeugt es aber von ganz etwas anderem: Auf unsere Muttersprache wird nicht mehr so großen Wert gelegt“. (www.suedtirolnews.it)

 

Bücher

Die Seite „Literaturkritik.de“ vergleicht „retrodigitalisierte“ Wörterbücher und bespricht detailliert das vor einem Jahr freigeschaltete „Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache“ (DWDS) (siehe Infobrief 48. Woche/2012), das die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften parallel zum Abschluss des Grimm-Wörterbuches entwickelte. Kostenlos bietet das DWDS Pfeifers großes etymologisches Wörterbuch an. Zudem liefere das DWDS für das Gegenwartsdeutsche eine Vielzahl von Informationen, die über das Angebot eines klassischen Wörterbuchs hinausgingen. Die vollständige Rezension gibt es hier. Zum Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache geht es hier.

Die „Frankfurter Rundschau“ stellte ein neues österreichisches digitales Wörterbuch vor: Auf der Seite Oesterreichisch.net können neben einzelnen Begriffen auch ganze Sätze nachgeschlagen werden. Derzeit führt das Wörterbuch rund 1.300 Einträge. Der Entwickler des österreichischen Wörterbuches, Roland Russwurm, ruft auf der Seite Ostarrichi.org zum Mitmachen auf.

Die „Neue Zürcher Zeitung“ rezensierte Uwe Hinrichs Buch „Multi Kulti Deutsch. Wie Migration die deutsche Sprache verändert.“ (siehe auch Infobrief 40. Woche/2013). Hinrichs, Professor für südslawische Sprach- und Übersetzungswissenschaft in Leipzig, bleibe den „Beweis dessen, was der Untertitel ‚Wie Migration die deutsche Sprache verändert‘ postuliert, […] weitgehend schuldig; seine Beispiele wirken eher zufällig“. Unflektierte Formen wie „dem Präsident“ gebe es seit langem im Deutschen und seien nicht ohne weiteres dem Einfluss von Migranten zuzuschreiben. Der Austausch von Präpositionen, das Verschwinden von Endungen und die „Artikelkonfusion“ verkörpere „weniger ein reales Multikultideutsch [...] als vielmehr ein Phantomdeutsch“. (www.nzz.ch)

 

Deutsche Redensarten und Sprichwörter

Die „Bild“ setzte ihre Serie „Deutsche Sprache, schöne Sprache“ mit „beliebten Redensarten – und wo sie eigentlich herkommen“ (Teil 2) sowie „bekannten Sprichwörtern und ihren ausländischen Pendants“ (Teil 3) fort.

 


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Dies ist der VDS-Infobrief. Er enthält die Neuigkeiten und Nachrichten über die deutsche Sprache der vergangenen Woche. Wir sichten die Presse, Aussagen von Politikern, Wissenschaftlern und Persönlichkeiten, die in den Schlagzeilen stehen. Für eine bessere Übersicht fassen wir die Neuigkeiten zusammen. Handelt es sich um Meldungen aus dem Internet, sind die dazugehörigen Verweise angegeben.

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Medienecho

Wiederum als voller Erfolg erwies sich laut einer Mitteilung eine Vortrags­veranstaltung mit grenz­über­schreitendem Charakter, zu welcher die Regional­gruppe Ortenau des Vereins Deutsche Sprache nach Offenburg eingeladen hatte.
(Badische Zeitung 24.4.2015)

 

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Hannah Herzsprung, Schauspielerin, über das wunderschöne Deutsch in ihrem Film "Die geliebten Schwestern"