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VDS-Infobrief 48. Woche

Presseschau vom 26. November bis 2. Dezember 2014

Neue Medien und Sprache

Johannes Ebert, Generalsekretär des Goethe-Instituts, berichtete zum Abschluss des Projekts „Deutsch 3.0“ im„Deutschlandradio Kultur“ über den Einfluss neuer Medien auf Sprache. Besonders junge Menschen verwendeten im Alltag die Sprache von Netzwerken wie Facebook oder Twitter undhäufig Anglizismen. Ebert sieht in diesem Sprachgebrauch keine Probleme, denn sie könnten „sehr gut unterscheiden, wann sie englische Wörter einsetzen und wann sie wieder mit der deutschen Sprache zu tun haben“. Sprache drücke in diesem Alter auch die Identität und Zugehörigkeit zu einer Gruppe aus, so Ebert. Das Projekt befasste sich auch mit der Wissenschaftssprache, bei der Englisch immer mehr zum Vorreiter werde, was auch an Hochschulen zunehmend der Fall sei. (www.deutschlandradiokultur.de)

Dem Bayerischen Rundfunk erklärte Ebert, dass der Wortschatz von sechs auf acht Millionen Wörter gestiegen sei. Migrationseinflüsse und Jugendsprache seien nicht problematisch, wenn Sprecher zwischen diesen Registern und dem Standarddeutschen unterscheiden und wechseln könnten. Das Gespräch zum Nachhören gibt es hier. (www.br.de)

Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstitut Forsa unter 100 Sprachwissenschaftlern ergab, dass 44 Prozent meinen, dass der Wortschatz durch die vermehrte Nutzung digitaler Medien reicher werde. Heike Wiese, Professorin für die Deutsche Sprache der Gegenwart an der Universität Potsdam, erklärte: „Durch digitale Medien verfällt die Sprache nicht, sie entwickelt sich weiter und wird vielseitiger“. 62 Prozent beurteilten den Einfluss der Digitalisierung auf die deutsche Sprache insgesamt als groß. 26 Prozent der Teilnehmer gaben an, dass die digitale Kommunikation vor allem zu mehr Wortschöpfungen führe. Dass die Komplexität von Satzstrukturen abnehme, äußerten 39 Prozent der Befragten, dass weniger auf die Rechtschreibung wie Groß- und Kleinschreibung geachtet werde, 36 Prozent. 20 Prozent gaben an, dass häufiger umgangssprachliche Strukturen in der schriftlichen Kommunikation verwendet werden. Die Umfrage steht hier zum Herunterladen bereit. (www.digital-ist.de)

 

Fluchhafen Berlin“ ist Schlagzeile des Jahres

Die Schlagzeile des Jahres 2014 lieferte der „Fluchhafen Berlin“. „Anders als üblich ging die Schlagzeile dieses Mal dem Ereignis voraus“, kommentierte Jurysprecher und VDS-Vorsitzender Walter Krämer die Wahl. Schon im Jahr 2012 sei diese Schlagzeile ein Kandidat für den Preis gewesen. „Aber erst 2014 wurde die Korrespondenz zwischen Schlagzeile und Ereignis auch für den letzten Zeitungsleser klar.“ Ein Bericht mit dieser Überschrift erschien zum Beispiel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 26. Juni. Die Plätze 2 und 3 gingen an „IBAN, die Schreckliche“ (ein Artikel über die Einführung des Sepa-Systems in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung) und „Gasputin“ (ein Bericht über den Gazprom-Chef Alexei Miller in der Süddeutschen Zeitung). Die 30 besten Schlagzeilen und ihre Quellen sind hier nachzulesen. Mehr dazu hier. (vds-ev.de)

 

Muhammad beliebtester Jungenname in Großbritannien

Der „Guardian“ und „Journalistenwatch“ meldeten, dass Eltern in Großbritannien in diesem Jahr ihre Söhne am häufigsten „Muhammad“ nannten. Im Vorjahr belegte der Name den 27. Platz. Auch andere arabische Namen werden in Großbritannien häufiger vergeben, zum Beispiel „Omar“, „Ali“ und „Ibrahim“ sowie die Mädchennamen „Nur“ und „Maryam“. (www.theguardian.com, journalistenwatch.com)

 

Anglizismen und Denglisch

Die „taz“ berichtete in ihrer Kolumne „Die Wahrheit“, dass Anglizismen nur 3,7 Prozent des deutschen Wortschatzes ausmachten, doch womöglich häufiger benutzt würden als der Großteil der restlichen 96,3 Prozent. So ersetzten „scheinbar weltoffen klingende englische Wörter“ wie „Reading List“ die Leseliste im Seminar oder ein „Letter of Intent“ die Absichtserklärung einer niedersächsischen Stadtverwaltung und auch Gegenbewegungen verschriftlichten ihre Parolen auf Denglisch („NO zu Gentechnik!“). Die „taz“ glaubt: „Womöglich wäre der Kampf gegen Krieg, Faschismus und Rassismus wirkungsvoller, wenn man die Adressaten, die man gewinnen will, in ihrer Sprache anspräche“, anstatt sie von oben herab auf Ausländisch zu traktieren. Diese Arroganz passe besser zu Konzernen, die ihre Reklame nicht in die Sprache ihrer Kundschaft übersetzten und denen ihr weltweit gleiches Erscheinungsbild, ihr Apparat, ihr Betrieb, wichtiger sei. Damit schade man sich vielleicht selbst: „Wer in Berlin für soziale Gerechtigkeit demonstriert und Tafeln hoch hält, auf denen nicht ‚Zahlt, ihr Arschlöcher‘ steht, sondern ‚Pay you fuckers‘, greift nicht die Arschlöcher vor Ort an, sondern buhlt narzisstisch um internationale Medienaufmerksamkeit, für die das Anliegen wumpe ist.“ (www.taz.de)

 

Geschlechtergerechte Sprache

Für Mitarbeiter beim Bayerischen Rundfunk (BR) gibt es eine neue Handreichung für eine geschlechtergerechte Sprache im TV, Radio und im Netz. Jürgen Wieland, Kommissarischer Leiter der BR-Verwaltungsdirektion, schrieb in dem Ratgeber: „Ich bitte alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, in ihrem Arbeitsalltag eine faire Sprache zu verwenden.“ Feuerwehrmänner sind künftig „Einsatzkräfte der Feuerwehr“, Vertrauensmänner werden zu Vertrauenspersonen. Auch andere Begriffe sollen ersetzt werden: Anstatt „jeder“ soll es „alle“, statt „mancher“ soll es „die eine oder der andere“ und anstatt „Antragsteller“ soll es „Wer einen Antrag stellt, der ...“ heißen. (www.merkur-online.de, www.merkur-online.de/leserbriefe/, www.merkur-online.de/leserbriefe 2)

Sprachwissenschaftler Helmut Berschin kritisierte in einem offenen Brief zur Diskussion um „faire Sprache“ beim BR an Wieland, dass dieser die Sprache zu wörtlich nehme. Sprache und Wirklichkeit seien zwei Paar Stiefel. Berschin forderte Wieland dazu auf, die deutsche Sprache dafür zu verwenden, wofür sie eigentlich gedacht sei: zur normalen Verständigung. (www.merkur-online.de)

Der „Cicero“ sieht in dieser Sprachregelung eine „Ausmerzung“ männlicher Endungen und erklärte: „Sprache wird hier vom Abbild einer Wirklichkeit zum Siegel der richtigen Gesinnung. Nachrichten mutieren zu Mitgliedsmarken.“ (www.cicero.de)

„Die Presse“ berichtete, dass der Vorschlag von Lann Hornscheidt, geschlechtsneutrale Endungen mit einem x zu markieren, nicht neu sei: Genderaktivisten setzten sich seit Längerem für diese Variante im Spanischen ein und schlagen auch im Englischen „Mx“ statt „Mr.“, „Mrs.“ oder „Miss“ vor. Einige Universitäten wie die University of London verwendeten diesen Titel auch auf Formularen. Im Schwedischen gibt es nebenWörter für „sie“ und „er“ („han“ und „hon“) das Wörtchen „hen“, was eine Person bezeichnet, ohne deren Geschlecht zu spezifizieren. Hornscheidt löste einen Entrüstungssturm für den Vorschlag aus (siehe Infobrief 47. Woche/2014), nun forderte ein offener Brief, iniitiert von Bildungsforscher Michael Klein und der Soziologin Heike Diefenbach, Lann Hornscheidt mit sofortiger Wirkung von der Universität zu entfernen. Als Gründe gaben sie Dienstvergehen sowie fehlende Befähigung zu wissenschaftlicher Arbeit an. (diepresse.com, www.freitag.de)

 

Gefragtes Deutsch

Die „Deutsche Welle“ berichtete, dass die deutsche Sprache gefragter denn je sei. Außenminister Frank Walter Steinmeiererklärte bei einem Treffen mit Amtskollegen aus Österreich, der Schweiz und Liechtenstein, dass die Nachfrage größer sei als das Angebot, was auch an den Sprachinstituten nicht unbemerkt bliebe. Die Goethe-Institute sollen im kommenden Jahr mit einem Etat von 215 Millionen Euro rechnen können. Auch der Auslandsrundfunk wird im nächsten Jahrüber einen größeren Etat verfügen. Steinmeier lobte außerdem das Übersetzungsprojekt „Traduki“, welches Literatur aus 13 mittel- und südosteuropäischen Sprachen in das Deutsche und zurück übersetzt. (www.dw.de)

 

„Deutsch als Muttersprache“ in Stellenanzeigen diskriminierend

Die „taz“ erklärte, dass die Forderung „Deutsch als Muttersprache“ in Stellenanzeigen diskriminierend sei. Das Berliner Zentrum für Literatur- und Kulturforschung (ZfL) beispielsweise suchte „ein/e studentische/n Mitarbeiter/in der Forschungsreferentinnen der Direktion“ mit „Deutsch als Muttersprache“. Auch die Strax GmbH in Troisdorf und die Arabel Design Apartments am Potsdamer Platz forderte „Deutsch als Muttersprache“. 2009 wurde ein Kunstbetrieb vom Berliner Amtsgericht aus diesen Gründen verklagt. „Deutsch als Muttersprache“ in Stellenausschreibungen als Anforderung sei eine „indirekte ethnische Diskriminierung“ und somit ein Verstoß gegen das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG). Nach Anfragen der „taz“ änderte das ZfL die Formulierung in der Ausschreibung in „muttersprachliches Niveau“. (www.taz.de)

 

Deutsch in der EU

Der „Merkur-Online“ berichtete, dass in Brüssel zu wenig Dokumente ins Deutsche übersetzt werden. Bundestagsvizepräsident Johannes Singhammer protestierte: „In den nächsten Monaten entscheidet sich die Zukunft der deutschen Sprache in Europa.Statt einer überdurchschnittlichen Streichung der deutschen Übersetzerstellen bei der EU-Kommission brauchen wir mehr deutsche Übersetzer in Brüssel“. Auch im Bundestag lagenaufgrund der „Schieflage der Brüsseler Sprachpraxis“ vonden letzten 699 zugestellten Beratungsunterlagen 468 nur auf Englisch vor. Bundeskanzlerin Merkel müsse mehr Druck machen und sich für die gerechte Behandlung der deutschen Sprache in Brüssel einsetzen. (www.merkur-online.de)

 

Hinweis


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Dies ist der VDS-Infobrief. Er enthält die Neuigkeiten und Nachrichten über die deutsche Sprache der vergangenen Woche. Wir sichten die Presse, Aussagen von Politikern, Wissenschaftlern und Persönlichkeiten, die in den Schlagzeilen stehen. Für eine bessere Übersicht fassen wir die Neuigkeiten zusammen. Handelt es sich um Meldungen aus dem Internet, sind die dazugehörigen Verweise angegeben.

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Medienecho

Für Nuhr ist der Kulturpreis Deutsche Sprache eine seiner wichtigsten Auszeichnungen. „Andere Preise habe ich bekommen, weil ich lustig bin, diesen, weil ich ernst genommen werde“, sagte der Preisträger.  Dabei sei die Sprache für ihn von besonderer Bedeutung. „Schließlich gibt es bei meinem Bühnenprogramm keinen Tanz und keine Pyrotechnik - es geht nur um die Worte.“ (Tagesspiegel, 25.10.2014)

 

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Sprüche

„Mich hat es gestört, dass es keine ordentlichen deutschen Texte gab. Ich dachte, das muss doch gehen. Dass ich Trommler war, kam mir sehr zugute. Ich hab mir die Sprache zurechtgetrommelt. Ich konnte gut Wörter dehnen wie Kaugummi, sie schleudern, zerbeißen, konnte rhythmisch auch die ersten Rap-Dinger anlegen: 'Käthe Dorsch wohnt in Kiel', das war schon Ende der Siebziger.“

Udo Lindenberg, DB mobil 5/2016