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Freitag, den 06. November 2015 um 13:34 Uhr

VDS-Infobrief 44. Woche

Presseschau vom 28. Oktober bis 3. November 2015

Kampf um den Sylter Dialekt

sylt
Im Hamburger Abendblatt äußert sich der Verein „Söl'ring Foriining“ besorgt über die Zukunft des Sylter Dialekts Sölring. Nur noch drei Prozent der Inselbewohner sprächen Sölring, einen der zehn Hauptdialekte des Nordfriesischen, der seit dem 9. Jahrhundert belegt ist. Sölring ist auch Literatursprache: Es gibt Komödien, Romane und Balladen aus dem 18. und 19. Jahrhundert und der Dichter Jens Emil Mungard schrieb gut 800 Mundartgedichte. Einer von mehreren Gründen für den Rückgang des Dialekts seien die vielen Touristen, die nach Sylt kommen. Die Sylter hätten „wegen der Gäste" lieber hochdeutsch gesprochen. Heute gibt es wieder Förderkurse im Kindergarten und an Schulen. (abendblatt.de)

 

„Hallo-" und „Okeeeh-" Gesellschaft

Im Focus bemängelt Roland Kaehlbrandt Geringschätzung und Wertverlust der deutschen Sprache. „Entscheidende gesellschaftliche Bereiche wie Wissenschaft, Wirtschaft und europäische Politik werden aus eigener Initiative zunehmend ans Englische abgegeben", so Kaehlbrandt. Außerdem kritisiert er „aufgeblähtes und schwer verständliches Imponierdeutsch", „Wortungetüme wie StaatsanwältInnen oder Testamentsvollstreckende" und die „Hallogesellschaft". Ursache dieser Entwicklung sei der Drang nach wirtschaftlicher Effizienz durch „kulturelle Vereinheitlichung und Vereinfachung". Kaehlbrandt ist Vorstandsvorsitzender der Stiftung 'Polytechnische Gesellschaft' Frankfurt am Main und hat seine Thesen kürzlich auch als Buch vorgelegt: Logbuch Deutsch. Wie wir sprechen, wie wir schreiben. Frankfurt a. M. 2015. (focus.de)

 

Rechtsanspruch auf die Landessprache

Die Technische Universität Mailand will ihre weiterführenden Studiengänge auf Englisch umstellen. Rund hundert Professoren und Studenten klagten dagegen und bekamen in erster Instanz vor dem Verwaltungsgericht recht. An das Folgeverfahren vor dem italienischen Verfassungsgerichtshof knüpft Axel Flessner, Professor für deutsches, europäisches und internationales Privatrecht, in einem Beitrag für die Zeitschrift für Rechtspolitik (ZPR 7/2015, S. 212-215) an und vergleicht es mit der Stellung der deutschen Sprache im deutschen Wissenschaftssystem. „Das Thema ist auch in Deutschland aktuell", schreibt Flessner, denn die TU München plant bekanntlich, Englisch ab dem Masterstudium einzuführen.

Flessner diskutiert zunächst, ob eine Universität durch die im Grundgesetz verankerte Berufsfreiheit die Lehre überhaupt in einer Fremdsprache anbieten darf. Seiner Meinung nach wäre für eine solche Entscheidung ein Gesetz notwendig, und dafür müsste es triftige Gründe geben. Flessner führt noch weitere Bezüge zum Persönlichkeitsrecht und zur Wissenschaftsfreiheit an und kommt zu dem Fazit: „Universitäten und Hochschulpolitik unterstellen anscheinend, dass sie zur Sprache der Lehre freie Hand haben. Der Blick auf die berührten Interessen zeigt aber, dass auch die Sprachpolitik der Universitäten, wie alles staatliche Handeln, rechtlich gebunden ist."

Mehr zu dem Thema Deutsch als Wissenschaftssprache auch unter: adawis.de

 

Max Goldt in Regensburg

Als „Messe des guten Geschmacks, Insel des klugen, vornehmen Denkens" charakterisiert die „Mittelbairische" eine Lesung von Max Goldt in Regensburg. Die Sprache des langjährigen „Titanic"-Kolumnisten sei wie ein elegantes Grandhotel, sein weicher Bariton der weiche, hochflorige Teppich im Foyer, der alles Laute dämpfe und in dem man fast versinke. Max Goldts Lesungen und auch sein neues Buch „Räusper" (Berlin 2015) bestehen zu einem guten Teil aus Sprachkritik, allerdings sei er ein „undogmatischer Oberlehrer". (mittelbayerische.de)

 

Leichte Sprache für alle?

Der Journalist Uwe Roth hält in der SPD-Mitgliederzeitschrift „Vorwärts" ein Plädoyer für die sogenannte „Leichte Sprache". Diese Sprachform hat einfache Wörter, kurze Sätze, keine Füll- und kaum Fremdwörter und ist für Menschen gedacht, die Probleme beim Lesen haben. Besonders Texte von Behörden und Gesetze seien für bestimmte Zielgruppen schwer zu verstehen, so Roth. Er fordert deswegen, dass sich die Sprache der Politik, der Ämter und der Juristen an der sinkenden Lesekompetenz ausrichten müsse.

Der VDS hat zur „Leichten Sprache" mehrmals Stellung bezogen, z.B. in den Sprachnachrichten Nr. 67, S. 13. Demnach ist die „Leichte Sprache" zu begrüßen, um Menschen mit Lesebehinderungen einen leichteren Zugang zu ermöglichen. Grundsätzlich sollte diese Sprachform aber als Ergänzung verstanden und die Stellung des Standarddeutschen besonders auch in der schulischen Ausbildung nicht in Frage gestellt werden. (vorwaerts.de, vds-ev.de)

 

Wörterwahlen

Bis zum 7. November läuft die Abstimmung für das Jugendwort des Jahres. Laut der Zeitung „Die Welt" sei der Favorit das Verb „merkeln", das für „nichts tun, keine Entscheidung treffen, keine Äußerung von sich geben" steht. Zur Wahl stehen auch „rumoxidieren" für faulenzen sowie „Egoshoot" für das Selbstfoto. Der Ausdruck „Alpha-Kevin" war der einstige Favorit, wurde jedoch im Juli von der Wahl ausgeschlossen, da keine realen Personen diskriminiert werden sollten. Ganze Aussprüche, wie das Jugendwort des Jahres 2014 „Läuft bei dir" („Du hast es drauf"), sind in diesem Jahr nicht erlaubt. (welt.de)

Die Österreicher wählen derzeit das Wort sowie Unwort des Jahres. Bis zum 3. Dezember werden die Nachfolger von „situationselastisch" und „Negerkonglomerat" gesucht. Neben Wörtern aus der Asyl-Politik stehen Wörter zur Auswahl, die mit der Sommerhitze zusammenhängen, z.B. „Hitzemanagement", mit dem das Gesundheitsministerium die Bürger aufforderte, bei hohen Temperaturen Schutz zu suchen und viel zu trinken, um so „die Hitze managen" zu können. Weitere Wörter sind z.B „Hopfensmoothie" für Bier und „Intelligenzflüchtlinge" für dumme Menschen. (heute.at)

 

Sprachpreise

Der Schriftsteller Rainald Goetz ist am 31. Oktober 2015 mit dem Georg-Büchner-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung ausgezeichnet worden (Dotierung: 50.000 Euro). Die Neue Zürcher Zeitung erinnert aus diesem Anlass an Goetz' misslungene Frankfurter Poetikvorlesung im Jahr 1998. „Vor mehreren hundert Zuhörern – in der zweiten Reihe sass auch Goetz' Verleger Siegfried Unseld, kopfschüttelnd, händeringend – geriet der Schriftsteller in zunehmende Schwierigkeiten."
Das Deutschlandradio Kultur zitiert aus der Rede des Laudators Jürgen Kaube (FAZ-Feuilletonchef), der die „Kunst des Lauschens" als Schlüssel zum Werk des Preisträgers entdeckte und erklärte, „weshalb Goetz an Erfindungen so wenig Interesse nimmt und ein ganzes literarisches Werk aufgewendet hat, herauszufinden, wie es klingt und was es bedeutet, wenn Personen sich sprachlich darstellen, indem sie etwas Dummes, Angeberisches, Kluges, Besoffenes, Pathetisches, Witziges, Drohendes, Schönes sagen."

Einen Eklat gab es während der Verleihung des Johann-Heinrich-Merck-Preises für literarische Kritik und Essay (Dotierung: 20.000 Euro) an die Journalistin Gabriele Goettle. Dem Präsidenten der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, Heinrich Detering, war die Laudatio auf Goettle zu polemisch, so dass er sich bereits vor dem Verlesen davon distanzierte.

Ausgezeichnet wurde auch der Sprachwissenschaftler Peter Eisenberg. Er erhielt den Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa (Dotierung: ebenfalls 20.000 Euro). (nzz.ch, deutschlandradiokultur.de)

Am 6. November wird der niederdeutsche Literaturpreis von der Stadt Kappeln in Kooperation mit dem Schleswig-Holsteinischen Heimatbund für „herausragende Leistungen im Bereich der Niederdeutschen Sprache" vergeben. Obwohl die plattdeutsche Sprache in den vergangenen Jahren an Interessenten verloren habe, setzen sich Institutionen wie z.B die Stadtbücherei Kappeln mit Lesungen auf Plattdeutsch für den Erhalt des Dialekts ein. Die Grundschule Karby nimmt an einem Modellversuch über vier Jahre teil, der zwei zusätzliche Lehrerstunden pro Schuljahr für den Plattdeutschunterricht ermöglicht. (shz.de)

 


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Verein Deutsche Sprache e.V. Dortmund
Redaktion: Anna Beckmann

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Medienecho

Für Nuhr ist der Kulturpreis Deutsche Sprache eine seiner wichtigsten Auszeichnungen. „Andere Preise habe ich bekommen, weil ich lustig bin, diesen, weil ich ernst genommen werde“, sagte der Preisträger.  Dabei sei die Sprache für ihn von besonderer Bedeutung. „Schließlich gibt es bei meinem Bühnenprogramm keinen Tanz und keine Pyrotechnik - es geht nur um die Worte.“ (Tagesspiegel, 25.10.2014)

 

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Johann König, Komiker und Lingualgourmet