Suche auf der VDS-Seite

Drucken

VDS-Infobrief 47. Woche

Presseschau vom 18. bis 24. November 2015

Grüne mit Sternchen

radfahrer coyoteiii
Foto: „Radfahrer-innen absteigen" von Coyote III - Eigenes Werk/Wikimedia Commons

Die Grünen sprachen sich auf ihrem Parteitag für sprachliche Gleichstellung von Männern und Frauen aus und forderten den sog. „Gender-Stern“ einzuführen. Die Partei solle dieses „sprachliche Hilfsmittel“ nutzen, um „verschiedene Geschlechter und Identitäten zu berücksichtigen“. In politischen Texten werde künftig von „Bürger*innen“ die Rede sein. Neben dem Binnen-I („StudentInnen“), dem Unterstrich („Student_innen“) oder der Partizipform („Studierende“) und einigen anderen Vorschlägen führen die Grünen damit eine weitere Variante ein. Ziel sei es „auch transsexuelle, transgender und intersexuelle“ Menschen zu berücksichtigen und nicht zu diskriminieren, so der Bundesvorstand zu dem Beschluss. Es handele sich um einen „pragmatischen Vorschlag, wie wir Grüne in Zukunft eine geschlechtergerechte Sprache anwenden wollen“, sagte Gesine Agena, frauenpolitische Sprecherin der Partei und Mitglied des Bundesvorstands.

Die WAZ setzte zur Veranschaulichung den Bericht über den Parteitag in geschlechtsneutraler Sprache und kritisierte, dass die Leser durch die ungewohnte Schreibweise viel mehr Zeit zum Lesen aufbringen müssten.

Für den Psychologen Pascal Gygax von der Universität Freiburg ist der Aspekt einer klar verwendbaren und eindeutigen Sprache weniger wichtig. Im Interview mit dem Nachrichtenportal „20 Minuten“ argumentiert er dafür, dass in Stellenanzeigen beide Geschlechter angesprochen werden sollten.

Eine Arbeitsgruppe des VDS beschäftigt sich mit der geschlechtsneutralen Sprache. Nach deren Einschätzung sollte in den meisten Textsorten weiterhin das bewährte generische Maskulinum verwendet werden. (spiegel.de, derwesten.de, 20min.ch, vds-ev.de)

 

Mehr Deutsch , weniger Englisch

Die Grundschullehrer in Mecklenburg-Vorpommern fordern mehr Deutschstunden für ihre Schüler. Dafür soll der in diesem Bundesland überdurchschnittlich erteilte Englischunterricht an den Grundschulen gekürzt und das Fach Deutsch mit dem Sachkundeunterricht verknüpft werden. Eine Umfrage des Biildungsministeriums in Schwerin hatte ergeben, dass die Rechtschreibleistungen im Vergleich mit anderen Bundesländern nachgelassen haben. Bildungsminister Brodkorb (SPD) sagte: „Vielleicht sollten wir häufiger auf die Praktiker hören, dann könnten wir uns manches modernistische Reförmchen sparen.“ (news4teachers.de, svz.de)

 

Kulturvermittler im Sprachkurs

Die Süddeutsche Zeitung berichtete über die Erfahrungen eines ehrenamtlichen Deutschlehrers für Flüchtlinge. Alexander Niehusmann, der in Bad Tölz Sprachkurse für Asylbewerber gibt, sei es wichtig, nicht nur Grammatik zu vermitteln, sondern auch kulturelle Besonderheiten Deutschlands: Warum haben alle an Weihnachten frei? Warum ist der Ramadan kein gesetzlicher Feiertag? Was bedeutet Demokratie?

Flüchtlinge, über deren Aufenthaltsstatus noch nicht entschieden ist, haben keinen Anspruch auf einen Sprach- oder Integrationskurs. Sie sind zumeist auf ehrenamtliche Helfer angewiesen oder müssen einen Sprachkurs selbst bezahlen.

Das Finanzministerium schlug vergangene Woche vor, dass sich anerkannte Flüchtlinge an den Kosten für einen Deutschkurs beteiligen sollen. Finanzminister Wolfgang Schäuble forderte einen Beitrag von 36 Euro, der von den monatlichen Geldzahlungen einzubehalten sei. (sueddeutsche.de, faz.ne)

 

Goethe-Institut und Wissenschaftssprache

Das Goethe-Institut lädt ein zu einer Debatte über „Deutsch als Sprache der wissenschaftlichen Lehre“. Deutsch müsse als Sprache der Wissenschaft weiterentwickelt werden, weil Erfindungen Erfindungen und Vorgänge erklär- und benennbar bleiben müssten. „Gerade in den Entwicklungsabteilungen, wo es um Vorstellungskraft, Denkschärfe und um reibungslose Verständigung geht, ist erfahrungsgemäß der Einfallsreichtum der Ingenieure in ihrer Muttersprache am größten“, schreibt das Goethe-Institut in der Ankündigung.

Für das Englische spreche die Internationalisierung der Wissenschaftsgemeinschaft, die Bedeutung der englischen Fachmagazine und die „hohe Attraktivität des Studienstandorts Deutschland im Verbund mit Englisch für steigende Zahlen ausländischer Studierender“.

Am 3. Dezember findet dazu eine Podiumsdiskussion an der Technischen Universität Berlin statt. Es diskutieren: Prof. Dr. Christian Fandrych, Geschäftsführender Direktor des Herder-Instituts der Philologischen Fakultät der Universität Leipzig, Prof. Dr. Robert Grebner, Präsident der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt, Prof. Dr.-Ing. Gerhard Müller, Vizepräsident für Studium und Lehre, Technische Universität München und Dr. Stefan Mair, Mitglied der Hauptgeschäftsführung des BDI, Berlin.

Mit der Sprache der Wissenschaft beschäftigt sich auch der Beitrag „Pejorative Konnotation“ in der ZEIT. Dem Autor Roland Kaehlbrandt geht es aber vorrangig um gespreizte Formulierungen, Imponierdeutsch und den Einfluss des Englischen an Deutschlands Universitäten und Hochschulen. „In der Geschichte der deutschen Wissenschaftssprachen gab es immer wieder die Neigung, Klarheit, Stil und Rhetorik geringzuschätzen“, so Kaehlbrandt. (goethe.de, zeit.de)

 

Heinrich-Böll-Preis für Herta Müller

Die Schriftstellerin Herta Müller erhält den mit 20.000 Euro dotierten Heinrich-Böll-Preis, der seit 1985 vergeben wird. Müller sei eine große literarische Chronistin der Abgründe des 20. Jahrhunderts, so die Begründung der Jury. Zu ihren Werken zählen u.a. der 1982 in Rumänien geschriebene Roman „Niederungen“ sowie der 2009 erschienene Roman „Atemschaukel“. 2009 hatte sie bereits den Literaturnobelpreis erhalten. (deutschlandradiokultur.de)

 

Begründer der Hethitologie

„Radio Prag“, der Auslandssender des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Tschechien, feierte in einem anschaulichen Beitrag die Entschlüsselung der Sprache der Hethiter durch den tschechischen Altorientalisten Bedřich Hrozný vor hundert Jahren. Hrozný hatte seine Erkenntnisse bei der Erforschung der hethitischen Keilschrift im Herbst 1915 veröffentlicht und damit die älteste indoeuropäische Sprache entziffert. Den hethitischen Spruch „„NINDA-an ezzatteni watar-ma ekutteni nu NINDA-an éccátteni wátarma ekútteni“ übersetzte er mit: „Jetzt werdet ihr das Brot essen, dann werdet ihr das Wasser trinken.“

Von einem Forschungsaufenthalt in Konstantinopel hatte Hrozný die Abschriften vieler Texte mitgebracht und hielt über seine Studien am 24.11.1915 bei der Deutschen Orientgesellschaft in Berlin den Vortrag: „Die Lösung des hethitischen Problems. Ein vorläufiger Bericht“. Viele seiner Fachkollegen glaubten ihm nicht, als er darin das Hethitische den indoeuropäischen Sprachen zuordnete, weil das Hethitische ursprünglich für eine kaukasische Sprache gehalten wurde. Es vergingen fast zehn Jahre, bis sich Hroznýs Theorie durchsetzte.

Bedřich Hrozný wurde 1879 im mitteböhmischen Lysá nad Labem/Lissa an der Elbe als Sohn eines evangelischen Pfarrers geboren. 1897 ging er nach Wien und studierte zunächst Theologie, wechselte aber bald zum Studium altorientalischer Sprachen. 1905 habilitierte er an der Wiener Universität und führte dort den neuen Studiengang „Keilschrift“ ein. 1952 starb Hrozný in Prag.

„Dank der Entzifferung der Sprache durch Bedřich Hrozný konnte die moderne Welt vieles über die im Altertum liegenden Wurzeln der Hethiter erfahren“, schreibt Radio Prag. (radio.cz)


 

Der VDS-Infobrief enthält Neuigkeiten und Nachrichten der vergangenen Woche über die deutsche Sprache. Bestellbar unter: infobrief@vds-ev.de.

 

RECHTLICHE HINWEISE

Bitte antworten Sie nur dann auf diesen Infobrief, wenn Sie ihn abbestellen oder eine neue E-Post-Adresse angeben wollen. Zur Diskussion bietet sich das VDS-Internet-Forum an: http://rundbrief.vds-ev.de.

Verein Deutsche Sprache e.V. Dortmund
Redaktion: Anna Beckmann, Holger Klatte

Der Verein Deutsche Sprache e.V. nimmt den Schutz Ihrer persönlichen Daten ernst. Ihre Daten werden ausschließlich für den Versand dieses Infobriefs gespeichert.

© Verein Deutsche Sprache e.V.

 

 

Medienecho

Für Nuhr ist der Kulturpreis Deutsche Sprache eine seiner wichtigsten Auszeichnungen. „Andere Preise habe ich bekommen, weil ich lustig bin, diesen, weil ich ernst genommen werde“, sagte der Preisträger.  Dabei sei die Sprache für ihn von besonderer Bedeutung. „Schließlich gibt es bei meinem Bühnenprogramm keinen Tanz und keine Pyrotechnik - es geht nur um die Worte.“ (Tagesspiegel, 25.10.2014)

 

Mitglied werden

vds-logo-kleinMachen Sie mit! Im Verein Deutsche Sprache e. V. tun Sie etwas für die Zukunft des Deutschen als Kultur­sprache. Jeder ist willkommen; inzwischen sind es mehr als 36.000 Menschen, die weltweit im VDS in über 120 Ländern die deutsche Sprache fördern. Sie können den VDS als stilles Mitglied unterstützen oder die Vereinsarbeit aktiv mitgestalten. Hier (PDF-Datei) finden Sie den Antrag auf Mitglied­schaft. Am besten gleich ausfüllen und mit gelber Post oder per Fax an die Vereinszentrale zurück­. Weitere Informationen finden Sie hier: Mitglied werden.

Stiftung Deutsche Sprache

stiftungdsDie Stiftung Deutsche Sprache ergänzt die Vereinsarbeit. Sie wurde 2001 ge­gründet, ist weltanschaulich neutral, politisch unabhängig und verfolgt ausschließlich gemeinnützige Zwecke.

Sprüche

„Ich glaube, die Deutschen sind nicht stolz genug auf ihre Sprache. An Heideggers Aus­spruch, nur Deutsch und Griechisch seien fürs Philosophieren geeignet, ist vielleicht doch ir­gendwas dran. Ich glaube jedenfalls nicht, dass es ein Zufall ist, dass es in der Vergangenheit so viele deutsche Denker und Komponisten gab. Oder in der Gegenwart, dass die Deutschen so einzigartig gute Maschinen und Motoren bauen. Die Komplexität ihrer Sprache bereitet sie genau darauf vor."

Yngve Slyngstad, Chef des Norwegischen Staatsfonds in: Frankfurter Allgemeine Sonntags­zeitung, 7. Februar 2016, S. 40.