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VDS-Infobrief 49. Woche

Presseschau vom 2. bis 8. Dezember 2015

Sorge um österreichisches Deutsch

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Bild: © Fotolia / Dieter Hawlan

Der Linguist Rudolf de Cillia von der Universität Wien hat in einem Forschungsprojekt mit 1.250 Schülern und 160 Lehrkräften herausgefunden, dass das österreichische Deutsch weder in der Lehrer­ausbildung noch in den Lehr­plänen ausreichend thematisiert wird. Auch mit den übrigen Varianten des Deutschen über die Staatsgrenze hinaus beschäftigten sich nur 15 Prozent der Lehrkräfte. Dass es systemische Unterschiede in der Standard­sprache zwischen den Ländern gibt, wusste die Mehrheit der Befragten immerhin. De Cillia sieht das Thema Varietäten­toleranz für den Schul­unterricht als wichtig an, um diese Varietäten nicht abzulehnen. In Österreich stellen Deutsche zudem die größte Migrantengruppe dar, weshalb eine Thematisierung in den Schulen angebracht sei.

Die Studien ergeben, dass die Befragten bestimmte Austriazismen bevorzugen, z.B „der Bub“, „der Jänner“ oder „der Schweinsbraten“ (für Schweinebraten). 79 Prozent der Schüler sagten aber lieber „Tschüss“ statt „Servus“. Je jünger die Probanden waren, desto eher verwendeten sie Wörter aus dem Hochdeutschen. (diepresse.com, diepresse.com)

 

Deutsch als Zweitsprache: In Lehrerausbildung oft Fehlanzeige

Die Süddeutsche berichtete über eine repräsentative Forsa-Umfrage unter 14- bis 21jährigen. Werden die Schulen der gewaltigen Integrationsaufgabe gegenüber den Einwanderern gewachsen sein? 88% der Befragten im Osten unseres Landes bezweifeln es, 81% der bereits Volljährigen ebenfalls. Lediglich 31% derer, die als Migrantenkinder in Deutschland zur Schule gingen, glauben an das Gelingen. Ihre Schulabbrecher-Quote ist doppelt so hoch wie bei den deutschstämmigen Schülern. Auf ein wichtiges Hindernis weist das Mercator-Institut für Sprachförderung an der Uni Köln hin. Deutsch als Zweitsprache spielt nur in etwa der Hälfte der Studiengänge für die Lehrerausbildung eine Rolle. Das Institut versucht seit Jahren, das Thema in die Öffentlichkeit zu bringen. Der VDS will nicht abwarten, bis die Kultusminister das Problem gelöst haben. Er hat deshalb eine Reihe regionaler Initiativen ergriffen. Der Not gehorchend arbeiten sie zum Teil noch mit Amateuren. Die gerade erschienenen „Sprachnachrichten“ berichten darüber. (vds-ev.de, sueddeutsche.de)

 

Deutsche Lieblingswörter

Die Deutsche Welle hat auf ihrer Deutsch-Lern-Seite bei Facebook nach dem schönsten deutschen Wort gefragt. Die Nutzer reichten mehr als 2.300 Vorschläge ein. Viele seien sich einig gewesen, dass Deutsch die schönste Sprache der Welt sei. Die Wochenzeitung „der Freitag“ hat dazu Listen mit den am häufigsten genannten Wörtern erstellt, nach den Herkunftsländern gruppiert. Deutschland erhalte damit ein klangvolles und melancholisches Wörterbuch von jenen, die Deutsch als Fremdsprache lernen. Neben Wörtern wie „Bahnhof“ oder „Wohnung“ finden sich auch „Frieden“, „Mitmensch“ und „Herzschmerz“ wieder. Die Wörterlisten gibt es hier. (freitag.de)

 

Auswandern – Einwandern

Eine neue Ausstellung im Deutschen Auswandererhaus in Bremerhaven stellt Deutschland sowohl als Land der Auswanderer als auch der Einwanderer vor. Beides sei Teil der deutschen Geschichte, so Simone Eick, Direktorin des Deutschen Auswandererhauses. 300 Jahre Einwanderungsgeschichte werden im „Migrationsmuseum“ behandelt, beginnend mit den Hugenotten. Auch ein aktuelles Projekt mit syrischen Bürgerkriegsflüchtlingen ist eingebunden. Die Sonderausstellung „deutsch und fremd?“ ist in drei Teile gegliedert und geht bis zum 31. Mai 2016. Bremerhaven ist vom 26.-28. Mai 2016 der Ort der nächsten VDS-Delegiertenversammlung. (deutschlandradiokultur.de)

 

Ansagen auf Englisch

Ab 2017 wird Englisch die einzige Kommunikationssprache von Fluglotsen und Piloten in China sein, vermeldete die führende Internetseite für Luftfahrtnachrichten AINonline. Bislang kommunizieren chinesische Fluglotsen nur mit ausländischen Piloten auf Englisch, mit chinesischen Landsleuten jedoch auf Chinesisch. Piloten der drei wichtigsten südostasiatischen Fluggesellschaften hatten bereits Anfang 2015 den Wunsch nach einer einheitlichen Sprache geäußert. Laut Chinas ziviler Luftfahrtbehörde (CAAC) stelle dies für die Piloten kein Problem dar, da die meisten einen sechsmonatigen Englischkurs absolviert hätten. (german.china.org.cn)

Auf Englisch erfolgt auch bald die Ansage in Bussen der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG). Viele Touristen verstünden z.B. „Türbereich freimachen“ nicht, hieß es im Tagesspiegel. Daher soll nun in den Bussen der Strecke Flughafen Tegel - Alexanderplatz eine englische Stimme vom Tonband darauf hinweisen, den Bereich an der Tür zu verlassen. (tagesspiegel.de)

 

(Un-)Wort des Jahres in Österreich gewählt

„Willkommenskultur“ ist das Wort des Jahres in Österreich. Das Wort habe in Bezug auf die Flüchtlingsbewegung eine neue Bedeutung erlangt, hieß es seitens der Fachjury. Die Formulierung „besondere bauliche Maßnahmen“ ist Unwort des Jahres 2015 geworden. Es beschreibt den geplanten Grenzzaun an den Grenzübergängen zu Slowenien. 34.000 Österreicherinnen und Österreicher beteiligten sich an der Internetabstimmung. (deutschlandradiokultur.de)

 

Immer mehr Deutschschüler weltweit

Die Goethe-Institute im Ausland hatten im vergangenen Jahr 230.000 Kursteilnehmer, 10.000 mehr als im Vorjahr. Im Inland sei die Zahl bei 45.000 stabil geblieben, sagte Institutspräsident Klaus-Dieter Lehmann auf der Jahrespressekonferenz. Ein Schwerpunkt der Arbeit des Goethe-Instituts soll 2016 ein erweitertes Angebot für Flüchtlinge und für ehrenamtliche Helfer sein. Lehmann betonte, dass das Erlernen der deutschen Sprache der Schlüssel für die gesellschaftliche Teilhabe in Deutschland sei. Das Goethe-Institut setzt sich mit kulturellen Bildungsangeboten auch für bessere Bedingungen in den syrischen Nachbarländern ein. Mit 159 Instituten in 98 Ländern vermittelt das Goethe-Institut die deutsche Sprache und Kultur. (mittelbayerische.de)

 

Sprache auf Toilettenwänden

Die Sprachwissenschaftlerin Christine Domke von der Universität Chemnitz hat sich in ihrer Habilitationsschrift mit dem Thema „Betextung des öffentlichen Raumes“ beschäftigt. Dafür untersuchte sie „Schmierereien“ in Toiletten von Nachtlokalen und Diskotheken. Ein Ergebnis: Beide Geschlechter üben diese aus, jedoch zu unterschiedlichen Zwecken. Frauen nutzen die Toilettenwände, um zu kommunizieren, da sie häufig ganze Dialoge hinterlassen. Auch finden sich auf Frauentoiletten Liebeserklärungen wieder, bei den Männern weniger. Beide Geschlechter thematisieren politische Themen und Lebensweisheiten. Domke spricht von „kommunikativem Aneignen“, da beide Geschlechter versuchen, aus einem öffentlichen einen privaten Raum zu machen. (sueddeutsche.de)

 

Deutsch als Wissenschaftssprache

An immer mehr deutschen Hochschulen werden Vorlesungen und Seminare – zunehmend ausschließlich – auf Englisch statt Deutsch angeboten. Während die gängige Lehrsprache des Bachelorstudiums meist noch das Deutsche ist, steige der Anspruch mit Beginn des Masters auch hinsichtlich fachspezifischer Sprach­kenntnisse im Englischen, so der Vizepräsident für Studium und Lehre der Technischen Universität München, Gerhard Müller. Wie aus dem Bericht des Deutschlandfunks von Verena Kemna hervorgeht, biete Englisch als Wissenschafts­sprache zwar einen Vorteil im globalen Wettbewerb, behindere aber zugleich das Verständnis komplizierter Lehrinhalte. Demnach könne und dürfe Monolingualität nicht das Ziel deutscher Universitäten sein, so das Fazit Christian Fandrychs, Direktor des Herder Instituts an der Philologischen Fakultät der Universität Leipzig. Vielmehr solle durch begleitende und fachbezogene Materialien und Tutorien Sprachunterstützung geleistet werden, „um Mehrsprachigkeit zu ermöglichen“. (deutschlandfunk.de)

 

Minderheitensprachen in Deutschland

Das Nordfriesische Institut in Bredstedt, seit 2012 korporatives Mitglied des VDS, feierte in dieser Woche die Erweiterung ihrer Forschungseinrichtung. Passend zum 50-jährigen Bestehen des Instituts wurde der neue Anbau vor geladenen Gästen, darunter Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Torsten Albig, eingeweiht. Dieser betonte die Relevanz des Erhalts regionaler Sprache. Dementsprechend sei der „Einsatz gegen das Sprachensterben [...] genauso wichtig, wie der gegen das Artensterben“, so Prof. Dr. Werner Reinhart, Präsident der Europa-Universität Flensburg.

Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, bietet die Universität Leipzig den Bachelorstudiengang „Europäische Minderheitensprachen“ an. Der Rückgang deutscher Minderheitensprachen sei jedoch nicht das Problem der Sprache an sich, so Eduard Werner, Dozent für Sorbisch in Leipzig. Vielmehr sehen sich diese Sprachen mit einem geringen Ansehen und Vorurteilen in der Gesellschaft konfrontiert, die sich historisch begründen ließen. (nordfriiskinstituut.de, shz.de, sueddeutsche.de)

 


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Verein Deutsche Sprache e.V. Dortmund
Redaktion: Anna Beckmann, Kurt Gawlitta, Lea Jockisch, Holger Klatte

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Medienecho

Wiederum als voller Erfolg erwies sich laut einer Mitteilung eine Vortrags­veranstaltung mit grenz­über­schreitendem Charakter, zu welcher die Regional­gruppe Ortenau des Vereins Deutsche Sprache nach Offenburg eingeladen hatte.
(Badische Zeitung 24.4.2015)

 

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Sprüche

„Mich hat es gestört, dass es keine ordentlichen deutschen Texte gab. Ich dachte, das muss doch gehen. Dass ich Trommler war, kam mir sehr zugute. Ich hab mir die Sprache zurechtgetrommelt. Ich konnte gut Wörter dehnen wie Kaugummi, sie schleudern, zerbeißen, konnte rhythmisch auch die ersten Rap-Dinger anlegen: 'Käthe Dorsch wohnt in Kiel', das war schon Ende der Siebziger.“

Udo Lindenberg, DB mobil 5/2016