Infobrief 408(14/2018): Steigendes Interesse an Deutschkursen

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1. Presseschau vom 30. März bis 5. April 2018

  • Steigendes Interesse an Deutschkursen
  • Sprachpetition knackt Quorum
  • Gebärdensprache per Telefon
  • Geschriebenes prägt sich ein

2. Unser Deutsch

  • Dialekt

3. VDS-Termine

4. Literatur

  • Verlorene Wörter

5. Denglisch

  • Keine „Mega-Performance“ beim FC Freiburg

 

 

1. Presseschau vom 30. März bis 5. April 2018

Steigendes Interesse an Deutschkursen


Foto: Pixabay, CC0-Lizenz

Im Ausland lernen rund 15 Millionen Menschen Deutsch als Fremdsprache; in Deutschland selbst besuchen rund eine Million Zuwanderer oder Austauschschüler Deutschkurse. Für den Fachverband Deutsch als Fremd- und Zweitsprache e.V., der in Mannheim zu seiner Jahrestagung zusammengekommen ist, sind das gute Aussichten, denn steigendes Interesse an der deutschen Sprache bedeutet auch Kundschaft für die Sprachschulen im In- und Ausland. Der Fachverband ist die gemeinnützige Interessenvertretung für alle, die in Forschung und Lehre mit Deutsch als Fremd- oder als Zweitsprache zu tun haben. Dem Verband gehören rund 800 Mitglieder an, rund 450 Mitglieder aus rund 100 Ländern nehmen an der Tagung in Mannheim teil.

Stark gestiegen ist seit 2015/2016 auch der Bedarf an Deutschkursen im Inland. Die Versuche, Flüchtlinge sprachlich für ein Studium an einer Universität in Deutschland zu qualifizieren, seien jedoch bisher wenig erfolgreich, berichtete eine Vertreterin des Deutschen Akademischen Austauschdienstes. Man sei von bis zu 50.000 Personen ausgegangen, die dazu befähigt werden könnten. Tatsächlich seien es im November 2017 nicht einmal 7.000 gewesen, davon 75 Prozent aus Syrien.

Auf der Tagung geht es auch um die Qualifizierung ehrenamtlicher Sprachbegleiter. Zu diesem Thema hatten sich auch der Verein Deutsche Sprache e.V. und die Stiftung Deutsche Sprache mit einem Projekt beteiligt. (morgenweb.de, daf-jahrestagung.de, weiterkommen.org)

 

Sprachpetition knackt Quorum

Eine Europäische Petition der Initiative „Minority Safepack“ hat 1.192.165 Unterschriften gesammelt und damit erreicht, dass das Europäische Parlament eine Debatte zum Thema Minderheiten führen muss. Zu den deutschen Unterzeichnern zählen auch Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther und andere Vertreter der Politik. Der Südtiroler Abgeordnete im Europäischen Parlament, Herbert Dorfmann, erklärte dazu: „Das ist jetzt vor allem ein Arbeitsauftrag an das Europäische Parlament.“

Die Bürgerinitiative setzt sich seit 2012 für die Rechte von Minderheiten in der Europäischen Union und für einen besseren Schutz ihrer Sprachen und Kulturen ein. Ihr Motto lautet: „Vereinigt in Vielfalt“. (stol.it, minority-safepack.eu, sz-online.de)

 

Gebärdensprache per Telefon

Mit rund 140.000 Sprechern zählt die Gebärdensprache in Deutschland zu den Minderheitensprachen. Ihre Sprecher sind häufig von der Gesellschaft abgegrenzt, eine Berücksichtigung der Betroffenen findet erst seit wenigen Jahrzehnten statt, beispielsweise durch die simultane Übersetzung von Nachrichten durch eingeblendete Gebärdendolmetscher. Besonders in Alltagssituationen sind die kommunikativen Hürden groß. Abhilfe soll nun eine Mobiltelefon-App schaffen, die ein Forscherteam aus sechs Ländern erarbeitet hat. Mithilfe von Avataren, dem Menschen nachempfundene digitale Figuren, übersetzt die App das gesprochene Wort in die Gebärdensprache. Bisher umfasst der Wortschatz etwa 500 Wörter. Eine Herausforderung stellen dabei nicht nur Unterschiede der Gebärdensprachen in den einzelnen Ländern dar – demnach gibt es etwa 135 verschiedene Gebärdensprachen –, sondern auch Dialekte und Bedeutungsungenauigkeiten der Gebärdenwörter. (zdf.de)

 

Geschriebenes prägt sich ein

Wie viele Zinken hat eine handelsübliche Gabel? In welche Richtung zeigt der untere Bogen des kleinen „g“ in gedruckter Schreibweise? Solche alltäglichen Dinge, die eine gewisse Selbstverständlichkeit für uns haben, nehmen wir häufig als generelles Konzept wahr, wodurch sich Einzelheiten und Eigenschaften verlieren. Kognitionsforscher der Universität Baltimore haben dies als Teil einer größeren Studie herausgefunden. Sie ließen Probanden unter vier g-Schreibweisen die richtige heraussuchen. Dabei tippte nur gut ein Viertel auf die tatsächlich korrekte Variante. Über die Hälfte der Befragten entschied sich für die häufig in geschriebener Form genutzte, nahezu spiegelverkehrte Ausführung. Die Forscher kamen zu dem Schluss, dass Details sich deutlich besser einprägen, wenn wir sie selbst schreiben oder zeichnen, also händisch erlernen.  (welt.de, deutschlandfunknova.de)

 

2. Unser Deutsch

Dialekt

Das neue Interesse für Heimat in der Politik rückt auch die Dialekte wieder ins Licht. Sind sie bedroht, gehen sie gar bald unter? Oder haben sie sich in die Lieder des Karnevals, in Comedy, bairische Stanzeln, Lyrik und heitere Volksstücke gerettet? Ist der Stammtisch (wo es ihn noch gibt) ein letztes Reservat?

Neuere Dialektforschung hat herausgefunden, dass die lokalen Dialekte vielerorts regionalen Umgangssprachen weichen, die auch für Ortsfremde verständlich sind, aber dennoch viel lokales Kolorit in Aussprache und Wortschatz bewahren. Diese Regionalsprachen, wie sie jetzt genannt werden, sind nicht nur die Nachfolger vieler Dialekte, sie haben auch eine wichtige Funktion übernommen: als Identifikationsmerkmal einer regionalen Lebensgemeinschaft.

Auch die Dialektologie hat ihr ursprüngliches Thema, die Verbreitung der lokalen, der ‚ursprünglichen‘ Dialekte ausgeweitet auf die vielen Varianten gesprochener Sprache, bis hin zur Alltagssprache und zum regionalen Akzent. Damit kehrt sie zurück zur ursprünglichen Bedeutung von Dialekt. Das Wort ist seit dem 16. Jahrhundert als Entlehnung aus lat. dialectus belegt und bezog sich auf die vielen Formen gesprochener Sprache. Bis ins 19. Jahrhundert gab es noch keine gesprochene Hochsprache, nur eine gemeinsame Schrift- und Literatursprache. (Erst das Theater, letztlich der Rundfunk hat zur allgemeinen Verbreitung eines gesprochenen Standard beigetragen.) Das lateinische Wort war wiederum entlehnt aus griechisch diálektos ‚Unterredung, mündliche Verhandlung‘, abgeleitet aus dialégesthai ‚sich unterreden, besprechen‘.

Der drohende Untergang der Vielfalt deutscher Dialekte ist bis heute ein Ansporn ihrer Erforschung. Ihre erste große Dokumentation erfuhren sie durch den Marburger Bibliothekar Georg Wenker. Er hatte eine Methode entwickelt, die Unterschiede dialektaler Laut- und Formensysteme auf geographischen Karten zu dokumentieren. Seinen vor 140 Jahren konzipierten ‚Sprachatlas des Deutschen Reiches‘ hatte er mit farbigen Symbolen in zwei Exemplaren handgezeichnet, konnte dies Werk aber nie veröffentlichen. Dies ist erst seinem aktuellen Nachfolger am Marburger Forschungsinstitut gelungen: im Internet (DiWA). Wenker hatte seine Belege durch eine Fragebogen-Umfrage an allen Volksschulen erhoben. Heute werden Dialektbefragungen vor Ort von ausgebildeten Dialektologen durchgeführt. So entstand ein 50-bändiger ‚Bayerischer Sprachatlas‘. Ihm folgten im Internet ‚sprechende Sprachatlanten‘ (der Benutzer kann einen Ort anklicken und den lokalen Dialekt hören). Die digitale Kommunikation wird neuerdings auch für Erhebungszwecke genutzt, zum Beispiel im ‚Atlas zur deutschen Alltagssprache‘. Solange die Dialekte und ihre Abkömmlinge leben, gedeiht auch die Dialektologie.

Schon im 17. Jahrhundert wurde von nationalgesinnten Sprachreinigern die Übersetzung Mundart geprägt und in Umlauf gebracht, hat jedoch die eingebürgerte Entlehnung Dialekt nie ersetzen können. Es lebt heute vor allem in Zusammensetzungen wie Mundartdichter, Mundartliteratur oder Mundartkunde fort. Letzteres wird (ähnlich Volkskunde) von der Fachwissenschaft gemieden, aus Distanz zu einstiger Beanspruchung durch eine Blut-und-Boden-Ideologie. Dialekt gehört zu den Kulturwörtern in den europäischen Sprachen, die bis heute in ihrer lautlichen (und oft auch orthographischen) Form die Provenienz aus der Antike bezeugen. Es ist bemerkenswert, dass sich dieses Fremdwort als resistent erwiesen hat gegen ideologischen Ersatz.

Am Rande sei erwähnt, dass Dialekte kein ausschließlich humanes Phänomen sind. Auch Vögel haben Dialekte. Man hat dies unter anderem bei Drosseln und Goldammern beobachtet. Vögel sind ja – abgesehen von ihren Weltreisen – sehr standortfest. In ihren regionalen Kommunikationsgemeinschaften bilden sie oft Dialekt-Varianten in der Sprache ihrer Vogelart aus. Auch wurde herausgefunden, dass sie in den Städten lauter singen, offenbar, um sich trotz des großen Lärms untereinander zu verständigen. Hauptsache, sie singen noch, wie auch immer.

Horst Haider Munske

Der Autor ist Professor für Germanistische Sprachwissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Vereins Deutsche Sprache e.V. Ergänzungen, Kritik oder Lob können Sie schicken an: horst.munske@fau.de

 

3. VDS-Termine

7. April, Region 48 (Münsterland)
Ricarda Cronemeyer liest „Briefe, die die Welt bewegen“, anschließend Mitgliederversammlung mit Wahl der Regionalleitung
Der Eintritt ist frei.
Zeit: 16:00 Uhr
Ort: Pfarrheim, Am Kirchplatz 2, 48369 Saerbeck
wn.de

9. April, Deutsches Musikradio
„Wortspiel“ beim Deutschen Musikradio DMR mit Holger Klatte und Stefan Ludwig.
Schwerpunkt: WhatsApp bedroht das Telefonat
Sendungsseite: http://www.deutschesmusikradio.de/dmr/wortspiel/
Zeit: 20 bis 21 Uhr, Wiederholung: 23 Uhr

9. April, Region 42 (Wuppertal, Remscheid, Solingen – „Bergisch Land“)
Stammtisch der Regionalgruppe mit Wahl der Regionalleitung
Zeit: 17:00 Uhr
Ort: Gaststätte „Kaiser-Treff“, Hahnerberger Straße 260, 42329 Wuppertal-Cronenberg

9. April, Region 20/22 (Hamburg)
Mitgliederversammlung der Regionalgruppe
Zeit: 19:30 Uhr
Ort: Hotel Ibis (HH-Wandsbek), Pappelallee 61, 22089 Hamburg

11. April, Region 97 (Würzburg)
Treffen mit Wahl der Regionalleitung
Zeit: 18:00 Uhr
Ort: Am Stift Haug, Textorstraße 24, 97070 Würzburg

13. April, Region 90, 91, 92 (Nürnberg, Erlangen)
Mitgliedertreffen
Zeit: 16:30 Uhr
Ort: KunstKulturQuartier, Glasbau 2. OG., Königstraße 93, 90402 Nürnberg

13. April, Region 86, 87 (Bayerisch-Schwaben)
Regionalversammlung
Zeit: 18:00 Uhr
Ort: Restaurant Berghof, Bergstraße 12, 86199 Augsburg

15. April, Region 31 (Nienburg, Wunstorf, Hildesheim, Stadthagen, Hameln, Peine)
Mitgliederversammlung mit Wahl der Regionalleitung
Zeit: 11:00 Uhr
Ort: Gasthaus Küker, Dorfstraße 12, 31515 Wunstorf

 

4. Literatur

Verlorene Wörter

Neue Entwicklungen beeinflussen die Sprache, nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen Sprachräumen. Besonders der technologische Fortschritt hat einen neuen Wortschatz hervorgebracht – und einen anderen dadurch verdrängt. Weil das „Oxford Junior Dictionary“ Naturbezeichnungen wie „fern“ (Farn) oder „willow“ (Weide) strich, um Platz für „chatroom“ und „blog“ zu schaffen, hat der britische Naturschriftsteller Robert Macfarlane mit „The Lost Words“ ein Erinnerungswerk für jene verlorenen Wörter geschaffen. In illustrierten Gedichten widmet sich Macfarlane den vergessenen Farnen und Weiden und hat seitdem eine neue Bewegung geschaffen, die der Guardian kürzlich als „kulturelles Phänomen“ betitelte. Seither entstehen Ausstellungen, Theaterstücke und Filme zu der Thematik in ganz Großbritannien. Eine deutsche Übersetzung des Gedichtbandes wurde bereits begonnen. Es „soll im Deutschen so „spielerisch leichtfüßig und ‚kindgerecht‘ bleiben wie im Original, ohne dass das „Denglisch“ der „chatrooms“ und „blogs“ dabei herauskommt“, zitiert die WELT die Übersetzerin Daniela Seel. (welt.de)

 

5. Denglisch

Keine „Mega-Performance“ beim FC Freiburg

Der Trainer des Bundesligisten FC Freiburg Christian Streich verwendet den Dialekt seiner südbadischen Heimat auch gerne mal auf Pressekonferenzen oder in der Umkleidekabine. Nun hat der österreichische Journalist Robert Sedlaczek beobachtet, dass Denglisch nicht zum Sprachverständnis des Freiburger Trainers passt. So fragte ein Journalist nach dem Bundesligaspiel gegen Bayer Leverkusen, warum die Mannschaft gegen starke Gegner so oft eine „Mega-Perfomance“ biete. Christian Streich konnte damit nichts anfangen: „Also ich hab’ ka Mega-Performance gseh’. Ich hab gseh’, dass wir gearbeitet haben. Oder gewörkt.“ (wienerzeitung.at, youtube.com)

 


Der VDS-Infobrief enthält Neuigkeiten und Nachrichten der vergangenen Woche zur deutschen Sprache.

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Verein Deutsche Sprache e. V. Dortmund
Redaktion: Lea Jockisch, Holger Klatte, Silke Niehaus-Scherpenberg

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