Infobrief 371 (29/2017): Denglisch im Kunstkreis Hameln

21.7.2017

1. Presseschau vom 14. bis 20. Juli 2017

  • Denglisch im Kunstkreis Hameln
  • Neues zur Gendersprache
  • Jugendsprache im Netz
  • Mechanische Sprache

2. Unser Deutsch

  • Ausschließeritis

3. Berichte

  • Klare Sprache

4. VDS-Termine

5. Literatur

  • Poetischer Fehltritt
  • Früher wie heute

6. Denglisch

  • Jugend gegen Denglisch

 

 

1. Presseschau vom 14. bis 20. Juni 2017

Denglisch im Kunstkreis Hameln

Karikatur von Friedrich Retkowski

Die bekannten Denglisch-Karikaturen des Hamelner Zeichners Friedrich Retkowski sind seit dem vergangenen Samstag im Kunstkreis Hameln ausgestellt. Die Sammlung zeigt „Sprache als Tummelfeld der Anglizismen, die gewissermaßen metastasieren, sich immer mehr ausbreiten“, schreibt die Deister- und Weserzeitung. VDS-Vorstandsmitglied Marc-Alexander Glunde stellte in seiner Ansprache eine Verbindung zwischen den Medienformen her: „Wer aus einer Empfangsdame eine Front Office Managerin macht, erklärt die Sprache selbst zur Karikatur.“

Die Ausstellung ist noch bis zum 4. August 2017 zu sehen.

Die Retkowski-Karikaturen wurden schon oft in Zeitungen (auch in den VDS-Sprachnachrichten) und Ausstellungen veröffentlicht. Zur Behandlung des Themas Denglisch im Unterricht sind die Zeichnungen mittlerweile auch in Schulbüchern zu finden. (dewezet.de, kunstkreishameln.de)

 

Neues zur Gendersprache

Die FAZ hat die Auswirkungen der Gendersprache bisher eher sachlich-kritisch begleitet. Für die geschlechtergerechte Umformulierung vertrauter Lieder im Liederbuch des Deutschen Evangelischen Kirchentags fand man sogar die Bezeichnung „Kulturfrevel“. Da überrascht es ein wenig, dass die Zeitung den zahlreichen bis heute vorliegenden Varianten des Genderdeutschen (Binnen-I, Unterstrich, Gender-Stern, X- und -ierenden usw.) nun eine weitere hinzufügt. „Zum Bäck-er gesellt sich die Bäck-in. Alle zusammen sind sie die Bäcks.“ Sprache „sollte ja vor allem flutschen“, so Klaus Ungerer, der Verfasser des Beitrags. (faz.net, faz.net)

 

Jugendsprache im Netz

Bis vor kurzem machte noch die „Leetspeak“, bei der Zahlen die Buchstaben ersetzen, das Internet unsicher. Inzwischen ist es das sogenannte „Vongolisch“, das im Netz für Lacher sorgt. Der Trend, bei dem Wörter und Grammatik zum Spaß falsch geschrieben werden, ist inzwischen auch bei den großen Institutionen angekommen. So twitterte die Polizei kürzlich: „Halo wir sims die Schlaucops“. Wie der Erfinder der Vong-Sprache, ein 20-Jähriger BWL-Student, der sich H1 (gesprochen Heinz) nennt, so sind auch ihre „Sprecher“ meist gebildete Menschen, die diese Form der Kommunikation zu „einer Art Volkssport“ gemacht haben, berichtet die Süddeutsche. Sogar ein Wörterbuch mit dem Titel „Vong. Was ist das für 1 Sprache?“ ist nun im Ullstein Verlag erschienen. „Vongolisch“ wurde zuerst auf einer Facebook-Seite verwendet und ist auch als Kritik an fehlerhaften Schreibungen in sozialen Netzwerken zu verstehen. Selbst Linguisten wie Alexander Lasch von der Universität Kiel beschäftigen sich inzwischen mit dieser Sprachform: „Die Bedeutung der Zirkumposition [(vong)(x)(her)] und ihre pragmatischen und variationslinguistischen Aspekte“, war der Titel seiner Antrittsvorlesung. Tatsächlich sind absichtliche Fehler kein reines Internetphänomen. Bereits 1945 schrieb Astrid Lindgren in „Pippi geht an Bord“: „Gestern hat Thomas ein 2k vom Biernbaum abgebrochen und 1 Ratte doht gemacht.“ (sueddeutsche.de)

 

Mechanische Sprache

Zweisprachigkeit im Kindesalter ist ohnehin schon umstritten. Nun sorgt ein Projekt in Bielefeld für neuen Zündstoff. An drei Kindergärten soll ein humanoider Roboter Kindern Englisch beibringen. „Wir möchten wissen, ob Roboter sich dafür eignen, Kinder beim Erlernen einer zweiten Sprache zu unterstützen“, sagt Stefan Kopp, Leiter des Forschungsteams des Exzellenzclusters Kognitive Interaktionstechnologie (Citec). Der Roboter namens „Robin“ beherrsche „Gesten und typische Tierbewegungen, kann Gesichter erkennen, Fragen stellen und auf Antworten reagieren“, berichtet die Neue Westfälische. Die Erzieher in den Kitas sehen das Projekt noch skeptisch: Ohne Gesichtsregungen „müssen sich die Kinder nur auf die Stimme des Roboters konzentrieren, das ist auf die Dauer sehr anstrengend“, so die Kita-Leiterin Joanna Rogalla. (nw.de)

 

2. Unser Deutsch

Ausschließeritis

Ein neues Modewort der Politik. Es geht um die Frage, welche Parteien nach der Wahl eine Koalition bilden. Wir lächeln über diesen Ausdruck. Das ist Absicht und soll das Problem verniedlichen. Als erstes wurden SPD-Politiker gefragt „Schließen Sie eine Koalition mit der Linken aus?“ Dann sollte die FDP, bekannt für Partnerwechsel, Farbe bekennen. Und am Ende verkündete Bütikofer auf dem Parteitag der Grünen „auf Ausschließeritis liegt kein Segen“.

Die Botschaft ist einfach: „wir schließen grundsätzlich keine Koalition aus“, aber man sagt das mit einer witzigen Neubildung, die den Vorwurf politischer Prinzipienlosigkeit und Machtgier durch eine besondere sprachliche Parade entkräftet.

Wie kommt dieser Effekt zustande? Ausschließeritis gleicht in seiner Bildung mit dem Suffix –itis vielen Krankheitsbezeichnungen wie Bronchitis, Meningitis, Rachitis. Das Ausschließen einer Koalition erhält damit den Geruch von Krankheit, der man natürlich aus dem Wege gehen muss. Ähnlich wird übermäßiges Quasseln am Telefon als Telefonitis lächerlich gemacht oder der übermäßige Gebrauch von Substantiven als Substantivitis.

Die Ausschließeritis setzt aber noch eins drauf: durch die Verbindung des einheimischen Verbs ausschließen mit einem entlehnten Suffix. Dies ist regelwidrig, da fremde Affixe in der deutschen Wortbildung fast nur mit entlehnten Grundwörtern verbunden werden. So gibt es neben Entlehnungen auch über 100 deutsche Neubildungen auf -ismus wie Tourismus, Positivismus, Skeptizismus und über 1000 auf -ieren, die diesem Kombinationszwang folgen. Abweichungen sind deshalb effektvoll. Schon früher tauchte im politischen Diskurs die Aufschieberitis auf, womit das Aufschieben politischer Vorhaben abgewiesen wurde. Solche hybride Neubildungen geben der Sache einen Stups ins Lächerliche. So regelwidrig wie die Bildung sei die Sache selbst. So drücken sich unsere Politiker vor wichtigen Antworten. (Horst Haider Munske)

 

3. Berichte

Klare Sprache

Die VDS-Sprachfreunde in Cottbus waren in den vergangenen Monaten mit Kamera und Notizblock in ihrer Stadt unterwegs, um klare und aussagekräftige Geschäfts- und Firmennamen zu dokumentieren. Nach einer gemeinsamen Auswertung erhielten 13 Gewinner eine Urkunde, darunter die Blumenbinderei „Blütenwerk“, der Herrenfriseur „Der Barbier von Cottbus“, die Schneiderei „Fadenkunst“, das Nagelstudio „Nagelzauber“ und die Kindertagesstätte „Rotznasen“. (vds-ev.de, Region 03)

 

4. VDS-Termine

24. Juli, Region 50, 51 (Köln)
Stammtisch
Zeit: 18:00 Uhr
Ort: Cöllner Hof, Hansaring 10, 50670 Köln

25. Juli, Region 02 (Görlitz, Hoyerswerda, Bautzen)
Vortrag: Dr. Joachim Oelschlegel zum Thema „Begriffsbildung und Sprache“
Sprachrettungsklub Bautzen/Oberlausitz e. V.
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: Spree-Pension, Fischergasse 6, 02625 Bautzen

26. Juli, Region 03 (Cottbus)
Mitgliedertreffen
Zeit: 18:00 Uhr
Ort: Hotel „Zur Sonne“, Taubenstraße 7, 03046 Cottbus

26. Juli, Region 84 (Landshut)
„Leselupe“ – Literaturstammtisch in Zusammenarbeit mit dem Evangelischen Bildungswerk Landshut e.V.
Zeit: 19:00-21:00 Uhr
Ort: Evangelisches Bildungswerk Landshut, Luitpoldstraße 3 (II. Stockwerk), 84034 Landshut

 

5. Literatur

Poetische Fehltritte

Dass auch eines Meisters Feder das ein oder andere weniger meisterliche Geschreibsel entfleucht, zeigt eine Anthologie misslungener Gedichte großer deutscher Lyriker, die auf der Internetseite von Deutschlandfunk Kultur nachzuhören ist. Hierin kommentieren Dichter und Denker der Gegenwart ihre liebsten schlechten Gedichte und bekommen bei aller heimlichen Freude darüber, dass auch ein Goethe oder ein Brecht manchmal zum Haareraufen schrieb, eine andere Sicht auf die Kunst und das Handwerk des Dichtens.

Die Kommentatoren schaffen es dabei durch feine Beobachtung, Argumentation und die produktive Herangehensweise, sich vom Vorwurf der eifersüchtigen Lästerei zu befreien und Gegenentwürfe zu den kritisierten Gedichten zu verfassen. So entdeckt der Hörer eigene Kriterien für gute und schlechte Lyrik. (deutschlandfunkkultur.de)

 

Früher wie heute

Jane Austens Romane gelten als Meilenstein einer Literatur, die erstmals die Wünsche, Befindlichkeiten und Lebenserfahrungen der Frau in den Fokus nahm. Am 18. Juli jährt sich ihr Todestag nun zum 200. Mal und noch immer sind Geschichten wie „Stolz und Vorurteil“ oder „Emma“ aktuell und populär, wurden mehrfach verfilmt und erforscht. Besonders in diesem Jahr erscheinen viele Neuübersetzungen, darunter der Klassiker „Mansfield Park“, und Biografien der 1775 geborenen Autorin. Brigitte Ebersbach widmet sich mit „Gäste und Feste bei Jane Austen“ einem ganz eigenen Themenfeld innerhalb Austens Literatur, das sie mithilfe von Werken und Briefen zusammentrug. Die aus einfachen Verhältnissen stammende britische Schriftstellerin Austen schrieb bis zu ihrem Tod im Alter von 41 Jahren sechs große Romane.

Jane Austen: Mansfield Park, aus dem Englischen neu übersetzt von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié, S. Fischer 2017, 574 Seiten, ISBN 978-3-10-397271-9.

Brigitte Ebersbach (Hrsg.): Gäste und Feste bei Jane Austen, ebersbach & simon 2017, 142 Seiten, ISBN 978-3-86915-138-0.

(taz.de, dw.com, deutschlandfunkkultur.de)

 

6. Denglisch

Jugend gegen Denglisch

Entgegen einem weit verbreiteten Klischee, wird Denglisch von jungen Leuten gerne aufs Korn genommen. Das bewiesen nun die Teilnehmer der Poetry-Slam-Meisterschaft in Tirol-Vorarlberg. So machte sich beispielsweise der hauptberufliche Bergführer Stefan Abermann über mangelnde Englischkenntnisse lustig und bot seinem Publikum an: „I’m your friend, you can say ‚you‘ to me“. Die humoristische Kritik kam an, Abermann gewann an diesem Abend die Meisterschaft. (heimat.vn.at)

 


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Verein Deutsche Sprache e. V. Dortmund
Redaktion: Lea Jockisch, Holger Klatte, Ann-Sophie Roggel

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