Infobrief 377 (35/2017): Im hippen Berlin

01. September 2017

1. Presseschau vom 25. bis 31. August 2017

  • Im hippen Berlin
  • Zurück zu Luther

2. Unser Deutsch

  • Erneuerbare Energien

3. Berichte

  • VDS-Wahlprüfsteine zur Bundestagswahl
  • Sprachmonat September
  • Elsass-Verein beim VDS
  • Dänische Perspektiven auf Deutschland

4. VDS-Termine

5. Literatur

  • Die armen Poeten – brotlose Kunst ausgestellt

6. Denglisch

  • Pseudo-Englisch-Test

 

1. Presseschau vom 25. bis 31. August 2017

Im hippen Berlin


Foto: pixabay / CC0 1.0 / Free-Photos

Bei der CDU fühlt sich endlich jemand zuständig für das Thema Sprachkritik: Jens Spahn (Staatssekretär im Bundesfinanzministerium). Nach seiner (nebenbei geäußerten) Beschwerde über englischsprachige Bedienungen in Berliner Restaurants und Bars holt er in einem Gastbeitrag in der ZEIT weiter aus. Es gehe ihm um „unser Verhältnis zur eigenen Sprache. Und damit wohl auch ein bisschen um das Verhältnis von uns Deutschen zu uns selbst. Es geht um die anbiedernde Bereitschaft, vorschnell und ohne Not die eigene Muttersprache hintanzustellen – selbst in Situationen, wo das gar nicht nötig wäre.“ Dies zeuge von „provinzieller Selbstverzwergung“. „Das allgegenwärtige Englisch mag das Leben vereinfachen, negiert aber viele kulturelle Unterschiede, die sich eben auch in Sprache ausdrücken“, so Spahn.

Der FDP-Politiker Johannes Vogel hält in seiner Entgegnung auf Spahn, ebenfalls in der ZEIT, die englische Alltagskultur in Berlin für „gelebte Internationalität“. Die Englischkenntnisse der Deutschen rangieren hinter denen der Bürger in Skandinavien, den Niederlanden oder auch im Baltikum, so Vogel. Das weiter zu verbessern sei eine wichtige bildungspolitische Aufgabe.

Die FAZ am Sonntag hat in Kreuzberg und Friedrichshain selbst nach Beweisen gesucht und kann sich mit Spahns Einschätzung anfreunden. Man bemerkt außerdem: „Die einheimischen Türken hielt man einst für Integrationsverweigerer, wenn sie im Deutschen nicht auch noch den Konjunktiv Plusquamperfekt beherrschten.“ (zeit.de, zeit.de, faz.net)

 

Zurück zu Luther

Seit vergangenem Freitag ist klar: Die Evangelische Kirche Deutschlands (EKD) ist Sprachpanscher des Jahres 2017. Schon in den Jahren zuvor hatte die EKD mehrmals auf der Kandidatenliste gestanden, „aber im Lutherjahr ist vielen Sprachfreunden wohl der Kragen geplatzt“, so der VDS-Vorsitzende Prof. Dr. Walter Krämer.

Während ein weiterer Kandidat für den Sprachpanscher-Titel, die Fluggesellschaft Air Berlin, kürzlich Insolvenz anmelden musste, reagiert die EKD noch relativ gelassen auf die Auszeichnung. Thies Gundlach (Vizepräsident des Kirchenamtes der EKD) sagte im Domradio: „Martin Luther hat sich aus so vielen anderen Bereichen Sprache geliehen, dass wir heute noch über dessen Kreativität staunen.“ Nur seien zu Luthers Zeiten die Anglizismen eben noch nicht „so in Mode“ gewesen.

In einem Eintrag bei Facebook verweist die EKD darauf, dass sie „auch retro panschen“ kann. So laute die Devise „zurück zu Luther“ in der Luther-Bibel 2017, die sich am Originaltext des Reformators orientiert. (faz.net, domradio.de, facebook.com)

 

2. Unser Deutsch

Erneuerbare Energien

„Sagen Sie mal, bei diesem Ausdruck stimmt doch etwas nicht, das müssen Sie als Germanist doch wissen“, so hat mich ein Kollege von der Physik angesprochen. „Energie kann gar nicht erneuert werden“, doziert er, „sie schwindet nicht, sondern wandelt sich nur. Wenn Sie Ihr Öl verheizen, wandelt es sich in Wärme. Das Öl ist weg. Anders natürlich bei Energiequellen, die niemals versiegen wie Sonne, Wind und Wasser. Aber die Energie, die wir dort mit teurem Geld anzapfen, ist auch weg, wenn wir mit ihr geheizt haben.“

Also was heißt ‚erneuerbare Energie‛? Es sind Energiequellen mit Nachschub aus der Natur. Dass sie sich erneuern oder gar, dass wir sie erneuern, ist Quatsch. Sie versiegen bloß nicht.

Ich bin belehrt und frage mich, wie der Ausdruck entstanden sein mag. Ich vermute einen Ersatz für englisch regenerative, das ursprünglich einfach als regenerativ ins Deutsche entlehnt wurde. Man übersetzt es mit ‚sich erneuernd, nachwachsend‛. Falsch ist in dem Wort erneuerbar nur die Verbindung mit -bar. Dieses Suffix verleiht einem Verb eine passive Bedeutung: machbar heißt ‚kann gemacht werden’ und lieferbar ‚kann geliefert werden‘. So erweckt erneuerbar den falschen Eindruck, als könne Energie neu gewonnen werden, was natürlich nie geht. Die Entlehnung regenerative Energie war eigentlich besser. Wir bezeichnen damit Energiequellen (nicht Energie), die niemals verbraucht werden, weil die Vorräte unendlich groß sind und immer wieder Nachschub erhalten. Aber erneuerbar sind sie nicht. Sonst hätten wir endlich das perpetuum mobile.

Horst Haider Munske

Die Artikel der Rubrik „Unser Deutsch“ bieten häufig Anlass zur Diskussion. Wer mitdiskutieren möchte, ist im VDS-Rundbriefforum herzlich dazu eingeladen: http://rundbrief.vds-ev.de.

 

3. Berichte

VDS-Wahlprüfsteine zur Bundestagswahl

Am 24. September ist Bundestagswahl. Der VDS hat die sechs aussichtsreichsten Parteien zu ihren sprachpolitischen Ansichten und Plänen befragt. CDU/CSU wollen die deutsche Sprache im Grundgesetz verankern. Die FDP würde gerne einmal Englisch als Verwaltungssprache in deutschen Rathäusern ausprobieren. Die GRÜNEN sehen die bestehenden Gesetze zur Gendersprache „nicht als absolute Verpflichtung“ an. Die LINKE will „Zwei- und Mehrsprachigkeit“ in den Kommunen fördern. Die SPD will Verbraucherinformationen leicht verständlich machen.

Die Bundesverband der AfD hat, auch auf Nachfrage hin, keine Antwort geschickt. Im Wahlprogramm sind ihre sprachpolitischen Ziele dagegen umfangreich, unter anderem fordert die AfD auch, Deutsch im Grundgesetz festzuschreiben. Die VDS-Regionalgruppe hat die AfD-Bundestagskandidaten in Dresden befragt, so dass die Antworten der AfD-Dresden veröffentlicht werden.

Ganz unabhängig davon stellt die Universität Hohenheim fest, dass das Wahlprogramm der AfD am wenigsten verständlich ist.

Die einzelnen Fragen und Antworten sind hier nachzulesen. (welt.de)

 

Sprachmonat September

Die VDS-Regionalvertretung in Sachsen-Anhalt weist mit einer Pressemitteilung auf die vielfältigen Veranstaltungen rund um die deutsche Sprache im September hin: Weltalphabetisierungstag, Europäischer Tag der Sprachen, Festspiel der deutschen Sprache in Bad Lauchstädt, Luther und die deutsche Sprache in Halle, Schöne deutsche Sprache in Köthen und natürlich der Tag der deutschen Sprache ständen für Bildung und kulturelle Vielfalt.

Für die Region Lüdinghausen kündigt Reinhard Loewert zum Tag der deutschen Sprache auch in diesem Jahr die „Blaue Stunde“ im Ricordo (Lüdinghausen) an. (vds-ev-sachsen-anhalt.de, TdS-Terminliste, wn.de)

 

Elsass-Verein beim VDS

Der Vorstand des Fördervereins für die Zweisprachigkeit im Elsass und im Moseldepartement e.V. tagte am Mittwoch in der VDS-Geschäftsstelle in Dortmund. Neben Neuwahlen stand die aktuelle Lage bei A.B.C.M., dem elsässischen Elternverein, auf der Tagesordnung. Der Förderverein unterstützt die A.B.C.M.-Schulen im Elsass seit 1992. Zum Schuljahresbeginn im September 2017 erhalten rund 1.200 Schüler den normalen Unterricht durchgehend in Hochdeutsch und im elsässischen Dialekt. Die äußere Situation ist schwierig, da die Zentralisierung Frankreichs weiter voranschreitet und regionale Kulturen darunter leiden, berichtete der Vorsitzende Werner Ehrhardt. Die Region Elsass wurde zum 1. Januar 2016 aufgelöst und gehört nun zur Großregion Grand Est. Der Förderverein ist seit 2011 korporatives Mitglied im VDS. (foerderverein-elsass.de)

 

Dänische Perspektiven auf Deutschland

Dr. Anne-Marie Fischer-Rasmussen berichtet auf der Regionalseite Dänemarks der VDS-Internetpräsenz über ein wachsendes Interesse an Deutschland und der deutschen Sprache in Dänemark. Dieses zeigt sich beispielsweise in Form von Fernsehsendungen, die versuchen, gängige Stereotype zu überprüfen, und Bestrebungen in der Schulpolitik zu Verbesserungen des Deutschunterrichts in der „folkeskole“.

Der gesamte Bericht über die positiven Entwicklungen in der Einstellung gegenüber Deutschland, den Deutschen und der deutschen Sprache in Dänemark kann hier eingesehen werden.

 

4. VDS-Termine

4.-6. September, Unieście (Polen)
Zweiter Kongress der Internationalen Sprachunion Deutsch (ISPRUD)

4. September, Region 84 (Landshut)
„Atempause“ – Vorlesen für Erwachsene, Veranstaltung der Stadtbücherei Landshut
Zeit: 15:00-16:00 Uhr
Ort: Lesecafé der Stadtbücherei Landshut, Steckengasse 308, 84028 Landshut

4. September, Region 50, 51 (Köln)
Verleihung des Lehrer-Welsch-Sprachpreises an Prof. Dr. Gerhard Uhlenbruck
Zeit: 18:00 Uhr
Ort: Albertus-Magnus-Saal in der Residenz am Dom, An den Dominikanern 6-8,
50667 Köln

4.-10. September, Region 06 (Bad Lauchstädt)
Festspiel der deutschen Sprache – Goethe-Theater Bad Lauchstädt
Ort: Parkstraße 18, 06246 Bad Lauchstädt

4. September, Region 20/22 (Hamburg)
Treffen der Hamburger Regionalgruppe
Zeit: 19:30 Uhr
Ort: Hotel Ibis (HH-Wandsbek), Pappelallee 61, 22089 Hamburg

7. September, Region 28 (Bremen)
Treffen des Freundeskreises der deutschen Sprache
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: Restaurant „Platzhirsch“, Ostertorsteinweg 50, 28203 Bremen

9. September Tag der deutschen Sprache
Terminliste

 

5. Literatur

Die armen Poeten – brotlose Kunst ausgestellt

Anhand von sieben Autorenbiographien des 19. und 20. Jahrhunderts beleuchtet eine Ausstellung im Heinrich-Heine-Institut in Düsseldorf zwei Monate lang das Phänomen des verarmten Literaten.
Gezeigt werden Originalbriefe und Werkmanuskripte, seltene Buchausgaben, Porträtdarstellungen und historische Abbildungen. Bedroht wurde die finanzielle Lage der Kunstschaffenden beispielsweise durch Konflikte mit Auftraggebern und Verlegern, Wirtschaftskrisen, Einschränkungen der Pressefreiheit oder schlicht den Geschmack der Leserschaft. Einige hatten außerdem Probleme im Umgang mit Geld, litten an Spielsucht oder hatten einen geldverschlingenden Hang zu Genuss- und Rauschmitteln. Die Ausstellung nähert sich über diese unterschiedlichen Aspekte dem Thema „Schriftsteller in Geldnot“. Sie ist vom 3. September bis zum 12. November 2017 geöffnet. (focus.de, duesseldorf.de)

 

6. Denglisch

Pseudo-Englisch-Test

Das Jugend-Magazin Bento stellt fest: „Keiner von uns möchte ernsthaft in einer Welt leben, in der Smartphones Kluge Telefone sind, oder ein Laptop ein Klapprechner“. Das kann man so nicht stehen lassen, selbst in einem Polizeibericht über einen Einbruch im Landkreis Mettmann wird das Wort verwendet: presseportal.de

Wir leben also schon in dieser Welt! Als immerhin „absurd“ empfindet es die Bento-Redaktion, wenn englisch klingende Bezeichnungen erfunden werden, die es im Englischen gar nicht gibt. Und es folgt auch gleich der Test: „Ist das hier ein echtes englisches Wort?“ (bento.de)

 


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