Infobrief 383 (41/2017): 20 Jahre VDS

13. Oktober 2017

1. Presseschau vom 6. bis 12. Oktober 2017

  • 20 Jahre VDS
  • Neue Formen des Deutschlernens
  • Fremdsprachen bei Gericht

2. Unser Deutsch

  • Respekt

3. Berichte

  • „Germany“ auf Trikots

4. VDS-Termine

5. Literatur

  • Deutscher Buchpreis
  • Kanzlerin zum Wert der Bücher

6. Denglisch

  • Ludwigsburg-Look

 

1. Presseschau vom 6. bis 12. Oktober 2017

20 Jahre VDS

© Deutscher Bundestag/Lichtblick/Achim Melde

Im November jährt sich die Gründung des Vereins Deutsche Sprache zum 20. Mal. Im Interview mit der Nordwest-Zeitung resümiert der VDS-Vorsitzende Walter Krämer die Arbeit der vergangenen zwei Jahrzehnte. Nicht nur die große Zahl von weltweit rund 36.000 Mitgliedern zeuge von der Relevanz des Vereins, sondern auch der Erfolg in Bildung und Wirtschaft. So bewirkte beispielsweise eine Protestaktion gegen die Telekom, dass diese ihre Rechnungen wieder in deutscher Sprache verfasste – nachdem hunderte Mitglieder damit gedroht hatten, diese nicht zu bezahlen. In der aktuellen Debatte um geschlechtsneutrale Sprache fährt Krämer gleichfalls einen strikten Kurs: „Als Lehrender lasse ich demonstrativ Arbeiten zurückgehen, die das Binnen-I pflegen, etwa in „StudentInnen.“ Auch in Zukunft verfolgt der Verein noch große Ziele, beispielsweise die Festschreibung der deutschen Sprache im Grundgesetz. „Es gibt viele Abgeordnete in allen Parteien, die noch selbst denken und das Projekt unterstützen, an erster Stelle der scheidende Parlamentspräsident Norbert Lammert von der CDU“, äußert Krämer zuversichtlich. Dennoch sei der Weg zur „Selbstauflösung des Vereins wegen des Wegfalls der Existenzberechtigung noch sehr weit“. (nwzonline.de)

 

Neue Formen des Deutschlernens

Bücher wälzen und Karteikarten mit Vokabeln pauken, schreckt viele vom Sprachenlernen ab. Besonders für die deutsche Sprache mag das gelten, die die UNESCO als eine der zehn schwierigsten der Welt einschätzt. Um Deutschlerner zu unterstützen und das Selbststudium attraktiver zu gestalten, hat die Deutsche Welle gemeinsam mit dem Institut für Deutsch als Fremdsprache an der Universität Jena einen innovativen Sprachkurs konzipiert. Mithilfe einer Video-Novela, die den Titel „Nicos Weg – Einfach Deutsch lernen“ trägt und in 200 Folgen unterteilt ist, erleben Sprachschüler den Alltag des Protagonisten Nico in Deutschland mit. Interaktive Übungen für Grammatik und Wortschatz runden den Kurs ab, der ungefähr drei Lehrbüchern entspricht und die Sprachniveaus A1 bis B1 abdeckt. Neben dem spielerischen Erlernen der sprachlichen Fähigkeiten sei die besondere Stärke eines solchen Formats, dass es den Lernern möglich sei, „aktiv am Gesellschaftsleben in Deutschland teilzunehmen“, so André Moeller, Leiter der DW-Bildungsprogramme. Beruf und Arbeitsmarkt werden dort ebenso thematisiert wie private Lebensbereiche. (dw.com, learngerman.dw.com)

 

Fremdsprachen bei Gericht

Die Amts- und Gerichtssprache in Deutschland ist Deutsch. Das ist in § 184 des Gerichtsverfassungsgesetzes festgelegt. Dennoch hat das Hamburger Finanzgericht eine Klage in polnischer Sprache angenommen. Aus dem Schreiben sei durch „die Erwähnung eines Hauptzollamtes und eines für die dortigen Verfahren typischen Aktenzeichens“ hervorgegangen, „dass es sich um eine Klage handeln könnte“, lautete die Begründung der Sachbearbeiter, die selbst der polnischen Sprache nicht mächtig sind. Man habe, so die Rechtfertigung, im Sinne des im Grundgesetz verankerten Benachteiligungsverbots gehandelt, das man somit dem § 184 überordne.

Auch der Europäische Gerichtshof hatte über die Gerichtssprache zu entscheiden. Auslöser war ein Strafbefehl in deutscher Sprache gegen einen Niederländer, der so „nicht in der Lage war, die gegen ihn erhobenen Vorwürfe zu verstehen und seine Verteidigungsrechte wirksam auszuüben“, schreibt die EPOCH TIMES. Der Gerichtshof urteilte deswegen, dass die deutsche Behörde den Strafbefehl übersetzen muss.

Nicht weiter gekommen ist das Vorhaben, das Englische für Gerichtsverfahren mit wirtschaftlichem Schwerpunkt einzusetzen. „Wir wollen den Rechts- und Wirtschaftsstandort Hamburg stärken und internationale Rechtsstreitigkeiten nach Hamburg holen“, lautete 2011 die Begründung der Hamburger Justizsenatorin Jana Schiedek (SPD). Der Verein Deutsche Sprache kritisierte dieses Vorhaben. „Damit wird dem Bedeutungsverlust der deutschen Sprache Vorschub geleistet“, warnte Hamburgs Regionalleiter Hans Kaufmann. (anwalt.de, epochtimes.de, abendblatt.de)

 

2. Unser Deutsch

Respekt

Respekt! Respekt! bekundet der Moderator einem Gast, nachdem er ihn freundlich ausgefragt hat. Seine Anerkennung gilt der Absicht zu großmütiger Spende, der familiären Fürsorge und natürlich dem Alter, das man ihm, vor allem ihr, überhaupt nicht ansieht. Die Wendung stammt ursprünglich aus dem Offiziersjargon und ist wohl dem französischen respect entlehnt, denn einst parlierte auch das deutsche Offiziers-Chorps französisch. Es war ein knappes Lob für erwiesenen Mut, für bemerkenswertes Trinkvermögen, auch erotische Eroberung. Respekt! Respekt!

Anders der heutige Gebrauch von Politikern, wenn sie jemandem Respekt zollen. Die Wendung enthält zugleich eine gewisse Distanzierung. Oft wird dem Gegner, dem Rivalen Respekt gezollt. Etwa bei Preisverleihungen, am liebsten am Grab. Das Verb zollen begegnet heute nur in diesem Zusammenhang. Die ursprüngliche Bedeutung ‚Zoll entrichten‘ ist untergegangen. Das Stereotype der Wendung passt im übrigen gut zu dem formelhaften Charakter, mit dem Respekt gezollt wird. Nur im Wahlkampf unterbleibt diese Anerkennung. Sie könnte als Vorbote künftiger Koalitionsverhandlungen missdeutet werden.

Zum Umfeld dieses Lehnwortes gehört auch unsere Rücksicht, eine wörtliche Nachbildung (Lehnübersetzung) von lateinisch respectus, das wörtlich ‚Rückschau’ bedeutete, aber von den Römern auch schon übertragen (‚Rücksicht‘) gebraucht wurde. Lessing hat die deutsche Übersetzung propagiert und erfolgreich durchgesetzt. Damals kämpften die deutschen Schriftsteller noch gegen die Übermacht von Latein und Französisch. Die Rücksicht hat das Fremdwort Respekt inzwischen in Nischen der Verwendung verdrängt. Eigenständige Erweiterungen wie rücksichtsvoll und rücksichtslos haben das Wortfeld vervollständigt.

Diese Tradition kreativer Aneignung durch Lehnübersetzung wird Ende des 19. Jahrhunderts durch den national gesinnten Allgemeinen deutschen Sprachverein wiederaufgenommen. Mit amtlicher Unterstützung wird das Auto(mobil) jetzt Kraftfahrzeug genannt und das Telefon soll Fernsprecher heißen. Allerdings wehrt sich die Alltagssprache erfolgreich gegen umständliches Amtsdeutsch, so entstanden Dubletten offizieller und alltäglicher Verwendung. Heute ist Englisch die häufigste Kontaktsprache des Deutschen und Kandidat für Ersatz. Manches gelingt, anderes nicht. So konnten sich schon in den 70er Jahren Luftsack oder Prallsack (die ursprünglichen Vorschläge) nicht gegen den Airbag durchsetzen. Dagegen hat die Computerbranche Datenbank und Datenverarbeitung (für englisch data-bank und data-processing) erfolgreich eingeführt. Nur Laien reden vom Computer, Experten fachkundig von ihrem Rechner. Hier knüpft der Klapprechner (für laptop) an. Vielleicht hat sogar das fränkische Wischkästla eine Chance gegen das Smartphone. Sprachkontakt kann belebend, aber auch erdrückend sein. Über ihren Wortschatz entscheiden die Verbraucher selber. Das sollten sie sich nicht nehmen lassen.

Horst Haider Munske

Die Artikel der Rubrik „Unser Deutsch“ bieten häufig Anlass zur Diskussion. Wer mitdiskutieren möchte, ist im VDS-Rundbriefforum herzlich dazu eingeladen: http://rundbrief.vds-ev.de.

 

 

3. Berichte

„Germany“ auf Trikots

Der Sportjournalist Axel Hermanns erwähnt auf dem Internetportal Lampis.net eine Beschwerde des VDS beim Deutschen Leichtathletik-Verband, weil die Trikots deutscher Athletinnen und Athleten bei Leichtathletik-Weltmeisterschaften die Aufschrift „Germany“ tragen. VDS-Vorstandsmitglied Dr. Dietrich Voslamber hatte sich deswegen im September an den Verbandspräsidenten Dr. Clemens Prokop gewandt. Der Brief blieb bisher unbeantwortet, so dass der Kommentator Hermanns hier „Stil, Anstand und Höflichkeit“ verletzt sieht und „in den Chor der Entrüsteten“ einstimmt. (lampis.net)

 

 

4. VDS-Termine

16. Oktober, Region 77 (Offenburg)
Versammlung mit Wahl der Regionalleitung
Vortrag Dr. Holger Klatte (VDS-Geschäftsführer) zum Thema „Neues aus dem VDS“
Zeit: 19:30 Uhr
Ort: Gasthaus Brandeck, Zeller Straße 44, 77654 Offenburg

17. Oktober, Region 60 (Frankfurt/Main)
Mitgliedertreffen, Gast ist Dr. Holger Klatte (VDS-Geschäftsführer)
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: Bürgerhaus Griesheim, Schwarzererlenweg 57, 65933 Frankfurt am Main

17. Oktober, Region Elfenbeinküste
Konzert der berliner Jazzmusiker Benjamin König (Tuba) und Fabian Engwicht (Trompete)
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: Residenz des deutschen Botschafters in Abidjan (Elfenbeinküste)

19. Oktober, Region 53 (Bonn, Eifel)
Regionalversammlung in der Buchhandlung R² (Gebrüder Remmel) mit einem Vortrag von
Prof. Dr. Walter Krämer (VDS-Vorsitzender) zur Lage der deutschen Sprache
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: Buchhandlung R2, Holzgasse 45, 53721 Siegburg

20. Oktober, Region 83 (Rosenheim, Oberbayern)
Stammtisch, Thema: „Wie Gendern unsere Sprache verhunzt“
Zeit: 19:30 Uhr
Ort: Restaurant „König Ludwig Stub’n“, Seestraße 95, 83209 Prien am Chiemsee

20. Oktober, Region Dänemark
BDN-Konzert
Zeit: 20:00 Uhr
Ort: Grundtvigskirche Kopenhagen, På Bjerget 14B, 2400 København, Dänemark

 

 

5. Literatur

Deutscher Buchpreis

Träger des diesjährigen Deutschen Buchpreises ist Robert Menasse. Sein Buch „Die Hauptstadt“ wurde zum Roman des Jahres gewählt. Vergeben wird die Auszeichnung durch die Stiftung Börsenverein des Deutschen Buchhandels. „Die Hauptstadt“ fällt schon durch die Themenwahl auf, behandelt der Roman doch die Europäische Union. Zur Begründung der Auswahl führte die Jury an, bei dem Roman handle es sich um einen vielschichtigen Text, der auf meisterhafte Weise existenzielle Fragen des Privaten und des Politischen miteinander verwebe und den Leser ins Offene entlasse. Dramaturgisch gekonnt grabe er leichthändig in den Tiefenschichten jener Welt, die wir die unsere nannten. Dafür darf sich der Österreicher Menasse jetzt über den Geldpreis in Höhe von 25.000 Euro freuen. (deutscher-buchpreis.de, zeit.de)

 

Kanzlerin zum Wert der Bücher

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) äußerte sich in ihrer wöchentlichen Video-Ansprache mit Bezug auf die Frankfurter Buchmesse zum Thema Bücher. Dabei betonte sie den Wert der Bücher als bereicherndes Element, das den Horizont erweitere. Trotz der schnellen Verfügbarkeit kurzer Texte im Internet sieht sie optimistisch in die Zukunft des Buches. Dafür möchte sie auch politisch die Voraussetzungen schaffen. Dies soll weiterhin über die Buchpreisbindung und den ermäßigten Mehrwertsteuersatz für Bücher, die laut Kanzlerin ähnlich Lebensmitteln Grundbedürfnisse des Menschen erfüllten, geschehen, aber auch durch neue gesetzliche Erleichterungen für den Büchermarkt. (deutschlandfunkkultur.de)

 

6. Denglisch

Ludwigsburg-Look

Die Stadt Ludwigsburg stellt die Weichen dafür, dass auch die nächste Generation beim Wort „Ludwigsburger“ an eine regionale Variante des „Cheeseburgers“ denkt. „It’s nice to be a Ludwigsburger“, lautet ein Spruch der neuen Werbekampagne der Stadt. „Unique“ (einzigartig) zu sein, ist in Zeiten zunehmender Individualisierung das Ziel. Dabei nimmt sich eine Stadt, die ihre eigene Sprache vergisst und stattdessen lieber zum Allerweltsdenglisch greift, doch gerade die eigene Identität, die Chance, den eigenen Charakter auszudrücken. Neben sprachlich kreativen Formulierungen anstelle stumpfer Plattitüden bleibt dabei auch die inhaltliche Argumentation auf der Strecke, wenn zur Rechtfertigung eines Weihnachtsmarktbesuchs lediglich festgestellt werden kann: „You will love it“ (Du wirst es lieben). Ob es für die Qualität des Weihnachtsmarktes spricht, wenn er nicht mit regionalen Leckereien sein Publikum anlocken kann, sondern auf „Look and Feel“ verweisen muss? (stuttgarter-nachrichten.de)

 


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Verein Deutsche Sprache e. V. Dortmund
Redaktion: Lea Jockisch, Holger Klatte, Ann-Sophie Roggel

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