Infobrief 389 (47/2017): Pünktchenfreie Zone

24. November 2017

1. Presseschau vom 17. bis 23. November 2017

  • Pünktchenfreie Zone
  • Von nichts kommt nichts

2. Unser Deutsch

  • Zusammenraufen oder zusammen raufen?

3. Berichte

  • Stay Connected in Berlin

4. VDS-Termine

5. Literatur

  • Auszeichnungen
  • Schöne Texte

6. Denglisch

  • „Wieso regt sich niemand mehr auf?“

1. Presseschau vom 17. bis 23. November 2017

Pünktchenfreie Zone

© fotolia #85187545 / ulisse

Nachdem sich die Académie française als oberste Hüterin des Französischen gegen die „inklusive Sprache“ ausgesprochen hat, bezieht nun auch der französische Premierminister Édouard Philippe Stellung gegen geschlechtsneutrale Konstruktionen. In einem Rundschreiben an die Ministerien verkündete er, Pünktchen-Schreibungen im amtlichen Verlautbarungsorgan „Journal officiel de la République française“ nicht mehr zu verwenden. Anders als hierzulande, wo beispielsweise die GRÜNEN mithilfe von Sternchen ihre Überzeugungen von geschlechtergerechter Sprache zum Ausdruck bringen, dringen französische Feministinnen auf die Verwendung von Punkten: „député.e.s“ (Parlamentarier*innen) oder „électeur.rice.s“ (Wähler*innen). Philippe wolle nun zum Wohle der „Verständlichkeit und Klarheit“ der Sprache „die Debatte beenden“. (tah.de, welt.de)

 

Von nichts kommt nichts

Mehrmals schon waren die sprachlichen (In-)Kompetenzen von Schülern in diesem Jahr schon in die Kritik geraten. Die Schulreformen der letzten Jahrzehnte wurden dafür häufig verantwortlich gemacht, darunter das „Schreiben nach Gehör“ oder auch der häufige Unterrichtsausfall (siehe Infobrief 357). Die sprachliche Qualität der Schulbücher selber wurde dabei bisher jedoch außer Acht gelassen. Ein Fehler, wie nun das Hector-Institut für Empirische Bildungsforschung der Universität Tübingen herausfand. Demnach entsprechen Schultexte nicht dem Niveau der jeweiligen Klassenstufen. Mithilfe von 3000 Texten aus Erdkundebüchern für die Klassen fünf bis zehn analysierten die Wissenschaftler das verwendete Vokabular, Satzlängen, -konstruktionen und die quantitative Verwendung des Genitivs. Heraus kam, dass die Texte nur selten an die sprachlichen Anforderungen der Schüler angepasst und entweder zu leicht oder zu schwer formuliert sind. Was fehle, sei eine einheitliche „Norm, wie Schulbücher geschrieben werden müssten“, meint Ulrich Trautwein, Bildungsforscher und Mitautor der Studie. Auch mangele es in den Verlagen an Experten, „die sich mit einer breiten sprachwissenschaftlich fundierten Analyse von Texten auskennen“, kritisiert der Professor für Computerlinguistik der Uni Tübingen, Dietmar Meuser. Die Studie verstehe sich aus dem Grund als „Weckruf“, um diese Standards schnell einzuführen, so Trautwein. (spiegel.de, bildungsklick.de)

 

2. Unser Deutsch

Zusammenraufen oder zusammen raufen?

So kommentierte ein Journalist die Koalitionsverhandlungen. Er gab den Wörtern eine dezidierte Betonung: zusámmenraufen (mit Hauptbetonung auf zusammen) und zusammen ráufen (mit Hauptbetonung auf raufen). Ein hübsches Wortspiel mit den Ausdrucksmöglichkeiten des Deutschen. Entweder finden sich die Unterhändler raufend zusammen oder sie raufen nur zusammen, d. h. mit- und gegeneinander. Was beim Sprechen die Betonung macht, das leistet beim Schreiben die Zusammenschreibung. Sie sagt uns: Das ist ein Wort. Schreibt man aber zusammen und raufen getrennt, dann ist zusammen Adverb und hat einen anderen Sinn, soviel wie ‚gemeinsam‘. Was äußerlich ähnlich scheint, ist doch semantisch und syntaktisch sehr verschieden. Hier ein Kompositum, im Deutschen immer erstbetont. Dort eine syntaktische Fügung. Die Jamaikaner wären also besser nicht nur zusammen zum Tagungsort gekommen, sondern am Ende auch in der Sache zusammengekommen.

Das scheint alles etwas kompliziert. So dachten auch die Akteure der Rechtschreibreform und verlangten, diese diffizile Unterscheidung zu beseitigen, damit das Schreiben einfacher wird. Künftig sollte in vielen hundert ähnlichen Fällen immer getrennt geschrieben werden. Dagegen erhob sich vielstimmiger Widerspruch aus der Sprachgemeinschaft. Ein schlagendes Argument war dabei das folgende Beispiel. Man vergleiche die folgenden Sätze:

(1) Die Geschworenen entschieden sich, den Angeklagten freizusprechen.
(2) Politiker sollten lernen, am Podium frei zu sprechen.

Das transitive Verb freisprechen (1) ist offensichtlich ein eigenes, zusammengesetztes Wort mit eigener Bedeutung. In Satz (2) dagegen ist frei ein Adverb zu sprechen, das die Art des Sprechens (ohne Manuskript) näher bestimmt. Wir sehen an diesen Beispielen, dass Betonung oder Nichtbetonung eines Wortes ein wichtiges semantisches Unterscheidungskriterium ist. Und da das Deutsche gerade die Komposition – viel häufiger als andere Sprachen – als Instrument der Wortschatzerweiterung nutzt, geht es hier um Wesentliches.

Das haben auch die 40 Mitglieder des Rats für deutsche Rechtschreibung erkannt und 2006 empfohlen, die alte Unterscheidung wieder einzuführen. Und seitdem geht es wieder. Man sieht: Der beste Leitfaden für richtige Orthographie ist es, die vielfältige Differenziertheit unserer Sprache auch im geschriebenen Deutsch auszudrücken.

Horst Haider Munske

Die Artikel der Rubrik „Unser Deutsch“ bieten häufig Anlass zur Diskussion. Wer mitdiskutieren möchte, ist im VDS-Rundbriefforum herzlich dazu eingeladen: http://rundbrief.vds-ev.de.

 

3. Berichte

VDS auf Osteuropa-Konferenz in Berlin

Ende Oktober trafen in Berlin auf Einladung des Instituts für Auslandsbeziehungen rund 50 Vertreter aus verschiedenen Organisationen zusammen, welche sich mit Lebensumständen und Menschenrechten vor allem in Osteuropa beschäftigen. Das Motto der Veranstaltung mit dem Titel „Stay Connected“ zielte darauf ab, dass die Teilnehmer der Veranstaltung nicht nur neue Kontakte knüpfen, sondern diese auch möglichst langfristig halten sollten. In Kleingruppen wurde an den beiden Tagen zu verschiedenen Themen gearbeitet: Erinnerungskultur, Jugendaustausch, Mobilisierung junger gesellschaftlicher Akteure und der Umgang mit Konflikten. Alles in allem war die Konferenz auch für den VDS ein voller Erfolg, aus welchem für alle Beteiligten neue Bekanntschaften und Ideen für Konferenzen entstanden sind.

Ein ausführlicher Bericht einer Teilnehmerin der Konferenz findet sich hier: (humanrights-online.org)

 

4. VDS-Termine

25. November, Elfenbeinküste
Treffen der Regionalgruppe
Zeit: 10:00 Uhr
Ort: Arrah

26. November, Region 48 (Saerbeck)
Der Verein Deutsche Sprache lädt zur Veranstaltung „Lied und Lyrik“ ins Bürgerhaus Saerbeck ein. Der Opernsänger Marco Vassalli wird einige Werke aus den Liederzyklen von Franz Schubert vortragen. Außerdem übernimmt Ricarda Cronemeyer den lyrischen Bereich, unter anderem mit Gedichten von Johann Wolfgang von Goethe und Wilhelm Müller. Eintrittskarten für die Veranstaltung sind erhältlich im Saerbecker Rathaus, bei „Buch und mehr“, telefonisch unter 02574/6265 oder 8546 (Vorverkauf 10 €, Abendkasse 12 €, ermäßigt 5 €).
Zeit: 17:00 Uhr
Ort: Bürgerhaus Saerbeck, Ferrières-Straße 12, 48369 Saerbeck
(wn.de)

28. November, Region 01 (Dresden, Riesa)
Mitgliedertreffen
Gunnar Schade: „Nach uns die Vernunft“ – Aphorismen zum täglichen Leben und mehr
Zeit: 18:00 Uhr
Ort: Ortsamt Dresden-Loschwitz, Grundstraße 3, 01326 Dresden

28. November, Region 20, 21 (Hamburg)
Vortrag. Dr. Reiner Pogarell (VDS-Vorstandsmitglied) zum Thema „Luther und die deutsche Sprache“ in Zusammenarbeit mir der Evangelischen Akademie Wandsbek
Zeit: 20:00 Uhr
Ort: Gemeindesaal, Christuskirche Hamburg-Wandsbek, Schlossstraße 78, 22041 Hamburg

29. November, Region 27 (Bremerhaven)
Vortrag. Dr. Reiner Pogarell (VDS-Vorstandsmitglied) zu „Luthers Sprache“
Zeit: 17:30 Uhr
Ort: Haus am Blink, Bremerhaven, Adolf-Butenandt-Straße 7, 27580 Bremerhaven

29. November, Region 03 (Cottbus)
Mitgliedertreffen
Fortsetzung der Diskussion zur Schaffung eines Sprachpreises für unsere Region
Zeit: 18:00 Uhr
Ort: Hotel „Zur Sonne“, Taubenstraße 7, 03046 Cottbus

 

5. Literatur

Auszeichnungen

Der mit 10.000 Euro dotierte Geschwister-Scholl-Preis der Landeshauptstadt München und des bayerischen Landesverbands im Börsenverein des Deutschen Buchhandels geht an Hisham Matar. Matar wuchs als Sohn libyscher Eltern in der libyschen Hauptstadt Tripolis und nach der Emigration seiner Familie in Kairo auf. Das Buch „Die Rückkehr“ beschäftigt sich mit der Suche Matars nach seinem Vater. Dieser, Geschäftsmann und ehemaliger Diplomat, war Leiter einer Partisanentruppe gegen den Diktator Muammar al-Gaddafi gewesen und in Libyen entführt worden. Die Jury begründete die Auswahl des Preisträgers damit, dass das Buch von der überwältigenden Widerstandskraft des menschlichen Geistes und den Tugenden der Erinnerung zeuge. Es sei geeignet, bürgerliche Freiheit sowie moralischen und intellektuellen Mut zu fördern und erinnere so an das Vermächtnis von Hans und Sophie Scholl.

Der Schriftsteller und ein Ehrenmitglied des VDS, Ilija Trojanow erhält am 24. November den Heinrich-Böll-Preis. Er bekommt die mit 30.000 Euro dotierte Auszeichnung für sein Bestreben, „das politische Engagement von Heinrich Böll so konsequent und literarisch ambitioniert“ fortzusetzen, so die Jury. Weltweite Bekanntheit erlangte Trojanow mit seinem 2006 veröffentlichten Buch „Der Weltensammler“. (deutschlandfunkkultur.de, zeit.de, geschwister-scholl-preis.de, deutschlandfunkkultur.de)

 

Schöne Texte

Von denen hat man viele im Regal stehen, manche hat man sogar selber geschrieben. Für alle VDS-Mitglieder, die selber gerne Texte schreiben, bietet die Internetseite schönetexte.de die Möglichkeit, ihre Texte zu veröffentlichen. Von Gedichten über Rezensionen bis hin zu Aufsätzen finden sich dort allerhand „Schöne Texte“ eben. Unter anderem auch die Reiseberichte von VDS-Ehrenmitglied Marén Berg, die über ihre Erfahrungen in Asien und USA berichtet.

 

6. Denglisch

„Wieso regt sich niemand mehr auf?“

Diese Frage stellte sich in dieser Woche die Redakteurin Sandra Schäfer der Hamburger Morgenpost. Nicht nur in einigen Berufssparten nehme Denglisch „groteske Züge“ an, selbst hinter der Fleischtheke sei man heute nicht mehr davor gefeit, schimpft Schäfer. Dort liege inzwischen das „Flat Iron Steak“ neben „Barbecue Cuts“, die man dann „medium rare“ grille. „Wieso wird das Feld so komplett Wichtigtuern überlassen, die sich über Vokabeln als totale Kenner und – Achtung englischer Begriff – Insider zu erkennen geben?“, kritisiert Schäfer weiter und verweist auf eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov, derzufolge 71 % der Deutschen Anglizismen ablehnen. Wie der Verein Deutsche Sprache, so vertritt auch Schäfer die Meinung, dass es zwar einige bereichernde Wörter gebe, „die wir aus dem Englischen übernommen haben und für die es gar keine deutsche Entsprechung gibt“, aber oftmals helfe „etwas mehr Nachdenken“ um die meist verzichtbaren Anglizismen zu vermeiden. Wie auf Denglisch verzichtet werden kann und welche englischen Begriffe Ergänzungen zum deutsche Wortschatz darstellen, dazu liefert der Anglizismen-Index des IFB-Verlags eine Hilfestellung. Das Wörterbuch kann auch im Internet anglizismenindex.de unter abgerufen werden. (mopo.de)

 


 

Der VDS-Infobrief enthält Neuigkeiten und Nachrichten der vergangenen Woche zur deutschen Sprache.

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Verein Deutsche Sprache e. V. Dortmund
Redaktion: Lea Jockisch, Holger Klatte, Ann-Sophie Roggel

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