Infobrief 390 (48/2017): Schlagzeile des Jahres

1. Presseschau vom 24. bis 30. November 2017

  • Schlagzeile des Jahres
  • NRW-Staatspreis für Navid Kermani
  • Es war einmal… das Telefon

2. Unser Deutsch

  • Subsidiär

3. Berichte

  • Geschäftssprache ohne Sprecher

4. VDS-Termine

5. Literatur

  • Bogart als Sprachschöpfer
  • Orwell – Indikator der Angst?

6. Denglisch

  • Cyber Monday, Black Friday

 

1. Presseschau vom 24. bis 30. November 2017

Schlagzeile des Jahres


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Die vom Verein Deutsche Sprache gewählte Schlagzeile des Jahres 2017 lautet „1:0 verloren“ und stand nach der Bundestagswahl in der Süddeutschen Zeitung. Gibt es eine treffendere Zusammenfassung dieses für Angela Merkel so zweideutigen Wahlerfolgs? Auch der zweite Platz ging an die Süddeutsche Zeitung, für den Titel eines Textes vom 10. Juni über Merkels britische Kollegin Theresa May, die gerade eine von ihr selbst völlig unnötigerweise veranlasste Unterhauswahl desaströs verloren hatte: „May Day“. Jeder Seefahrer weiß, was das bedeutet. Der dritte Platz ging an den SPIEGEL für seine Schlagzeile vom 10. Mai „Das Leyenspiel“. Diese überschrieb einen Artikel über den Umgang der Verteidigungsministerin mit der ihr anvertrauten Bundeswehr.

Die 30 höchstbewerteten Schlagzeilen sind auf den Netzseiten des Vereins Deutsche Sprache (pdf-Datei) zu finden.

Die Aktion „Schlagzeile des Jahres“ gibt es seit 2010. Gewonnen hatte damals die ZEIT mit „Krieger, denk mal!“. Die Jury besteht aus dem Tübinger Rhetorikprofessor Gert Ueding, den Journalisten Wolf Schneider und Franz Stark, den Sprachwissenschaftlern Helmut Glück aus Bamberg und Horst Haider Munske aus Erlangen sowie dem Vorsitzenden des Vereins Deutsche Sprache. Insgesamt gingen 56 Vorschläge aus 15 Zeitungen und Zeitschriften ein. Der Sieger 2016 war der Focus mit „Macht. Wahn. Erdogan.“

 

NRW-Staatspreis für Navid Kermani

Mit dem mit 25.000 Euro dotierten NRW-Staatspreis erhielt der Schriftsteller Navid Kermani die höchste Auszeichnung des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen. Als öffentlich engagiert auftretender Intellektueller wird Kermani häufig mit Größen wie Günter Grass oder Simone de Beauvoir verglichen, Deutschlandfunk Kultur schreibt ihm gar die Stelle des „politischen Gewissens der Bundesrepublik“ zu, die durch den Tod von Grass vakant geworden sei. NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) bestätigte den gesellschaftlichen Einfluss Kermanis. Durch „kluge Gedanken, kritische Betrachtungen und differenzierte Argumentation“ trage er zu einem guten Zusammenleben in Nordrhein-Westfalen, Deutschland und Europa wesentlich bei.

In seinem Werk setzt sich der promovierte Orientalist mit Themen wie Religion, Politik sowie europäischer Integration, globaler Migration und deutscher Identität auseinander und macht sich innerhalb dieser Felder auf die Suche nach Schönheit, nach Ästhetik. In seiner Rede zum 65. Geburtstag des Grundgesetzes 2014 im Bundestag stellte er das Aufblitzen der Schönheit im Zusammentreffen von Politik und Sprache in Artikel 1 des GG heraus: „‚Die Würde des Menschen ist unantastbar‛ […] ist ein herrlicher deutscher Satz: so einfach, so schwierig, auf Anhieb einleuchtend.“ Ein Gegenbeispiel fand Kermani in der 1993 veränderten Fassung des Artikels 16 des GG: „Ein wundervoll gebündelter Satz – ‚Politisch Verfolgte genießen Asylrecht‛ – geriet 1993 zu einer monströsen Verordnung aus 235 Wörtern, die wüst aufeinander gestapelt und fest ineinander verschachtelt wurden, nur um eines zu verbergen: Dass Deutschland das Asyl als Grundrecht praktisch abgeschafft hat.“

Mit der Frage nach der sprachlichen Verankerung des Asylrechts setzt sich auch der Beitrag in der Kategorie „Unser Deutsch“ auseinander. (deutschlandfunkkultur.de, wdr.de, deutschlandfunk.de, dw.com, bundestag.de)

 

Es war einmal … das Telefon

Die Kommunikation hat sich mit den Fortschritten der Technik erheblich verändert. Während private und geschäftliche Angelegenheiten früher meist mündlich besprochen wurden, findet der Austausch heute vor allem schriftlich statt. Lieber Zeit für zwanzig Kurznachrichten aufbringen als ein kurzes Telefonat zu führen, so lautet die Devise, wie Katrin Schregenberger für die Neue Zürcher Zeitung feststellt. Dabei verschaffe erst die Stimme „den Zugang zur Seele des anderen. Emojis zum Beispiel sind armselige Ersatzversuche, die zeigen, dass die textliche Ebene unzulänglich ist“, bemängelt auch Walter Sendlmeier, Kommunikationswissenschaftler an der TU Berlin. Die Stimme vermittele nicht nur die Identität eines Menschen, sondern sei auch auf emotionaler Ebene viel wirkungsmächtiger als eine schriftliche Nachricht. Mündlichkeit habe aber auch eine „entblößende Wirkung“, was vor allem Jugendliche vom Telefonieren abhalte, wie eine Schweizer Studie herausfand. Daraus folge die Angst davor, dass das Gesagte zu Missverständnissen führen oder etwas unüberlegt ausgesprochen werden könne, meint Michael Rufer, stellvertretender Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsspital Zürich. Doch auch bei Erwachsenen lasse sich diese Angst feststellen. Nach einer Umfrage des Beratungskonzerns Deloitte telefonierte 2016 nur noch die Hälfte der Deutschen, wohingegen zwei Drittel regelmäßig den Nachrichten-Dienst WhatsApp nutzten. „Es scheint, dass Angst die Kommunikationstechnologie vorantreibt. Die Angst vor dem Telefonieren“, lautet das Fazit Schregenbergers. (nzz.ch, presseportal.de)

 

2. Unser Deutsch

Subsidiär

Was heißt eigentlich subsidiär und was bedeutet subsidiärer Schutz? Politikern ist dieser Ausdruck in der Flüchtlingsdebatte geläufig. Sie hantieren damit, als wüsste jeder, was gemeint ist. Aber das Wort ist der Alltagssprache fremd. Das Duden Fremdwörterbuch verrät a) unterstützend, hilfeleistend, b) behelfsmäßig. Das hilft wenig weiter. Das Internet informiert: Subsidiären Schutz genießen jene Flüchtlinge, die keinen Anspruch auf Asyl haben (im Sinne der Genfer Flüchtlingskonvention), denen aber gleichwohl Unheil droht, wenn sie in ihre Heimat zurückkehren. Es geht hier um europäisches Recht gemäß der EU-Richtlinie 2011/95/EU vom 13. Dezember 2011. Danach haben diese Flüchtlinge zunächst ein Bleiberecht für ein Jahr, das kann verlängert oder – bei Besserung der Lage in ihrer Heimat – verweigert werden. Dann droht die Abschiebung, es sei denn, eine Klage bei einem Verwaltungsgericht zieht die Sache hinaus. Hinzukommt ein Bündel weiterer Nachteile beim Aufenthaltsrecht, auf dem Arbeitsmarkt, bei Hartz IV und besonders beim sogenannten Recht auf Familiennachzug, für Kinder, Eltern, Geschwister. Kurz gesagt: Das ist Schutz 3. Klasse. Dennoch suchen Hunderttausende diese Hilfe, Maghrebiner geben sich als Syrer aus, wo noch immer Bürgerkrieg herrscht. Alles, um wenigstens subsidiär geschützt zu werden.

Warum ist uns dieses Wort so fremd? Weil es offenbar eine Übernahme aus dem französischen Text der EU-Richtlinie ist: La protection subsidaire wurde im Deutschen zum subsidiären Schutz. Im Französischen ist subsidaire ein seit Jahrhunderten bekanntes Fachwort im Sinne von ‚hilfsweise‘, hier also geht es um ‚hilfsweisen Schutz‘ für jene, die kein Asylrecht erhalten. Die Übersetzer ins Deutsche haben es sich leicht gemacht: schlampig und gedankenlos einfach das kaum bekannte Pendant aus dem Wörterbuch gezogen. Gefragt war hier der Sinn. Und der Weg in eine humane, geordnete Lösung. Darüber ist eine Koalition zerbrochen.

Horst Haider Munske

Die Artikel der Rubrik „Unser Deutsch“ bieten häufig Anlass zur Diskussion. Wer mitdiskutieren möchte, ist im VDS-Rundbriefforum herzlich dazu eingeladen: http://rundbrief.vds-ev.de.

 

3. Berichte

Geschäftssprache ohne Sprecher

Immer mehr deutsche Großkonzerne, darunter Adidas, Bayer oder Volkswagen, setzen im Zuge der Globalisierung und unter dem Deckmantel der Konkurrenzfähigkeit auf Englisch als Konzernsprache. Wer dort sprachlich nicht mitkommt, bleibt auf der Strecke – und stumm. „Es reden vor allem diejenigen, die sich in der Fremdsprache sicher fühlen, und nicht diejenigen mit fachlicher Expertise“, bemängelt das Handelsblatt. Im Gespräch mit dem Wirtschaftsmagazin findet der VDS-Vorsitzende, Prof. Dr. Walter Krämer, zu dieser Entwicklung deutliche Worte: „Ich bin entsetzt, wie bedenkenlos unsere Eliten ihre eigene Sprache und Kultur aufgeben. Es geht nicht um Deutschtümeln. Der Austausch in der Muttersprache dient vielmehr der Qualitätssicherung.“ Die Stiftung Deutsche Sprache hatte im Frühjahr ihre Aktienanteile von Volkswagen verkauft, nachdem das Unternehmen bekannt gegeben hatte, Englisch künftig als Konzernsprache einzuführen. (handelsblatt.com)

 

4. VDS-Termine

5. Dezember, Region 28 (Bremen)
Treffen des Freundeskreises der deutschen Sprache
Zeit: 19 Uhr
Ort: Restaurant „Grauer Esel“, Am Vegesacker Hafen 10, 28757 Bremen

6. Dezember, Region 03 (Cottbus)
Mitgliedertreffen, Jahresausklang: Bilanzierung der Aktivitäten, besonders der örtlichen Wirksamkeit
Zeit: 18:00 Uhr
Ort: Hotel „Zur Sonne“, Taubenstraße 7, 03046 Cottbus

8. Dezember, Region 44 (Dortmund)
Literaturlesung: Hermann Hesse: Der Steppenwolf
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: Gemeindehaus St. Bonifazius, Bonifatiusstraße 3, 44139 Dortmund

 

5. Literatur

Bogart als Sprachschöpfer

Am 26. November 1942 feierte das Melodram „Casablanca“ Premiere. Dabei handelt es sich nicht nur um einen der berühmtesten, sondern auch um einen der meistzitierten Spielfilme. Dialogzeilen aus dem Film sind in das kollektive Gedächtnis übergegangen und manch einem jüngeren Menschen mag der Film vielleicht gänzlich unbekannt sein, Zitate wie „Küss mich, küss mich, als wäre es das letzte Mal“, „Verhaften Sie die üblichen Verdächtigen“ oder „Louis, ich glaube, das ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft“ sind als Redewendungen gebräuchlich. Dies ist insbesondere erstaunlich, da der Film nicht aus einem vollständigen, ausgefeilten Drehbuch, sondern als Flickwerk von Ideen mindestens fünf verschiedener Autoren entstand und berühmt gewordene Textzeilen manchmal sogar erst beim Dreh von Schauspielern improvisiert wurden. Die Kuriosität dieser Vorgehensweise zeigte Schauspielerin Ingrid Bergman anhand eines Beispiels auf: „Sie baten mich, nicht zuviel Ernst in die Liebesszenen zu legen, denn es hieß: ‚Wir wissen wirklich nicht, mit welchem Mann Du am Ende zusammenbleibst.‘“ Humphrey Bogart hätte andernfalls seinen berühmten Satz „Here’s looking at you kid“ („Ich seh dir in die Augen, Kleines“) vielleicht gar nicht erfunden. (deutschlandfunk.de)

 

Orwell – Indikator der Angst?

Seit der Wahl Donald Trumps zum 45. Präsidenten der USA steht George Orwells dystopischer Roman „1984“ wieder hoch im Kurs, belegt erste Plätze auf Listen von Verkaufsschlagern, Auszüge werden auf Plakate und T-Shirts gedruckt. Anita Augustin, Dramaturgin am Wiener Volkstheater, hält dies weniger für einen Zufall als für einen kausalen Zusammenhang: „Das ist hochinteressant, es war ein direkter Reflex des Lesepublikums auf das, was bei Trump auch gang und gäbe ist: Doppeldenk, Neusprech und die wenigen Worte.“ Ob man dem zustimmen möchte oder nicht: Liebhaber des Romans dürfen sich über drei neue Theateradaptionen freuen. In Wien, Bielefeld und Hildesheim sind neue Inszenierungen sehr unterschiedlicher Art zu sehen. Während in Wien die Rede Trumps zu seiner Amtseinführung als zentrales Element in die Aufführung integriert und der amerikanische Präsident so zur Verkörperung von „Big Brother“ wird, bildet in Bielefeld die drastische Darstellung der Folter ein Alleinstellungsmerkmal, das die Inszenierung zu einem „Stück um die Würde des Menschen“ macht, so Regisseur Christian Schlüter. In Hildesheim schließlich werden die Zuschauer Teil eines orwellschen Stücks und müssen selbst um die Sicherheit ihrer Daten fürchten, wenn eine Drohne über ihren Köpfen kreist und sie aufgefordert werden, die Mobiltelefone nach Möglichkeit eingeschaltet zu lassen. (deutschlandfunkkultur.de)

 

6. Denglisch

Cyber Monday, Black Friday

Für die Herkunft des Begriffs „Black Friday“, schwarzer Freitag, gibt es mehrere populäre Erklärungen. Von dem Versuch der Händler, wieder schwarze Zahlen zu schreiben, über deren vom Geldzählen schwarzen Hände bis zur dunklen Menschenmasse, die sich durch die Einkaufszentren wälzt und so chaotisch wirkt, als müsste sie ihr Geld von den Banken retten wie nach dem Börsenzusammenbruch 1929. Nicht nur in den USA, auch in Deutschland locken Händler an einem Freitag nach der amerikanischen Variante des Erntedankfestes mit Rabatten. Mittlerweile dauert dieser vermeintliche Freitag ganze Wochenenden oder gar eine ganze Woche, und darauf folgt mancherorts der „Cyber-Monday“ für die virtuellen Einkäufe im Internet. Dabei taugen die Begriffe wohl nur dazu, den Kommerz anzutreiben. Anders als zum Valentinstag braucht es dazu nicht einmal mehr einen vorgeschobenen „Feiertag“, um zu verschleiern, dass die Aktion nur einem Zweck dient: das Weihnachtsgeschäft anzufeuern. Ohne Übersetzung bedarf der Begriff keiner tieferen Bedeutung und nützt so der künstlichen Konstruktion der Besonderheit eines beliebigen Tages allein durch Verwendung eines begrifflichen Etiketts. (faz.net, esslinger-zeitung.de, merkur.de)


RECHTLICHE HINWEISE

Verein Deutsche Sprache e. V. Dortmund
Redaktion: Lea Jockisch, Holger Klatte, Ann-Sophie Roggel

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