Infobrief 406 (12/2018): Franzosen fürchten um ihre Sprache

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23. März 2018

1. Presseschau vom 16. bis 22. März 2018

  • Franzosen fürchten um ihre Sprache
  • Fachkräftemangel an Schulen
  • Emotionen als Fremdsprache

2. Unser Deutsch

  • Hing oder hängte?

3. Berichte

  • VDS-Mitglieder passen auf

4. VDS-Termine

5. Literatur

  • Ungewöhnlichster Buchtitel
  • Traduki-Jubiläum

6. Denglisch

  • Sprachwechsel am Arbeitsplatz

 

 

1. Presseschau vom 16. bis 22. März 2018

Franzosen fürchten um ihre Sprache


Bildquelle: Wikimedia, Autor: Пресс-служба Президента Российской Федерации, CC BY 4.0-Lizenz

„Es ist paradox: Englisch war noch nie so präsent in Brüssel wie heute – und das zu einer Zeit, in der wir vom Brexit sprechen“, sagte der französische Präsident Emmanuel Macron kürzlich in einer Rede am Institut de France. Laut einer Studie des Übersetzerdienstes der EU-Kommission werden nur noch fünf Prozent Texte auf Französisch verfasst, 1997 waren es noch 40 Prozent. Die Internetzeitung Epoch Times schreibt: Die Tage, in denen Französisch die wichtigste Sprache auf der EU-Bühne war, sind vorbei. Die Ursache dafür sieht sie in der ersten Osterweiterung 2004. „Es kamen all diese neuen Gesichter, und niemand von ihnen sprach Französisch“, zitierte sie eine EU-Lobbyistin. Auf EU-Ebene will Präsident Macron nun eine gemeinsame Initiative mit Belgien starten, um die Sprache in den Institutionen zu fördern.

Während sich also französische Politiker für eine bessere Stellung ihrer Sprache in den EU-Einrichtungen einsetzen, verhandeln ihre Nachbarn in Deutschland lieber auf Englisch. Der Verein Deutsche Sprache e.V. kritisiert das. (vds-ev/pressemitteilung, epochtimes.de)

 

Emotionen als Fremdsprache

Emojis gehören – ob man es gut findet oder nicht – zum heutigen Kommunikationsalltag. Die kleinen Gesichter, Tiere oder Gegenstände sollen die sprachliche Ebene visuell erweitern und Nachrichteninhalte unterstreichen. Besonders aber können sie das geschriebene Wort durch eine nachempfundene Mimik verdeutlichen. Auf ähnliche Weise soll nun Menschen geholfen werden, die Emotionen nur schwer erkennen können. Neurowissenschaftler an der Berliner Humboldt-Universität haben eine App entwickelt, die es Autisten erleichtern soll, Gefühle und Gesichtsausdrücke besser zu erkennen und zu deuten. Menschen mit einer autistischen Störung fällt es schwer, die Gefühlslage anderer, aber teils auch eigene Emotionen richtig einzuschätzen. Gleich einer Bücherei führt die App bislang 40 Gemütszustände auf, die inhaltlich kategorisiert und beispielhaft dargestellt sind. Mithilfe von Schauspielern bildet die Handyanwendung auch unterschiedliche Varianten der Emotion, beispielsweise in der Gegenüberstellung von Mann und Frau. Dabei sei das Erlernen von Mimik ähnlich kompliziert wie eine neue Fremdsprache, sagt die Neurowissenschaftlerin Isabel Dziobek. Auch der Prozess des Lernens ist nie abgeschlossen: „Es bleibt immer eine aktive Anstrengung, es wird nicht automatisch“, erklärt Silke Lipinski, Doktorandin der Psychologie und selber Asperger-Autistin. (deutschlandfunkkultur.de)

 

Fachkräftemangel an Schulen

Bis zu 30 Prozent der Lehrer an Berliner Schulen sind keine ausgebildeten Pädagogen, sondern Quereinsteiger. Das wurde auf eine Anfrage des SPD-Abgeordneten Joschka Langenbrinck mitgeteilt. Besonders in sozialen Brennpunkten, darunter Neukölln und Moabit, bestehe das Lehrpersonal zu einem großen Teil aus Lehrern, die ihr Studium berufsbegleitend, das heißt während ihres schon ausgeübten Unterrichts, nachholen. Um Fachkräfte besser auf vermeintlich besonders problematische Schulen zu verteilen, versucht die Regierung nun, ausgebildete Lehrer mit geringerem Unterrichtsdeputat und Unterstützung im Referendariat zu gewinnen.

Die Konsequenzen, die aus einem Mangel an gut ausgebildeten Lehrern entstehen, bekommen zunehmend auch Universitäten zu spüren. Neben Defiziten in den Naturwissenschaften, besonders in Mathemathik, ist es vor allem Deutsch, an dem Studienanfänger scheitern. Immer häufiger müssten wissenschaftliche Arbeiten wegen der schlechten Schreibe zurückgegeben werden, so Horst Hippler, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz. Mit Vorkursen und weniger Pflichtveranstaltungen versucht man derzeit, das in der Schulzeit entstandene Defizit aufzuholen und so die Abbrecherquote von 33 Prozent an deutschen Unis zu senken. (tagesspiegel.de, deutschlandfunk.de)

 

2. Unser Deutsch

Hing oder hängte?

„Die Mutter hing die Wäsche auf“ – ein Leser zweifelt, ob seine Frau hier richtig spricht. Zu recht. Denn das Verb hängen kann transitiv (mit Objekt) und intransitiv (objektlos) gebraucht werden. Ohne Objekt wird es nach der starken, der ablautenden Form flektiert: hängenhinggehangen. Transitiv dagegen regelmäßig: hängenhängtegehängt. So schreibt es die Schriftsprache vor, so dokumentiert es der Duden. Gesprochen vermengen sich manchmal die Formen. Das tut der Verständigung keinen Abbruch.

Wir fragen: Wie erklärt sich diese Differenzierung? Dazu müssen wir etwas ausholen. Die Unterscheidung ‚starker‘ und ‚schwacher‘ Verben stammt von Jacob Grimm, dem Vater der Germanistischen Sprachwissenschaft. Als erster erkannte er die Regelmäßigkeit des Vokalwechsels in etymologisch verwandten Wörtern und nannte sie ‚Ablaut‘. Und als erster beschrieb er, wie dieser Ablaut in den germanischen Sprachen systematisch zur Tempusbildung eingesetzt wurde, wie in trinkentrankgetrunken. Diese ‚ablautenden‘ Verben nannte er in seiner Deutschen Grammatik (1819) ‚stark‘, weil sie ihre Vergangenheitsformen ‚aus eigener Kraft‘ durch den Wechsel des Stammvokals bilden, ‚schwach‘ seien die übrigen, die dazu ein formales Zusatzelement –te (wie in hängte) benötigen. Vielleicht hat ihn auch der Wohlklang des Ablauts zu solcher metaphorischen Terminologie verführt. Und auch die Beobachtung, dass ablautende Verben schon in althochdeutscher Zeit nicht mehr gebildet wurden. Lautwandel hatte das System undurchsichtig und unproduktiv werden lassen. Alle neuen Verben, zum Beispiel aus Substantiven oder Adjektiven abgeleitet, wurden seitdem schwach gebildet wie beispielsweise spielen (aus Spiel) oder kürzen (aus kurz). Hinter dem Begriffspaar stark/schwach verbirgt sich auch Grimms Verehrung für das Mittelalter und ein Stück Klage über den (vermeintlichen) Sprachverfall.

Das führt uns in die Gegenwart zurück. Im heutigen Deutsch gibt es zirka 3800 schwache und nur noch 170 starke Verben. Der Wechsel von starker zu schwacher Tempusbildung vollzieht sich vor unseren Augen. Bei unseren Klassikern hat der Hund noch gebollen. Und 1851 schrieb Jakob Grimm in einer Akademierede über den Ursprung der Sprache: „Ein Hund bellt noch heute, wie er zu Anfang der Schöpfung boll“. Aber im 1. Band des Grimmschen Wörterbuchs von 1854 heißt es: bellenbollgebollen, auch bellte, gebellt. Heute ist bei 40 Verben eine starke und eine schwache Form gebräuchlich. Teils gilt die starke Form als veraltet und wird als ‚gehoben‘ gekennzeichnet wie zum Beispiel bei frug (zu fragen), buk (zu backen), schuf (zu schaffen), troff (zu triefen ) und deuchte (zu dünken). Manche abgelautete Form ist nur noch als Adjektiv (aus einem Partizip) erhalten wie verblichen (zu verbleichen), gesotten (zu sieden), gesonnen (zu sinnen). Bei einem Dutzend Verben hat sich eine syntaktische Unterscheidung ausgebildet: die starke Form intransitiv, die schwache transitiv. Die geläufigsten sind: er erschrak – er erschreckte uns, er wog zuviel – sie wiegte ihr Kind, die Kerze erlosch – sie löschten das Feuer und natürlich: hing und hängte. So retten sich die starken Verben gegen die übermächtige Konkurrenz. Phänomenal ist dabei eines: In Texten kommen ablautende und andere unregelmäßigen Verben genauso häufig vor wie alle schwachen Verben zusammen. Denn die meisten gehören zum häufig gebrauchten Grundwortschatz, der jedem Wandel am längsten widersteht.

Nachbemerkung: Fragen von Lesern sind nicht immer leicht zu beantworten.

Horst Haider Munske

Der Autor ist Professor für Germanistische Sprachwissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Vereins Deutsche Sprache e.V. Ergänzungen, Kritik oder Lob können Sie schicken an: horst.munske@fau.de

 

3. Berichte

VDS-Mitglieder passen auf

Die Cottbusser Sprachfreunde sind aufmerksame Mitglieder des VDS. Dies merkte auch der Chefredakteur der Lausitzer Rundschau, der Post von einem der Mitglieder bekam, weil er in seinen Beiträgen Anglizismen verwendete. Daraufhin besuchte er sie bei einem ihrer monatlichen Treffen und berichtet anschließend von ihrer Arbeit. (lr-online.de)

 

4. VDS-Termine

23. März, Region 44 (Dortmund)
Regionalversammlung mit Wahl der Regionalleitung
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: VDS-Dortmund, Martin-Schmeißer-Weg 11, 44227 Dortmund

23. März, Berlin
Jugendstammtisch, Gast: Vera Lengsfeld
Anmeldung: vds-stammtisch@web.de (Name, Wohnort, VDS-Mitglied ja/nein)
Zeit: 20:00 Uhr
Ort: Berlin-Mitte

25. März, Region 54 (Trier, Bitburg)
Mitgliederversammlung mit Wahl der Regionalleitung
Vortrag: Prof. Dr. Walter Krämer (VDS-Vorsitzender) zum Thema „Wozu braucht Deutschland den VDS?“
Zeit: 18:00 Uhr
Ort: Gasthaus „Bei Lonnen“, Kirchweg 2, 54597 Ormont

26. März, Deutsches Musikradio
„Wortspiel“ beim Deutschen Musikradio DMR mit Holger Klatte und Stefan Ludwig.
Schwerpunkt: Religion und Sprache
Sendungsseite: http://www.deutschesmusikradio.de/dmr/wortspiel/
Zeit: 20 bis 21 Uhr, Wiederholung: 23 Uhr

26. März, Eupen (Belgien)
Dem Genitiv sein Retter kommt nach Ostbelgien! – Bastian Sick zu Gast im Jünglingshaus Eupen
Veranstaltung für Schüler der Oberstufe Sekundar aller ostbelgischen Schulen
Anmeldefrist bereits abgelaufen!
Zeit: 13:30 Uhr
Ort: Jünglingshaus Eupen, Neustraße 86, 4700 Eupen, Belgien

27. März, Region 01 (Dresden, Riesa)
Regionaltreffen
Vortrag: Albrecht Ludwig (ehemaliger Stadtschreiber von Bautzen) zum Thema „Sprichwörter und Redewendungen – was auf keine Kuhhaut passt“
Zeit: 18:00 Uhr
Ort: Ortsamt Dresden-Loschwitz, Grundstraße 3, 01326 Dresden

27. März, St. Vith (Belgien)
„Schlagen Sie dem Teufel ein Schnäppchen!“
Lesung: Bastian Sick präsentiert Höhepunkte aus 14 Jahren „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“ und das Neueste aus der „Happy Aua“-Reihe
Anmeldung: anmeldung@pdg.be, freier Eintritt
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: Triangel, Vennbahnstraße 2, 4780 St. Vith, Belgien

28. März, Region 03 (Cottbus)
Mitgliedertreffen
Zeit: 18:00 Uhr
Ort: Hotel „Zur Sonne“, Taubenstraße 7, 03046 Cottbus

 

5. Literatur

Ungewöhnlichster Buchtitel

Auf der Leipziger Buchmesse wurde der Preis für den ungewöhnlichsten Buchtitel verliehen. Im letzten Jahr ging der Preis an den Poeten Sebastian Rabsahl alias Sebastian 23, dessen Buch „Hinfallen ist wie Anlehnen, nur später“ ausgezeichnet wurde. Diesjährige Preisträgerin ist die Essener Autorin Anna Basener. Zu verdanken hat sie ihren Preis insbesondere ihrem Lektor, der den ersten Titelvorschlag, den Basener in bestem Denglisch als „besten Titel der Welt, ever, ever, ever“ bezeichnet hatte, ablehnte. Der ungewöhnlichste Buchtitel des Jahres ist deshalb nun: „Als die Omma den Huren noch Taubensuppe kochte“. (wr.de)

 

Traduki-Jubiläum

Seit seiner Gründung vor zehn Jahren hat das europäische Netzwerk für Bücher und Literatur Traduki bereits über 900 Bücher übersetzt. Das Netzwerk umfasst inzwischen Übersetzer aus 14 Ländern in Ost- und Mitteleuropa und zehn Sprachen. „Übersetzer tragen dazu bei, dass wir uns besser verstehen in Europa“, sagte Michael Roth, Staatsminister für Europa im Auswärtigen Amt, während der Jubiläumsfeier auf der Leipziger Buchmesse am 17. März. Und die albanische Kulturministerin Mirela Kumbaro-Furxhi erinnerte an das Zitat Umberto Ecos: „Die Sprache Europas ist die Übersetzung.“ (boersenblatt.net)

 

6. Denglisch

Sprachwechsel am Arbeitsplatz

Arbeitgeber dürfen ihren Mitarbeitern nicht so ohne weiteres Englisch als neue Betriebssprache vorschreiben, weiß Jürgen Markowski, Fachanwalt für Arbeitsrecht. Zwar gilt, dass die Geschäftsführung generell das Direktionsrecht über die Sprache im Unternehmen hat. Ein plötzlicher Wechsel in eine andere Sprache ist aber nur zulässig, wenn dies auch so im Arbeitsvertrag festgehalten wurde. Wenn der Arbeitsvertrag nichts dergleichen hergibt, kann der Arbeitgeber dennoch den Sprachwechsel vorschreiben, muss aber entsprechende Weiterbildungmöglichkeiten zur Verfügung stellen. (merkur.de, n-tv.de)


 

Der VDS-Infobrief enthält Neuigkeiten und Nachrichten der vergangenen Woche zur deutschen Sprache.

RECHTLICHE HINWEISE

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Redaktion: Lea Jockisch, Holger Klatte, Silke Niehaus, Ann-Sophie Roggel

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