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Interview mit Frank Neukirchen-Füsers, Geschäftsführer des Jobcenters Dortmund (18.7.2014)

jobcenter neuk klat
VDS-Geschäftsführer Holger Klatte sprach mit dem Geschäftsführer des Jobcenters Dortmund Frank Neukirchen-Füsers (li.) über sprachliche Entwicklung im früheren Arbeitsamt. Foto: Sarah Weller

 

1. Was ist eigentlich der Unterschied zwischen dem Jobcenter und dem früheren Arbeitsamt?
Diese Frage passt gut zum Thema Sprache, weil die beiden Bezeichnungen im Sprachgebrauch nicht mehr unterschieden werden. Besonders das alte Arbeitsamt hat eine hohe Kontinuität im Gedächtnis der Menschen. Die Jobcenter sind ein Zusammenschluss von Arbeitsagentur und Sozialverwaltung für einen bestimmten Personenkreis. Wir haben die Arbeitslosenhilfeempfänger aus den Arbeitsagenturen und die Sozialhilfeempfänger aus den Sozialverwaltungen übernommen. Diese Schnittmengen werden im Jobcenter betreut, also erwerbsfähige Leistungsempfänger, die aber keinen Anspruch auf Versicherungsleistung der Arbeitsagenturen haben. Deswegen haben wir  zwei Träger: die Stadt Dortmund, als Träger der ehemaligen Sozialverwaltung, und die Arbeitsagentur.

2. Viele verstehen unter einem ‚Job’ eher eine Aushilfstätigkeit. Das Jobcenter vermittelt also Nebenbeschäftigungen?
Natürlich nicht! Aus dem Bemühen heraus, eine Begrifflichkeit für die neue Einrichtung zu finden, stammt der Ausdruck Jobcenter. Damit war nicht intendiert, die Arbeitsverhältnisse, die wir vermitteln, in irgendeiner Art und Weise zu diskreditieren. Anfang der 2000er Jahre, als das erfunden wurde, war es sehr modern, Wörter aus dem Englischen zu übernehmen. Und für eine neue Administration hörte sich „Jobcenter“ eben sehr modern an. Darunter sollten aber niemals nur Nebenjobs verstanden wären – also nicht nur Minijobs, sondern ganz im Gegenteil: Wir vermitteln sozialversicherungspflichtige Arbeit und zwar von einfachen Arbeitsstellen bis hin zu akademischen Arbeitsstellen.

3. Glauben Sie, dass sich diese Umwertung des Begriffs dann auch im Sprachverständnis der Bevölkerung einbürgert?
Bereits heute geht wohl niemand davon aus, dass wir minderwertige Arbeit vermitteln – also auch nicht bei unseren Kunden, nicht bei den Arbeitgebern, die auf unsere Dienste zurückgreifen. Jobs sind richtige Arbeitsstellen, die von den Arbeitgebern gemeldet werden und das wird von Menschen auch so wahrgenommen. Die Dänen nennen die entsprechende Institution übrigens „Job-Butiken“, das ist auch nett, weil es das Angebot von Arbeit und Jobs herausstellt. Niemand kommt in Dänemark auf die Idee, anzunehmen, dass hier minderwertige Arbeitsstellen angeboten werden.

4. Vor einigen Monaten hat ein Gericht festgestellt, dass das Wort ‚Jobcenter’ zur deutschen Amtssprache gehört. Gilt das auch für „Pocket-Flyer“, „Workshop“, „Hotline“ und „Best Ager“?
Ich glaube, dass diese Wörter zunehmend genutzt werden. Für mich ist bei der Sprache wichtig, dass der Sinn, der hinter solchen Ausdrücken steckt, verständlich ist. Und da ist für mich unerheblich, ob die Wörter eingedeutscht sind oder aus dem Englischen kommen. Der Empfänger muss verstehen, was der Sender gemeint hat. Diese Übernahmen sind bis zu einem gewissen Grad auch normal, weil die Sprache lebt und adaptiert immer bestimmte Wörter aus anderen Sprachen. Gerade die deutsche Sprache ist ja durchsetzt mit Fremdwörtern. Im Rheinland, aus dem ich stamme, haben wir beispielsweise noch viele Wörter aus dem Französischen.

5. Die Beispiele waren Wörter von Ihrer Netzseite.
Gegenwärtig werden viele Wörter aus dem Englischen übernommen. In dreißig Jahren kommen die Fremdwörter vielleicht aus dem Chinesischen oder aus indischen Sprachen. Das hängt auch davon ab, welche Bedeutung und welchen Einfluss eine Kultur in der Welt hat. Deswegen leben Sprachen, so dass ich bei den genannten Wortübernahmen leidenschaftslos bin. Anders ist es, wenn die gewählten Begriffe irreführend sind. Wenn also die Leute nicht wissen, was damit gemeint ist oder wenn Wörter eine Bedeutung tragen sollen, die die Leute nicht kennen. Flyer versteht man, glaube ich, noch. Bei best-ager wird es schon kritischer, da wäre ich eher für eine andere Umschreibung.

7. Politiker erfinden manchmal neue Begriffe und sprechen dann z.B. von ‚Flexibilisierung des Arbeitsmarktes’, ‚atypischer Beschäftigung’ und ‚Eigenverantwortung’. Wirken sich solche Bedeutungsverschiebungen auf die Motivation von Arbeitsuchenden aus?
Nein, dass kann ich nicht feststellen. Denn dieses Setzen von Begriffen findet eher in der  Fachdiskussion der Politik und in der Wissenschaft statt. Ich kann nicht beobachten, dass unsere Kunden solche Diskussion auf sich beziehen, dass sie sich einer bestimmten Gruppe zugehörig und sich oder ihre Arbeitsverhältnisse dadurch bewertet fühlen. Die Diskussion, die dahinter steht, die beeinflusst natürlich die Meinung unserer Kunden zu dem Arbeitsmarkt, der ihnen offen steht oder verschlossen ist.

8. Haben Sie ein Beispiel?
Unter ‚prekärer Beschäftigung’ verstehen unsere Kunden, dass sie nicht genügend Geld verdienen oder dass sie keine feste Anstellung bekommen. Diesen Zustand würde unsere Kunden wahrscheinlich anderes benennen, weil sie von dieser Arbeit nicht leben können. Also der Sachverhalt beeinflusst natürlich den Alltag unserer Kunden, um Begriffe geht es da nicht.

9. Also niemand fühlt sich sozusagen getrieben, wenn an die „Eigenverantwortung“ appelliert ?
Kann ich nicht feststellen. Über die Begriffe beschweren sich die Kunden nicht. Beschwerden gibt es über die realen Verhältnisse, die dahinter stecken, wenn eine Arbeitsstelle nicht die erwarteten Aufgaben beinhaltet. Auch über den Sachverhalt der „Eigenverantwortung“ sind sich unsere Kunden und der Gesetzgeber nicht immer einig. Die Frage, wie weit der Sozialstaat geht und was ich selber dazu beitragen muss, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen, ist eine Frage der Einstellung. Wir als Einrichtung müssen das erklären, dass mit „Eigenverantwortung“ nicht ein Abschieben der gesellschaftlichen Verantwortung auf die Schwächeren gemeint ist, sondern einfach ein Einfordern eigener Motivation der Betroffenen. Das ist meines Erachtens auch so im SGB II gemeint.

8. Stichwort: Juristische Korrektheit. Sie müssen Ihren Klienten mitunter komplizierte Gesetze erklären. Kommt es da zu Missverständnissen?
Klar. Wir müssen mit dem SGB II eine der kompliziertesten Rechtsmaterien auf Menschen anwenden, die nicht unbedingt alle gelernt haben, mit solchen Materien umzugehen. Das ist ein Grundproblem. Unsere Inhalte sind in ihrer gesamten Komplexität nur schwer darstellbar und nachvollziehbar. Viele der Entscheidungen in unserem Bereich betreffen die Grundsicherung. Da geht es um jeden Euro. Wenn diese existenziellen Entscheidungen und der Weg dorthin auch noch kompliziert erklärt werden, dann ist der Konflikt vorprogrammiert.

9. Wie gehen Sie da vor?
Wir bemühen uns seit Jahren und auf unterschiedlichen Wegen, die wiederkehrenden Sachverhalte auch einfach zu erklären. Von uns gibt es schriftliches Material dazu, beziehbar über unsere Internetseite. Wir haben Leistungsberater eingestellt, die versuchen, den Neukunden das System darzustellen.

10. Was wird denn häufig nicht verstanden?
Die Anrechnung von Einkommen über die maschinell ausgedruckten Bescheide lassen nicht immer klare Schlüsse darüber zu, was mir zusteht und was abgezogen wird. Da gibt es ein Anschreibeblatt und einen Berechnungsbogen. Aber für die Betroffenen ist das nicht immer nachvollziehbar.

11. Welche Kommunikationskanäle nutzen Sie?
Wir haben Bescheid-Erklärer, wir haben Internet, wir bieten eine ganze Reihe Broschüren und Handzettel an, das auch in unterschiedlichen Sprachen. Aber als Jobcenter müssen wir komplexe Sachverhalte einfach darstellen. Da sind wir aber keine Experten. Deswegen arbeiten wir mit dem Verein Deutsche Sprache zusammen, um wichtige Inhalte in einfacher Sprache darzustellen. Das ist uns besonders wichtig – gerade bei der rechtssicheren Darstellung, weil solche Texte im Klageverfahren bestimmten Ansprüchen gerecht werden müssen. Das darf aber trotzdem keine Juristensprache sein.

12. Wie haben sich die die Deutschkenntnisse Ihrer Klienten in den vergangenen 20 Jahren entwickelt?
Die Sprachkenntnisse haben sich nicht wesentlich verändert. Ich bin seit 25 Jahren in diesem Geschäft und immer schon bestand die Schwierigkeit, Texte der Amtssprache verständlich darzustellen.

13. Muss das Jobcenter mittlerweile auch Fremdsprachen beherrschen?
Fremdsprachen werden auch im Jobcenter immer wichtiger. Seit einigen Jahren bieten wir viele Texte auch in Russisch, Türkisch oder Arabisch an. Aber die ganz normale Amtspost, die wir auch verschicken, die ist natürlich stets auf Deutsch. Das gilt auch für die Einstellung neuer Mitarbeiter. Wir versuchen auf eine möglichst große Sprachen- und Kulturvielfalt zu kommen. Ein interkultureller Hintergrund kann bei Stellenausschreibungen des Jobcenters wichtig sein. Kenntnisse im Rumänischen, Bulgarischen oder Türkischen sind ein entscheidender Vorteil, um bei uns zu arbeiten.

14. Vermitteln Sie Ihren Kunden also nicht, dass Deutschkenntnisse eine Grundvoraussetzung sind, um einen Job zu bekommen?
Das ist ein anderer Punkt. Wir unterstützen Deutschkurse, weil wir wissen, dass man kaum Zugänge zu Qualifizierung und zum Arbeitsmarkt hat, wenn man ohne Deutschkenntnisse hier lebt. Aber in der Kommunikation mit dem Job-Center ist es oft einfacher, dass wir auf unsere Kunden auch in ihrer Muttersprache zugehen. Wir haben viele Mitarbeiter, die andere Sprachen als Deutsch sprechen, und können diese jederzeit dazuholen, wenn eine bestimmte Fremdsprache benötigt wird.

15. Wie setzen Sie denn im Jobcenter Dortmund das geschlechtergerechte Deutsch um?
Das ist keine einfache Entwicklung, weil das geschlechtergerechte Deutsch noch nicht in den alltäglichen Sprachgebrauch übergegangen ist. Wenn man sich mit jemanden direkt unterhält, ist die Anrede überhaupt kein Problem. Schwieriger wird es, wenn eine Gruppe angesprochen wird. Besonders Texte, in denen ich beide Geschlechter anspreche, werden unlesbar. Ich bevorzuge es, wenn man sich im Deutschen auf eine vernünftige und für alle gültige Form einigen könnte. Wir müssen einen Gender-Begriff finden, der beide Geschlechter beschreibt und allgemein akzeptiert wird. Viele der aktuellen Vorschläge, das Binnen-I oder Schrägstrich-Inen sind praktisch nicht anwendbar und machen Texte unleserlich.

14. Also ein klares Nein zum Genderdeutsch?
Das geht auch nicht. Einfach beim Alten bleiben und Frauen versichern, dass sie sich auch angesprochen fühlen dürfen, ist nicht in Ordnung. Das könnte man dann ja auch umgekehrt machen, die weiblichen Formen nehmen und den Männern sagen, dass sie mitgemeint sind.

15. Das gibt es auch schon!
Ja, aber auch diese Lösung ist kaum durchsetzbar. Hier sind Sprachforscher gefragt, Vorschläge zu machen, die für alle akzeptabel sind. Das wäre mir und meinen Amtsleiterkollegen am liebsten. Im Moment sind wir in einer Übergangszeit: Wir haben erkannt, dass das Thema Geschlechtergerechtigkeit wichtig ist. Aber wir suchen noch eine allgemeinverbindliche und vernünftige Lösung.

16. Der neueste Vorschlag will die Genusmarkierungen völlig abschaffen: Geschäftsführx wären Sie dann.
Das hat auch was. Wir könnten hier Asterix und Obelix als Vorbild nehmen. Ich weiß nicht, ob das geeignet ist, aber lustig wäre es.

17. Ist denn hier im Jobcenter damit jemand beauftragt, dass die Sprache daraufhin durchgesehen und umgestellt wird?
Natürlich haben wir Gleichstellungsbeauftragte und Beauftragte für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt. Aber niemand redigiert die Texte daraufhin, ob sie dem Gender-Gedanken Rechnung tragen. Wir versuchen darauf zu achten – unsere Pressestelle, alle, die mit Texten zu tun haben – aber bei der täglichen Kommunikation bevorzugen wir praktische Lösungen.

18. Halten Sie das auch für eine Form der Machtausübung, solche sprachlichen Neuerungen durchzusetzen?
Sprache wird immer auch politisch dominiert und ist immer die Sprache der politisch herrschenden Meinung, eines führenden Kultur- oder Wirtschaftssystems. Beim Genderdeutsch werden derzeit lange gültige Konventionen aufgebrochen, weil die Ideen, die dahinter stecken, politisch stärker vertreten werden.

19. Aber vielleicht geht das zur Zeit etwas schnell.
Die Sprache muss diesen gesellschaftlichen Veränderungsprozess nachvollziehen. Und es würde mich freuen, wenn die Sprache hier mithalten und entsprechen schnell hinterherkommen würde. Wenn die gesellschaftlichen Neuerungen selbstverständlich geworden sind, dann wird sich auch das Sprachbild ändern.

Das Interview führte Dr. Holger Klatte, VDS-Geschäftsführer

 

 

Medienecho

Für Nuhr ist der Kulturpreis Deutsche Sprache eine seiner wichtigsten Auszeichnungen. „Andere Preise habe ich bekommen, weil ich lustig bin, diesen, weil ich ernst genommen werde“, sagte der Preisträger.  Dabei sei die Sprache für ihn von besonderer Bedeutung. „Schließlich gibt es bei meinem Bühnenprogramm keinen Tanz und keine Pyrotechnik - es geht nur um die Worte.“ (Tagesspiegel, 25.10.2014)

 

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Sprüche

Schrecklich, diese „fremdbestimmte Dauer-Beschallung” – vor allem wenn aus den Boxen einer dieser „Gute-Laune-Sender” töne. „Dieser ganze Mainstream-Rock-Faschismus macht mich krank!” Wer das Formatradio erfunden habe, gehöre „gevierteilt – und seine Eingeweide sollten von Geiern gefressen werden!” Da bricht der aufgestaute Frust zahlloser Tournee-Reise-Stunden vor dem Autoradio durch. Auf die Radiomacher, die „unsere Gesellschaft in die Knie zwingen wollen: Diese Nervsäcke in den Gute-Laune-Radios vergehen sich an der Geschmacksbildung – das ist die Hölle. Ganz bitter!”

Götz Alsmann
(derwesten.de, 5.11.2014)