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11. März 2010 

Verein Deutsche Sprache e.V.

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Sprachpolitische Leitlinien

Worum es geht

Europas Sprachen und Kulturen stehen unter starkem Globalisierungsdruck. Sie verlieren weltweit an Geltung und werden in zunehmendem Maße von angloamerikanischem Sprach- und Kulturgut beeinflußt. Dies führt zu einem Identitätsverlust der betroffenen Völker und Volksgruppen
(vgl. UNESCO-Erklärung vom 2. November 2001).

Immer mehr Sprecher und Schreiber in Europa übernehmen angloamerikanische Wendungen in ihren Sprachgebrauch. Diese Entwicklung ist nicht nur eine Modeerscheinung - sie schwächt vielmehr auch die sprachliche und kulturelle Eigenständigkeit der europäischen Länder bis hin zur politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Abhängigkeit Europas von den USA. Die sprachliche Eigenständigkeit als wichtigstes Merkmal der wirtschaftlichen und kulturellen Selbstbehauptung der europäischen Länder droht so allmählich verloren zu gehen. Verstärkt wird diese Entwicklung durch die zunehmende Verdrängung der nicht-englischen Sprachen aus den Ämtern und Gremien der Europäischen Union. Kürzlich getroffene Sprachentscheidungen zum Patentrecht liefern hierfür ein eindrucksvolles Beispiel.

In den deutschsprachigen Ländern ist die Anglisierung und Amerikanisierung der Landessprache(n) besonders weit fortgeschritten.
Die Geringschätzung der Muttersprache, der Mangel an Sprachloyalität gefährden in diesen Ländern die Funktion der Sprache als gesellschaftliches Verständigungsmittel. Gleichzeitig (v)erklären tonangebende Sprecher, Meinungsführer und Politiker die Amerikanisierung zu einer begrüßenswerten Folge der Globalisierung. Aus der häufigen Verwendung englischer und scheinenglischer Ausdrücke, die als "modern" gilt und mit der man zu imponieren trachtet, ergeben sich Verständigungs- und Eingliederungsprobleme bis hin zur sprachlichen Diskriminierung entgegen Artikel 3, Absatz 3 unseres Grundgesetzes ("Niemand darf wegen (...) seiner Sprache (...) benachteiligt (...) werden.").

Der Wortschatz einer Kultur, mitunter ihr genokultureller Code genannt, ist von jeder Generation neu zu entschlüsseln und zu deuten.
Ein ungeschriebener Generationenvertrag erleichterte bisher der Folgegeneration den sprachlichen Zugang zur eigenen Kultur und Geschichte und in eine selbst gestaltete Zukunft. Eine verbreitete Geringschätzung unserer Landessprache, allerorten erkennbar an einem "falschen Englisch im Deutschen", stellt heute diesen Generationenvertrag in Frage. Der Zwang zum ständigen Wechsel zwischen zwei Sprachsystemen mit unterschiedlicher Grammatik und Rechtschreibung beeinträchtigt die Bereitschaft unserer Kinder und Enkel, die deutsche Sprache weiterhin schöpferisch zu nutzen und die Wirklichkeit mit ihrer Hilfe treffsicher zu bezeichnen. Neuesten Studien zufolge ("PISA" 2001/2002) handelt es sich dabei um ein spezifisch deutsches Sprach und Bildungsproblem.

Die zunehmende Verwendung von angloamerikanischen Wörtern und Wendungen verändert die deutsche Sprache heute schneller und umfassender als Latein und Französisch in früheren Jahrhunderten.
In früheren Jahrhunderten benutzte fast nur der kleine Kreis der Eliten Wörter und Wendungen aus anderen Sprachen. Heute dagegen fördern Werbung und Medien das Eindringen angloamerikanischer Wörter in die Alltagssprache aller Bevölkerungsschichten. Fast alles vermeintlich oder tatsächlich Neue erhält - oft unklare - anglisierende Bezeichnungen. Bisher haben sich weder Kulturträger noch Politiker in ausreichendem Maße für die Stärkung der deutschen Sprache eingesetzt. Aus diesem Grunde müssen die Bürgerinnen und Bürger nunmehr selbst die Initiative ergreifen und aktiv werden! Der VDS sieht darin eine kulturpolitische Herausforderung ersten Ranges. Vor allem die staatlichen und kulturellen Einrichtungen sowie die öffentlich-rechtlichen Medien müssen dazu gebracht werden, endlich wieder mehr Loyalität zur deutschen Sprache aufzubringen und liebevoller mit ihr umzugehen.

Viele Wissenschaftler machen ihre Fachsprachen zum Einfallstor für englische Wörter in die deutsche Sprache. Sie lassen zu, daß sie durch die englische verdrängt wird und ihre Fähigkeit zu wissenschaftlich differenziertem Ausdruck verliert.
Zum Wissens- und Gedankenaustausch über Sprachgrenzen hinweg ist das Englische in allen Wissenschaften zweifellos von Nutzen. Verhängnisvoll wäre es allerdings anzunehmen, englischsprachige Fachausdrücke und Texte bedürften keiner Übersetzung mehr oder die Wissenschaftler sollten nur noch englisch sprechen (und denken). Jede Fachsprache, in der kreativ gedacht wird, wurzelt (mit Ausnahme formaler Sprachen) in einer entwickelten Kultursprache und greift ständig auf deren muttersprachlichen Wortschatz und Vorrat an erklärenden Wendungen und Bildern zurück. Dies gilt auch in den Naturwissenschaften. Aus einigen ihrer Teildisziplinen hat sich die deutsche Sprache jedoch schon fast völlig verabschiedet.

Wir sehen unsere Einschätzung und die aus ihr folgenden Forderungen bestätigt durch die "Allgemeine Erklärung der UNESCO zur kulturellen Vielfalt", beschlossen auf deren 31. Generalkonferenz am 2. November 2001:
Nach dieser Erklärung soll "jeder die Möglichkeit haben, sich selbst in der Sprache seiner Wahl auszudrücken und seine Arbeiten zu erstellen und zu verbreiten, insbesondere in seiner Muttersprache." In den zugehörigen Leitlinien für den UNESCO-Aktionsplan werden u. a. folgende Forderungen erhoben:
"(5) Erhaltung des sprachlichen Kulturerbes der Menschheit und Unterstützung der Ausdrucksformen, des Schaffens und der Verbreitung in einer höchstmöglichen Anzahl von Sprachen.
(6) Förderung der sprachlichen Vielfalt bei Respektierung der Muttersprache auf allen Bildungsebenen (...)."


Unsere Forderungen

an die Wissenschaft:
Erhaltung und weiterer Ausbau der deutschen Sprache in Forschung und Lehre; Deutsch als gleichberechtigte Konferenzsprache auf Kongressen in Deutschland;
an die Kultusminister:
Deutschunterricht an den Schulen verbindlich bis zum Abitur;
an die Verbände für Verbraucherschutz:
Wahrnehmung ihres Auftrages auch im Sinne einer sprachlichen Produktsicherheit;
an Firmen, Ämter und öffentlich-rechtliche Anstalten:
Erfüllung der Informationspflicht in der Landessprache, anstatt uns als Kunden und Bürger mit englischsprachigen
Bezeichnungen zu verunsichern oder abzufertigen;
an Politiker, Schriftsteller, Journalisten, Sprach- und Kulturwissenschaftler:
Das Anglizismen-Problem endlich zu erkennen und Partei für die deutsche Sprache zu ergreifen;
an Funktions- und Vertrauensträger der Gesellschaft:
Besondere Loyalität gegenüber unserer Sprache aufzubringen. Ein Blick auf unsere französischen und polnischen Nachbarn kann dazu ermutigen.

Wir fordern nicht,

daß das Deutsche grundsätzlich von Amerikanismen und Anglizismen freigehalten oder vor ihnen "geschützt" werden soll. Das Deutsche ist wie viele andere Sprachen Europas eine Mischsprache. Auch ihr Wortschatz läßt sich durch Wörter und Wendungen aus anderen Sprachen mitunter bereichern.

Wir wünschen uns für Europa

  • die Wahrung und strukturelle Sicherung der kulturellen und sprachlichen Vielfalt durch entsprechende Bestimmungen in einer künftigen europäischen Verfassung;
  • die Bereitschaft auch anderer Sprachgruppen, sich für die Erhaltung ihrer Muttersprachen und die Vielsprachigkeit Europas einzusetzen;
  • die Verfügung von mindestens zwei Pflichtfremdsprachen, davon eine Nachbarsprache, in allen weiterführenden Schulen der EU;
  • die systematische Förderung der aktiven und passiven Mehrsprachigkeit europäischer Beamter und Politiker sowie eine ausgewogene funktionale Mehrsprachigkeit (4-6 Arbeitssprachen) in den EU-Gremien und dementsprechend eine dem demographischen und ökonomischen Gewicht der deutschsprachigen Länder angemessene Berücksichtigung von Deutsch als Arbeitssprache.


Was wir tun


Wir wehren uns in Zuschriften, Beiträgen in den Medien und durch praktische Aktionen dagegen,

  • daß Waren und Dienstleistungen in Deutschland immer häufiger (ganz oder teilweise) in englischer oder scheinenglischer Sprache beworben und ausgezeichnet werden,
  • daß ganze Bevölkerungsgruppen durch die Mischmaschsprache "Denglisch" vom sozialen Leben ausgegrenzt werden,
  • daß wir nicht nur in den privaten, sondern sogar in den öffentlich-rechtlichen Medien aus gedankenloser Effekthascherei mit Amerikanismen und Anglizismen traktiert werden,
  • daß ausgerechnet die Nachfolgeunternehmen der Staatsbetriebe Bahn und Post sowie führende Banken, Telekommunikationsfirmen und Sportvereine einprägsame deutsche Bezeichnungen durch angloamerikanische Ausdrücke oder ähnlich klingende Eigenschöpfungen verdrängen.

Wir suchen die sprach- und bildungspolitische Zusammenarbeit
mit Politikern, Lehrern, Firmen, Behörden, Journalisten, Schriftstellern und den entsprechenden Berufsfachverbänden, mit der Konferenz der Kultusminister und den Wissenschaftsorganisationen, mit dem Bundesbeauftragten für Fragen der Kultur und der Medien, mit der Bundeskulturstiftung und weiteren kultur- und sprachpolitischen Einrichtungen.


Wir informieren
auf den VDS-Internetseiten, in Broschüren und in den "Sprachnachrichten" über unsere Ziele und Aktionen. Wir setzen uns in der Sammlung "Argumente für die deutsche Sprache" mit den Vorurteilen auseinander, die dem Eintreten für mehr Sprachloyalität in Deutschland immer noch entgegengebracht werden.

Wir bieten mit dem Anglizismen-INDEX
ein Werkzeug an, mit dem der Gebrauch von Anglizismen sinnvoll beschränkt werden kann. Er enthält derzeit rd. 6.800 Einträge mit Übersetzungsvorschlägen.Über ein Interaktiv-Fenster kann er ergänzt und verändert werden. Die Buchausgabe ISBN 9783-931263-80-5 ist über den VDS Buchversand erhältlich

Wir erstellen Fragebögen
zu sprachpolitischen Fragen und überprüfen deren Beantwortung durch die Kandidaten/Abgeordneten während und nach Bundestags-, Landtags- und Kommunalwahlen.

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Der "Verein Deutsche Sprache" wurde im November 1997
in Dortmund gegründet.

Verein Deutsche Sprache e.V.,
Postfach 104128 44041 Dortmund
www.vds-ev.de © VDS-ev, 2006

Impressum

letzte Änderung: 03.03.2008

Dateiadresse: http://vds-ev.de/verein/leitlinien.php