Denglisch im Unterricht

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Artikel:

Franz Xaver Aschenbrenner – Die Behandlung von Denglisch im Unterricht

A - Anregung auf der "Idensen 2"

Unterstützung für Lehrer, die im Unterricht Denglisch behandeln möchten

Auf der Arbeitstagung "Idensen 2" in Paderborn vom 16. bis 18. Februar 2007 (Organisator: Dr. Reiner Pogarell, Institut für Betriebslinguistik) wurde angeregt, den Lehrern Unterrichtseinheiten für die Behandlung von Denglisch im Unterricht zur Verfügung zu stellen.

B - Beschreibung einer Methode, die Behandlung von Denglisch durchzuführen

Als Einstieg beschreibe ich im Folgenden eine von mir langjährig angewandte Methode, wie Denglisch im Unterricht behandelt werden kann - und zwar, wenn man will, ständig, d.h. (schul-)täglich.

Dieses Verfahren ist am leichtesten im Englischunterricht durchzuführen, läßt sich aber auch in Deutsch anwenden.

I - Behandlung von Denglisch als Unterrichtsprinzip im Englischunterricht

1 - Sammeln von (d)englischen Wörtern durch die Schüler

  • Die Schüler haben den Auftrag, ständig Zettel und Stift bei sich zu tragen und alle (d)englischen "Erscheinungen" schriftlich festzuhalten.
  • Die Funde werden (vor dem Schlafengehen) in ein Formblatt (DIN A4 - quer) eingetragen und in eine Folie (mit seitlich angebrachten Löchern) gesteckt.
  • Dieses Formblatt enthält folgende Punkte: Gefundener Ausdruck - Wann gefunden - Wo gefunden - Von wem verwendet - Bedeutung sofort erfaßt: ja / nein - Wenn 'ja': Bedeutung - Name des Finders - Klasse - Datum
  • Die (Loch-)Folie wird am nächsten Schultag im Klassenzimmer mittels Büroklammern an einer an der Wand befestigten Schnur aufgehängt. (Es entsteht so eine Art (d)englischer Fleckerl-Wandteppich.)
  • Der Lehrer verwendet die "aufgehängten" (d)englischen Wörter zur Erweiterung des englischen Wortschatzes der Schüler (sog. Wortfeldarbeit). Dabei wird geklärt, was die deutsche Entsprechung des gefundenen (d)englischen Wortes ist, welche verwandten Begriffe es gibt und was diese wiederum bedeuten.

2 - Sammeln von (d)englischen Ausdrücken durch den Lehrer

Auch der Lehrer bringt seine Funde in den Unterricht ein. (Dies zeigt den Schülern möglicherweise, daß der Lehrer bei der "Denglisch-Sache" mit Ernst dabei ist - und nicht bloß die Schüler beschäftigen möchte.)

Der Lehrer bietet aber nur solche Entdeckungen an, die besonders "deppert" und so anregend für eine Besprechung sind; sie werden deshalb auch nur mündlich vorgestellt, um nicht in dem "(d)englischen Meer" an der Wand unterzugehen.

3 - Auswertung der (d)englischen Funde in bezug auf ihre Verträglichkeit mit der deutschen Sprache

Schließlich wird erörtert, warum das gefundene (d)englischeWort im Deutschen verwendet werden könnte und ob dies sinnvoll ist. (Was unter "sinnvoll" im einzelnen zu verstehen ist, wird vom Lehrer nicht bestimmt, sondern soll sich aus dem Gespräch mit den Schülern (auf Englisch - es handelt sich ja um eine Englisch-Stunde) ergeben.

II - Durchführung von größeren Unterrichtseinheiten als Weiterführung der Dauer-Beschäftigung mit Denglisch

(D)englische Funde der Schüler bzw. des Lehrers, welche die Schüler bei der Besprechung als überflüssig, unverständlich, besonders "blöd" oder sonstwie kritisch beurteilen, können als Grundlage dafür verwendet werden, um z. B. mit den jeweiligen Denglisch-Verwendern ("Sprachtätern"?) Kontakt aufzunehmen - in englischer Sprache.

Die Mittel hierzu sind beispielsweise:

  • Briefe
  • Telefonate (aus dem Klassenzimmer)
  • Interviews (Gespräche mit Denglisch-Verwendern, z. B. in deren Geschäftsräumen)

Die Vorbereitung dieser Mittel erfordert von den Schülern intensive (englisch-)sprachliche Arbeit. Die Schüler lassen sich aber hierfür meist eher motivieren als für gewöhnliche Bucharbeit, weil es sich um eine Echt-Situation - im Gegensatz zu den künstlichen Vorgaben aus den Büchern - handelt.

(Es gibt selbstverständlich noch andere Mittel, mit denen sich die Schüler dem Thema Denglisch widmen können, z. B. Satiren.)

III - Behandlung von Denglisch als Unterrichtsprinzip im Deutschunterricht

Im Fach Englisch (D)englisch zu behandeln, benötigt keine gesonderte schulrechtliche Rechtfertigung: englische Wörter zu besprechen oder die Anwendung der englischen Sprache in Briefen und Gesprächen zu üben, ist eine Selbstverständlichkeit.

Denglisch kann aber auch im Deutschunterricht behandelt werden, ohne daß dies gesondert in den Lehrplänen erwähnt ist.

Es ist mit großer Wahrscheinlichkeit anzunehmen, daß in den Deutschlehrplänen der 16 Bundesländer Themen wie Wortschatzerweiterung, Fremdwörter besprechen, Briefe schreiben und Gespräche führen enthalten sind.

Dieser Rahmen genügt, um Denglisch auch im Deutschunterricht behandeln zu können - mit folgenden Unterschieden:

  • Das Sammeln bezieht sich auf unbekannte Wörter, sog. Fremdwörter jeglicher Herkunft - einschließlich (d)englischer Ausdrücke.
  • Die bei den Briefen bzw. Gesprächen verwendete Sprache ist Deutsch und nicht Englisch.

IV - Öffentliche Darstellung der Schülerprojekte

Ohne Zweifel ist es von Nutzen, wenn die besonderen Unterrichtseinheiten (Projekte) durch Berichte in den Medien über die Schulmauern hinaus bekannt werden.

Dies bewirkt einmal eine zusätzliche Motivation der Schüler und eröffnet die Möglichkeit, mehr Menschen bewußt zu machen, daß und wie die deutsche Sprache sich durch den Einfluß des Englischen ändert. Die Schülerprojekte werden so zu einer Art politischer Aktion.

C - Vorteile der dargestellten Methode

Der Vorteil der hier skizzierten Methode liegt im Folgenden:

  • Die Behandlung von "Denglisch" als möglicherweise abzulehnende Vermischung des Deutschen mit Englisch wird dem alltäglichen Unterricht nicht "aufgepfropft" ("Heute befassen wir uns mit Denglisch!"), sondern in den gewöhnlichen Unterricht eingebaut. Die nicht-gewöhnlichen Aktionen ergeben sich "ohne Gewaltanwendung" aus dem gewöhnlichen Unterricht. Die Behandlung von Denglisch erscheint nur als ein Mittel, die im Lehrplan vorgegebenen Ziele zu erreichen.
  • Hierfür ist eine ministerielle "Legalisierung" nicht erforderlich: Wörter- und Wortfeldarbeit dürften in jedem Lehrplan für Englisch und Deutsch in den schulischen Lehrplänen der 16 deutschen Länder als Lerninhalte vorkommen. (Eine ministerielle Empfehlung oder gar lehrplanmäßige Vorgabe, sich im Unterricht mit Denglisch zu beschäftigen - so in Bayern - , wäre selbstverständlich von Vorteil.)
  • Die Motivation, am Unterricht aktiv teilzunehmen, d. h. hier: die sprachlichen Fähigkeiten zu vergrößern, ist stärker als in einem Unterricht, in dem nur eine Buchlektion nach der anderen durchgenommen wird; ersteres ist aus dem "Leben gegriffen", letzteres künstlich eingerichtet.
  • Die Methode ist - zumindest äußerlich - sozusagen ideologiefrei, d.h. der Lehrer, welcher Denglisch gegenüber kritisch eingestellt ist, tritt vor der Klasse weder als "Missionar" (11. Gebot: "Du sollst nicht Denglisch sprechen!") noch als "Wolf" (Jeder, der Denglisch spricht, wird zerrissen.), sondern eher als "friedliches Schaf" auf. Die Ergebnisse bei der Besprechung der (d)englischen Wörter im Unterricht sind offen; die Vorgehensweise der Schüler bei der Kontaktaufnahme mit Denglisch-Verwendern vom Lehrer ist nicht gesteuert. Der vorgeschlagenen Methode können sich also alle Lehrer bedienen, selbst solche, die nichts gegen Denglisch haben oder dieses sogar lieben. Schon die bloße Beschäftigung mit Denglisch kann das Sprachbewußtsein der Schüler aber so schärfen, daß sie - das ist zumindest meine Erfahrung - eine kritische Einstellung gegenüber Denglisch entwickeln.
Franz Xaver Aschenbrenner - Projekt "CDU-Headquarter"

1 - Anstoß für das Projekt

Der Anstoß für dieses Projekt ergab sich, als in einer Fernsehsendung im Jahre 2002 der Wahlkampfleiter der CDU, Michael Spreng, erklärte, er habe eine schwierige Aufgabe vor sich, dies sei eine ziemliche "challenge" für ihn, er sei aber zuversichtlich, man habe ein geeignetes "Headquarter" eingerichtet.

Auf meine Frage an die Schülerinnen (ob sie denn wüßten, was "challenge" und "headquarter" bedeute, kamen nur für "headquarter" Antworten, allerdings auch nur sehr ungenaue (Die Schülerinnen hatten überwiegend einen mittleren Schulabschluß, ihr Ausbildungsberuf Bürokauffrau, 2. Ausbildungsjahr.)

Ein Mädchen "platzte heraus": "Warum reden denn die so "deppert", so daß wir es nicht verstehen? Man sollte denen mal einen Brief schreiben." - Dies machten wir.

Neben einigen Telefonaten ergab sich folgende Korrespondenz mit der CDU-Zentrale in Berlin:

2. Durchführung des Projektes

Das CDU-Denglisch-Projekt war nicht geplant. Es ergab sich aus der täglichen Beschäftigung mit Denglisch für die Erweiterung des englischen Wortschatzes (wie in meinem ersten Beitrag auf dieser Netzseite - Die Behandlung von Denglisch im Unterricht - beschrieben). Der Inhalt des Briefes (Brief 1) wurde von mir mit der Klasse erarbeitet, in englischer Sprache. Den Brief an die CDU verfaßte ich auf Deutsch. Der Einfall, daß man einen Denglisch-Sprecher besser auf Englisch anreden sollte, kam uns erst später. Wir betrachteten es allerdings als "lustiger", die CDU zu bitten, uns auf Englisch zu antworten, weil wir ja eine Englisch-Klasse seien.

Die Antwort der CDU erfolgte aber in deutscher Sprache (Brief 2). Enttäuscht über dieses Verhalten, beschlossen wir, einen Brief in Englisch - sozusagen als Herausforderung - zu schreiben (Brief 3). Dies erforderte ca. 10 Unterrichtsstunden, verbunden mit häuslicher Arbeit.

Die CDU weigerte sich wiederum, auf Englisch zu antworten (Telefonat: kein Muttersprachler zur Verfügung;es könnte beschämend sein, wenn Brief fehlerhaft, Übersetzungsdienst zu teuer).

3. Veröffentlichung des Projektes - Reaktionen

Über unser Briefprojekt berichteten die beiden örtlichen Zeitungen.

Die große Menge an Leserbriefen zeigte, daß das Thema "Denglisch" nicht wenige Chamer Bürger berührte. Die Verfasser der Briefe betonten - bis auf eine Ausnahme - ihre kritische und ablehnende Haltung gegenüber "Denglisch".

Franz Xaver Aschenbrenner - Unterrichtseinheit: "Denglisch-Sprech der Parteien"

Aktion auf dem Marktplatz von Cham

A. Einbettung in den Unterricht

  • Fach: Deutsch
  • Lehrplanbezug: Wortschatzerweiterung, Fremdwörter, Führen von Interviews

B. Beteiligte Klassen (Berufsschule)

  • Elektro 11
  • Elektro 12

C. Anlaß für die Durchführung der Unterrichtseinheit

Die Schüler fragen, wie "das mit dem "CDU-Denglisch" gewesen sei", über das sie in der Zeitung gelesen haben (siehe Unterrichtseinheit "CDU-Headquarter" auf dieser Netzseite). Sie möchten auch "so etwas" machen.

D. Durchführung

1. Denglisch auch bei anderen Parteien?
Lehrer merkt an, daß nicht nur die CDU Denglisch spricht, sondern wahrscheinlich auch andere Parteien. Wenn dem so ist, sollten wir eine Aktion durchführen, bei der auch diese anderen Parteien angesprochen werden - schon deswegen, damit nicht die CDU als der alleinige "Sprachtäter" erscheint.

2. Finden von denglischen Sprüchen der Parteien im Internet mit Hilfe einer Suchmaschine

3. Besprechen der gefundenen denglischen Wörter, wie in der Einleitung zu dieser Netzseite erläutert ("Denglisch im Unterricht")

4. Entstehung der Idee für eine Aktion zu "Denglisch der Parteien" auf dem Marktplatz in Cham
Bei der Suche nach denglischer Parteiensprache stießen wir auch auf Stellungnahmen von Mitgliedern der jeweiligen Parteien gegen die Verwendung von Denglisch.

Das brachte uns auf die Idee, dem jeweiligen denglischen Spruch einer Partei die Kritik eines Angehörigen dieser Partei gegenüberzustellen.

Da eine solche Gegenüberstellung aber nicht - wie bei dem CDU-Projekt - brieflich "verwertet" werden konnte, schlug ein Schüler vor, dies mit einem Plakat Parteien-Denglisch zu verwirklichen; dieses könnte man in der Pausenhalle der Schule aufhängen oder gar auf dem Marktplatz "ausstellen" und die Presse bitten, darüber zu berichten, um eine möglichst große Aufmerksamkeit zu erregen. Nebenbei könnten die Passanten darüber befragt werden, was sie von Denglisch halten.

Dieser Vorschlag wurde dann ausgeführt. (Das Plakat wurde noch "angeschärft" mit "Fußpilz" und "Das ist ja wohl der Hammer, Leute" - entnommen einem damals aktuellen Satiretext über die Politik von Bundeskanzler Schröder - , damit es bei den Besuchern des Marktplatzes besser auffallen sollte.)

E. Ergebnis unserer Aktion

  • Wir erhielten bei den Passanten fast nur Zustimmung (z. B. "Endlich sagen welche was!"), aber auch eine Gegenstimme("Ihr seid ja alle Nazis!").
  • Drei örtliche/regionale Zeitungen berichteten über unseren "Auftritt".

Auf Grund dieser Artikel erweckten wir Aufmerksamkeit bei

  • der Süddeutschen Zeitung (Bericht nach einem Interview mit dem Verfasser: "Deutsch wie Damisch", 11. Nov. 2003) und
  • dem Bayerischen Rundfunk (Eine Mitarbeiterin des BR besuchte unsere Schule, um die Schüler zu unserem Projekt und Denglisch allgemein zu interviewen (Teil der Sendung: "... Konrad Duden zum 175. Geburtstag", 8. Jan. 2003).
Franz Xaver Aschenbrenner - Projekt "Vanity - Deutsche Telekom"

A. Art der Schüler

  • Berufsschule: 11. Klasse
  • Ausbildungsberuf: Zerspanungsmechaniker
  • Vorher besuchte Schulart: überwiegend Hauptschule

B. Einbettung in den Unterricht

  • 1. Fach
    - Deutsch
  • 2. Lernziele
    - Erweiterung des Wortschatzes
    - Erklärung von Fremdwörtern

C. Vorgehensweise

1. Lehrer zeigt den "denglischen Fund" VANITY (siehe Anlage: Telefonbuch "Das Örtliche" S. 6) - Folie - Tageslichtprojektor.

2. Lehrer fragt Schüler, ob sie wüßten, was mit "Vanity" gemeint sei, bzw. die Erklärung, die in den "Informationen von A-Z" hierzu angeboten wird, verstünden.

3. Da beide Fragen mit einem "Nein" beantwortet werden, erhalten die Schüler als Hausaufgabe, ihre Freunde und Bekannten zu fragen, ob sie vielleicht wüßten, was der Ausdruck "Vanity" im Telefonbuch bedeute. Außerdem sollen sie noch die weiteren ihnen nicht verständlichen Ausdrücke aus den "Informationen von A-Z" (siehe Anlage Telefonbuch "Das Örtliche") aufschreiben und in der nächsten Woche (Teilzeitunterricht) in den Unterricht mitbringen.

4. Die Schüler finden nur zwei Personen, welche die Bedeutung von "Vanity" kennen (zwei Lehrer, einer davon ein amerikanischer Englischlehrer). Da die Schüler in den "Informationen von A-Z" noch auf weitere ihnen unbekannte englische Ausdrücke stoßen, bereitet es keine Mühe, sie anzuregen, an die Deutsche Telekom einen Brief zu schreiben mit der Frage, warum diese eine so unverständliche Sprache verwendet.

5. Die Schüler entwerfen den Brief zunächst handschriftlich (in Gruppenarbeit) und schreiben dann ihre individuellen Briefe mit Hilfe eines Textverarbeitungssystems.

6. Die Schüler lesen die Briefe vor. Für Formulierungen, die der Lehrer für nicht angemessen hält (Grobheiten), werden Verbesserungsvorschläge erarbeitet. Ansonsten korrigiert der Lehrer die Briefe weder stilistisch noch rechtschreibmäßig.

D. Ergebnis des Projektes

Die Schüler haben - wie die Briefe zeigen - auf das Sprachverhalten der Deutschen Telekom z. T. sehr gefühlsbetont geantwortet; leider erhielten wir von der Deutschen Telekom keine Rückmeldung. (Schulorganisatorische Umstände - auf die hier nicht näher eingegangen werden kann - ermöglichten kein "Nachfassen".)

Briefe der Schüler als PDF-Dokument

Heinz-D. Dey - Allgemeinbildende Schulen und Sprache - Diskussionsentwurf

1. Einleitung

Die unterschiedlichen Positionen und Bestrebungen beim mutter- und fremdsprachlichen Unterricht in den allgemeinbildenden Schulen erfordern ein Nachdenken über die langfristigen Folgen für die kulturelle und sprachliche Eigenständigkeit unseres Landes und für die Identität der Bürger mit der Gesellschaft. Dazu gehören Themen wie Schulaufsicht, Rang des muttersprachlichen Unterrichts, Privatschulen, Internationale Schulen, bilingualer Unterricht und Immersionsuntericht.

Folgendes Zitat (Übersetzung vom mir) aus dem Buch "Language Death" von David Crystal stelle ich an den Anfang dieser Diskussionsunterlage:
"(…) Wenn sich eine Kultur einer anderen angleicht, scheint die Reihenfolge der Ereignisse, die die bedrohte Sprache betrifft, überall dieselbe zu sein. Es gibt drei Stufen. Auf der ersten Stufe entsteht ein enormer Druck auf die Leute, die vorherrschende Sprache zu sprechen. Dieser Druck kann aus politischen, sozialen oder wirtschaftlichen Quellen kommen; von oben in Form von Anreizen, Empfehlungen oder Gesetzen, die von einer Regierung oder nationalen Körperschaften eingeführt sein können, oder von unten in Form einer modischen Entwicklung oder des Drucks einer Bezugsgruppe innerhalb der Gesellschaft, der sie angehört. Oder aber der Druck könnte eine unklare Richtung haben und als Ergebnis einer Wechselwirkung zwischen sozialpolitischen und -wirtschaftlichen Faktoren auftauchen, die nur teilweise erkannt und verstanden wird. Woher der Druck auch immer kommt, das Ergebnis ist - Stufe 2 - eine Periode entstehender Zweisprachigkeit, da die Leute zunehmend gewandter in ihrer neuen Sprache werden, während sie die Fähigkeiten in ihrer alten noch bewahren. Dann beginnt diese Zweisprachigkeit oft ganz schnell abzunehmen, und der neuen Sprache wird der Weg freigegeben. Das führt zur dritten Stufe, auf der die jüngere Generation in der neuen Sprache immer kundiger wird, sich mit ihr identifiziert und ihre alte Sprache für ihre neuen Bedürfnisse als weniger wichtig ansieht. Dies ist oft mit einem Schamgefühl beim Gebrauch der alten Sprache verbunden, sowohl auf Seiten der Eltern als auch ihrer Kinder (…)". [Originaltext s. Fußnote am Schluß]

Natürlich liegt Deutsch mit etwa 100 Millionen Sprechern nicht im Sterben. Dennoch lassen sich einige Parallelen zum Crystal-Zitat feststellen:

  • Stellung der deutschen Sprache in den EU-Gremien
  • Englisch als Forschungs- und Lehrsprache an den deutschen Universitäten
  • Englisch als erste Pflichtfremdsprache ab der Grundschulklasse
  • Englisch in den Kindergärten
  • Englisch bei Produktbeschriftungen
  • Englisch als Arbeitssprache in deutschen Betrieben
  • Englisch auf Hauptversammlungen
  • Englisch als Konferenzsprache bei wissenschaftlichen Veranstaltungen
  • Englischsprachige internationale Schulen
  • Englischer Immersionsunterricht
  • Ansehensverlust der deutschen Sprache bei unseren Landsleuten (Anglizismen, Gesang)
  • Abnehmendes Interesse an Deutsch als Fremdsprache im Ausland

2. Neuordnung des Fremdsprachenunterrichts

UNESCO und EU fordern den Erhalt der sprachlichen Vielfalt und das Erlernen von Fremdsprachen.

Bundestagspräsident Wolfgang Thierse hat in seiner Rede vor dem Deutschen Philologenverband an der Humboldt-Universität in Berlin anläßlich des Europäischen Jahres der Sprachen (2001) beklagt, "daß sich der fremdsprachliche Unterricht in Deutschland weit vom Humboldtschen Bildungskonzept entfernt hat" und gefordert, "daß bei der Auswahl der Sprachen nicht nur auf Englisch, Französisch und Spanisch gesetzt werden sollte". Er fragt in diesem Vortrag, "warum in Europa nicht stärker als bisher Sprachnachbarschaften genutzt werden."

Diese Einsichten haben bei uns noch keine Änderungen in den allgemeinbildenden Schulen nach sich gezogen. Die jetzigen sprachlichen Schulmaßnahmen zielen fast ausschließlich auf Englisch als erste, einzig ernst zu nehmende Fremdsprache. Vergleichsstudien wie PISA haben immerhin die Bedeutung der deutschen Sprache z. B. für den Wissens- und Erfahrungserwerb bewußt gemacht.

Fremdsprachenerwerb fördert die geistige Entwicklung und das Verständnis für die eigene Muttersprache und ist deshalb für die schulische Bildung wichtig. Für die Auswahl und Anzahl der zu erlernenden Fremdsprachen sind Begabungen, Lebensentwürfe und Wünsche der Schüler und Eltern, evtl. unter Einbeziehung von Lehrern, vorrangig. Die staatliche Bevormundung ist mit den demokratischen Werten wie Freiheit und Eigenverantwortung nicht vereinbar. Die Einbeziehung in den Fächerkanon ist bei Fremdsprachen nicht erforderlich. Für alle Schultypen ist lediglich ein Schulabschlußnachweis für eine einzige Fremdsprache zur Pflicht zu machen. Daneben können die Schüler als Kür je nach Vorlieben weitere Sprachen freiwillig erlernen. Die Fremdsprachen werden nicht vorgeschrieben. Auf diese Art wird erreicht, daß der Zeitaufwand für das Erlernen von Fremdsprachen persönliche Interessen und Entwicklungen berücksichtigt. Streitereien über die erste Fremdsprache an den Schulen (z. B. Rheinschiene) sind damit ausgeschaltet. Fremdsprachen sind in einigen Fällen existentiell wichtig, haben aber in vielen Fällen fast keine wirtschaftliche Bedeutung. Ein Bäcker wird wegen seiner guten Backwaren und nicht wegen seiner Fremdsprachenkenntnisse geschätzt. In Anbetracht der angespannten Haushaltslage unseres Landes wird der verkrustete Ist-Zustand des Fremdsprachenunterrichts dem Bedarf mit Auswirkung auf die Kosten angepaßt.

Da auch Kindergärten zu einer Bildungseinrichtung ausgestaltet werden sollen, eine Maßnahme die grundsätzlich zu begrüßen ist, ist folgende bedenkliche Aussage erwähnenswert: "Wie in der Hirnforschung nachgewiesen wurde, sind Kinder im Alter von drei Jahren besonders aufnahmefähig für das spielerische Erlernen von Fremdsprachen." Solche Behauptungen können nicht Grundlage für das Bildungsangebot in Kindergärten sein, denn dahinter stehen materielle Interessen, die das Gemeinwohl nicht im Blick haben. Mit dem "spielerischen" Erlernen der englischen Sprache ist eine Herabsetzung der eigenen Muttersprache zugunsten der künftigen "Herrschaftssprache" verbunden. Es wird vermutlich nicht lange dauern, bis die Kinder auf den Martinsumzügen englische Kinderlieder singen. Beispiele aus den Kindergärten und für andere Altersgruppen gibt es bereits. Vorrangig im frühkindlichen Alter ist der Erwerb guter deutscher Sprachkenntnisse. Die Deutsch-Probleme sind nicht nur vor dem Migrationshintergrund vieler unserer Kinder bekannt. Eine ähnlich einseitige Sichtweise zeigt die Feststellung "Musikunterricht fördert die Intelligenz" oder "Dialekt ist gut für das Denkvermögen" auf. Die "besondere" Aufnahmefähigkeit im frühkindlichen Alter ist für alle Bildungsangebote gleichermaßen gegeben und unbestritten. Nichts gegen Dialekte, Musik und Englisch, aber die Auswahl sollte nach objektiven und begabungsorientierten Maßstäben durchgeführt werden.

Eine Privatisierung des breiter gefächerten Fremdsprachenangebots oder eine öffentlich-private Zusammenarbeit (PPP) von Schulen und Sprachschulen könnte langfristig eine praktikable Lösung sein.

Wirtschaftlich könnten wir auf diese Weise einen Pluspunkt im internationalen Wettbewerb gewinnen, weil wir die Sprache unserer ausländischen Kunden und sonstigen Partner sprechen.

Wir sollten viel häufiger auf Dolmetscher und Übersetzer, auch in der Wirtschaft, zurückgreifen, wenn wichtige Gespräche geführt werden. Arbeitsteilung hat bekanntlich allen am Wertschöpfungsprozeß Beteiligten wirtschaftlich genutzt. Warum sollte das nicht im Kommunikationsbereich sinnvoll sein? Es sollte nicht unerwähnt bleiben, daß dadurch mittelfristig zusätzliche Arbeitsplätze entstehen.

Der Vorschlag der Liberalisierung des Fremdsprachenunterrichts an allgemeinbildenden Schulen schert sicherlich aus dem bisherigen englischzentrierten Denken aus und ist gewöhnungsbedürftig und als langfristiges Projekt zu betrachten, insbesondere weil der wirklichkeitsnahe Trott überwunden werden muß. Dennoch bietet er unserem Land langfristig gesehen - nicht nur wegen seiner 10 direkten Sprachgrenzen - bessere Entwicklungschancen als bisher. Außerdem kann man im Hinblick auf die neuen Wirtschaftsmächte flexibler auf die sprachlichen Anpassungen reagieren.

Gerade wegen der Globalisierung/Internationalisierung und Kommerzialisierung fast aller Bereiche ist der Achtung der Landessprachen besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Globalisierung wird meist nicht als natürlicher freier Handel und Kapitalverkehr verstanden, sondern ist zur Ideologie erhöht worden, die die meisten mit Englisch verbinden. Unser Export in Länder, in denen (u. a.) Englisch Amtssprache ist, beträgt übrigens nur etwa 20 %.

Wer den Wettbewerb bejaht, muß auch den Wettbewerb der Fremdsprachen in den Schulen befürworten.

3. Deutsch als Unterrichtssprache

Von allen politischen und pädagogischen Seiten wird eine Verbesserung der Schulsituation gefordert. In der Öffentlichkeit ist ein Bild entstanden, das einer Katastrophe ähnelt: Ungenügende Forderung schwacher Schüler, mangelhafte sprachliche Vorbereitung ausländischer Schüler auf den Schulunterricht, unbefriedigende Förderung Hochbegabter, Mängel bei der Lehrerausbildung, Bürokratie, PISA und Jammern der Eltern über ein unzureichendes Unterrichtsangebot. Bei diesen Gegebenheiten ist es kein Wunder, daß sich der UNESCO-Beauftragte Muñoz bemüßigt fühlte, uns zu sagen, was wir falsch machen. Das ist besonders demütigend, da wir auf dem pädagogischen Gebiet in der Vergangenheit Großartiges geleistet haben. Es sei beispielhaft an Humboldt erinnert.

Alle sind sich darüber einig, daß es ohne gute Kenntnisse in der Muttersprache (Lese- und Schreibfähigkeit) keinen ergebnisorientierten Fortschritt bei der schulischen Bildung geben kann.

Wir sollten uns durch die interessengeleitete Forderung nach einem meistens zeitaufwendigen Erlernen von zwei oder drei Fremdsprachen nicht auf einen Irrweg locken lassen und die für die deutsche Wirtschaft wichtigen naturwissenschaftlichen Fächer vernachlässigen. Man kann nicht die Schulzeit für den gymnasialen Schultyp verkürzen und den Unterrichtsstoff mit ggf. fremdsprachlichem Ballast erhöhen.

Der deutsche Lehrerverband beklagt, daß der Deutschunterricht bei uns im Vergleich zu anderen Ländern immer noch zu gering ist. In Deutschland umfaßt der muttersprachliche Unterricht 16% des Gesamtunterrichts, während in den meisten Ländern der Welt zwischen 23 und 26 % üblich sind. Der Grundwortschatz an den Grundschulen wurde beispielsweise in Bayern binnen weniger Jahre von 1.100 auf 700 im Jahre 1990 heruntergefahren. Das sei das alte untaugliche Konzept, die Meßlatte möglichst tief nach unten zu hängen, damit möglichst viele Schüler darüber springen können.

Diese unbefriedigende Situation hat dazu geführt, daß die Nachfrage nach Privatschulen zunimmt. 1992 gab es 1.991, 2004 2.686 Privatschulen, entsprechend einer Zunahme von 35 %. Wahrscheinlich werden wir mittelfristig den Stand unserer Nachbarn erreichen: Frankreich 25 %, England 30 %, Belgien 50 %, Niederlande 70 %.

Um so wichtiger ist es, folgende beunruhigenden Zeitungsnotizen zur Kenntnis zu nehmen und die erforderlichen gesetzlichen Regelungen jetzt zu treffen:

Erste dreisprachige Grundschule in Hessen (Main-Spitze vom 24. 3. 2006)

Heimatkunde und Sachkundeunterricht auf englisch in Pinneberg (Hamburger Abendblatt vom 24. 3. 2006)

Grundsteinlegung an der Frankfurt International School (FAZ 9. 3. 2006)

In Schleswig-Hostein gilt die Genehmigung nur für die Carl-Eitz-Schule in Pinneberg. Eine allgemeine Zusage gibt es m. W. in diesem Lande nicht. In Hamburg ist der Immersionsschulunterricht von Prof. Wode (Anglist) an der Grundschule Max-Eichholz-Ring, der Schule an der Gartenstadt und der Rudolf-Ross-Gesamtschule eingeführt worden. Immersionsunterricht bedeutet hierzulande, daß alle Fächer auf englisch und nur Deutsch auf deutsch unterrichtet wird.

Für diese Methode wird vom "German Institute for Immersive Learning" (!) geworben. Ein deutschsprachiger Ausgleich im Elternhaus ist meistens nicht vorhanden, da dort über Sachfächer nicht mehr gesprochen wird - wenn denn überhaupt über etwas gesprochen wird. Die deutschen Lese- und Ausdruckfertigkeiten bei den betroffenen Schülern werden zurückgehen und unsere Schwierigkeiten im internationalen Vergleich vergrößern. Ein weiteres Problem ist die Verfügbarkeit der fremdsprachigen Muttersprachler als Lehrer. Das immer wieder angeführte Beispiel Kanadas kann für Deutschland nicht beispielhaft sein, weil wir in unserem Land keine englischen und französischen Bevölkerungsteile haben, so daß wir uns mit dem Thema nicht zu befassen brauchen. Nach Angaben des Instituts gibt es inzwischen in allen Bundesländern Anwender und Multiplikatoren. Es ist zu befürchten, daß weitere Ausnahmegenehmigungen der Kultusministerien erteilt werden.

Der bilinguale Unterricht, steht ebenfalls in einem offenkundigen Widerspruch zu den Forderungen nach verbessertem Deutschunterricht, um im internationalen Vergleich vordere Rangplätze zu belegen. Der bilinguale Unterricht ist zudem eine Mogelpackung, weil Sachfächer nicht mehr auf deutsch, sondern (zeitweise) auf nur auf englisch unterrichtet werden.

Es besteht die Gefahr, daß - in Generationen gedacht - unsere Sprache und Kultur zur Disposition gestellt wird. Eine gesetzliche Festlegung, die es bisher nicht gibt, ist unumgänglich.

Heinz-D. Dey, Stand: 7. 9. 2006

Anhang: Originalzitat aus dem Buch "Language Death" von David Crystal:

"(…) When one culture assimilates to another, the sequence of events affecting the endangered language seem to be the same everywhere. There are three broad stages. The first is immense pressure on the people to speak the dominant language - pressure that can come from political, social, or economic sources. It might be ‚top down', in the form of incentives, recommendations, or laws introduced by a government or national body; or it might be ‚bottom up', in the form of fashionable trends or peer group pressures from within the society of which they form a part; or again, it might have no clear direction, emerging as the result of an interaction between socio-political and socioeconomic factors that are only partly recognized and understood. But wherever the pressure has come from, the result - stage two - is a period of emerging bilingualism, as people become increasingly efficient in their new language while still retaining competence in their old. Then, often quite quickly, this bilingualism starts to decline, with the old language giving way to the new. This leads to the third stage, in which the younger gener-ation becomes increasingly proficient in the new language, iden-tifying more with it, and finding their first language less relevant to their new needs. This is often accompanied by a feeling of shame about using the old language, on the part of the parents as well as their children. (…)"

Heinz-D. Dey - Schulen und Tag der deutschen Sprache

An jedem zweiten Septembersamstag findet der »Tag der deutschen Sprache« statt. Angesichts der Dominanz und des Einflusses der anglophonen Welt auf die Muttersprachen nutzen Medien und Bürgerinitiativen diesen Tag bei uns, um die deutsche Sprache im In- und Ausland mit Veranstaltungen und Berichten zu stärken. Die Schulen sind der Ort, an dem die Wertschätzung für die eigene Sprache bei aller Toleranz gegenüber anderen Sprachen am besten vermittelt und gefestigt werden kann. Wir haben die Kultusminister und –senatoren gebeten, den Tag der deutschen Sprache in Ihren Amtsblättern zu veröffentlichen und eine Behandlung geeigneter Themen im Unterricht zu empfehlen.

Im Zusammenhang mit der Documenta 2007 in Kassel habe ich von deren Leitern einen interessanten Gedanken über die Kunst gelesen: Die Rolle der Bildung muß neben der Didaktik und dem Warenfetischismus auch die ästhetische Bildung vermitteln. Diese Dreiheit ist auch auf die Sprache übertragbar und könnte im Unterricht behandelt werden.

Unterrichtsentwurf: Denglisch – Der Einfluss von Anglizismen auf die deutsche Sprache