Reden und Widerreden – Argumente zur deutschen Sprache

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Häufige Vorurteile gegen eine zukunftsgerichtete Sprachpflege und die Erwiderungen dazu
von Hermann H. Dieter und Gerd Schrammen

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Hermann H. Dieter und Gerd Schrammen:
Reden und Widerreden
Argumente für die deutsche Sprache

2. Auflage – Paderborn 2005, 113 Seiten, 11,20 Euro, ISBN 3-931263-42-8

 

Vorbemerkung der Autoren

Menschen, die sich heute für die Zukunft der deutschen Sprache und die weltweite Sprachenvielfalt einsetzen, werden in Gesprächen mit Freunden, Kollegen, Bekannten, Verwandten und Passanten auf Vorurteile und Klischees treffen. Sie sollten sich mit Argumenten wappnen, um diese Vorurteile zu entkräften.
Dieses Buch hilft ihnen dabei. Es enthält die gängigen Einwände gegen eine zukunftsgerichtete Sprachpflege und bietet gut durchdachte und treffende Erwiderungen.
Alle 53 ( = LIII) Vorurteile begegneten uns als Standbetreuern und Flugblattverteilern des VDS, bei wissenschaftlichen Diskussionen, im Verlauf von Gesprächen mit Freunden und Nachbarn oder vielen anderen Anlässen während der letzten Jahre in dem hier wiedergegebenen, mehr oder weniger authentischen Wortlaut.
Den drei Hauptgruppen A – C wurden in Gestalt der innerhalb dieser Gruppen anzutreffenden pauschalen Einzelurteile drei bis fünf Untergruppen A.1 – C.5 zugewiesen. Die Bezeichnungen dieser insgesamt zwölf Untergruppen enden jeweils mit „…denn“ und leiten so zu den eigentlichen Widerreden I – LIII. über. Pro Untergruppe sind dies mindestens zwei, meist jedoch mehr (bis zu zehn) Widerreden (s.Inhaltsverzeichnis).
Widerreden aus unterschiedlichen Untergruppen, deren Argumente sich dennoch berühren, sind durch entsprechende Querverweise gekennzeichnet.
Wir, die Herausgeber, sind keine Sprachwissenschaftler. Wir erheben mit diesem, für sprachpolitische Zwecke gedachten Argumente-Brevier keinen sprachwissenschaftlichen Anspruch. Wir hoffen jedoch, wenigstens nicht in unauflösbare Widersprüche zu sprachwissenschaftlichen Aussagen und Prognosen geraten zu sein.

Wir danken den Mitstreitern Dieter Föhr und Kurt Gawlitta für wichtige inhaltliche Einzelbeiträge und redaktionelle Hinweise.
Blankensee und Göttingen, im August 2005

I. "Eine einheitliche Weltsprache ist der Schlüssel zu Völkerverständigung und Weltfrieden. Diese Utopie des Turmbaus zu Babel wird heute endlich verwirklicht."

Widerrede:

Dieser Behauptung widerspricht bereits die Tatsache, dass sich schon immer auch Menschen gleicher Muttersprache gegenseitig bekriegt und unterdrückt haben.

Die Babelsche Utopie von der einheitlichen Weltsprache ist weniger ein Ausdruck der Sehnsucht des Menschen nach einem friedlichen, chancengleichen und sozial gerechten Zusammenleben, als vielmehr nach einer technisch sicheren Weltordnung. Die Strafe Gottes für die Anmaßung, ja Hybris1 des Menschen, die göttliche Schöpfung oder Natur nicht nur zu hegen und (für) sich zu kultivieren, sondern sie technisch zu vergewaltigen, war seine Zerstreuung in alle Winde und sprachliche Verwirrung. Ist die heutige Verklärung, ja Beschwörung einer einheitlichen Weltsprache erneuter Ausdruck menschlicher Hybris? Steht sie für den Versuch, durch Babels Wiederaufbau Gottes Strafe endlich abzuschütteln - diesmal jedoch nicht mit Hilfe unmittelbar nachsintflutlicher, sondern modernster technischer Mittel?

Nicht nur vor der technischen Hybris selbst, sondern auch vor der menschlichen Einsprachigkeit als einer ihrer wichtigsten Bedingungen ist zu warnen. Dinge und Begriffe haben einen Namen, weil sie deren mehrere haben (Peter Porsch). So gesehen war Gottes sagenhafte Strafe ein kultureller Segen. Er hat den Menschen in die künstlerische Vielfalt statt in eine technisch-namenlose Einfalt entlassen. Damit war der Weg frei zur vielfältigen Kultivierung der göttlich-natürlichen Schöpfung und ihrer vielfach-widersprüchlichen Deutung durch Kunst, Wissenschaft und Philosophie. Die Möglichkeit zum Weltfrieden durch vielsprachige Völkerverständigung hat uns Gottes kluge Strafe aber nicht genommen. Wer das Gegenteil behauptet, will aus anderen Gründen keinen Frieden.

1 Vermessenheit, Selbstüberschätzung

siehe auch: XXV., IV., XIV., XLV.

II. "Viel wichtiger, als den Deutschunterricht zu intensivieren, wäre es, die Sprachkompetenz der Schüler im Englischen zu stärken."

Widerrede:
Fremdsprachliche Fähigkeiten, die so passgenau und doch geschmeidig sind wie ein Handschuh (Stefan Zweig), lassen sich nur bis zum Alter von 2–3 Jahren intuitiv erwerben. Ihr Erwerb jenseits dieses Alters setzt ein gutes Lese- und Textverständnis in der eigenen Sprache und verstehendes, bewusstes Lernen voraus. Die fremde Sprache muss anhand rational einsichtiger Regeln und Gesetzmäßigkeiten erschließbar sein. Deren Einsichtigkeit ergibt sich am besten aus ihrem Begreifen in der eigenen Muttersprache.
Die PISA-Studie 2001/2 belegte zusätzlich die zentrale Bedeutung des muttersprachlichen Unterrichts für das Lese- und Textverständnis. Vermutlich schnitten die deutschen Schüler deshalb so schlecht ab, weil der Anteil des muttersprachlichen Unterrichts in Deutschlands Schulen nur 16% (statt europaweit 20%) beträgt.
Ein Kind; dem jenseits des intuitiv lernfähigen Alters eine Fremdsprache angeboten wird, sollte seine Muttersprache(n) schon weitgehend lesen und sprechen können und auch schon ahnen, dass und warum sie regelhaft funktioniert. Dies wird ihm die Scheu davor nehmen, die Schwelle in die fremde Sprachwelt zu überschreiten.

Englisch bietet im Vergleich zu anderen Sprachen zudem das didaktische Problem, dass es über grammatische Regeln kaum zu erschließen ist. Als erste Fremdsprache eignen sich jenseits des intuitiv lernfähigen Alters deshalb eher Sprachen wie Französisch oder Polnisch. Vielleicht wäre eine Plansprache wie Esperanto in diesem Alter das didaktisch beste Angebot. Allerdings gibt es einen viel wirkungsvolleren, doch weitgehend ungenutzten Ansatz, um möglichst viele Kinder zwei- und mehrfach muttersprachlich kompetent zu machen. Zielgruppe sind die vielen gemischtsprachigen Elternpaare. Sie müssten zur Beachtung der wenigen sprachlichen Verhaltensregeln1, die geeignet sind, um ihr(e) Kind(er) ab Geburt gleichzeitig in mehreren Muttersprachen heimisch zu machen, gezielt ermuntert und entsprechend informiert werden.
Alle Erfahrung zeigt, dass ab Geburt zweisprachig erzogene Kinder zwar mitunter etwas später als altersüblich zu sprechen beginnen, den geringen Rückstand aber rasch mehr als ausgleichen und - vor allem – nicht in einen hilflos-ausdruckslosen Sprachmischmasch abgleiten.

siehe auch IV., XXIV.

1 Nach dem Grundprinzip „Eine Person – Eine Sprache“

III. "Europa braucht Englisch als gemeinsame Sprache - Denglisch bahnt den Weg dorthin."

Widerrede:
Ein gutes Beispiel für den schöpferischen Wettstreit und ein funktionales Miteinander vieler Sprachen ist Europa. Wer vor diesem Hintergrund behauptet, die Etablierung einer einzigen Arbeits- oder Standardsprache sei ein erstrebenswertes weil Kosten sparendes sprachpolitischen Ziel der Europäischen Union, verrät die Interessen ihrer Bürger.
Nur spezielle technische Kommunikationssegmente wie Flugverkehr oder Katastrophenschutz benötigen standardisierte Funktionssprachen. Schon eine Fachsprache muss alltagssprachlich verankert sein, um interdisziplinär1 und öffentlich verständlich zu bleiben. Beide Ansprüche dürfen nicht aufgegeben werden.

Ohne sprachliche Anstrengung zur Information und Motivation der Bürger für „ihr“ Europa ist eine europäische Bürgergemeinschaft nicht zu gestalten. Der (Wett)Streit um ihre sprachliche Zukunft darf aber weder zum offenen Streit ausarten, noch totgeschwiegen werden. Der deutsche Sonderweg „Denglisch“ würde, sollte ihn Europa insgesamt beschreiten, in die kultur-, sprach- und schließlich europapolitische Sackgasse führen.
Gegen die Behauptung von der „einzigartigen“ Funktionalität des Englischen behauptet der Verein Deutsche Sprache die sprachliche Identität und kulturelle Herkunft der europäischen Sprachen und Staaten. Ohne diese Voraussetzungen wollen oder können ihre Bürger die Zukunft Europas nicht gemeinsam gestalten.

siehe auch VIII., XIII., XVIII., XXVIII.

1 Zwischenfachlich, von Fach zu Fach

IV. "Am einfachsten wäre es, alle Menschen lernten von Geburt an nur noch Englisch als Muttersprache. Auch das Denglisch-Problem würde sich so ganz von selbst erledigen."

Widerrede:
Hinsichtlich einer einfachen „Erledigung“ des Denglisch-Problems ist diese Aussage wohl zutreffend. Die Frage ist nur, um welchen Preis es dadurch erledigt würde.
Allein die Vorstellung, weltweit alle Mütter oder Eltern durch sprachpolitische Maßnahmen davon überzeugen zu können, sich mit ihren Kindern nur noch auf Englisch zu verständigen, ist abartig. Selbst die rücksichtsloseste Kommerzialisierung aller menschlichen Beziehungen könnte sicher nicht alle „nicht-englischen“ Sprachen bis in den letzten Erdenwinkel als Muttersprachen auslöschen.

Jede Sprache bricht und ordnet die Wirklichkeit durch andere Reflektionen, Schattierungen, Strukturen, Brüche und Begriffe. Würde die Wirklichkeit weltweit in nur noch einer Sprache entdeckt oder beschrieben und das menschliche Kulturerbe entsprechend einfältig konserviert, gingen unendlich viele Deutungsmöglichkeiten des Universums und Wissen über die Möglichkeiten, Mensch und Natur zu kultivieren, verloren.
Das wäre eine kulturell sehr einfältige Welt. Das auffallend einfältige Denglisch und der Mischmasch vieler weiterer Sprachen mit Englisch bahnen jedoch den Weg dorthin.

siehe auch I., II.

V. "Wissenschaftliche Kommunikation in und zwischen allen Forschungsbereichen ist heute nur noch auf Englisch möglich. Unsere Wissenschaftler sollten sich dieser Tatsache so rasch und vollständig wie möglich anpassen."

Widerrede:
Wissenschaftler, die kein Fachidioten sind, denken über das eigene Fachgebiet hinaus. Doch das Wissenschaftlerenglisch reicht bestenfalls, und selbst dies nicht immer, für das eigene Fach. Wer weiß, wie weit die eigene Spezialisierung gehen und wie eng sie sein kann, weiß auch, wie schwer es ist, interdisziplinäre1 Grenzen sprachlich zu überwinden.

Nichtanglophone Wissenschaftler verbringen während ihrer besten Jahre Tausende von Stunden damit, sich ein geschmeidiges Englisch beizubringen. Während dieser Zeit machen ihre anglophonen Kollegen bereits Kasse oder ihre ersten Entdeckungen. Dabei überzeugen selbst naturwissenschaftliche Arbeiten wesentlich besser, wenn sie nicht nur fachliche Kompetenz, sondern auch stilistische Könnerschaft ausstrahlen.

Wissenschaft entsteht im Gespräch (Werner Heisenberg). Anglophone Wissenschaftler sind also ohne jedes eigene Zutun gegenüber der internationalen Konkurrenz im Besitz zweier entscheidender Startvorteile. Ein nichtanglophoner Biochemiker, der sich mit einem Hygieniker, Botaniker, einem Physiker, einem Historiker oder gar einem Philosophen in seinem Wissenschaftlerenglisch austauschen will, stößt rasch an seine sprachlichen Grenzen. Jeder vertiefte, gedanklich gleichrangige Austausch zwischen Wissenschaftlern unterschiedlicher Muttersprachen ist auf qualifizierte Übersetzung angewiesen.

Nur klare Aussagen sind übersetzbar. Eine wertvolle Nebenwirkung inhaltlich sorgfältiger Übersetzungen ist, dass man den Ausgangstext dabei mit anderen Augen lesen lernt. Die fremde Sprache gewinnt ihm plötzlich Stärken ab oder macht Unklarheiten deutlich, die mit der eigenen Sprachbrille nicht zu sehen waren.

Die Beherrschung nur einer Fremdsprache entspricht nicht dem Anspruch auf Zugehörigkeit zu einer gesellschaftlichen Elite. International und interdisziplinär denkende und kommunizierende Wissenschaftler aller Fachrichtungen und in allen Ländern sollten deshalb nicht nur ihre Muttersprache plus ihr fachsprachliches Englisch beherrschen, sondern zumindest passiv auch zwei oder drei weitere ausgebaute Wissenschaftssprachen2. siehe auch XXIX.

siehe auch XXIX.

1 Zwischenfachlich, von Fach zu Fach
2 Weitere (neben Englisch): Deutsch, Französisch, Russisch, Italienisch, Spanisch, Japanisch

VI. "Zu Englisch als internationaler Wissenschaftssprache gibt es keine Alternative."

Widerrede:
Die angeblich so überragende Wissenschaftstauglichkeit des Englischen ist sprachwissenschaftlich nicht bewiesen. Genau so berechtigt erscheint die Gegenthese: Englisch als internationale Wissenschaftssprache ist die schlechteste aller Möglichkeiten. Denn mit der stetig steigenden Anzahl der weltweit von Milliarden Menschen gesprochenen Abwandlungen (Varietäten) des Englischen verstärkt sich auch die Gefahr der Mehrdeutigkeit internationaler Kommunikation auf englisch. Selbst die naturwissenschaftliche Kommunikation ließe sich kaum auf eine verbindliche Spielart des Englischen festlegen. „Falsche Freunde “, d.h. ähnliche bis identische Wörter und Ausdrücke mit unterschiedlicher bis gegensätzlicher, kulturtypischer Bedeutung würden sich auch dort einnisten. Die Internationalität des Wissenschaftsbetriebs bietet dafür ideale Voraussetzungen.

Das Gewicht derjenigen anglophonen Staaten, die die meisten Wissenschaftler ausbilden oder an sich binden können und deshalb über die Forschungsthemen bestimmen, wird zwar für sprachliche Schwerpunkte und Einflusszonen sorgen, doch deren sprachlich-kommunikatorische Offenheit wird sich nicht nach wissenschaftssprachlichen Kriterien richten. Noch weniger ist vorstellbar, dass die amerikanische Wissenschaftswelt eine einzige, weltweit gepflegte wissenschaftliche Englisch-Varietät für sich als verbindlich anerkennen würde.
Nur eine Kunstsprache wie Esperanto, die allen Beteiligten dieselben sprachlichen Startvoraussetzungen ermöglichte und die weltweit in nur einer Varietät existiert, besäße das Zeug zu einer kommunikationsgerechten, kulturneutralen und internationalen Verständigungssprache - auch für die Wissenschaftler.

siehe auch X., XXII

VII. "Die Europäische Union würde mit reibungsloser innerer Kommunikation auf Englisch rasch zur wirtschaftlichen Großmacht."

Widerrede:
Dieses Vorurteil beruht auf dem Irrtum, Sprache diene nur der Kommunikation. Jede Sprache dient jedoch auch der Sicherung von Identität und dem Gewinn von Erkenntnis durch sprachlich-kulturelle Unterscheidung und den daraus erwachsenden vielfältigen Austausch. Das gilt für Staaten genauso wie für Individuen.

Europa bezieht seinen sprachlich-kulturellen Reichtum und damit sein schöpferisches Potential aus einer polyzentrischen Identität. Nicht erneute Aus- und Abgrenzungen, sondern sprachlich-kulturelle Einebnung durch alles Angloamerikanische drohen heute dieses einzigartige Kapital zu entwerten. Stillschweigend erhält die amerikanische Wirtschafts- und Weltmacht schon heute überall Zugang und Benennungshoheit (und die Minderheit der englischen Muttersprachler in Europa völlig unverdiente Heimvorteile).
Dies zeigt sich bereits bei der Besetzung leitender Stellen in halbstaatlichen europäischen Organisationen und Unternehmen. Bewerber aus nicht-anglophonen Ländern werden längst ausgegrenzt - selbst wenn sie (auch) gut bis sehr gut Englisch sprechen. Die Vereinigten Staaten von Amerika verkörperten im 19. Jahrhundert die Freiheitsutopie des “alten Europa”. Viele unserer Mitbürger halten sich heute nicht nur für die besten Europäer, sondern sind als Deutsche auch besonders anfällig für universalistische Utopien und idealisierende Selbsttäuschungen. Heute suchen sie die längst gescheiterte US-amerikanische Utopie durch erneute Idealisierung für sich zu retten. Deshalb lassen sie sich vom Angloamerikanischen als Sprache der Freiheit und der Zukunft betören.
Zu mehr als einem Umschlagplatz der ökonomischen und militärischen Interessengruppen, die sich anschicken, mit Hilfe dieser Sprache die Welt zu beherrschen, werden wir es unter ihrem Einfluss kaum bringen.

siehe auch X, XLV

VIII. "Je weniger Sprachen sich in der EU letztlich durchsetzen, desto besser. Die Übersetzungskosten sind ohnehin zu hoch."

Widerrede:
Kostenargumente sind meist die Argumente derer, die das Geld haben oder die Macht besitzen und deshalb an Neuerungen nicht interessiert sind. Im Unterschied zur Landwirtschaft und vielen anderen Bereichen besitzt in Brüssel der Wille zur Pflege der Vielsprachigkeit Europas keine Interessen-Lobby.
Weder vollmundige sprachpolitische Beteuerungen der Europäischen Kommission noch ausgefeilte Programme zur Förderung der Mehrsprachigkeit vermochten dies bisher zu ändern. Sonst könnte nicht immer wieder unwidersprochen die Falschmeldung verbreitet werden, die Kosten der Vielsprachigkeit der EU-Gremien seien unverhältnismäßig hoch.

Tatsache ist, dass diese Kosten lediglich wenige Prozent des Gesamthaushalts der EU ausmachen. Sie fallen also im Vergleich zu anderen Haushaltsposten kaum ins Gewicht. Auch die Erweiterung der Union hat daran nicht viel geändert. Wenn dies nicht so wäre, müssten Vorschläge zu ihrer Minderung in Brüssel auf wesentlich mehr Interesse stoßen. Demgegenüber frisst z.B. die Subventionierung der Landwirtschaft 30% des Haushalts der Union.
Dennoch hatten der Verein Deutsche Sprache und eine Reihe weiterer Sprachvereinigungen Europas im Jahr 2003 im Rahmen der europäischen Verfassungsdiskussion angeregt, die Anzahl der Übersetzungsrichtungen durch die Einführung von Brückensprachen1 drastisch zu verringern. Länder, deren Landessprache zur Brückensprache geworden wäre, sollten zum Ausgleich dieses Vorteils die Kosten der Übersetzung in einige andere Sprachen übernehmen.
Andere Möglichkeiten zur Kostenminderung wären die Einführung einer macht- oder kulturneutralen Verkehrshilfssprache oder die Pflicht zur passiven bis aktiven Beherrschung aller europäischer Arbeitssprachen2 seitens der europäischen Beamten. Solange Brüssel solche Vorschläge nicht ernsthaft aufgreift, kann die Behauptung, die Vielsprachigkeit sei für die Europäische Union zu teuer, nicht ernst gemeint sein. Eher erscheint sie als Ausfluss einer kultur- und sprachindifferenten, machtpolitischen Interessenlage.

siehe auch III., XLVII

1 Eine Brückensprache ist gemeinsame Ausgangssprache zur Übersetzung amtlicher Dokumente in eine Gruppe weiterer (meist verwandter) Sprachen
2 Englisch, Deutsch, Französisch; zusätzlich (ab 2004): Spanisch, Polnisch (Vorschlag des VDS)

IV. "Am einfachsten wäre es, alle Menschen lernten von Geburt an nur noch Englisch als Muttersprache. Auch das Denglisch-Problem würde sich so ganz von selbst erledigen."

Widerrede:
Hinsichtlich einer einfachen „Erledigung“ des Denglisch-Problems ist diese Aussage wohl zutreffend. Die Frage ist nur, um welchen Preis es dadurch erledigt würde.
Allein die Vorstellung, weltweit alle Mütter oder Eltern durch sprachpolitische Maßnahmen davon überzeugen zu können, sich mit ihren Kindern nur noch auf Englisch zu verständigen, ist abartig. Selbst die rücksichtsloseste Kommerzialisierung aller menschlichen Beziehungen könnte sicher nicht alle „nicht-englischen“ Sprachen bis in den letzten Erdenwinkel als Muttersprachen auslöschen.

Jede Sprache bricht und ordnet die Wirklichkeit durch andere Reflektionen, Schattierungen, Strukturen, Brüche und Begriffe. Würde die Wirklichkeit weltweit in nur noch einer Sprache entdeckt oder beschrieben und das menschliche Kulturerbe entsprechend einfältig konserviert, gingen unendlich viele Deutungsmöglichkeiten des Universums und Wissen über die Möglichkeiten, Mensch und Natur zu kultivieren, verloren.
Das wäre eine kulturell sehr einfältige Welt. Das auffallend einfältige Denglisch und der Mischmasch vieler weiterer Sprachen mit Englisch bahnen jedoch den Weg dorthin.

siehe auch I., II.

X. "Die deutsche Sprache ist umständlich, schwer zu erlernen und ohne Witz."

Widerrede:
Vergleiche zeigen, dass mal englische, mal deutsche Wörter kürzer oder auch länger sind. Für ihren Alltagstauglichkeit ist dies kaum entscheidend. Auf Verständlichkeit, Treffsicherheit und Geschmeidigkeit kommt es eher an. Benjamin Franklin, der große Physiker und nordamerikanische Staatsmann, schrieb Ende des 18. Jahrhunderts: Die Möglichkeiten zur Bildung zusammengesetzter Substantive und die flexible Wortstellung machen die deutsche Sprache der englischen in mancher Hinsicht überlegen.
Das grammatische Formensystem regelt den Zugang zu einer fremden Sprache. Es ist die allgemein zugängliche Grundlage für die Möglichkeit differenzierter Aussagen. Nur zu Beginn bereiten scheinbar grammatiklastige Sprachen mehr Mühe als Englisch. Ein anspruchsvolles Englisch ist wegen des hohen Anteils fester Wortverbindungen und -stellungen, die den regelgeleiteten Sprachzugang ersetzen müssen, schwieriger zu erlernen als die meisten europäischen Sprachen. Und die lautliche Vieldeutigkeit des Englischen führt häufig zu Problemen bei der Verständigung (auf Englisch) mit nicht anglophonen Ausländern anderer Sprachkreise.
All das sind nicht gerade ideale Voraussetzungen für eine Weltsprache.

Demgegenüber mag sich eine gewisse Neigung, die Dinge der Welt kompliziert, und mitunter grüblerisch zu betrachten, in bestimmten Eigenheiten und Unfertigkeiten des Neuhochdeutschen besonders treffsicher fassen lassen. Genau deshalb hält es aber auch spezifische Möglichkeiten für tiefgründigen Humor, Doppeldeutigkeit und Ironie, sprachspielerischen Witz und messerscharfe Satire genau so reichhaltig für uns bereit wie andere Sprachen mit ihren Mitteln für deren Sprecher.

siehe auch VI., VII., XV., XXIII.

XI. "Englische Wörter sind nützlich, wo deutsche fehlen."

Widerrede:

Das wird gern behauptet, stimmt aber nur auf den ersten Blick. Die Frage ist, ob deutsche Wörter wirklich fehlen und wo. „Besatzung“ und „Nachrichten“ sind vorhanden und brauchen nicht durch crew oder news ersetzt zu werden. „Meisterliga“, „e-Post“ oder „Geländerad“ hätten anstelle von Champions League, e-mail oder mountain bike gewählt werden können, als diese Dinge aufkamen.

Nun gibt es Wörter wie shop, bike, kickboard, event, die - angeblich - sogenannte „Bezeichnungslücken“ füllen, d. h. etwas ausdrücken, wofür die deutsche Sprache kein Wort hat. Gelernte Sprachwissenschaftler versuchen mühsam darzulegen, dass shop nicht dasselbe ist wie „Laden“, und bike nicht einfach „Fahrrad“ bedeutet. Die Salzburger Festspiele wären dann eine „großartige Veranstaltung“, der Europäische Schlagerwettbewerb aber ein event mit highlights.

Räumen wir ein, dass es schwierig wäre, talk show, T-shirt, quiz, freak, baby, party oder training durch deutsche Wörter zu ersetzen. Aber im Grunde sind auch diese englischen Ausdrücke überflüssig. An ihrer Stelle hätten – bei mehr Treue zur eigenen Sprache! - von Anfang an deutsche Wörter gebraucht werden können. Sie waren vorhanden, und die neuen Bedeutungen – wenn es sie tatsächlich gibt - wären in sie eingegangen. Statt interview hätten wir „Gespräch“ oder „Befragung“, „Ratespiel“ für quiz oder „Gesprächsrunde“ für talk show. Ein „Motorradfreak“ wäre ein „Motorradnarr“. Diese deutschen Ausdrücke empfinden wir als fremd, weil die englischen uns vertraut geworden sind.

Die englischen Wörter stehen jeweils für nicht genutzte Möglichkeiten der deutschen Sprache. Für einen anderen Umgang mit der eigenen Sprache geben die Engländer und überhaupt alle Angelsachsen uns ein Beispiel. Sie kommen mit ihrem Englisch aus, um die Dinge dieser Welt zu benennen. Um sich zu verständigen, benutzen sie jahrhundertealte, ehrwürdige und bewährte Wörter wie shirt, news, girl, kid, lover, chat, talk, fun, show, snack, pool, top, service, event usw. T-shirt hört sich für einen Engländer nicht anders an als „T-Hemd“ für uns. Der chat übers Internet zwischen einem Schotten und einem Neuseeländer mag etwas anderes sein als der Schwatz in einer englischen Kneipe im 18. Jahrhundert. Trotzdem wird das alte Wort für geeignet befunden, um eine neue Sache von heute zu bezeichnen.

Hinter solcher sprachlichen Selbstgenügsamkeit und Selbstversorgung steht viel Liebe zur Muttersprache.

siehe auch IL., XII., XVI., XX

XII. "Englische Wörter im Deutschen machen die deutsche Sprache modern."

Widerrede:
„Modern“ bedeutet das Gegenteil von „traditionell, überkommen, altbacken“. Gesprochene Sprache ist überkommene, tradierte Konvention. Vereinbarte Wörter bezeichnen Gegenstände oder Gedanken und werden nach sprachspezifisch tradierten Regeln zu Aussagen gefügt. Wer in seiner Sprache besser als nur flüchtig verstanden werden will, muss sich an deren Regeln halten. Schon deshalb kann sie nicht einfach nur dem neuesten Schrei gehorchen.
Die flüchtige Ausdruckskraft des Denglischen zehrt von der Missachtung und Verletzung tradierter sprachlicher Regeln und Bezeichnungen. Es ist eine (Anti-)Konvention zur Bezeichnung alles dessen, was uns per „neuestem Schrei“ überraschen soll, damit wir es als weltoffen, zeitgemäß, interessant – kurz: als modern und erwerbenswert fraglos anerkennen.

Sprachschwache Werber, aufgeblasene Großsprecher, gedankenlose Schnellschreiber, „trendgestylte Szenehaie“ und denkfaule Bürokraten beschwatzen uns auf Denglisch, wenn sie uns nicht davon überzeugen können, warum wir eine neue Ware, einen Trend, einen neuen Gedanken oder die neueste Verwaltungsmaßnahme ohne Murren als „unkonventionell“ anerkennen oder hinnehmen sollen. Kaum etwas hinter ihrem falschen Englisch im Deutschen ist neu. Meist ist es nur zeitgeistig auf modern geschminkt. Dies lässt dieselben Dinge, auf Deutsch bezeichnet, zwangsläufig als altbacken erscheinen.
Der Zeitpunkt, zu dem alle anderen Sprachen zu Gunsten des Englischen endgültig außer Mode sind, wäre auch das Ende der Modernität des Englischen. Denn gegen welche Sprache könnte es sich denn dann noch als modern abheben? Es hat seine Modernität von denjenigen Sprachen, die ihm zuliebe sozusagen (ver)modern müssen, doch nur geliehen! Es gibt keinen sprachlichen Grund, dem Englischen von vornherein mehr Modernität und Unkonventionalität zuzutrauen als anderen modernen Sprachen.

siehe auch XI., XVII.

XIII. "Die Jugend liebt Englisch - also spricht auch nichts gegen Denglisch!"

Widerrede:
Dieses Vorurteil stellt die englische Sprache auf die gleiche Stufe wie den Sprachmischmasch Denglisch. Dies soll das Übermaß angloamerikanischer Brocken im heutigen Deutsch erklären - und verklären. Ihm zufolge halten sie unsere Sprache genau so jung, wie das Angloamerikanische ewig bleiben soll.

Anglomane Sprach- und Tonangeber beschwören in diesem Zusammenhang gerne Bilder von Leben, Jugend und Entwicklung. Das haben diese Berufsjugendlichen auch nötig, denn ohne ihre vorlauten Eingriffe in den alltäglichen Sprachgebrauch sähen sie mit ihrem Denglisch bald alt aus.
Deshalb lesen sie der Jugend jedes englische Wort von den Lippen ab. Sie erkünsteln sogar - eigens für sie - scheinenglische Wörter. Und sie jubeln sie ihr gar als die neuesten Trendwörter unter, ohne deren Kenntnis man nicht in sei. Dass die Jugendlichen viele deutsche Wörter erfinden oder für sich umdeuten wird einfach totgeschwiegen.
Junge Leute, sagt der Verein Deutsche Sprache, werden immer sprachlich experimentieren - sei es zur Abgrenzung von den Erwachsenen, sei es, um vor ihnen die Zukunft zu besitzen. Ein selbstgenügsames Sprachumfeld könnte davon mitunter profitieren.
Das denglische Sprachumfeld unserer anglomanen Sprach- und Tonangeber ist nicht selbstgenügsam. Berufsjugendliche (Groß-)Sprecher verwechseln in ihm Panschen mit Experimentieren, und hoffen, dabei jugendlicher zu erscheinen als die Jugend selbst.

siehe auch III., XXVIII.

XVI. "Denglisch ist ein Zeichen für die besondere Weltoffenheit der Deutschen."

Widerrede:

Wer nur vom anderen etwas erwartet, selbst jedoch nichts bietet, ist langweilig und kann kein Interesse für sich wecken. Solcher „Austausch“ wird zur Einbahnstraße zu Gunsten dessen, der nichts zu bieten hat. Ohne Liebe, Wertschätzung und Weitergabe der jeweils eigenen Kultur und Sprache kann kein Austausch entstehen.

Wer so tut, die simple Vermischung von ein paar tausend halbwegs verständlicher englischer Wörter mit anderen Sprachen mache aus der Einbahnstraße ein Geben und Nehmen verrät, dass er seine eigene Sprache weder liebt noch schätzt, die des Partners lediglich für sich ausbeuten möchte und eigentlich nicht damit rechnet, von seinem Gegenüber angenommen zu werden.

Das Denglisch der Deutschen ist daher kein Zeichen für Weltoffenheit, sondern für sich weltoffen gebende Provinzialität. Sie beruht auf mangelnder Wertschätzung und geringer Offenheit der eigenen Kultur gegenüber – und gleichermaßen blinder Ausbeutung der englischen Sprache zur Produktion von Denglisch.

Die provinzielle Weltoffenheit dieses „deutschen Englisch“ nährt sogar den Verdacht, diese Deutschen wollten sich im Schlepptau alles Angloamerikanischen heute wenigstens als Sprachweltmacht zweiter Klasse Einfluss sichern oder Eindruck machen.
Auf diese falsche Weltoffenheit sollten die Deutschen besser verzichten.

siehe auch XI., XXX., XLIII.

XVII. "Die Werbung und ihre Anglizismen verändern kaum unsere Sprache - normale Menschen sprechen nicht so."

Widerrede:

Werbung weckt Wünsche weniger durch sprachliche Information als durch Manipulation des Unterbewusstseins durch Wunschbilder. Die Vorspiegelung von Information durch Manipulation gelingt mit Hilfe vorgefertigter Sprachsignale, die die gewünschten Bilder in uns freigeben.

Auch das Werber-Denglisch besteht aus solchen Sprachsignalen. Sie erzeugen oberflächliche Wunschbilder von Modernität, „multi-kulti“ und Omnipotenz1 in (und von) uns. Zum sprachlichen Informationsaustausch sind diese Wörter und Ausdrücke nicht gedacht. Deshalb meldet unser Muttersprachgefühl Widerspruch gegen sie an.

Diesen Widerspruch wollen uns die werbenden Signalgeber und werbewissenschaftlichen Helfer ausreden. Sie verheddern sich dabei in widersprüchlichen Aussagen: Zuerst versichern sie uns, ihr Denglisch sei nur kurzlebig, also sprachlich folgenlos. Wenn wir dem widersprechen, behaupten sie das schiere Gegenteil, nämlich dass nur durch ihr falsches Englisch im Deutschen unsere Muttersprache zukunftstüchtig werde.

Natürlich kennen auch wir die englische Bedeutung von Stummel- und Stammelwörtern der Sorte fun, light, power, kids, event, shop, wellness und Tausenden mehr. Doch darauf kommt es im Werber-Denglisch nicht an. Es soll nicht unseren englischen Wortschatz bereichern, sondern unsere Wünsche und Lebensentwürfe auf (oder in) Warenform bringen. Zum Beispiel erhält ein Schaufensterbummel namens shopping erst durch den Kaufakt seine genießerische Dimension. Die Dimensionen „Beschaulichkeit“, „Träumen“ und „wunschlos glücklich“ haben in shopping keinen Platz.

Ähnliches gilt für den Ersatz von „Glück“ oder „Spaß“ durch fun, von „Wohlgefühl“ durch wellness, und von „Ereignis“, „Spektakel“, „Veranstaltung“ oder „Abenteuer“ durch event.

Jeder Tag, an dem wir solchen Sprachmanipulationen verfallen, bringt uns dem Verfall unserer Muttersprache und der Cocacolisierung unseres Blicks auf die Wirklichkeit näher.

1 Omnipotenz = Großmannssucht

siehe auch XII., XIV., XXII.

XVIII. "Anglizismen sind keine bösen Bazillen."

Widerrede:
Rudolf Hoberg, Vorsitzender der Gesellschaft für Deutsche Sprache in Wiesbaden, hatte Recht, als er dies sagte. Es gibt keinen Grund, Anglizismen zu meiden wie böse Bazillen.

Der Vergleich von Anglizismen mit Bazillen ( = Bakterien) beruft sich auf die Medizin. Sie dient oft als Reservoir für Bilder von Krankheit und Tod. In diesem Fall ist es das abschreckende Bild von der Übertragung und Ausbreitung bösartiger Seuchen durch Ansteckung mit Bakterien.

Im vorliegenden Fall wurde es benutzt, um im Kontrast dazu die Ausbreitung von Anglizismen in der deutschen Sprache als vergleichsweise harmlos darstellen zu können.

Bei näherer Betrachtung schlägt der Vergleich von Anglizismen mit bösen Bazillen allerdings auf seinen Erfinder zurück. Anglizismen dringen zwar nicht auf dem Wege der Ansteckung - sozusagen natürlich - in die deutsche Sprache ein, werden aber von Sprachmachern und Interessengruppen leichtsinnig hereingeholt. Dies gelingt ihnen im Zeichen der Mode „Anglomanie“. Unter dem Ansteckungsdruck dieser Mode werden Denglisch und BSE (Bad Simple/Silly English) tatsächlich so aufgenommen und weitergegeben als entstünden sie durch Bazillen, obwohl Anglizismen natürlich nicht böse sein können. Ohne ihre modische Weitergabe stürben die meisten von ihnen sogar ebenso rasch ab wie Bakterien oder Eintagsfliegen.

So betrachtet wäre der Vergleich der Anglomanie mit „Ansteckung durch böse Bazillen“ dann doch gerechtfertigt.

siehe auch III., XXXIV.

XIX. "Am meisten Loyalität zur deutschen Sprache beweist man dadurch, dass man ihr die Stärke zutraut, auch mit der heutigen Anglizismenschwemme fertig zu werden."

Widerrede:
Loyalität äußert sich weniger in abwartendem Vertrauen als in aktivem Eintreten für eine Person, deren Erfolg einem wichtig ist. Dies gilt erst recht im Hinblick auf Gedanken und Ideen, also auch für Kritik und positive Wünsche zur Zukunft unserer Sprache. Sie können sich nicht selbst Gehör verschaffen. Sie werden sich deshalb ohne unsere aktive Loyalität nicht gegen jene behaupten, die Sinn und Legitimität unserer Sprachloyalität in Zweifel ziehen.

Nur Opportunisten und Trittbrettfahrer warten, bis sich eine umstrittene Idee dank der Unterstützung anderer durchzusetzen beginnt. Im letzten Moment springen sie dann vollends auf um zu behaupten, von Anfang an richtig gefahren zu sein. Scheinbares Zutrauen in die Möglichkeiten unserer Sprache, mit der Anglizismenschwemme fertig zu werden, ist nichts als ein Zurückweichen vor denen, die sie heute durch Anglizismen fertig zu machen drohen.

Sprachloyalität erschöpft sich deshalb nicht im Vertrauen auf ein (hoffentlich gutes) Sprachschicksal, sondern äußert sich in aktivem „Mut zur Muttersprache“.

 

siehe auch XXXVI., XXXVII.

XX. "Ich weiß überhaupt nicht, warum sich der VDS über gerade mal höchstens 5.000 Mode-Anglizismen aufregt. Schließlich besteht der deutsche Wortschatz aus über 500.000 Wörtern."

Widerrede:
Inhalt und Bedeutung einer sprachlichen Aussage sind eine Funktion des räumlichen, zeitlichen, psychologischen, wissenschaftlichen usw. Zusammenhangs, innerhalb dessen sie fiel. Deshalb ist ihr Realitätsgehalt nicht nur in den Wörtern selbst, sondern auch zwischen den Sätzen oder Zeilen zu finden. Der sinnfälligste Beleg hierfür sind Wörter, die in der einen Situation dies, in der anderen das bedeuten.
Wörter werden erst durch Regeln und grammatische Funktions- oder Füllwörter und die nichtsprachlichen Begleitumstände zur Sprache gebracht und geordnet.

Kaum einer der Mode-Anglizismen ist grammatischer Sklave, fast alle sind inhaltliche Beherrscher ihrer sprachlichen Umgebung. Wer über solche Anglizismen (bis hin zum privatrechtlichem Schutz) verfügt, erhebt mit ihnen auch Anspruch auf gesellschaftlich wichtige Aussagefelder oder sucht diese (und sich selbst) wenigstens durch sprachliche Wichtigtuerei aufzuwerten.
Entscheidend für Wertigkeit und Ausmaß des Einflusses von Anglizismen auf unsere Sprache ist deshalb nicht deren absolute Anzahl, sondern ihre inhaltliche und kontextabhängige Wertigkeit sowie die Häufigkeit ihrer aktiven Benutzung. Die größten und zugleich wichtigsten Aussagefelder für Denglisch sind die Teilsprachen der Mode, des Handels, der Werbung, der Kommunikationstechnik oder bestimmter Kulturbereiche. Unablässig werden dort relativ wenige, aber inhaltlich hochwertige Anglizismen wiederholt. Selbst wenn dies nur 5.000 oder Bruchteile davon wären, dringen sie doch täglich 10.000- bis 100.000-fach in unser kollektives Sprachgedächtnis.

siehe auch XII., XL.

XXI. "Die meisten Anglizismen sind sprachliche Eintagsfliegen. Sie sind zwar lästig und unschön, verschwinden aber genau so schnell, wie sie auftauchen."

Widerrede:
Wer ein englisches Wort dem Angloamerikanischen einfach nur nachplappert und es auch noch falsch gebraucht, tut dies entweder aus persönlicher Wichtigtuerei oder sprachlicher Gedankenlosigkeit. Durch sein lästiges Sprachgetue hofft er entweder modern zu erscheinen oder vielleicht Sprachgeschichte setzen.
Doch die Hoffnung, solch lästiges Sprachgetue werde schon folgenlos bleiben, ist haltlos, solange das Publikum jede Gedankenlosigkeiten gläubig aufnimmt.

Auch lästige Eintagsfliegen, um dieses Bild aufzugreifen, verschwinden keineswegs folgenblos. Sie produzieren Larven, aus denen tausende neuer Fliegen entstehen. Genau bedrängen uns auch englische Ausdrücken, die auf allen möglichen sprachlichen Nährböden ständig nachwachsen oder gar kultiviert werden. Werden gedankenlose Vermehrung und Verbreitung von Anglizismen nicht behindert, dann könnten diese wörtlichen Eintagsfliegen bald das europäische Sprachhaus beherrschen.

siehe auch XXII

XXII. "Die vielen Anglizismen in der Alltagssprache sind längst nicht so schlimm wie der zunehmende Gebrauch von Englisch in Wissenschaft und Wirtschaft."

Widerrede:
Viele Sprachwissenschaftler beklagen zu Recht, das Deutsche verschwinde rasant aus Wissenschaft und Wirtschaft. Sie sagen: Eine Sprache, die „sich nicht weiterbildet, verarmt“. Sie verschweigen aber, dass nur die Sprecher sie (und sich) weiterbilden können, also wir alle.
Die Sprecher – das sind wir alle. Unser öffentliches, upgebraintes Deutsch strotzt vor Mode-Anglizismen. Deshalb setzen die Zukunftsgestalter und -verwalter unserer Gesellschaft, insbesondere aus Wissenschaft und Wirtschaft, lieber gleich auf richtiges Englisch.

Die wechselseitige Abstoßung zwischen der Alltags- und den Fachsprachen droht unserer Alltagssprache jetzt die Wissenschafts-, ja Zukunftstauglichkeit zu nehmen, obwohl sie der ganzen Gesellschaft gehört. Die Wissenschaftler dürfen nicht den Kontakt zu ihr verlieren. Fachsprachen ohne Verankerung in einer gesprochenen Muttersprache und Muttersprachen ohne Zugang zu einer Fachsprache sind als Instrument schöpferischen, bildhaften und erklärenden Denkens nicht brauchbar.
Es geht demnach nicht nur um das Wissenschaftsdeutsch, sondern um die Zukunft unseres Landes. Deshalb ist der Dämmerschlaf so vieler Sprachwissenschaftler angesichts der anglomanen Überformung unseres Alltagsdeutscheher erschreckend. Sie sind wie Gentechniker, die sich nicht um den Naturschutz kümmern. Ihr Schlafmittel ist die wahrhaft beruhigende Erkenntnis, wir sprächen doch schon immer eine Mischsprache. Tatsächlich droht unserer Muttersprache ein Schicksal als Feierabend-Mischmaschsprache. Sie hätte dann zu keiner Fachsprache mehr Zugang.

siehe auch VI., XVII., XX., XXI.

XXIII. "Bürokratendeutsch ist schlimmer als Denglisch!"

Widerrede:
Wer hätte sich nicht schon geärgert über bandwurmförmige Satzgebilde und zungenbrecherische Endloswörter in der deutschen Verwaltungssprache! Wir verstehen immer nur „Bahnhof“, obwohl nichts bei uns ankommt.
Wird jetzt alles genauer und bürgerfreundlicher durch outsourcing, Community Policing, Key Account Management, Public Private Partnership, Coaching, Empowerment, Job Floater, Facility Manager?

Solche Ausdrücke werden im Englischen getrennt geschrieben und sind deshalb leichter zu lesen als deutsche. Sie sind deshalb auch verständlicher als Komposita1 wie „Beschäftigungssicherung“, „Wohnumfeldverbesserung“ oder „Fehlbelegungsabgabe“? Tatsache ist: Die grammatischen Beziehungen zwischen ihren den einzelnen Bestandteilen machen solche „Endloswörter“ eindeutig. Eine „Belegungsfehlabgabe" ist eben etwas anderes als eine "Fehlbelegungsabgabe“, die „Beschäftigungssicherung“ etwas anderes als eine „Sicherungsbeschäftigung“ und ein „Wohnverbesserungsumfeld“ etwas ganz anderes als eine „Wohnumfeldverbesserung“.
Die deutschsprachigen Ausdrücke erklären sich uns selbst. Dagegen ist die Bedeutung lose zusammengesetzter englischer Ausdrücke meist erst dem Gesamtzusammenhang zu entnehmen. Beispielsweise meint Community policing „bürgernahe Sicherheit“, Key account management ist die „Großkunden-Betreuung“, Public private partnership steht für „staatlich-private Partnerschaft“ und power pricing bedeutet „erfolgsgekoppelter Tiefpreis“. Container coach ist als „Ökolotse“, Venture capital als „Wagniskapital“ und inhouse-Schulung als „hauseigene“ Schulung selbsterklärend übersetzbar.
Die deutschen Ausdrücke fügen sich zudem mühelos in vollständige (und hoffentlich nicht bandwurmförmige!) Sätze ein. Was aber sagt uns eine Verwaltung, die vor allem durch ihr Denglisch von sich reden macht? Verdient und verbessert sie unser Verständnis schon dadurch, dass sie uns mit englischen Ausdrücken zu beeindrucken sucht, anstatt sich um Verständlichkeit zu bemühen? So plump neumodisch hatten wir uns die neue Bürgernähe des Staates nicht vorgestellt!

siehe auch X., LII.

1 zusammengesetzte Wörter

XXIV. "Die neue Rechtschreibung ist schlimmer als die vielen Anglizismen."

Widerrede:
Aussprache und Schreibung der meisten englischen Wörter lassen sich unserer Sprache nur ungenau anpassen. Ihr Lautsystem und ihr Schriftbild werden desto regelloser und unklarer, je mehr englische Wörter sie aufnimmt.

Wo sind die Regeln für das richtige, Betonen, Sprechen und Schreiben von Wörtern und Ausdrücken wie tough, coach, feature, women, Sneak preview, life/live? Wie sollen budget, Passagen-manager oder entrepreneurship ausgesprochen werden?
Und erst unser so variantenreich deutschelndes Englisch: Mode collektion, activ/active/aktiv/aktive, auschecken, tickethotline, Cards jede Menge, ...welche Schreibung und/oder Aussprache ist falscher und welche ein bisschen weniger falsch - oder sogar halbrichtig? Heißt es nun „resaikelt“, „rezützelt“, „risaiselt“ usw., nachdem wir zwar unseren Müll gehörig getrennt haben, mit ungehörigem Sprachmüll aber nicht fertig werden?

Völlig regellos ist die dem Englischen falsch nachgeäffte „Trophie der Apo's“1 in unserer Schriftsprache und unser neues (Un)Verhältnis zum „Binde Strich“. Selbst in so phantastischen, aber belegten Einfällen wie Pension's-Zimmer oder Bärchen's-Eck (ver)mag er2 als Ausdruck schlechten Sprachgewissens nicht mehr zusammen zu zwingen was zwar zusammengehört, ein äffischer Apostrophierer aber falsch getrennt hat.
Schon für anglophone Muttersprachler ist das englische Laut-/Schreibsystem nur schwer durchschaubar. Nicht zufällig leiden gerade sie häufiger als andere unter Lese-/Rechtschreibschwäche. Auf nicht Anglophone wirkt die englische Sprache erst recht wie eine Aneinanderreihung mühsam einzupaukender Ausnahmen.
Unsere Muttersprache dagegen wird uns ganz ohne Paukerei zu eigen. Die vielen Anglizismen bringen deren Laut- und Schriftbild viel nachhaltiger ins Wanken als ein paar missglückte Rechtschreibregeln3.

siehe auch II., LII.

1 Trophie (gr.) = Überwachstum; Apo's = „Apostrophen“ (ironisch abgekürzt)

2 ...auch als „Apostrophen-Kampfbinde's-Trich“ zu apostrophieren sein

3 ausgenommen die nach Meinung des Herausgebers großenteils missglückte Reform der Zusammen- bzw. Getrenntschreibung zusammengesetzter (zusammen gesetzter?) Wörter bzw. Ausdrücke

XXV. "Ich bin wie der VDS für sprachlich-kulturelle Vielfalt. Das sog. Denglisch-Problem hat mit deren weltweiter Bedrohung aber nichts zu tun."

Widerrede:
Es mag ja stimmen, dass keine der zur Zeit bedrohten oder jüngst erloschenen Sprachen nur mit englischen Brocken erstickt wurde. Anzahl und Häufigkeit von Anglizismen in einer Sprache informieren aber darüber, wie stark die USA-dominierte Globalisierung die heutigen Sprachen einander anzugleichen und kommenden Generationen als unser genokulturelles1 Erbe zu nehmen droht.

Eine Sprache, die im Moment noch weitergabefähig oder vererbbar erscheint, ist prinzipiell verloren, sobald die Gesamtheit ihrer Sprecher mit ihrer Sprache den Eindruck weitergibt, es sei nicht möglich, sie aus eigener Kraft zukunftstüchtig zu halten oder zu machen. Diese Chance scheint für solche Sprachen bereits vertan, die alles Neue fast nur noch angloamerikanisch benennen.

Es ist deshalb höchste Zeit, das „sogenannte“ Denglisch-Problem bei seinem richtigen Namen zu nennen: Er lautet „Wissens- und Kulturvernichtung durch Erzeugung von Sprachmischmasch“. Der Mischmasch ist das kulturlose Nebenprodukt der kulturindifferenten Globalisierung des Austauschs von Waren und Dienstleistungen.

Die sprachlich-kulturelle Vielfalt beruht auf der täglich erneuerten Loyalität der Sprecher zu ihren Sprachen, Denglisch dagegen auf sprachlicher Gleichgültigkeit und Lieblosigkeit. Allein die kulturell motivierte und entsprechend tolerante Internationalisierung des Globus könnte ein Gegengewicht hierzu bilden. Dafür setzen sich Sprachschützer in Europa und weltweit ein. Dem gleichmacherischen Druck oder Gewicht des Angloamerikanischen kann sich kaum eine Sprache mehr nur „durch Zuwarten“ entziehen.

siehe auch I., XIV., XLV.

1 Aus Sicht der Kulturwissenschaft kann die Sprache einer Kultur als genokultureller Code (1 Wortstamm = 1 Gen) bezeichnet werden, der ihr gesamtes Wissen in grammatisch, lexikalisch und insofern kulturtypisch verschlüsselter Form enthält.

XXVI. "Die deutsche Sprache zerfällt an allen Ecken und Enden. Warum gerade die Anglizismen an allem schuld sein sollen, will mir nicht einleuchten."

Widerrede:
Der Eindruck, unsere Sprache, ja unser neuhochdeutsches literarisches Erbe insgesamt würden in unseren Bildungseinrichtungen zur Zeit eher zerpflückt und verschleudert statt gepflegt, drängt sich zwar vielen Menschen auf, wäre aber gegebenenfalls nur schwierig zu beweisen. Eine Reihe von Beobachtungen spricht aber dafür, dass die Gleichgültigkeit vorherrscht:

  • Grammatische Verflachung (Niedergang starker Konjugationen, chaotischer Gebrauch und Nichtgebrauch von Bindestrich und Apostroph, Vernachlässigung des Ausdruckmittels ‚Wortstellung’ in abhängigen Sätzen, Überhandnehmen versteckter und nicht versteckter Anglizismen, usw.);
  • Beklagenswerte stilistische Qualität deutsch- oder englischsprachiger Fachtexte muttersprachlich deutscher Autoren;
  • Immer mehr öffentliche Gleichgültigkeit gegenüber der richtigen (neuen oder alten, jedenfalls „gespaltenen“) Rechtschreibung;
  • Die in vielen Bundesländern gegebene Möglichkeit, das Abitur ohne Kenntnis eines deutschen Literaturkanons und sogar ohne Prüfung in einem Hauptfach Deutsch abzulegen;
  • Die Forderung (und Förderung) von Frühenglisch und Immersionsunterricht für muttersprachlich deutsche und nichtdeutsche Schüler und Vorschüler zu Lasten von Deutsch1, obwohl deren deutsches Sprachvermögen hierfür immer häufiger längst nicht angemessen entwickelt ist.

Kaum eine dieser tatsächlichen oder vermeintlichen Erscheinungen des sprachlichen Niedergangs wäre als einzelne aufzuhalten. Jede für sich ist eher unauffällig oder den meisten Menschen zu wenig bewusst, um von ihnen als Ausgangspunkt eines überzeugenden sprach- oder gar bildungspolitischen Entwurfs akzeptiert zu werden.
Anglizismen dagegen sind nicht nur in aller Munde, sondern auch ohne weiteres in Texten aller Art erkennbar. Das allgemeine Unbehagen an ihnen – dies belegen zahllose Umfragen – ist erheblich.

Deshalb lässt sich an der heutigen Anglizismenschwemme besser als an den anderen Beobachtungen klar machen, dass mit unserem Verhältnis zu unserer Sprache grundsätzlich etwas nicht stimmt. Das Anglizismen-Problem ist deshalb ein guter Hebel, um nicht nur für mehr Sprachloyalität, sondern auch für ein dementsprechend verändertes Bildungs- und Erziehungsangebot an unseren Schulen zu werben.

1 und Mathematik

XXVII. "Auf Deutsch kann man genau so gut lügen und aufgeblasen daherreden wie auf Denglisch!"

Widerrede:
Das ist wohl wahr. Jede Sprache (oder Sprechweise) hat auch die Funktion, wichtiges zu verstecken, unwichtiges aufzublasen oder falsches zu behaupten. Auch das ist Kommunikation! Man teilt mit, dass man nichts zu sagen hat oder sagen möchte, ist jedoch zu ängstlich oder zu feige, dies offen einzugestehen. Man führt die Zuhörer trotz besseren Wissens lieber an der Nase herum.

Wer auf Denglisch lügt oder faselt, braucht hierfür weniger Mut als diejenigen, die sprachlich „ehrlich“ oder aufrichtig faseln, d.h. ihr Imponier- oder Versteckspiel muttersprachlich fassen. Muttersprachlich gefasstes Imponiergehabe ist zwar kommunikativer und deshalb „überzeugender“ als in einer fremden Sprache. Zugleich ist es aber auch viel schwieriger, statt z.B. auf Denglisch in seiner Muttersprache zu imponieren. Man wird eben besser verstanden – zumal in Verbindung mit unbeabsichtigter Mimik oder verräterischen Gesten. Gute, d.h. kommunikative sprachliche Täuscherei (Lügen) verlangt deshalb einige muttersprachliche Meisterschaft, um gegen Entlarvung durch Zuhörer gleicher Muttersprache gewappnet zu sein. Auf Denglisch reichen zum Täuschen schon ein paar hingeworfene Brocken.
Letztlich ist es eine Frage der sprachlichen Fairness oder Höflichkeit, ob man seine Zuhörer mit denglischem oder deutschem Wortnebel einhüllt und zu täuschen sucht. Deutschsprachiger Wortnebel ist zwar nicht unbedingt wahrheitsnäher als denglischer, doch hat man als gleichsprachiger Zuhörer gerechtere Chancen, schnell aus ihm herauszufinden, ihn durch kritisches Nachfragen zu lichten oder in (heißer) Luft aufgehen zu lassen.
Denglischer Nebel dagegen lügt sprachlich meist so lächerlich daneben, dass Nachfragen doppelt peinlich wären und aus Höflichkeit unterbleiben.

siehe auch XXX.

XXVIII. "Durch Denglisch lernt man früher und besser Englisch."

Widerrede:
„Denglisch“, das falsche Englisch im Deutschen, hat so wenig mit richtigem Englisch zu tun wie aufgeblasene Werbesprüche in Deutschland nach Art von leading to results (Deutsche Bank), life is our challenge (Aventis) oder thinking the future (Philipps) mit dem amerikanischen Pioniergeist.

Wörter aus dem Englischen verlieren in unserer Sprache ihre kontextuale1 und idiomatische2 Gebundenheit und Färbung. Des weiteren gehen ihre Beweglichkeit und ihre grammatischen Anker, ihr spielerisches und assoziatorisches, gedankenschöpfendes Potential verloren. Die Möglichkeit, mit ihnen neue Wortfelder zu bilden oder bisher unangesprochene Aussagebereiche zu besiedeln, zu strukturieren und entsprechend differenziert zu bezeichnen, kann in der deutschen Sprache kaum ausgespielt werden.
Wer die englische Sprache nur oberflächlich kennt, wird die deutsche Sprache desto ungehemmter mit englischen Brocken traktieren, je hemmungsloser er mangels tieferer Kenntnis der englischen Sprache Wörter aus ihr in die deutsche Sprache verpflanzen zu müssen glaubt.
Denglisch ist deshalb deutsches Englisch. Als solches verstört es sogar das englische Sprachgefühl und den Respekt vor gutem Englisch.

siehe auch III., XIII.

1 zusammenhangsbestimmte

2 wortstellungsbestimmte

XXIX. "Wer sprachliche Hinweise nicht versteht, weil sie Anglizismen enthalten, kann sich das nötige (D)Englisch selbst beibringen oder auf Zeichen, Abbildungen und Symbole ausweichen."

Widerrede:
Diese Vorurteil drängt Menschen, die zu Hause ihre Landessprache pflegen möchten, in in die sprachliche Isolation. Mehrdimensionale Wahrnehmungen wie Bilder, Geräusche oder Gerüche lassen anderen Zeiten, Orten und Generationen in größtmöglicher Objektivität nur in Sprachform mitteilen. Ohne diese Möglichkeit der grammatisch (zeitlich) organisierten Kommunikation in Form spezifischer, genokultureller Codes wären wir heute noch brüllende und grunzende Höhlenmenschen. Umgekehrt ist die Beschreibung komplexer Bilder eine der besten Möglichkeiten, die Sprache schon früh zu schulen und auszubauen.

Die Möglichkeit, eine komplexe Wahrnehmung direkt zu speichern, sie zu einem bestimmten Zeitpunkt zu wiederholen oder wenigstens bildförmig (sprachlos) zu kommunizieren, ist keine Alternative zu ihrer Konservierung in Sprachform, denn schon ihre zeitliche Einbettung ist nicht rückholbar. Dasselbe gilt abgeschwächt auch für ihre räumliche Einbettung (Kontext). Der Inhalt nicht-sprachlicher Zeichen, Abbildungen und Symbole ist extrem kontextabhängig. Er besitzt für Nichteingeweihte wenig bis keinen Erkenntniswert. Davon ausgenommen ist die bildliche Mitteilung kreatürlich-menschlicher, sozusagen vorgesellschaftlicher Sachverhalte.
Dies gilt für alle Arten der Erkenntnis, Kommunikation und Archivierung. Wer deren Grammatiken beherrscht, verfügt nicht nur über alles künftige Wissen, sondern auch über die dazugehörigen gesellschaftlichen Machtmittel.

Als Sprache der kommenden Generationen gilt heute das Englische. Wer seinen Mitmenschen empfiehlt, auf Zeichen, Abbildungen und Symbole auszuweichen, wenn sie (d)englische Wörter und Ausdrücke nicht verstehen, verrät sich als machtanmaßender Besserwisser.
Die Nichtwisser seiner Definition sind xenophobe1 Sprachfremdler auf dem Sprachstatus grunzender Höhlenmenschen ohne Anspruch auf Teilhabe an der öffentlichen Kommunikation.
Deshalb streiten wir nicht nur für klare Produktinformationen in der Landessprache, sondern auch gegen die Aufspaltung des Gesellschaft in eine sprachlich elitäre Minderheit und eine durch sprachlose Bilder (in der Werbung, im Fernsehen, in Rechnerprogrammen, im Internetz) manipulierte Masse.

siehe auch V., XXXII., LIII

1 fremdenfeindliche

XXX. "Importierte Sachen und Ideen müssen ihre fremden Namen behalten."

Widerrede:
Wenn wir mit jeder Sache oder jedem gedanklichen Konzept immer auch deren fremdsprachliche Bezeichnung importieren müssten, entstünde in unserem Land vor allem Sprachwirrwarr. Genau den richten heute die vielen Anglizismen an.
Zum Beispiel der Ausdruck Gender mainstreaming: Dieser Ausdruck bedeutet auf Deutsch „Geschlechtsrollen-Ausgleich“. Die dazugehörige Politik möchte Männer und Frauen gleichermaßen zum sozialen Rollenausgleich motivieren. Doch selbst führende Gleichstellungspolitiker in Deutschland übersetzen Gender mainstreaming gerne als „Frauengleichstellung“.
Ähnlichen Sprachwirrwarr produzieren Ausdrücke wie facility manager, customer care center, empowerment u.v.a.m..

So ist das sprachliche Durcheinander perfekt: keiner weiß, wovon die Rede sein soll, alle glauben, es zu wissen und niemand wagt nachzufragen, denn für ahnungslos möchte er oder sie nicht gehalten werden.
Ausgerechnet die angloamerikanische Sprachwelt zeigt, dass die Einbürgerung fremder Dinge und Ideen desto erfolgreicher verläuft, je freier wir (über) ihre Bezeichnungen nachdenken. Das Englische müsste sonst z. B. mit Hunderten deutscher Wörter aus den Denkgebäuden des Marxismus, der Psychoanalyse, der Atomphysik oder der Relativitätstheorie gespickt sein.
Ist es aber nicht! Selbst die Originalbenennung von Schlüsselbegriffen wie „Mehrwert“, „Überbau“ und „Raumkrümmung“ sucht man im Englischen vergebens. Die anglophone Welt hat deren Namen ohne Scheu neu erdacht oder bezeichnet.

Eine Sprachgemeinschaft, die auf die eigensprachliche Aneignung anderssprachig benannter Dinge und Ideen verzichtet, verzichtet auch auf ihren eigenen Blick und Zugriff auf die Wirklichkeit. Sie begibt sich in gedankliche Abhängigkeit von denen, die die Sprach- und Benennungsmacht besitzen. Nationale Sonderwege als gefährlicher Versuch, sich davon wieder zu befreien, werden dann unvermeidlich.
Demgegenüber wirkt die angloamerikanische Sprachwelt vital und weltoffen. Fremde Namen und Ideen werden entweder übersetzt, „nachgedacht“ oder sprachlich eingepasst - ganz ohne Besserwisserei, pedantische Wortkrämerei oder Selbstverleugnung. Warum nehmen wir uns eigentlich daran kein Beispiel?

siehe auch XVI., IXL., XXVII., XXXIII.

XXXI. "Die Tatsache, dass kaum jemand die bestehenden sprachpflegerischen Einrichtungen Deutschlands wahrnimmt, zeigt, dass sie nicht gebraucht werden und überflüssig sind."

Widerrede:
Es stimmt leider: Die offiziellen sprachpflegerischen, sprachgestalterischen und sprachpolitischen Einrichtungen des Bundes und der Länder1 führten bisher, obwohl wissenschaftlich anerkannt, ein gesellschaftliches Mauerblümchendasein. Und dies, obwohl nichts in unserer gegenwärtigen sprachlichen Situation nötiger wäre als eine Einrichtung, die uns dabei unterstützt, der Anglizismenschwemme zu begegnen.
Besonders unsere heutige Welt hat einen unersättlichen Bedarf an neuen Wörtern. Seine Stillung, und damit die Ordnung und Deutung der Wirklichkeit, droht heute zum Monopol anglophonen Welt und insbesondere der USA zu verkommen. Die nicht anglophonen Sprachgruppen dürfen diesem Druck nicht nachgeben sondern ihm den eigenen sprachlichen Gestaltungswillen entgegensetzen.

In Deutschland müsste dies zur wichtigsten Aufgabe des im Jahr 2003 ins Leben gerufenen Deutschen Sprachrates2 werden. Er sollte die Weiterentwicklung unseres Wortschatzes nicht nur beobachten, sondern ihn auch gestalterisch bereichern. So könnte er die öffentliche Debatte über die Zukunft unserer Sprache beleben und die Anstöße, die der VDS hierzu seit Jahren gibt, sprachpolitisch verallgemeinern.

siehe auch LII

1 Institut für Deutsche Sprache (IDS), Akademie für Sprache und Dichtung (Darmstadt), Gesellschaft für deutsche Sprache e.V. ([GfdS])
2 Dies ist ein gemeinsames Projekt von IDS, GfdS und Goethe-Institut.

XXXII. "Wörter wie ‚Gesichtserker' zeigen, dass künstliche Eindeutschungen lächerlich sind und sich nicht halten."

Widerrede:
Das Wort „Gesichtserker“ war zum Zeitpunkt seiner Erfindung (Mitte des 17. Jahrhunderts) genau so künstlich wie Hunderte anderer, seither künstlich geschaffener Wörter, die heute in aller Munde sind.
Die Bedingungen, unter denen das eine Kunstwort rasch verbreitetet wird, ein anderes dagegen lächerlich bleibt oder bestenfalls literarischen Wert gewinnt, sind und von der Sprachwissenschaft kaum erforscht. Sicher ist, dass hierüber nicht nur Kriterien der sprachlichen Qualität entscheiden. Viele dieser Qualitäten bekommt ein solches Wort ohnehin erst im Verlauf seiner erfolgreichen Nutzung.

Warum ist das Wort „Dörrleiche“ für „Mumie“ bestenfalls von literarischem Wert, das Wort „Dörrobst“ dagegen selbstverständlicher Teil unseres Wortschatzes? Unter welchen Voraussetzungen konnte sich das Kunstwort „Bahnsteig“ so erfolgreich durchsetzen, wogegen der „Flugsteig“ schon fast vollständig dem englischen gate weichen musste? Was ist die Ursache für die Erfolgsgeschichte des Wortes „Atomwaffensperrvertrag“1? Was veranlasst einen Journalisten, das Kunstwort „Hubschrauber“ dem längeren Fremdwort Helikopter zu opfern? Warum wirkte „Knallgaszertreibling“ als Ersatz für Verbrennungsmotor von Beginn an weder witzig noch funktional, während das jedem Kraftfahrzeug-Techniker sich selbsterklärende Fachwort „Speichereinspritzung“ jetzt im Deutschen durch das lächerlich verwaschene common rail verdrängt wird?

Fast immer auch wird die Lächerlichkeit von „Gesichtserker“, „Dörrleiche“ oder „Knallgaszertreibling“ genüsslich in Texten hochgehalten, die mit längst akzeptierten Kunstwörtern vergleichbarer Entstehung gespickt sind2.
Lächerlich ist aber nicht der Wunsch nach der eigensprachlichen Präzisierung unverständlicher Fremdwörter, sondern die sprachgeschichtlich ignorante Behauptung unserer Kritiker, solche bewusst gestalterischen Eingriffe in unseren Wortschatz seien von vornherein immer schon lächerlich.
Warum demgegenüber seine bewusste Umgestaltung durch Anglizismen nicht lächerlich sein soll, können oder wollen uns diese Ignoranten nicht verraten.

siehe auch IX., XXIX., XLI., XLVIII.

1 non proliferation treaty (Englisch)
2 Wenige Beispiele: Jahrhundert, Zeitschrift (um 1750), Vielfalt (1793), befähigen (1807), abrüsten (1866).

XXXIII. "Im Deutschen tummeln sich nicht mehr Mode-Anglizismen als in anderen Sprachen.";

Widerrede:
Dieser Behauptung widerspricht eigentlich schon der bloße Augenschein. In keinem anderen großen Sprachraum Europas finden Highlights und Events nur noch live, natürlich immer richtig „groß geschrieben“, statt. Und wo wird, wenn nicht bei uns, immer nur cool gepowert, gestylt, designt und recycelt, werden open mikes ausgerechnet für deutschsprachige slam poets bereitgestellt?
In keinem Land Europas bekommt man, von Tchibo bis zu renommiertesten Forschungseinrichtungen, noch mehr newsletter unter die Nase gehalten?

Selbst modernste, funktionstüchtige deutsche Ausdrücke müssen englischen weichen. Die Unzahl von Anglizismen in fast allen Bereichen unserer Sprache ist nur noch mit Hilfe aufwendig gestylter Trend-Glossare zu verstehen. Auch bei fachsprachlichen Übernahmen aus dem Englischen ist Deutsch traurige Spitze in Europa. Obwohl kaum ein Laie und längst nicht jeder Umweltwissenschaftler weiß, was natural attenuation bedeutet, kommt kaum einer auf die Idee, hierfür in deutschen Texten „naturgestützter Abbau“ (von Schadstoffen) zu sagen, obwohl dies eine selbsterklärende Übertragung ist, die sogar dieselbe Abkürzung NA besitzt.
Wer behauptet, im heutigen Deutsch tummelten sich nicht mehr Mode-Anglizismen als in anderen europäischen Sprachen, ist entweder ein Schönfärber, oder er behauptet dies aus Unwissenheit, Gleichgültigkeit oder Defaitismus1. Mit der sprachlichen Wirklichkeit in unserem Land hat diese Behauptung nichts zu tun.

siehe auch LII., XXX.

1 aus Defaitismus = zwecks Verbreitung von Mutlosigkeit

XXXIV. "Die Argumente der Sprachschützer sind nicht wissenschaftlich."

Widerrede:
Das kommt auf Art und Ziel der Argumentation an! Längst nicht jede Argumentationslinie muss wissenschaftlich sein, um zu stimmen. Der Verein Deutsche Sprache verfolgt ein kulturpolitisches Ziel. Das Recht zum Nachdenken über den Zustand unserer Sprache gebührt nicht allein den Sprachwissenschaftlern – genau so, wie nicht nur die Ärzte über die Volksgesundheit nachdenken sollten oder das Schicksal von Wasser, Boden und Luft nicht eine ausschließliche Angelegenheit unter Biologen, Chemikern und Geologen ist.

Viele Sprachwissenschaftler sprechen über das Schicksal unserer Landessprache, als besäßen sie hierfür ein Monopol. Aus Ärger und Frust darüber, dass Amateure des Vereins Deutsche Sprache hierzu in den Medien jetzt den Ton angeben, wird von ihnen die wissenschaftliche Linie aber auch gern verlassen. Ihr wissenschaftliches Interesse am Sprachinteresse der Öffentlichkeit ist gering.
So entstehen ganz schnell wissenschaftlich vorschnelle Vergleiche - etwa: „Heute ist das wie unter Friedrich dem Großen mit den französischen Wörtern.“ Oder es werden spekulative Behauptungen aufgestellt wie „Es schadet unserer Sprache nichts, wenn sie so viele englische Wörter wie zur Zeit aufnimmt.“ Geflissentlich wird übersehen, dass in vielen modernen Kommunikationsbereichen die Entwicklung unseres deutschsprachigen Wortschatzes bereits zum Erliegen gekommen ist.
Um die verwickelten Zusammenhänge zwischen Sprache und gesellschaftlichem Zusammenleben oder zwischen Kultur und individueller Identität zu erhellen, bedarf es nicht nur der Linguistik, sondern auch der Soziologie, der Politologie, der Psychologie, der Wirtschaftswissenschaft, der Wissenschaftstheorie und der Kulturwissenschaften. Mit deren Hilfe könnten wir erkennen, wie und warum sich unsere Landes- und Muttersprache so rasant amerikanisieren lässt und warum die meisten Menschen dies bisher fast widerspruchslos hingenommen haben.

Sprachwissenschaftler können und sollten dazu aber spezifische Beiträge leisten – etwa Untersuchungen zu Voraussetzungen der Stabilität und Bedingungen der Veränderungen grammatischer Regeln, zu Ursache und Geschwindigkeit von Bedeutungsverschiebungen oder zum Ausmaß des Verschwindens oder Verdrängung von Wörtern.
Derzeit ist der Umfang ihrer Beiträge umgekehrt proportional zur Selbstüberhebung, mit der die Mehrheit ihrer Vertreter auf die kultur- und sprachpolitischen Bemühungen und Erfolge des Vereins Deutsche Sprache herabsieht.

siehe auch XVIII., XLVI., XLVII.

XXXV. "Der VDS will eine reine deutsche Sprache."

Widerrede:
Diese Unterstellung soll uns als pedantische Saubermänner schlechtmachen. Die Vorstellung von einer reinen Sprache geht auf den Ausdruck sermo purus zurück. Damit bezeichneten die Römer ein von griechischen Entlehnungen freies Latein. Im 17. Jahrhundert wurde von den Sprachgesellschaften in Deutschland gefordert, man solle sich der besten Aussprache im Reden und der reinlichsten und deutlichsten Art im Schreiben befleißigen.

Wir halten es mit den Franzosen, die dem Grundsatz folgen: Ni laxisme, ni purisme - Weder Laxheit, noch Purismus. Wir wollen kein „reines“ Deutsch. Wir wollen jedoch die Flut überflüssiger englischer Wörter zurückdrängen.
Einige englische Ausdrücke wie Laser, Jeans, Computer, dopen, surfen, Team, Stress, Internet tolerieren wir, wenn sie international sind und sich in das Laut- und Formensystem der deutschen Sprache einordnen lassen. Die Zahl dieser englischen oder amerikanischen Anleihen sollte aber möglichst niedrig gehalten werden.

siehe auch LI

XXXVI. "Sprache lebt."

Widerrede:
Dieses abgedroschene Klischee wird von arglosen Zeitgenossen benutzt, um die der deutschen Sprache aufgepfropften anglo-amerikanischen Brocken als Zeichen von Leben und natürlicher Entwicklung hinzustellen. Gleichzeitig lehnen sie Sprachpflege als lenkende Eingriffe in den Sprachgebrauch ab.

Ein kluger Philologe hat erklärt, es sei höchste Zeit, die Auffassung von der Sprache als eines natürlichen - d.h. lebendigen - Organismus so schnell wie möglich in die linguistische Mottenkiste zu tun. Besser noch in die Abfalltonne und dann auf die Schuttkippe, damit sie dort der wünschenswerten Verrottung anheimfalle. Ein anderer, über die Grenzen Deutschlands berühmter Linguist sagte, dass Sprachen nicht wachsen wie Bäume. Schon der alte Grieche Platon bemerkte, Sprache sei nicht physis (Natur), sondern nomos (Vereinbarung, Konvention). Bei Jacob Grimm lesen wir: Alles verbürgt uns, dass die Sprachen Werk und Tat der Menschen sind.
Die Lautentwicklung einer Sprache - wîp zu „Weib“, hûs zu „Haus“, itan zu „essen“ - kann vielleicht als „natürlicher“ Vorgang angesehen werden. Unser heutiges Denglisch wird gemacht. Selbsternannte rohe Sprachmeister, die über große Verbreitungsmacht verfügen, bringen englische Wörter in den öffentlichen Umlauf, „machen“ unsere Sprache und machen die Sprache zuschanden.
Die Anglizismen verdrängen deutsche Wörter. Wo single, news, bike, freecall und shop Wörter wie „Junggeselle“, „Nachrichten“, „Fahrrad“, „gebührenfrei“ und „Laden“ oder „Geschäft“ ersetzen, sterben die deutschen Ausdrücke aus. Es ist barer Unsinn, diesen Vorgang als „Leben“ zu bezeichnen. Hier „lebt“ nur die englische Sprache – wie die Made im Speck. Die deutsche Sprache wäre allerdings zu einer Art munterem Leben erblüht, hätten wir die neuen Dinge wie airbag, electronic cash, homepage, laptop, park and ride, shuttle usw. mit neuen deutschen Ausdrücken bezeichnet oder vergessene, aber vorhandene alte Wörter wieder benutzt.

siehe auch XIX.

XXXVII. "Die Fremdwortwellen der vergangenen Jahrhunderte sind ganz von selbst wieder abgeebbt."

Widerrede:
Alle Fremdwortwellen im deutschen Sprachraum seit dem 17. Jahrhundert riefen den Widerspruch namhafter und weniger namhafter Größen des deutschsprachigen Geisteslebens und des Staates hervor. Die Frage, wie sich der Wortschatz unserer Sprache ohne deren gestalterische Vorschläge und Eingriffe entwickelt hätte, ist nur spekulativ zu beantworten.

Die heutige Anglizismenschwemme erfasst allerdings wesentlich mehr und breitere Bevölkerungsschichten als frühere Fremdwortwellen. Im Namen des Zeitgeistes und mit Unterstützung sämtlicher Kommunikationsmedien spült sie sich in immer mehr Haushalte, Machtzentren und Denkfabriken. Sie verdrängt Regionalsprachen und Dialekte, ehemals sichere Münze für kulturellen Austausch und sprudelnde Quellen sprachlicher Innovation, in randständige Kulturnischen. Dort werden sie bald nur noch als Feierabendsprachen zum Austausch über Kochrezepte oder das Sammeln von Briefmarken zu gebrauchen sein.
Die Behauptung, vergangene Fremdwortwellen seien ganz von selbst wieder abgeebbt und deshalb treffe dies auch auf die heutige Anglizismenschwemme zu, ist eine Retourkutsche ohne Beweiswert. Sie dient allein dem Zweck, unseren Widerspruch gegen die Anglizismenschwemme seinerseits als liebevollen, aber eigentlich überflüssigen Zeitvertreib auf derselben Stufe wie etwa des Sammelns von Briefmarken oder von Kochrezepten abzutun.

siehe auch XIX.

XXXVIII. "Das Anliegen des VDS ist nicht seriös, denn er benutzt selbst Fremdwörter."

Widerrede:
Dieses Vorurteil behauptet im Grunde, in der Fremdwortfrage gebe es nur ein „Entweder-Oder“.
Schon in der Vergangenheit gab es immer wieder Eindeutscher oder entsprechende Organisationen, die auf dem „Entweder-Oder“ beharrten. Ihre radikale Haltung war nicht sprachpolitischer Einsicht, sondern dem allgemeinpolitischen Umfeld geschuldet, dem sie sich aus anderen als sprachpolitischen Gründen verschrieben hatten. Krampfhaft hätten sie gerne aus sprachfremden Gründen alles „Undeutsche“ aus der deutschen Sprache entfernt und nur „Urdeutsches“ gelten lassen.

Der Sprachgebrauch des Vereins Deutsche Sprache folgt keinem solchen „Entweder-Oder“. Er folgt einem pragmatischen Standpunkt, demzufolge es eigensprachlich unersetzbare, strittig ersetzbare und verlustlos ersetzbare Fremdwörter gibt. Die Grenzen dazwischen sind fließend [vgl. hierzu „Der Anglizismen-Index des VDS“, erschienen in demselben Verlag wie das vorliegende Buch, oder online verfügbar am Netzstandort des VDS (www.vds-ev.de)].

Vor allem solche Fremdwörter sind zu meiden oder zu ersetzen, die nicht spontan verständlich sind, die eigensprachlich assimilierte Wörter bisher gleicher Bedeutung verdrängen oder die sich selbst nur schwierig oder gar nicht assimilieren lassen.
„Undeutsches“ und „Urdeutsches“ dagegen ist in unserer Sprache, da in ihr auf das Engste miteinander verbunden1, kaum voneinander zu trennen. Noch schwieriger wäre beides gegenseitig ersetzbar.
Wir sind deshalb nicht aus Prinzip gegen Anglizismen. Englische und andere Fremdwörter nutzen wir zurückhaltend, d.h. sprachbewusst und doch pragmatisch. Zur Zukunftsertüchtigung unseres Wortschatzes werden sie allerdings nur dann beitragen, wenn sie sich auch einfach assimilieren lassen.
Wer diese Ansicht für „unseriös“ hält, verrät, dass er für die Zukunft der deutschen Sprache kein Interesse hat und sich deshalb seinerseits mit Bewertungen der eingangs genannten Art zurückhalten sollte.

siehe auch XLIV.

1 assimiliert

IXL. "Wer gegen Denglisch ist, sollte sich auch über Wörter wie "zeitgeisty", "obercharming", "kitsch" oder "erbswurst" im Englischen aufregen."

Widerrede:
Als Deutsche geht es uns wenig an, was einen Briten oder Amerikaner am Zustand und an den Entwicklungsperspektiven seiner Muttersprache stört oder nicht stört. Wir sind keine Verfechter abstrakter Prinzipien der Sprachnormierung. Uns geht es um die sprachliche Realität im eigenen Land. Und die steht sehr viel stärker unter dem Druck des Angloamerikanischen als die angloamerikanische Welt unter dem Druck des Deutschen.
Uns ist aber auch bewusst, dass das anspruchsvolle gute Englisch unter seinen weltweit grassierenden Primitiv-Varietäten Bad Simple/Silly English (BSE) und International Congress English (ICE) möglicherweise stärker leidet als das Deutsche unter seinem hausgemachten Denglisch.
Dies ist ein wichtiger Grund, nicht nur im eigenen Land, sondern auch weltweit für Sprachbewusstheit, Vielsprachigkeit und Loyalität zur eigenen Muttersprache zu werben. Wir sind insofern nicht nur Deutsche, sondern auch Internationalisten. Wir wehren uns gegen die Globalisierer, die zwecks Förderung ihrer einheitlichen Waren- und einfältigen Kulturströme am liebsten schon gestern von der sprachlichen Vielfalt über globalen Sprachmischmasch zum englischen Spracheinerlei übergegangen wären.

siehe auch XXX.

XL. "Es gibt keine Schwelle, jenseits derer man behaupten könnte, eine Sprache enthalte zu viele Anglizismen."

Widerrede:
Hier geht es um zwei Fragen – erstens darum, ob es die behauptete Schwelle überhaupt gibt und zweitens, wie hoch diese denn gegebenenfalls wäre.

Wer die Existenz einer Schwelle rundweg abstreitet, setzt sich der Gefahr aus, gründlich missverstanden zu werden: Ist ihm nun jedes englische Wort im Deutschen eines zu viel oder es können ihm gar nicht genug sein?
Hinter der Aussage „Es gibt keine solche Schwelle“ versteckt sich offenbar nur das Fehlen der Bereitschaft, zwischen diesen Extremen einen eigenen Standpunkt einzunehmen, d.h. grundsätzlich eine Schwelle (wissenschaftlich nicht bestimmbarer Höhe) anzuerkennen, jenseits derer es im Deutschen dann endgültig zu englisch zuginge.
Da eine Muttersprache all ihren Sprechern gehört, nicht nur ihren Sprachwissenschaftlern, gibt es auch keinen sprachwissenschaftlichen Maßstab, anhand dessen festgelegt werden könnte, wie viele Fremdwörter oder Anglizismen eine Sprache verträgt.

Jede Sprecherin, jeder Sprecher ist frei, seine Worte selbst zu wählen. Es geht dabei nicht um eine abstrakte Anglizismenschwelle oder um pedantische Erbsen- oder Wörterzählerei, sondern darum, vorurteilslos den Wörtern der eigenen Sprache zu trauen. Es sollte wieder zum guten Ton gehören, alle neuen Ideen daraufhin zu prüfen, ob sie eigensprachlich bezeichnet werden können. Da dies kaum immer gelingen wird, verbleiben zum zwischensprachlichen Austausch immer noch reichlich Möglichkeiten.
Auf diese pragmatische Weise wird sich, wenn alle loyal mitmachen, eine Schwelle gegen ein Zuviel an Anglizismen ohne jede sprachwissenschaftliche Theorie oder Hilfe ganz von selbst auf hinnehmbarer Höhe einpendeln.

siehe auch IL., LI., LII.

XLI. "Für die deutsche Sprache einzutreten ist Deutschtümelei."

Widerrede:
Bundespräsident Rau hat uns in seiner Gutenberg-Rede vom 23. November 2000 in Mainz gegen diesen törichten Vorwurf in Schutz genommen.

Wer sich ausgiebig mit deutscher Sprache, deutscher Geschichte oder deutscher Literatur beschäftigt, wird andere Sprachen und Kulturen vernachlässigen - ohne sie jedoch abzulehnen. Diese Art von Einseitigkeit ist unvermeidlich und sollte nicht als engstirnige Fixierung auf deutsche Dinge belächelt oder missbilligt werden. Unsere Maßnahmen zugunsten der deutschen Sprache sind in diesem guten Sinne einseitig.

Die Muttersprache ist ein kostbares Gut. Sie ist 1500 Jahre alt. Unsere gemeinsame Geschichte, - von der Völkerwanderung bis zum Fall der Berliner Mauer und die Zeit danach - auch die Lebensgeschichte jedes einzelnen Sprechers sind in ihr aufgehoben. Angesichts der über uns hereinbrechenden Flut von Anglizismen ist es legitim, sich vor allem um die deutsche Sprache zu kümmern, sie zu verteidigen und sie zu schützen. Das verdient keine Verunglimpfung. In Frankreich, Polen, Spanien oder Ungarn wäre es unvorstellbar, dass die Pflege der eigenen Sprache als „Tümelei “ kritisiert oder verspottet wird.

Kritik haben eher die Schwätzer verdient, die unsere Muttersprache zum deutsch-englischen Kauderwelsch umgestalten. (GS 08-03)

siehe auch XXXII., LIII.

XLII. "Nur Rechtsradikale kämpfen noch für die deutsche Sprache."

Widerrede:

In Westdeutschland gaben bis 1990 viele tonangebende Intellektuelle die Devise aus, die Deutschen hätten infolge des Dritten Reiches ihr Recht auf eine Weiterexistenz als Kulturnation eingebüßt: „Nie wieder Gedichte in der Sprache von Auschwitz!“ sagen sie bis heute. Sie sagten den Deutschen aber nicht, in welcher Sprache sie sich kulturell und geschichtlich wieder „fassen“ sollen - auf Englisch, Denglisch oder vielleicht doch wieder Deutsch?
Die Ostdeutschen hatten es vorübergehend anscheinend leichter, denn sie konnten der Hypothek des Nationalsozialismus bis 1990 scheinbar noch kollektiv ausweichen. Sie hielten sich als Kommunisten für die Sieger und Guten der Geschichte. Beides waren und sind Formen kollektiver Selbsttäuschung!

Ist die Gefahr, die Deutschen könnten sich womöglich in „völkischer“ oder „rassischer“ Hinsicht wieder täuschen, wirklich gebannt? Auch aus Vorsorge dagegen streitet der Verein Deutsche Sprache für die deutsche Sprache und Kultur. Beide verdienen in Europa die gleiche Aufmerksamkeit wie Sprachen und Kulturen unserer Nachbarländer.
Nur wer sich selbst leiden kann, wird an sich auch andere nicht leiden machen! Sich dies einzugestehen hat mit Nationalismus, Selbstüberschätzung und Abwertung des „Fremden“ nicht das Geringste zu tun. Unsere Nachbarn jedenfalls haben Selbstmitleid und Nabeleigenschau der Deutschen satt.

Wäre das wirklich unsere Identität – eine Rolle als das „gebrochene Sprachherz Europas“ (Jürgen Trabant)? Unsere Nachbarn erwarten doch eher von uns, dass wir unsere Verantwortung als großes Land in der Mitte Europas und unsere Sprache endlich wieder annehmen: freundlich, geschichts- und selbstbewusst. Nur so werden wir weiterhin wissen, wer wir sind und dass es die deutsche Sprache ist, der wir unser Sprachherz schenken sollten. Statt uns ständig selbst zu bemitleiden, könnten wir auch einmal versuchen, im Vertrauen auf unsere wunderbar genaue und anschauliche Sprache optimistisch nach vorne zu schauen.

XLIII. "Wer keine englischen Wörter will, ist fremdenfeindlich."

Widerrede:
Wer englische und amerikanische Wörter will, ist amerikahörig. Die Vorliebe vieler Deutscher für alles Amerikanische ist zugleich Desinteresse für andere Nationen und Kulturen. Ausländische Journalisten beklagen, dass die angebliche Weltoffenheit der Deutschen in Wirklichkeit nur Offenheit für das Amerikanische ist. Deshalb ist unser Denglisch im Grunde "fremdenfeindlich".

Im übrigen sind die Pflege und Erhaltung der eigenen Sprache ein ganz und gar unschuldiges Unterfangen. Es gehören mangelnder Scharfblick oder böser Wille dazu, um es als fremdenfeindlich zu verurteilen.

siehe auch XVI.

XLIV. "Sprachschützer bringen rechtsextremes Gedankengut in die Mitte der Gesellschaft."

Widerrede:
Diesem Vorwurf zufolge sollen wir rechtsextremes Gedankengut hoffähig machen, ohne es selbst zu vertreten. Unsere Offenheit gegenüber der deutschen Sprache, Kultur und Geschichte wäre demnach ein Einfallstor für rechtsextreme Einstellungen. Tatsache ist: Unsere Argumente für mehr sprachliches Selbstbewusstsein stoßen in allen politischen und gesellschaftlichen Lagern auf viel Sympathie. Dies ist der beste Beweis für ihre Richtigkeit. Sie können nicht allein deshalb falsch sein, weil ein paar geschichtsvergessene Leute sie gegen uns verwenden.

Leute, die unser sprachpolitisches Engagement immer nur in brauner Tönung wahrnehmen, sind farbenblind. Sie lasten uns sogar an, wir benutzten mitunter selbst Anglizismen und andere Fremdwörter. Dass wir Fremdwörter nicht einfach so für böse Bazillen halten, passt nicht in ihr keimfreies, einfarbiges Weltbild. Deshalb denunzieren sie uns als Wegbereiter für Rechtsradikale. Über kaum ein Thema wird in Deutschland sachlich und öffentlich gestritten, auch nicht über Wert oder Unwert unserer Sprache. Anstelle von Argumenten werden lieber denunziatorische Sprachkeulen durch die Gegend geworfen.
Wir erschrecken vor solchem Verhalten. Es erscheint uns typisch deutsch und ist aus unserer jüngsten Vergangenheit sattsam bekannt. So undurchschaubar dunkel war die nämlich gar nicht. Die Denunzianten mögen doch bitte mal in diesen Spiegel schauen! Im Licht der Reflektion beschreibt das hier kritisierte (Vor)urteil allein ihr eigenes Verhalten.

siehe auch XXXVIII.

XLV. "Die Welt hat wichtigere Probleme, als sich mit Anglizismen und sprachlicher Vielfalt oder auch Reinheit zu beschäftigen."

Widerrede:
Wir Sprachstreiter achten alle, die nicht einfach nur das Sprachproblem der Deutschen klein reden wollen, sondern sich tatsächlich um die Lösung scheinbar wichtigerer Probleme kümmern. Diese sind der Öffentlichkeit viel stärker bewusst und eher als existent „akzeptiert“: Hungersnöte und Wassermangel hier, Diktatur und Folter da, Knechtung und Ermordung von Minderheiten, Rassismus, Verschwendungssucht und Mangel, wo Überfluss herrschen könnte, fehlende Selbstbestimmung und Fundamentalismus, statt nachhaltiger Nutzung des Globus nur dessen nachhaltige Zerstörung.

Weil diese Probleme im Bewusstsein von Öffentlichkeit und Politik längst angekommen sind, betreiben wir Kultur- und Sprachpolitik. Damit beziehen wir keine Luxus- oder Außenseiterposition. Kulturfragen sind die fast immer unerkannte Substanz vieler, nur oberflächlich bedeutenderer gesellschafts- und (welt)politischer Konflikte. Sie lassen sich friedlich und nachhaltig nicht im Zustand der Sprachlosigkeit lösen, sondern nur durch vertieften gedanklichen und kulturellen Austausch, Streit und Wettstreit. Erst wenn nicht mehr miteinander gesprochen wird, entsteht Krieg.

Ein weltweiter Sprachmischmasch nach Art von Denglisch könnte allerdings keinen Krieg verhindern. Und erst recht kann das Angloamerikanische als Sprache einer Weltmacht, die friedlichen Ausgleich nur durch Kommerz und Krieg zu finden behauptet, nur Misstrauen wecken.

Kultureller Austausch und friedlicher Ausgleich sind nur auf kulturell gleichberechtigter und deshalb auch muttersprachlicher Basis herzustellen. Deshalb sind wir uns mit unserem Einsatz für sprachliche Vielfalt keine Außenseiter. Wir befinden uns vielmehr in guter Gesellschaft mit allen Menschen, denen es mit der Lösung der weltweiten Konflikte ebenso ernst ist wie uns.

siehe auch I., VII., XXV.

XLVI. "Täglich findet eine Volksabstimmung für Denglisch statt."

Widerrede:
Die Bürger und Konsumenten stimmen über die Anglomanie der Werbewirtschaft, der Wissenschaft und der Massenmedien genauso wenig ab wie über die Einführung verschweißter (und entsprechend schweißtreibender...) Verpackungen oder die Dreistigkeit des Handels, Batterien und tausenderlei anderes nur noch päckchenweise feilzuhalten.

Vereinzelt ist der Bürger gegenüber der Werbesprache und der öffentlichen Anglomanie fast machtlos. Er müsste sich schon zum Robinson Crusoe und Konsumboykotteur erklären, um seinem Unwillen Luft zu verschaffen oder ihn irgendwie wirksam kundzutun. So wichtig aber ist den meisten Menschen ihre Sprache (noch) nicht, als dass sie sich per Selbstaufopferung gegen die allgemeine Anglomanie auflehnten. Sie belassen es, trotz anderslautender Umfrageergebnisse, meist beim Murren.
Bürgerinitiativen wie der Verein Deutsche Sprache bündeln diesen Unmut politisch und münzen ihn in Aktionen gegenüber Wirtschaft und Politik um. So zeigt und macht der VDS öffentlich, dass die öffentliche Anglomanie von den Bürgern abgelehnt wird.

siehe auch XXXIV.

XLVII. "Denglisch ist unser Schicksal."

Widerrede:
Viele Mitmenschen haben hierzu nichts eiliger zu bemerken, als dass die Anglisierung unserer Sprache sowieso nicht mehr abzuwenden sei. Nicht einmal der Verein Deutsche Sprache könne die Anglisierung unserer Sprache noch aufhalten. Mit dieser Einstellung wäre ihr Schicksal schon mehrfach besiegelt gewesen. Lateinische und französiche Wörter hatten Teile der deutschen Sprache bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt. Sprachlich kreative Menschen wie Luther und Gelehrten-Initiativen wie der “Fruchtbringenden Gesellschaft” gelang es, rechtzeitig gegenzusteuern.
Doch noch nie war ein Erfolg schon zu Beginn des Streites um ihn gesichert, denn solcher Streit entstünde ja gar nicht. Auch politische Erfolge werden erst mit der Zeit und oft erst während einiger Generationen sichtbar. Denken wir nur an die Anstrengungen zur weltweiten Verwirklichung der Menschenrechte oder zum Schutz der Umweltgüter Wasser, Boden, Luft!
Spott und Anfeindung seitens der Mehrheit für die Anreger neuer Ideen und Entwicklungen sind ganz normal. Dies gilt auch für die Wissenschaft. Wer die richtigen Argumente hat und nicht aufgibt, wird sich früher oder später durchsetzen.

Der Verein Deutsche Sprache hat schon heute Teilerfolge vorzuweisen, die sich sehen lassen können. Noch Mitte der 90er Jahre z.B. wäre die heutige gesellschaftliche Debatte um das (d)englische Schicksal (?) unserer Sprache undenkbar gewesen. Wir sorgen dafür, dass diese Debatte nicht nur in den Redaktionen geführt, sondern auch in die Schulen, die Parlamente, die Wissenschaft, die Betriebe und Unternehmen hineingetragen wird. Nicht die Denglisch-Werber und Anglomanen bestimmen über das Schicksal unserer Muttersprache, sondern letztlich der Wille all ihrer Sprecher, sie selbst weiterzuentwickeln.

siehe auch VIII., XXXIV.

XLVIII. "Sprachschützer kämpfen gegen Windmühlenflügel."

Widerrede:
In dem spanischen Roman Don Quijote kämpft der gleichnamige Ritter vergeblich gegen die Flügel einer Windmühle, die er in seiner Verblendung für Riesen hält. Das Bild von den „Windmühlenflügeln“ bedeutet, jemand führt einen aussichtslosen Kampf gegen einen übermächtigen Gegner.

Wir kämpfen nicht gegen Riesen, auch nicht gegen die Flügel einer Mühle oder den Wind, der sie antreibt. Unsere Gegner sind die anglomanen Meister der Sprachverhunzung, die unsere Muttersprache zum deutsch-englischen Kauderwelsch umgestalten: gedankenlose Schwätzer in der Werbung, den Medien, in Wirtschaft und Politik oder in wichtigen öffentlichen Funktionen. Sie verfügen über sprachliche Verbreitungsmacht und können - gegen den Willen der Sprachbürger - überflüssige englische Brocken in Umlauf bringen und aus Deutsch ein hässliches Denglisch machen. Aber diese Sprachverderber sind gewöhnliche Menschen, keine Fabelwesen oder Naturgewalten. Wir kennen sie und wissen, wo und wie sie ihr schnödes Handwerk betreiben.
Im Unterschied zu Don Quijote sind wir keine „Ritter von der traurigen Gestalt“. Wir sind in der Lage, uns erfolgreich zu wehren.

Die Bemühungen der Sprachpfleger im 17. und 19. Jahrhundert zeigen, dass Widerstand gegen den Einfuss mächtiger fremder Sprachen sich lohnt. Harsdörffer, Schottelius, von Zesen und andere haben in der Barockzeit lateinische und französische Wörter eingedeutscht. Ihnen verdanken wir Ausdrücke wie „Zeitschrift“, „Nebensache“, „Lehrling“, „Vertrag“, „Oberfläche“ oder „Selbstmord“. Wenn wir heute „Briefumschlag“, „Dienstalter“, „Bahnsteig“ oder „Abteil“ sagen, geht das auf die gezielten Eindeutschungen im Deutschen Reich nach 1871 zurück, die vor allem Reichspostmeister Heinrich von Stephan vorgenommen hat. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts hatte Johann Heinrich Campe fremde griechische, lateinische, französische - und englische ! - Wörter durch bleibende deutsche Wortprägungen wie „altertümlich“, „Gesetzesentwurf“, „Körperbau“, „Ergebnis“, „Tageblatt“, „Festland“ usw. ersetzt.

Keiner dieser Männer verzagte oder betrachtete seine Anstrengungen zur Erhaltung und Weiterentwicklung der Muttersprache als einen „Kampf gegen Windmühlenflügel“. Von solchem Kleinmut sind wir ebenfalls weit entfernt.

siehe auch XXXII.

IL. "Es gibt überhaupt keine überflüssigen Wörter, also auch keine überflüssigen Anglizismen im Deutschen."

Widerrede:
Anglizismen erscheinen ihren Nutzern sicher nicht überflüssig, doch machen sie deutsche Wörter und Sprachbilder allmählich „überflüssig“. Die Folge ist, dass unsere an Bildern so reiche Sprache verarmt und der Sprachfluss austrocknet.
Die Anreicherung der deutschen Sprache durch Anglizismen wird diesen Verlust an bildhaftem Ausdruckspotential niemals aufwiegen können. Der Sinn einer Aussage erschließt sich nicht nur aus ihren wörtlichen Bestandteilen. Er ergibt sich auch aus den Bildern, den inhaltlichen und klanglichen Assoziationen usw., die diese Wörter im Hörer oder Leser auslösen wenn sie ihm in Form fester Wortverbindungen (mehrwortige sprachliche Bausteine wie Redensarten, Sprichwörter, feststehende Bilder, Anspielungsketten, Reimereien oder phonetische Spielereien usw.) gegenübertreten.

„Den Nagel auf den Kopf treffen“, „Jemandem nicht das Wasser reichen können“; „Etwas in trockene Tücher bringen“: Wenn einzelne Bestandteile solcher Ausdrücke oder Wortbilder durch Anglizismen ersetzt werden, drohen nicht nur die ersetzten Wörter verloren zu gehen, sondern auch die Bilder samt Aussage, in die sie im Verlauf der Kultur- und Sprachgeschichte eines Volkes eingewoben wurden. Dasselbe gilt für scheinbar harmlose, aber situativ hochwertige Wortspielereien (verbesser/verwässern; fruchtbar/furchtbar; aufbahren/aufbewahren usw.)

Sicher soll oder kann man niemandem vorschreiben, welche Wörter er oder sie im persönlichen für überflüssig zu halten habe. Wenn jemand in einer bestimmten Situation einen englischen Ausdruck für inhaltlich treffender als einen deutschen hält, so ist der aus seiner Sicht natürlich nicht „überflüssig“. Ein solcher Ausdruck wird aber kaum ein eigensprachliches Wort oder Sprachbild verdrängen, solange die meisten Menschen über ihre Sprache weiterhin frei entscheiden können.
Die öffentlichen Sprachmodisten in den Medien, in der Politik, in der Wissenschaft und der Wirtschaft beschneiden aber die private sprachliche der Menschen. Sie verkünden und bezeichnen ein englisches Wort im Deutschen bereits dann für treffend, wenn sie mit ihm ein deutsches Wort „treffen“, d.h. abschießen können und nicht etwa, weil es inhaltlich treffender wäre als jenes.
Deshalb sind solche Mode-Anglizismen nicht nur einfach, sondern sogar doppelt überflüssig.

siehe auch XI., XL., LI.

L. "Wer Sprachquoten im Rundfunk festlegt, bevormundet die Künstler."

Widerrede:

Diese Behauptung träfe zu, wenn die deutschsprachigen Künstler selbst darauf Einfluss nehmen könnten, ob, wann und wie oft ihre Werke im Radio gesendet werden. In Wahrheit entscheiden hierüber jedoch die Redakteure oder die Redaktionsvorgaben, an die sie sich zu halten haben.

Ausschlaggebend für Auswahl, Zeitpunkt und Häufigkeit einer Sendung ist nicht die Originalität eines Werkes, sondern die erwartete Einschaltquote. Diese Quote legt also das Publikum fest – allerdings ohne zwischen den zur Wahl stehenden Stücken vorher wirklich gewählt haben zu können. So kommt es während der begehrtesten Sendezeiten zur immer häufigeren Ausstrahlung weltweit immer ähnlicherer Musikstücke, Songs und Lieder.

Jedes nicht englisch getextete Stück, alle nicht anglophonen Künstler geraten dank dieses längst bestehenden Quotensogs, der mit künstlerischer Auswahl oder Originalität kaum etwas zu tun hat, in eine Außenseiterposition. Aus dieser können sie nur durch gezielte Förderung, z. B. durch eine staatlich festgesetzte Quote zu Gunsten der Sendung deutschsprachig getexteter Stücke, befreit werden.

In Frankreich mit seiner Quote von 40% zu Gunsten französisch getexteter Musik werden ständig neue Talente bekannt, die auf Französisch singen. Wer dagegen in Deutschland eine Quote verlangt, geriet noch bis vor kurzem in den Ruf eines bürokratischen Überregulierers. Dabei würde eine gesetzliche Quote doch nur die bereits komponierenden, deutschsprachigen Künstlern endlich mit einem großen Publikum zusammenbringen ohne englische oder anderssprachige Texte zu unterdrücken.

Deshalb bevormundet, wer keine Sprachquoten im Rundfunk festlegt, nicht nur die deutschsprachigen Künstler, sondern auch ihr Publikum. Denn letztlich ist es nur die noch universellere emotionale Sprache der Musik, in der sich die Liebe zur Muttersprache in die nächste Generation weitertragen lässt.

LI. "Jeder soll selbst entscheiden, welche Wörter er benutzt."

Widerrede:
Das ist eine Binsenweisheit. Es macht Spaß, für neue Dinge und Gegebenheiten eigene Wörter zu finden und mit spielerischem Witz auszuprobieren. Der VDS ermutigt die Menschen, sich dabei für ihre Muttersprache zu entscheiden.
Gelassen und offen für neue Einflüsse wollen wir uns auch künftig des Wortschatzes und der Wortfelder, der typischen Wortverbindungen und Redensarten sowie des Bildervorrats unserer Muttersprache erfreuen. In ihr können wir uns am besten ausdrücken.

Ein hier und da eingestreutes englisches Wort verdrängt keines unserer muttersprachlichen Wörter und Sprachbilder. Wenn es eine Lücke füllt und weder sprachlicher Trägheit noch modischem Getue geschuldet ist, heißen wir es sogar willkommen. Sprachliche Trägheit, modisches Getue und billiger Witz liegen auf Seiten derer, die alles, was neu und überraschend daherkommen soll, immer nur mit „Fertigwörtern “ aus dem Angloamerikanischen bezeichnen.
Den Gipfel dieser Macdonaldisierung unserer Sprache besteigen jene, die englische Wörter im Deutschen wissentlich oder unwissentlich falsch verwenden oder der Öffentlichkeit eigens erpanschte „deutsche“ Amerikanismen vorsetzen, deren Bedeutung selbst ein Amerikaner nur noch erahnen kann.

siehe auch XXXV., XL., IL.

LII. "Ein Sprachgesetz will uns Bürger sprachlich bevormunden – genau so wie die neue Rechtschreibung."

Widerrede:
Ein Sprachgesetz würde uns nichts vorschreiben, sondern uns von der Bevormundung durch anglomane Schwätzer befreien. Zu diesem Zweck müsste es für den öffentlichen Gebrauch unserer Landessprache gewisse Regeln festlegen.
Staatlichen oder anderen Monopolisten würde es durch diese Regeln untersagt, den Bürgern Sprüche und Ausdrücke wie E-government goes future, Name Game - Win IT, Rent a professor und Welcome back-Aktion, freecall, Green card usw. unterzujubeln. Die Gesundheitspolitiker wären endlich gehalten, ihren Bürgern nicht weiter durch Austausch so klarer Ausdrücke wie „Fallpauschale“ gegen diagnosis related groups oder von „wissensbasierte Medizin“ gegen evidence based medicine Reformfreudigkeit vorzutäuschen und sie so an der Nase herumzuführen.

Die Geschäfts- und Reklamewelt dürfte ihre Kunden nicht mehr mit Wortbastarden wie Passagen-manager, convenience food, X-mas shopping, funeral master, Mode-collection und Hunderten anderen traktieren oder ihnen falsches Englisch eintrichtern. Moonshine-Tarif z.B. bedeutet im Angloamerikanischen „Fusel-“, nicht „Mondscheintarif“, body bag bedeutet „Leichensack“, nicht „Körpertasche“.
Gebrauchsanweisungen und Namen von Waren des täglichen Gebrauchs würden wieder in verständlichem Deutsch abgefasst. Wer lebensrettende, rechtlich oder gesundheitlich bedeutsame Informationen hinter unverständlichen Amerikanismen versteckt, machte sich strafbar. Eine stroke unit wäre als „Gehirnschlag-Rettungsstelle“ wieder sofort für alle erkennbar, die ihre Hilfe brauchen.

Wissenschaftler wären gehalten, sich in Lehre und Forschung weiterhin klarer deutscher Fachbegriffe zu bedienen anstatt uns für begriffsstutzig zu verkaufen oder über ihr Tun und Lassen im Ungewissen zu lassen.
Ein Sprachgesetz würde also zur Ächtung und Entlarvung unklarer anglomaner Wörter und Ausdrücke führen. Es würde uns nicht entmündigen, sondern uns das Recht zur Mitgestaltung unserer Landessprache sichern. Und wir bräuchten auch nicht mehr zu befürchten, uns im Ausland mit falschen oder scheinenglischen Wörtern und Wendungen zu blamieren.

siehe auch XXIII., XXIV., XXXI., XXXIII., XL.

LIII. "Sprachschützer möchten, dass wir wieder so sprechen wie Walther von der Vogelweide."

Widerrede:
Diesem Vorurteil zufolge sind Menschen mit einer Leidenschaft für die deutsche Sprache Hinterwäldler und für die moderne Welt verloren.

Lebendige Traditionen sind erfolgreicher Fortschritt. Das Vertrauen Walthers von der Vogelweide in die Ausdruckskraft des Mittelhochdeutschen könnte uns Heutigen Vorbild sein. Viele unserer Wörter wurden, wenn auch lautlich in anderer Gestalt und Bedeutung, tatsächlich schon von ihm benutzt. Ihre Wurzeln waren schon damals oft tausend oder mehr Jahre alt.

Auf ihrem Erfolgsweg in unser heutiges Deutsch wuchs jedes einzelne dieser Wörter zu einem kleinen “Merk”mal unserer kulturellen Identität heran. Jeder Blick in ein wortgeschichtliches Lexikon belegt dies auf faszinierende Weise. Warum sollte die Erfolgsgeschichte unserer Muttersprache jetzt plötzlich abbrechen und mit ihr unsere kulturelle Identität zerbrechen?

Zukunft braucht Herkunft – auch in sprachlicher Hinsicht. Unsere sprachlich-kulturelle Herkunft ist unser wichtigstes Zukunftskapital. Fremdes sollten wir zwar selbstbewusst prüfen und von Fall zu Fall in unsere Muttersprache aufnehmen, sie aber nicht gedankenlos mit Amerikanismen überfüttern.

siehe auch XXIX., XLI.