Protokoll der 2. Internationalen Tagung der Sprachvereine im „Netzwerk Deutsche Sprache“

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am 6. Oktober 2000 in Friedrichshafen, Graf Zeppelin Haus, Graf-Soden-Saal unter dem Motto „Ein See, drei Länder, eine Sprache“

1. Eröffnung der Sitzung

Prof. Dr. Walter Krämer, 1. Vorsitzender des gastgebenden Vereins VDS, eröffnete die Sitzung um 9 Uhr. Er leitete die Arbeitstagung und begrüßte die Teilnehmer insbesondere die Gäste aus der Lokal- und Landespolitik, die Bürgermeisterin von Friedrichshafen Margarita Kaufmann, die Sozial- und Kulturreferentin Dr. Monika Stojer aus Bregenz sowie (später auch) den Abgeordneten des Landtages von Baden-Württemberg Norbert Zeller sowie die Gäste aus Frankreich, die Germanistikprofessorin Christine Aquiatis aus Metz und den Deutschlehrer Ludger Staubach aus Nantes. Mit besonderem Beifall bedacht wurde der Gast Dr. Götz Fischer, Verein Muttersprache Wien, der in Vertretung des Vorsitzenden Prof. Dr. Heinz Pohl den Beitritt dieses traditionsreichen Sprachvereins zum „Netzwerk Deutsche Sprache“ bekannt gab.

W. Krämer machte dann mit seinen Begrüßungsworten deutlich, dass die im „Netzwerk Deutsche Sprache“ verbundenen Sprachvereine weder chauvinistische noch puristische Ziele verfolgten, sondern dass sie für die Erhaltung ihrer Muttersprache einträten, wie dies auch in anderen Ländern geschehe. Er verwies dabei auf die historische Marbacher Rede des ehem. Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland aus dem Jahr 1973. Derzeit äußerten sich auch amtierende Politiker in ähnlicher Weise, so z.B. der Ministerpräsident Thüringens Dr. Bernhard Vogel.

Als besonders erfreulich erwiesen sich die deutlichen Grußworte der Politiker und Politikerinnen: Bürgermeisterin Margarite Kaufmann, selbst Germanistin, erwies sich als außerordentlich sachkundig und den Zielen des Netzwerkes gegenüber aufgeschlossen. Auch Dr. Monika Rojer, Referentin für Bildung und Kultur der Stadt Bregenz und besonders der Landtagsabgeordnete Norbert Zeller brandmarkten mit erfrischender Deutlichkeit die aktuelle Sprachverhunzung als das, was sie ist: ein konzertierter Angriff von Wichtigtuern, Dummschwätzern und Nachplapperern auf ein Kulturgut, das es zu verteidigen gilt. (es ist beabsichtigt, die Beiträge der Politiker zusammen mit den in der Nachmittagsveranstaltung gehaltenen Vorträge in Broschürenform zu veröffentlichen.)

2. Kurzbericht

über die Gründungssitzung, Genehmigung des Protokolls

StudR. H. Scheer gab einen Kurzbericht über die Gründungssitzung in Graz ab; das Protokoll der Sitzung wurde ohne Gegenstimmen angenommen.

3. Anträge zur Tagesordnung

Herr Scheer zog seinen Änderungsantrag zurück, die TO wurde ohne Gegenstimmen angenommen.

4. Beschluss über die Namensgebung

Der Name „Netzwerk Deutsche Sprache“ war erst im inoffiziellen Teil der Grazer Gründungssitzung gefunden worden und bedurfte deshalb einer offiziellen Bestätigung. Nach kurzer semantischer Diskussion „Netz oder Netzwerk“ wurde der Name „Netzwerk Deutsche Sprache“ bestätigt.

5./6. Folgerungen aus der gegenseitigen korporativen Mitgliedschaft/Organisatorische und personelle Veränderungen

Auf der Gründungstagung in Graz war beschlossen worden, dass die Netzwerkvereine bei den Mitgliederversammlungen des anderen jeweils Sitz und Stimme haben. Veränderung gibt es dadurch, dass der VDS wegen seiner Größe die Mitgliederversammlung durch ein Delegiertenversammlung ersetzt, bei der sich die Zahl der stimmberechtigten Delegierten an der Größe der entsendenden Region orientiert. Es wurde bei 4 Enthaltungen beschlossen, dass sowohl in einer Mitgliederversammlung wie in einer Delegiertenversammlung der Netzwerkverein eine Stimme haben soll. Es wurde angeregt, sich einmal im Jahr über den Stand der Mitgliederzahl zu informieren, damit die Gesamtzahl der sich im deutschen Sprachraum für den Erhalt der gemeinsamen deutschen Muttersprache einsetzenden Bürger als unterstützendes Argument nach außen angeführt werden kann.

7. Die gegenwärtige Situation der deutschen Sprache

Die Position der Sprachwissenschaft und der Regierenden, die Entwicklung der Jugendsprache, die Wurzeln der Sprachzerstörung: Dazu wurden Kurzreferate gehalten von Prof. Dr. H.H. Dieter, Prof. Dr. H. Zabel, K. Musiol und K. Däßler, das Referat des verhinderten Prof. Dr. Schmitz wurde von Dr. Gerd Schrammen vorgetragen. Auch für diese Beiträge ist eine Veröffentlichung in Broschürenform beabsichtigt. Durch die Referate von Prof. Schmitz und Prof. Zabel wurde die abwieglerische Haltung einer Fraktion der deutsche Sprachwissenschaft deutlich, nämlich die der „Utilitaristen“ mit der Leitfigur des Prof. Hoberg, die eine Sprache nur nach deren Gebrauchswert als Mittel der Kommunikation beurteilen, Prof. Krämer steuerte dazu bei, dass die Zahl der „Traditionalisten“, die alle kulturellen und historischen Aspekte mit einbeziehen, zunähme, prominente Vertreter dieser Fraktion wären Mitglied des VDS und seines wissenschaftlichen Beirates. Von Prof. Dieter wurde über einen gewissen Wandel in der Haltung der deutschen „Politik“ berichtet, Politiker in Regierungsämtern hatten sich in den letzten Monaten positiv zu Sprache geäußert, die Fraktion der SPD bereite eine parlamentarische Anfrage im deutschen Bundestag vor. Karl Musiols Bericht über die Jugendsprache wurde mit Erstaunen und Skepsis aufgenommen, er hatte die These vertreten, dass die Werbung im Irrtum sei, wenn sie glaube, die Jungend nur noch auf Englisch erreichen zu können, die eigentliche Jugendsprache sei gar nicht so sehr mit Anglizismen versetzt wie man dies gemeinhin glaube. Klaus Däßler trug seine provokanten Thesen vor, wonach der Verursacher des Sprachverfalls die „globale Ökonomie“ sei, die mit großem finanziellen Einsatz einen welteinheitlichen Konsumententypus mit einheitlicher, ausdrucksschwacher Kolonialsprache durchsetze. In der Diskussion berichteten dann die Gäste aus Frankreich Frau Prof. Christine Aquatias und Ludger Staubach über den dramatischen Rückgang der an Deutsch interessierten Studenten und Schüler, sie belegten dies mit Zahlen und wiesen daraufhin, dass die Situation im Osten Frankreichs immer noch besser sei als im Westen und im Süden.
Die anschließende Diskussion mündete in einem Beschluss, der von einem Beschlusskomitee ausformuliert worden war und bei einer Enthaltung angenommen wurde:

Friedrichshafener Entschließung

In Europa wird das Englische in der Schule einseitig als erste obligatorische Fremdsprache begünstigt. dadurch droht die sprachlichkulturelle Vielfalt Europas verloren zu gehen. Immer mehr Menschen lernen nur noch Englisch als Fremdsprache und verlieren damit das Verständnis für die anderen europäischen Kulturnationen, Der kulturelle Reichtum Europas, der in seiner wunderbaren Vielfalt liegt, geht damit verloren. Darüber hinaus führt die Vereinheitlichung von Kulturen und Sprachen zu mangelndem Verständnis für Menschen anderer Kulturkreise und Nationen. Dies äußert sich einerseits in neuem, ökonomisch bedingtem Chauvinismus und andererseits in Fremdenhass. Die heute in Friedrichshafen versammelten Sprachpflegevereine im „Netzwerk Deutsche Sprache“ fordern deshalb als erste obligatorische Fremdsprachen in den Schulen die Sprachen auch anderer europäischer Länder, zum Beispiel eines Nachbarlandes. Es ist sprachdidaktisch belegbar, dass unter dieser Voraussetzung auch die Fremdsprache Englisch mindestens ebenso erfolgreich erlernt wird, wie wenn sie als erste Fremdsprache gelernt worden wäre.“

Unterzeichnet von

  • Association pour le Pluralisme linguistique et culturel en Europe, Nantes
  • Bund für deutsche Schrift und Sprache e.V., Deutschland/Österreich
  • Förderverein Bairische Sprache und Dialekte e.V.
  • Interessengemeinschaft Muttersprache in Österreich Graz e.V.
  • Verein „Muttersprache“, Wien
  • Arbeitskreis Deutsche Muttersprache in Südtirol
  • Sprachkreis Deutsch, BubenbergGesellschaft, Bern
  • Verein Deutsche Sprache e.V., Dortmund.

8./9. Abgeschlossene und laufende Aktionen der Mitgliedsvereine/Planung gemeinsamer Aktionen für die Zukunft

Wegen der Kürze der Zeit wurde auf abgeschlossene Aktionen nur kurz eingegangen, z.B. auf die in Berlin und in Frankfurt, ein VIDEO-Film über die öffentliche Verleihung eines „Sprachpanscherpreises“ auf dem Maktplatz in Graz wurde nach dem Mittagessen während der Pressekonferenz gezeigt.
Für Planung gemeinsamer Aktionen in der Zukunft wurde ein Koordinator eingesetzt, Peter Ambros, VDS-Regionalbeauftragter in Offenbach mit österreichischen Pass wurde als Idealbesetzung ausgewählt, er nahm die Aufgabe an und gelobte Einsatz.

10. Möglichkeiten der Einschaltung von politischen Institutionen

Dieser Punkt war bereits unter TOP 7 abgehandelt worden.

11. Ausdehnung des „Netzwerkes“ über den deutsche Sprachraum hinaus?

Dieses Projekt wurde als mittelfristiges Ziel befürwortet, besonders begrüßt von den Gästen aus Frankreich, als Name für das Projekt wurde vorgeschlagen: „Europäisches Netz europäischer Sprachen“. Es soll auf die Tagesordnung der 3. Tagung des „Netzwerkes Deutsche Sprache“ gesetzt werden.

12. Umgang mit der Rechtschreibreform

Dem Thema Rechtschreibreform wird in den Netzwerkvereinen unterschiedliches Gewicht und unterschiedliche Bedeutung beigemessen, es bestand jedoch Konsens darüber, dass es kein vorrangiges Thema in der Zusammenarbeit im Netzwerk sein soll. Dazu der Kommentar von Prof. Pfannhauser:
„Für uns ist die Rechtschreibreform nicht vorrangig, unsere eigentliche Aufgabe ist die Bewusstseinsbildung, dass unserer Sprache durch die überflüssigen Anglizismen zu einem Brei, zu einem Mischmasch verhunzt wird.“

13. Ort und Termin der nächsten Tagung

Peter Zbinden, Präsident „Sprachkreis Deutsch, Bubenberg-Gesellschaft, Bern“ sprach die Einla-dung für die dritte Tagung des „Netzwerkes Deutsche Sprache“ nach Interlaken aus und erntete anhaltenden Beifall für die Ankündigung, dass sie mit einem Besuch der Jungfrau verbunden werde. Termin Ende Sept,/Anfang Oktober 2001. Prof. Krämer schloss die Arbeitstagung um 12:30 Uhr.

Weitere Höhepunkte waren die nach der Arbeitstagung in einer öffentlichen Veranstaltung gehaltenen Vorträge von Prof. H. Anderegg, St.Gallen, über Probleme des Fremdsprachenunterrichtes in der Schweiz, Prof. Dr. K. Sornig, Graz, über Macht und Ohmacht von Sprachpflege und Sprachkritik, Prof. Dr. M. Fuhrmann, Überlingen, über die römische Tradition des „sermo purus“(ein Augenöffner: wie ging man im alten Rom mit dem Einfluss des Griechischen auf die lateinische Sprache um?), und Dr. W. Voigt aus Luxemburg über die deutsche Sprache in den Ämtern der EU.

Seinen Ausklang fand die Tagung in einem Rahmenprogramm, bei dem die Delegierten Gelegenheit hatten, persönliche Beziehungen zu knüpfen und bestehende zu vertiefen. Die Erfahrung lehrt, dass solchen Begegnungen große Bedeutung für einen Tagungserfolg zukommen, tragen sie doch dazu bei, persönliche Beziehungen zu knüpfen und bestehende auszubauen. Dazu bot sich manche Gelegenheit, bei einem Begrüßungsabend in Friedrichshafen, einem gemütlichen Abend im Wilden Mann in Meersburg, bei einem Besuch der Barockkirche Birnau über dem Bodensee und der Blumeninsel Mainau und schließlich noch bei der Rückfahrt mit einem Schiff der Bodenseeflotte nach Friedrichs-hafen. Der Himmel hatte es gut gemeint mit den Sprachwahreren, entgegen allen Vorhersagen schien Ihnen und der Mainau die Sonne, so dass der See glänzte und die in voller Blüte stehenden Dahlien ihre ganze Farbenpracht entfalten konnten.

Dortmund und Friedrichshafen, den 23. Nov. 2000

Walter Krämer/ Gerhard H. Junker

Teilnehmer:

D Ambros, Peter
CH Anderegg, Hans
F Aquatias, Christine
D Beck, Ernst
D Breymann-Mbitse, A
D Bullermann, Joachim
D Däßler, Klaus
A Destaller, Ingeborg
D Dieter, Hermann
A Fischer, Götz
A Frau Khil
D Fuhrmann, Martin
CH Gatschert, Philipp
CH Gaudenz, Alice
CH Gaudenz, Robert
CH Glatthard, Peter
D Junker, Gerhard
CH Keck, Rudolf
A Khil, Othmar
A Klöckl, Fran
D Krämer, Walter
D Musiol, Karl
D Neemann, Hermann
D Oemke, Werner
A Pfannhauser, Werner
I Ploner, Frau
I Ploner, Peter
D Prinz, Uwe
D Schäferhoff, Heiner
A Scheer, Heribert
D Schrammen, Gerd
A Schwarz, Jutta
A Sornig, Karl
F Staubach, Ludger
A Süß, Harald
CH Thek, Ingeborg
D Voigt, Werner
D Zabel, Hermann
CH Zbinden, Peter