Unser Deutsch

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Die Rubrik „Unser Deutsch“ im wöchentlichen Infobrief des Vereins Deutsche Sprache enthält Beobachtungen, kritische Anmerkungen, unterhaltsame Gedanken über Wörter unserer Alltagssprache, den Jargon von Politikern, Medizinern, Journalisten, über Anglizismen, über Rechtschreibung und vieles mehr. Der Autor, Prof. Dr. Horst Haider Munske, ist Sprachwissenschaftler an der Universität Erlangen-Nürnberg und Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat des VDS.

Beihilfe - Infobrief vom 11. Mai 2018

Das Interessante an diesem Wort sind die beiden höchst unterschiedlichen Bedeutungen. Im Strafrecht liegt nach § 27 StGB Beihilfe vor, wenn jemand einem anderen bei dessen vorsätzlich begangener rechtswidriger Tat Hilfe leistet. Wegen Beihilfe wurden in jüngster Zeit Personen zur Rechenschaft gezogen, die als Helfer in den NS-Vernichtungslagern zum Ablauf der Tötungsmaschinerie beigetragen haben. Laien haben es nie verstanden, warum diese Menschen lange Zeit unbestraft blieben.

Einen ganz anderen Charakter hat die Beihilfe, welche den Beamten als Krankenfürsorge gewährt wird. Sie erlaubt es ihnen, sich bei einer privaten Krankenkasse zu versichern, weil der Staat ihnen einen Teil der Krankenkosten (mindestens 50 Prozent) erstattet. Dies ist ein besonders geschätztes Privileg deutscher Beamter. Daneben taucht Beihilfe auch unspezifisch auf, zum Beispiel als EU-Beihilfe für die Landwirtschaft.

Was verbindet beide Bedeutungen, was leistet das Präfix bei- ? Werfen wir dazu einen Blick auf einige der gut 30 Zusammensetzungen dieses Typs. Häufig fügt bei- dem Grundwort den Aspekt ‚zusätzlich‘ hinzu, beispielsweise in Beiblatt, Beiboot, Beigabe, Beiname, Beiprogramm. Manchmal ist dieser Zusatz störend, so in Beigeschmack (zum Beispiel bei einem Getränk) oder dem Beiklang in einer Tonaufnahme. Der Beifang der Fischer bezeichnet alle Fische, die nicht zum eigentlichen Fang gehören, sie kommen zurück ins Meer oder werden zu Fischmehl. Als Beilage bezeichnet man in der Gastronomie alles, was der Fleischportion beigelegt wird, zum Beispiel Kartoffeln, Gemüse, Salat. So nehmen die Wörter Bedeutungsaspekte des Bezeichneten an.

Eine Verengung seiner Bedeutung hat Beileid erfahren: im 18. Jahrhundert noch allgemein ‚mitempfundenes Leid‘, heute nur noch im Todesfall.

Eigenartig, dass für die Wiedervereinigung das Wort Beitritt (der DDR zur BRD) gewählt wurde, es wirkt wie eine Verniedlichung der staatlichen Selbstaufgabe, an der bis heute viele leiden. Das Wort hat aber nichts mit Tritt zu tun. Es ist eine Substantivierung des Verbs beitreten.

Natürlich gibt es in dieser Wortfamilie auch Mitglieder, die undurchsichtig, heute nicht mehr erklärlich sind. Dazu gehört der Name der Gewürzpflanze Beifuß, der schon im Althochdeutschen als pīpōz belegt ist und in niederdeutsch bifot eine volksetymologische Umdeutung erfahren hat: In Anlehnung an einen antiken Glauben soll die Pflanze, ans Bein gebunden, den Wanderer vor Müdigkeit schützen. Auch das häufigste Bei-Wort, unser Beispiel, stellt eine volksetymologische Umformung dar: mittelhochdeutsch bīspel‚Gleichnis, Redensart‘, wörtlich ‚das dazu Erzählte‘. Der untergegangene Stamm –spel wurde zu -spiel umgedeutet. (Wir finden es noch in englisch gospel aus altenglisch god-spell ‚gute Nachricht‘, eine Übersetzung von evangelium.)

Und schließlich gibt es auch in dieser Wortgruppe verhüllende Bezeichnungen wie Beischlaf und Beilager, die das Gemeinte metonymisch verbergen, indem sie Benachbartes, den Schlaf oder das Lager, sprechen lassen. Beischlaf ist zum Rechtswort erstarrt, Mediziner ziehen es vor, vom Beisammensein zu sprechen (eine andere Verhüllung), das dem Englischen entlehnte Kurzwort Sex kommt vielen zu nüchtern oder vulgär vor.

Unser Wortschatz, das zeigen diese Beispiele, verbindet Ererbtes und Jüngstes, Selbsterklärendes und Undurchsichtiges, direkt Benanntes und Verhüllendes – es lohnt immer, irgendwo hineinzugreifen und unsere Wörterbücher nach ihnen zu befragen.

Erneuerung - Infobrief vom 4. Mai 2018

Wie können sich die Parteien erneuern? Dies wurde in den vergangenen Monaten heiß diskutiert, vor allem in der SPD. Mit der Regierungsbildung ist das Thema nicht verschwunden. Es bleibt aktuell. Darum lohnt es, dem Wort nachzugehen, dem Verb und dem Substantiv. Vergleichen wir dazu den üblichen, den Alltagsgebrauch des Wortes mit der Praxis der Parteien, den Wunsch nach Erneuerung zu erfüllen.

Grob gesagt gibt es eine wörtliche und eine übertragene Bedeutung von erneuern und Erneuerung. Zumeist geht es hier um ganz praktische Dinge, zum Beispiel die Erneuerung der Heizung in unserem Haus oder des Daches oder der Küche. Erneuert wird auch die Bremsflüssigkeit im Auto, der Wasserschlauch im Garten. Das heißt: Teile einer bestehenden Einrichtung werden ausgetauscht, durch neue ersetzt. Das Wort ist in diesem Sinne selbsterklärend, da ein Adjektiv neu durch Präfix und Suffix zu einem Verb umgewandelt wird. Im übertragenen Gebrauch verliert sich der konkrete Sinn. Hier dominiert das Substantiv. Die Kirche spricht von einer charismatischen Erneuerung, Philosophen erhoffen eine geistige Erneuerung. Irgendwie ist da etwas veraltet, verkrustet, unzeitgemäß geworden – die Erneuerung soll Abhilfe schaffen. Doch keiner weiß wie. Zumindest wird das Rezept mit der Forderung nicht mitgeliefert.

Kommen wir auf die Parteien zurück und fragen, welche Mittel, welche Methoden sie in der Vergangenheit zur Erneuerung genutzt haben. Überraschenderweise gibt es da viele Parallelen zum wörtlichen Gebrauch des Wortes. Ein beliebtes Mittel ist der Austausch des Parteinamens. Wir erinnern uns: aus SED wurde PDS, aus PDS später Die LINKE. Die FDP erfand Punkte und nannte sich F.D.P. Besonders kreativ im Wechsel des Parteinamens sind unsere französischen Nachbarn.

Am auffälligsten ist der Austausch des Führungspersonals. Darin ist die SPD unschlagbar. Nach wenigen Jahren verlieren die Parteivorsitzenden die Zustimmung ihrer Mitglieder, die Erwartung auf Erneuerung wurde offenbar nicht erfüllt. Ihr Abgang wird dann gerne als Zeugnis lebendiger Demokratie hingestellt. Bisher ist es misslungen, dies als Erneuerung glaubhaft zu machen. Neue SPD-Vorsitzende haben den Sinkflug der Wählerzustimmung nicht aufhalten können. Im Gegenteil: Bei der politischen Konkurrenz wurde Kontinuität in der Parteiführung lange Zeit als Markenzeichen, als Symbol für Qualität und Zuverlässigkeit geschätzt. Die Kanzlerin im immer gleichen Outfit, nur in farblicher Variation, zeigt Stabilität an. Der Redefreudigkeit ihrer Konkurrenten setzt sie trockene Feststellungen entgegen. Darin allerdings vermisst die eigene Klientel das Feuer der Erneuerung.

Gleichwohl gehört der regelmäßige Wechsel des Führungspersonals zu den Gemeinsamkeiten der Parteien: Generalsekretäre und Generalsekretärinnen, Vorsitzende auf Orts-, Kreis- und Landesebene – auf allen Posten rücken Jüngere nach. Erneuerung hat hier das Gesicht der Jugend. Die Geschassten müssen demütig erklären: Politische Ämter würden eben nur auf Zeit vergeben.

Zur Erneuerung gehört schließlich die Vermehrung und Verjüngung der Mitgliedschaft. Dazu gibt es Jugendorganisationen der Parteien, die die Aufgabe haben, den Alteingesessenen zu widersprechen, den Aufbruch der Jugend sichtbar zu machen und sich damit zugleich für künftige Aufgaben zu qualifizieren. In der Frage, ob Regieren oder Opponieren der Erneuerung besser bekomme, darin waren sich Jungsozialisten und der SPD-Vorstand uneins, ein elementarer, ein gefährlicher Dissens.

Als anerkanntes Mittel der Erneuerung gilt die Aufstellung eines neuen Grundsatzprogrammes. Darin sollen Antworten auf die aktuellen Herausforderungen der Gegenwart gegeben werden. Die Programme sollen die eigenen Mitglieder binden, Wähler überzeugen. Allerdings weiß man, dass diese langen, verbal ausgetüftelten Texte wenig gelesen werden.

Die Methoden der Parteien, sich zu erneuern sind vielfältig, ähneln aber im Kern der Praxis, die Heizung, eine Küche, den Wasserschlauch zu erneuern. Teile einer Einrichtung werden durch neue ersetzt, obwohl manche durchaus noch gut zu gebrauchen waren. Manche gar besser als die neue Ware. Wenn angesehene Minister durch namenlose Neulinge ersetzt werden, bekommt Erneuerung einen schalen Geschmack.

So schwankt der Gebrauch zwischen hehrem Anspruch und trivialer Praxis. Der Ausdruck kann vergiftet sein.

Ypsilon (y) - Infobrief vom 27. April 2018

Lohnt es, diesem seltenen Buchstaben des lateinischen Alphabets eine Glosse zu widmen? Ich denke schon. Wir können mit ihm tief in die Geschichte europäischer Schriftkultur schauen. Und am Ende wartet ein Kuriosum.

Zum Vorkommen: Y begegnet in der deutschen Sprache ausschließlich in Fremdwörtern griechischen Ursprungs, die seit dem Mittelalter, vor allem aber in der Frühen Neuzeit über das Lateinische ins Deutsche aufgenommen wurden. Dazu zählen AnalyseAsylPhysikPsycheSymptomSyntaxSystemTypTyrann, aber auch HymnelyrischIdylleSympathie usw. Insgesamt über 80 Wörter, zusätzlich ungezählte Ableitungen und Zusammensetzungen. An ihnen sehen wir, was wir dem antiken Erbe verdanken. Das Deutsche ist, wie alle modernen europäischen Sprachen, ohne diesen Wortschatz nicht denkbar.

Diese Wörter haben bereits einen langen Weg hinter sich. Die meisten wurden bereits in der Phase griechisch-römischer Kultursymbiose ins Lateinische entlehnt. Der römische Feldherr und Diktator Lucius Cornelius Sulla (138 v. Chr. – 78 v. Chr.) führte den griechischen Buchstaben Y eigens wegen der zahlreichen griechischen Lehnwörter in das lateinische Alphabet ein. Da hat es sich bis heute gehalten, ein Zeugnis außerordentlicher Kontinuität unserer Schriftkultur.

Der Name Ypsilon heißt soviel wie ‚schlichtes i‘. Ursprünglich hatte Ypsilon den Lautwert [u], später (auf Grund des griechischen Lautwandels) den Lautwert [ü] wie noch heute im Deutschen (in phonetischer Lautschrift benutzt man dafür charakteristischer Weise das Zeichen [y]). In der Schweiz nennt man das Zeichen auch ‚griechisches i‘, in Österreich ‚fremdes i‘. Einige Eigennamen wie Schwyz oder Sylt gehen auf ein ursprüngliches ij zurück, das y geschrieben wurde.

Anders das y im Namen Bayern. Wenn vom Bundesland, genauer dem Freistaat Bayern, die Rede ist oder von bayrischen Phänomenen, sei es Oktoberfest, CSU oder Weißwürste, dann wird das Wort mit y geschrieben. Ist vom Dialekt die Rede, vom Bairischen, dann gilt i-Schreibung. Warum? Die Einführung des Ypsilon in den Namen des ehemaligen Königreichs geht auf König Ludwig I. (1786-1868) zurück (den Großvater des berühmteren Ludwig II., den die Bayern liebevoll Kini nennen). Er verordnete in seiner philhellenischen Begeisterung die Adaption des Y. Die griechische Antike war Vorbild seiner unermüdlichen Bautätigkeit, die den Münchenern die Pinakotheken, die Glyptothek, die Feldherrnhalle, das Siegestor und viele mehr beschert hat. Mit dem Hofbaumeister Leo von Klenze hatte Ludwig ein süddeutsches klassizistisches Gegenstück zu Schinkels Berlin geschaffen.

Ludwig ist den Bayern im übrigen durch seine Liebesbeziehung zur Tänzerin Lola Montez in Erinnerung, für die er von seinem Thron abdankte. Bleibend aber ist das Y im Namen Bayern, das dem ehemaligen Königreich bis heute eine graphische Identität verschafft.

Eigentlich - Infobrief vom 20. April 2018

Ein Gespräch über Sprache. Die Therapeutin massiert meinen Nacken und berichtet: Sie habe sich, ganz jung noch, heftig verliebt und hätte ihn gerne geheiratet. „Aber er hat immer eigentlich gesagt. Das hat mich unheimlich gestört. Da habe ich es gelassen.“ Was hat es mit diesem Wort auf sich?

Die Wortgeschichte zeigt eine Ableitung mit dem Adverbialsuffix –lich aus althochdeutsch eigan, schon mittelhochdeutsch findet sich –t als eingeschobener Übergangskonsonant (wie auch in wesentlich und öffentlich). Von der Vielfalt der Verwendungen in Rechts- und Gemeinsprache, welche die Neubearbeitung des Grimm’schen Wörterbuchs dokumentiert (leider noch nicht im Netz), sind heute vor allem drei weit verbreitet:

als Adjektiv in der Bedeutung ‚wirklich, tatsächlich‘, zum Beispiel sein eigentlicher Namemein eigentlicher Beruf – stets attributiv bei einem Substantiv;

als Adverb in der Bedeutung ‚in Wirklichkeit, im Grunde genommen‘ , zum Beispiel eigentlich dürfte ich jetzt nichts essenich habe eigentlich keine Zeitdas ist eigentlich kein Frühling;

als Abtönungspartikel (auch Modalpartikel genannt), häufig in Fragesätzen, zum Beispiel was wollt Ihr eigentlich von mir? Wie spät ist es eigentlich? Warum geht das eigentlich nicht?

Diese letzte Verwendung ist die interessanteste, auch am schwierigsten zu beschreibende. Denn es ist eine Domäne der gesprochenen Sprache. Dem Sprecher stehen etwa 20 Wörter wie bloßdennetwajahaltschonwohl zu Verfügung, um seine Einstellung zu einer Äußerung auszudrücken, einschränkend oder unterstreichend oder abwägend. Er ist halt krank – damit entschuldigt der Sprecher ein Verhalten des Betreffenden; hast Du etwa wieder getrunken? – der Sprecher bekundet seine Empörung; sag das bloß nicht noch mal! – der Sprecher verstärkt eine Drohung.

Alle diese Wörter kommen meist auch in anderen Funktionen, als Adjektiv, Adverb oder Konjunktion vor, deshalb ist ihre besondere Rolle erst in der neueren Linguistik, der Erforschung der Syntax und der gesprochenen Sprache entdeckt und beschrieben worden. Bei manchen dieser Partikeln gibt es regionale Varianten. So zeigt der ‚Atlas der deutschen Alltagssprache‘, dass in dem Satz „Das mag ich … nicht“ im Norden Deutschlands überwiegend eben (oder ebend), im Süden halt eingesetzt wird. Ähnliches gilt für eh und sowieso, zum Beispiel: „Das kann ich eh/sowieso nicht bezahlen“. Der Sprachgebrauch im deutschen Süden breitet sich nach Norden aus.

Was war nun der verbale Fehler des Freundes der Therapeutin? Offensichtlich hatte er sich das eigentlich angeeignet, um seine Aussagen zu relativieren. Ich hätte heut‘ Lust auf ein Bier, eigentlich – womit er in Frage stellt, ob er es sich gönnt. Eigentlich gefällt mir Deine Frisur – aber offenbar hat er auch Vorbehalte. Der Eigentlich-Mann, nennen wir ihn mal so, ist sich zu oft unschlüssig, macht halbe Rückzieher, verpackt seine Kritik im eigentlich.

Das hat ihn die Liebe gekostet. Denn die Freundin wollte einen wirklichen Mann, keinen eigentlichen.

Heimat- Infobrief vom 13. April 2018

Ein ideologiebeladenes Wort, das neuerdings als Thema von Ministerien in Anspruch genommen oder wiederentdeckt wird. Fragen wir, welche Last es mitführt, wie es sich davon befreien kann.
Heimat gehört zu den Wörtern, deren Bildung undurchsichtig ist. Wir erkennen zwar eine Verbindung mit Heim. Aber wie daraus der abstrakte Begriff abgeleitet wurde, ist nicht mehr erkennbar. Schon althochdeutsch heimōti mit der ungefähren Bedeutung ‚Stammsitz‘ ist bisher nicht sicher gedeutet. Trotz seiner Isolierung von produktiver Wortbildung hat das Wort ein Jahrtausend überlebt. Heute belegt Heimat in zahlreichen Zusammensetzungen wie Heimatdichter, Heimatfest, Heimatforscher, Heimatmuseum, Heimatkunde und auch Heimatvertriebene ein traditionelles Bild von einer Region, in der ein Mensch aufgewachsen ist, dort in Beruf und Familie seinen Lebensmittelpunkt gefunden hat und am Ende vielleicht in einem Familiengrab ruht.
Solche Heimat gibt es noch heute, aber immer seltener. Mobilität in der Ausbildung und im beruflichen Leben, digitale Vernetzung und globale Kommunikation halten uns auf Trab, lassen aber auch das Bedürfnis nach einem sicheren Standort und vertrautem Umfeld wachsen. Dafür fehlt ein Wort, Heimat stellt sich dafür zur Verfügung. Prüfen wir einmal am Alltagsleben, zum Beispiel einem freien Wochenende, was alles unter diesen Oberbegriff passt.
Wir schauen aus dem Fenster, vielleicht des eigenen Hauses (das bindet am allermeisten), vertraute Bäume, Nachbarhäuser, Frühaufsteher, das morgendliche Vogelzwitschern – der Tag beginnt. Ein erster Gang vor dem Frühstück zum Briefkasten, die lokale Zeitung holen (und vielleicht noch eine überregionale), dazu ein Packen Werbung. Dann ein Gang zum Bäcker, wo sich schon Schlangen gebildet haben, jede Gegend hat ihre eigenen Spezialitäten und die Namen dafür. Auch die neu Zugezogenen lernen sie schnell, wechseln vom Hallo oder Tach zum Grüß Gott, wenn sie in den deutschen Süden gezogen sind. Nach dem Frühstück ist die Zeitung Pflicht, besonders der lokale Teil: Veranstaltungen, Lokalpolitik, Leserbriefe und wer ist gestorben? Der weitere Morgen führt vielleicht auf den Wochenmarkt und zu kleineren Einkäufen. Hier ist man bekannt, trifft manchen zu kurzem Plausch. Jeder hat bestimmt ein Dutzend Geschäfte, die er immer wieder aufsucht. Dazu kommen Friseur, Ärzte, Handwerker, die Bank, die Apotheke und natürlich geschätzte Lokale. Bei gutem Wetter geht es ‚hinaus aufs Land‘. Heimat kann ganz verschieden sein: das flache Land mit dem großen Himmel, liebliche Hügel, imposante Gebirge, Flusstäler und Seen. Mit den Jahren entsteht eine Prägung, was man für schön hält, was heimatliche Landschaft ist.
Denn Heimat kann nicht nur geerbt, sie kann auch erworben werden. Das Wort hat keinen Plural, aber viele Menschen haben mehr als eine Heimat. Vor allem natürlich die Vertriebenen und Geflüchteten.
Aufgabe der Politik ist es, die Heimat im Alltag zu bewahren: die Lebensqualität in den Gemeinden stärken, Landflucht bremsen, Pendeln erleichtern, Ärzte, Verwaltung, Banken, Läden für jeden erreichbar machen. Auch Mitwirkung ermöglichen und herausfordern. Das gilt für Eingesessene wie für Zugezogene, für Christen, Juden und Muslime. Es lohnt, dem Wort Heimat einen neuen, einen zusätzlichen Sinn zu geben.

Dialekt - Infobrief vom 6. April 2018

Das neue Interesse für Heimat in der Politik rückt auch die Dialekte wieder ins Licht. Sind sie bedroht, gehen sie gar bald unter? Oder haben sie sich in die Lieder des Karnevals, in Comedy, bairische Stanzeln, Lyrik und heitere Volksstücke gerettet? Ist der Stammtisch (wo es ihn noch gibt) ein letztes Reservat?

Neuere Dialektforschung hat herausgefunden, dass die lokalen Dialekte vielerorts regionalen Umgangssprachen weichen, die auch für Ortsfremde verständlich sind, aber dennoch viel lokales Kolorit in Aussprache und Wortschatz bewahren. Diese Regionalsprachen, wie sie jetzt genannt werden, sind nicht nur die Nachfolger vieler Dialekte, sie haben auch eine wichtige Funktion übernommen: als Identifikationsmerkmal einer regionalen Lebensgemeinschaft.

Auch die Dialektologie hat ihr ursprüngliches Thema, die Verbreitung der lokalen, der ‚ursprünglichen‘ Dialekte ausgeweitet auf die vielen Varianten gesprochener Sprache, bis hin zur Alltagssprache und zum regionalen Akzent. Damit kehrt sie zurück zur ursprünglichen Bedeutung von Dialekt. Das Wort ist seit dem 16. Jahrhundert als Entlehnung aus lat. dialectus belegt und bezog sich auf die vielen Formen gesprochener Sprache. Bis ins 19. Jahrhundert gab es noch keine gesprochene Hochsprache, nur eine gemeinsame Schrift- und Literatursprache. (Erst das Theater, letztlich der Rundfunk hat zur allgemeinen Verbreitung eines gesprochenen Standard beigetragen.) Das lateinische Wort war wiederum entlehnt aus griechisch diálektos ‚Unterredung, mündliche Verhandlung‘, abgeleitet aus dialégesthai ‚sich unterreden, besprechen‘.

Der drohende Untergang der Vielfalt deutscher Dialekte ist bis heute ein Ansporn ihrer Erforschung. Ihre erste große Dokumentation erfuhren sie durch den Marburger Bibliothekar Georg Wenker. Er hatte eine Methode entwickelt, die Unterschiede dialektaler Laut- und Formensysteme auf geographischen Karten zu dokumentieren. Seinen vor 140 Jahren konzipierten ‚Sprachatlas des Deutschen Reiches‘ hatte er mit farbigen Symbolen in zwei Exemplaren handgezeichnet, konnte dies Werk aber nie veröffentlichen. Dies ist erst seinem aktuellen Nachfolger am Marburger Forschungsinstitut gelungen: im Internet (DiWA). Wenker hatte seine Belege durch eine Fragebogen-Umfrage an allen Volksschulen erhoben. Heute werden Dialektbefragungen vor Ort von ausgebildeten Dialektologen durchgeführt. So entstand ein 50-bändiger ‚Bayerischer Sprachatlas‘. Ihm folgten im Internet ‚sprechende Sprachatlanten‘ (der Benutzer kann einen Ort anklicken und den lokalen Dialekt hören). Die digitale Kommunikation wird neuerdings auch für Erhebungszwecke genutzt, zum Beispiel im ‚Atlas zur deutschen Alltagssprache‘. Solange die Dialekte und ihre Abkömmlinge leben, gedeiht auch die Dialektologie.

Schon im 17. Jahrhundert wurde von nationalgesinnten Sprachreinigern die Übersetzung Mundart geprägt und in Umlauf gebracht, hat jedoch die eingebürgerte Entlehnung Dialekt nie ersetzen können. Es lebt heute vor allem in Zusammensetzungen wie MundartdichterMundartliteratur oder Mundartkunde fort. Letzteres wird (ähnlich Volkskunde) von der Fachwissenschaft gemieden, aus Distanz zu einstiger Beanspruchung durch eine Blut-und-Boden-Ideologie. Dialekt gehört zu den Kulturwörtern in den europäischen Sprachen, die bis heute in ihrer lautlichen (und oft auch orthographischen) Form die Provenienz aus der Antike bezeugen. Es ist bemerkenswert, dass sich dieses Fremdwort als resistent erwiesen hat gegen ideologischen Ersatz.

Am Rande sei erwähnt, dass Dialekte kein ausschließlich humanes Phänomen sind. Auch Vögel haben Dialekte. Man hat dies unter anderem bei Drosseln und Goldammern beobachtet. Vögel sind ja – abgesehen von ihren Weltreisen – sehr standortfest. In ihren regionalen Kommunikationsgemeinschaften bilden sie oft Dialekt-Varianten in der Sprache ihrer Vogelart aus. Auch wurde herausgefunden, dass sie in den Städten lauter singen, offenbar, um sich trotz des großen Lärms untereinander zu verständigen. Hauptsache, sie singen noch, wie auch immer.

Keim - Infobrief vom 30. März 2018

Ein kurzes, ein altes deutsches Wort. Vergleichen wir exemplarisch seine lautliche und seine semantische Entwicklung und lassen uns überraschen! Althochdeutsch kīmo ist abgeleitet aus einem Verb kīnan ‚aufbrechen, aufspringen‘. Das erklärt noch die heutige Bedeutung ‚der erste aus dem Samen sich entwickelnde Trieb‘. Wir kennen solche Keime aus asiatischer Kost, von vielen Hülsenfrüchten und (weniger erwünscht) von Kartoffeln.

Lautlich hat keim seine konsonantische Grundstruktur beibehalten. Nur die Vokale, der variabelste Teil unserer Artikulation, haben sich verändert. Das auslautende o ging unter dem Druck des Initialakzents verloren. Der zentrale Vokal, lang i, wurde durch leichtes Öffnen des Mundes und Senkung der Zunge zu einem Diphthong a-e (geschrieben ‚ai‘ oder ‚ei‘). Seit dem späten Mittelalter blieb die Lautung unverändert.

Vielgestaltiger ist die Entwicklung der Bedeutung in den folgenden Jahrhunderten. Sie wird erweitert durch übertragenen Gebrauch in drei Richtungen: biologisch, abstrakt und medizinisch. Das pflanzliche Bild dient als Vergleich für die Entstehung des Lebens: Die befruchtete Eizelle, der Embryo, ist der Keim unseres Lebens. Weiter verbreitet ist die abstrakte Übertragung als ‚Ursprung‘, als ‚erstes Anzeichen‘ im Keim der Hoffnung oder im Keim des Untergangs. Politische Unruhen werden im Keim erstickt. Erst in neuerer Zeit begegnet Keim in der Medizin, vor allem seit den 90er Jahren als Krankenhauskeim. Jetzt wendet sich das Bild des aufbrechenden jungen Triebs in das Gespenst eines todbringenden Krankheitserregers. MRSA wird der gefährliche Methicillin-resistente Staphylococcus aureus abgekürzt, der frisch Operierte und Immungeschwächte lebensbedrohend befällt und der durch Antibiotika kaum mehr zu bekämpfen ist. Der Keim des Lebens wird nun zum Keim des Todes. Das harmlose Wort verhüllt die Gefahren der Infektion, wird zur verbalen Vertuschung von mangelhafter Hygiene, zur Verschleierung der Kostenersparnis im Krankenhausbetrieb. Nur wenige Hospitäler leisten sich den Luxus, alle Patienten nach dem Vorbild der Niederlande auf mögliche ziekenhuisbacteriën zu testen. Wer Pech hat, wird zu einer umständlichen ‚häuslichen Sanierung‘, einer sogenannten Dekolonisation des MRSA-Befalls, heimgeschickt. Endlich keimfrei darf er dann unters Messer und kann hoffen, zu genesen und zu überleben.

Hing oder hängte? - Infobrief vom 23. März 2018

„Die Mutter hing die Wäsche auf“ – ein Leser zweifelt, ob seine Frau hier richtig spricht. Zu recht. Denn das Verb hängen kann transitiv (mit Objekt) und intransitiv (objektlos) gebraucht werden. Ohne Objekt wird es nach der starken, der ablautenden Form flektiert: hängen – hing – gehangen. Transitiv dagegen regelmäßig: hängen – hängte – gehängt. So schreibt es die Schriftsprache vor, so dokumentiert es der Duden. Gesprochen vermengen sich manchmal die Formen. Das tut der Verständigung keinen Abbruch.

Wir fragen: Wie erklärt sich diese Differenzierung? Dazu müssen wir etwas ausholen. Die Unterscheidung ‚starker‘ und ‚schwacher‘ Verben stammt von Jacob Grimm, dem Vater der Germanistischen Sprachwissenschaft. Als erster erkannte er die Regelmäßigkeit des Vokalwechsels in etymologisch verwandten Wörtern und nannte sie ‚Ablaut‘. Und als erster beschrieb er, wie dieser Ablaut in den germanischen Sprachen systematisch zur Tempusbildung eingesetzt wurde, wie in trinken – trank – getrunken. Diese ‚ablautenden‘ Verben nannte er in seiner Deutschen Grammatik (1819) ‚stark‘, weil sie ihre Vergangenheitsformen ‚aus eigener Kraft‘ durch den Wechsel des Stammvokals bilden, ‚schwach‘ seien die übrigen, die dazu ein formales Zusatzelement –te (wie in hängte) benötigen. Vielleicht hat ihn auch der Wohlklang des Ablauts zu solcher metaphorischen Terminologie verführt. Und auch die Beobachtung, dass ablautende Verben schon in althochdeutscher Zeit nicht mehr gebildet wurden. Lautwandel hatte das System undurchsichtig und unproduktiv werden lassen. Alle neuen Verben, zum Beispiel aus Substantiven oder Adjektiven abgeleitet, wurden seitdem schwach gebildet wie beispielsweise spielen (aus Spiel) oder kürzen (aus kurz). Hinter dem Begriffspaar stark/schwach verbirgt sich auch Grimms Verehrung für das Mittelalter und ein Stück Klage über den (vermeintlichen) Sprachverfall.

Das führt uns in die Gegenwart zurück. Im heutigen Deutsch gibt es zirka 3800 schwache und nur noch 170 starke Verben. Der Wechsel von starker zu schwacher Tempusbildung vollzieht sich vor unseren Augen. Bei unseren Klassikern hat der Hund noch gebollen. Und 1851 schrieb Jakob Grimm in einer Akademierede über den Ursprung der Sprache: „Ein Hund bellt noch heute, wie er zu Anfang der Schöpfung boll“. Aber im 1. Band des Grimmschen Wörterbuchs von 1854 heißt es: bellen – boll – gebollen, auch belltegebellt. Heute ist bei 40 Verben eine starke und eine schwache Form gebräuchlich. Teils gilt die starke Form als veraltet und wird als ‚gehoben‘ gekennzeichnet wie zum Beispiel bei frug (zu fragen), buk (zu backen), schuf (zu schaffen), troff (zu triefen ) und deuchte (zu dünken). Manche abgelautete Form ist nur noch als Adjektiv (aus einem Partizip) erhalten wie verblichen (zu verbleichen), gesotten (zu sieden), gesonnen (zu sinnen). Bei einem Dutzend Verben hat sich eine syntaktische Unterscheidung ausgebildet: die starke Form intransitiv, die schwache transitiv. Die geläufigsten sind: er erschrak – er erschreckte uns, er wog zuviel – sie wiegte ihr Kind, die Kerze erlosch – sie löschten das Feuer und natürlich: hing und hängte. So retten sich die starken Verben gegen die übermächtige Konkurrenz. Phänomenal ist dabei eines: In Texten kommen ablautende und andere unregelmäßigen Verben genauso häufig vor wie alle schwachen Verben zusammen. Denn die meisten gehören zum häufig gebrauchten Grundwortschatz, der jedem Wandel am längsten widersteht.

Nachbemerkung: Fragen von Lesern sind nicht immer leicht zu beantworten.

Nimmerleinstag - Infobrief vom 16. März 2018

Ein heiteres, ein umgangssprachliches Wort. Aber woher kommt es? „Scherzhaft“ für ‚nie, niemals‘ verzeichnen die Wörterbücher, mit Beispiel: von ihm bekommst Du Dein Geld am Nimmerleinstag oder Auf einen Bescheid der Behörde kannst Du bis zum Nimmerleinstag warten (auf einen Tag, der nie kommt). Auch die Dialekte kennen es: Warte bis Nimmerlestag – so werden ungeduldige Kinder in Franken vertröstet.

Wir verstehen die Wendung, weil nimmer als kontrahierte Form von ‚nie mehr’ geläufig ist, auch in Zusammensetzungen wie nimmersattnimmermüdenimmermehr oder Auf Nimmerwiedersehen. Aber wie kommt es zum Nimmerleinstag? Eigentlich und ursprünglich heißt es Sankt Nimmerleinstag und geht zurück auf den Brauch, Termine nach dem Heiligenkalender zu benennen. Wir kennen es aus vielen Wetterregeln wie zum Beispiel Wenn amal Josefi is (19. März), endet der Winter g’wiß. Oder: Regnets an St. Nikolaus(6. Dezember), wird der Winter streng und grausSankt Nimmerlein ist ein erfundener Heiligenname für einen Tag, der nie kommt. Das Grimm’sche Wörterbuch nennt schon Belege aus dem 16. Jahrhundert. Doch mit dem Glauben an die Schutzheiligen sind auch die Namenstage verloren gegangen. Nur die Eisheiligen, Pankrazius, Servatius, Bonifazius und die kalte Sophie (12.- 15. Mai) sind noch bekannt. Den Sankt Nimmerleinstag hat uns vielleicht Bertolt Brecht bewahrt in dem bitterbösen Lied von der Ungerechtigkeit der Welt, dem „Lied vom Sankt Nimmerleinstag“ im Stück „Der gute Mensch von Sezuan“.

Utopische Termine waren einst, als die Welt noch nicht nach Sommer- und Winterzeit, nach Achtstundentag und Urlaubsanspruch getaktet war, eine verbale Ausflucht. Wenige haben im deutschen Wortschatz überlebt, zum Beispiel Wenn Ostern und Pfingsten auf einen Tag fallen. In einer Sammlung von Redensarten lesen wir: zu Pflaumenpfingsten(wenn zu Pfingsten die Pflaumen reifen), auf Maiostern (wenn Ostern auf den Mai fällt), zu Martini, wenn die Störche kommen (am 11. November sind sie schon längst fort). Noch heute kennen dagegen gebildete Zeitgenossen den Ausdruck der Römer, wenn sie etwas ad calendas Graecas verschoben. (Calendae waren die Zahlungstermine am Monatsersten, die in der griechischen Zeitrechnung nicht vorkamen.) Aus dem Rechtswesen stammt auch die Praxis, etwas auf die lange Bank zu schieben. Zum Beispiel die Verbannung des Diesel aus den Städten. Oder wird’s erst am Nimmerleinstag?

brüderlich - Infobrief vom 9. März 2018

Wie kommt man am Weltfrauentag am besten in die Schlagzeilen? Indem man vorschlägt, die Nationalhymne gendermäßig umzuformulieren. „Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland. Danach lasst uns alle streben, brüderlich mit Herz und Hand!“ Brüderlich – das ist der Stein des Anstoßes für die in der SPD beheimatete Gleichstellungsbeauftragte des Bundesfamilienministeriums.
Gehen wir diesem Wort und seiner vermeintlichen Ungerechtigkeit nach. Nur wenige Worte im Deutschen sind so innig, so warmherzig, auch klanglich schön wie dieses. Das Gute schwingt mit in der Wendung etwas brüderlich teilen, das heißt ‚gerecht teilen‘, wie man es von Brüdern erwartet. Dies ist eine übertragene Bedeutung. Sie hat ihre Quelle in der engen existentiellen Nähe von Brüdern, in der Erinnerung an gemeinsame Kindheit und Jugend und die lebenslange Verbundenheit, die daraus erwächst. Auch als Erwachsene bleiben sie Brüder. Das Familiäre weitet sich nun aus. Ein Mann wird Schwager für die Frau des Bruders und Onkel für ihre Kinder. Dies alles ist Hintergrund des übertragenen Gebrauchs der engeren Wortfamilie: Bruder, brüderlich, Brüderlichkeit.
Bruder im eigentlichen Sinne ist vielfältig übertragen auf nahe Beziehung in sozialen Gruppen und Verbänden. Schon die ersten Mönche nannten sich fratres. Und unser Bruderbezeichnet entsprechend den Status als Mönch, zum Beispiel in der Anrede Bruder Martin. Auch die Freimaurer nennen sich Bruder. Die Herrnhuter gründeten ihre weltweite Brüdergemeine. Schiller lässt die Eidgenossen im Tell schwören: „Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern, in keiner Not uns trennen und Gefahr!“ Und Matthias Claudius rät in seinem schönen Abendlied: „So legt Euch denn Ihr Brüder in Gottes Namen nieder.“ Ferner gibt es Verbindungsbrüder (der Studenten), Waffenbrüder (der Soldaten) und Amtsbrüder (der Geistlichen), schließlich auch Saufbrüder. Solche Übertragung gibt es in vielen Sprachen. Ein ägyptischer Freund fragte stets als erstes, wenn er anrief: „Bruder, wie geht es Dir?
Dies führt zur Brüderlichkeit, geadelt durch die Französische Revolution. Aus libertéegalitéfraternité wurde deutsch FreiheitGleichheitBrüderlichkeit. Ausdruck der Solidarität ist die Woche der Brüderlichkeit, in christlich-jüdischer Zusammenarbeit. Es war besonders geschmacklos, in gerade dieser Woche das Wort brüderlich in Frage zu stellen. Merken fanatische Genderisten gar nicht mehr, was sie anrichten? Doch, sie wissen es. Gerade was als ehrwürdig, eigentlich unantastbar gilt, ist bevorzugtes Ziel einer Enttarnung als frauenfeindlich. Sei es das Vaterland oder das Vaterunser. Sie haben sich nicht vergalloppiert, nein, jede Empörung, die sie auslösen, buchen sie als Erfolg auf dem Weg zur ersehnten Geschlechtergerechtigkeit.
Hat es noch irgendeinen Sinn, ihnen zu zeigen, dass übertragen gebrauchte Wörter keine geschlechtsspezifische Bedeutung haben? Dass unsere Sprache sich eben nicht im wörtlichen Gebrauch erschöpft, sondern erst in kreativer Metaphorik ihren ganzen Reichtum entwickelt. Wohl nicht. Aber für uns alle, die wir noch deutsch verstehen, wie wir es gelernt haben, wie wir es gebrauchen und lieben – für uns ist es wichtig, dies zu erkennen und zu verteidigen.

Erst verarbeiten - Infobrief vom 2. März 2018

„Lichters Trödelschau“ fördert nicht nur Rares zu Tage, sondern ist auch ein Schaufenster unserer Alltagssprache. „Das muss ich erst verarbeiten“, rief die Dame mit dem Gemälde aus der Courbet-Schule, als der Schätzpreis überraschend hoch war. Damit hat sie sich eine modische Wendung angeeignet. Erst verarbeiten müssen Schauspieler einen unerwarteten (aber natürlich erhofften) Preis, Sportler einen besonderen Sieg, Lottospieler einen Super-Gewinn. Aber auch eine Rechnung oder die Nachricht über einen ärztlichen Befund kann solche Reaktionen auslösen. Immer kommt es überraschend. Und das erst deutet an, dass der Betroffene Zeit braucht, damit fertig zu werden, Gewinn oder Verlust geistig und seelisch zu bewältigen.
Wir suchen nach dem Ursprung dieses Wortes und finden in den Wörterbüchern zwei Bedeutungen: einen Rohstoff durch Arbeit zu einem Produkt umformen‚ zum Beispiel Wurst (aus Fleisch) verarbeiten, aber auch kognitiv, beispielsweise ein Erlebnis literarisch verarbeiten. Damit nähern wir uns einem übertragenen Gebrauch. Das Grimm’sche Wörterbuch zitiert Bettina von Arnim mit dem Satz „mein Sohn hat gesagt, was einen drückt, das muss man verarbeiten“.
Wir fragen: Was ist neu in der aktuellen Verwendung? Nicht die geistige, die seelische Bewältigung sondern das erst, dies Leiden an der Überraschung, die larmoyante Bitte um Aufschub. Es ist unüblich geworden, fröhlich oder tapfer mit den Wechselfällen des Lebens fertig zu werden. Darauf haben sich auch die Katastrophenhelfer eingestellt. Immer werden gleich Psychologen ins Feld geschickt, um beim Verarbeiten geschulten Beistand zu leisten. Wenigstens erst einmal. Kann es sein, dass das Unglück der Betroffenen damit entwürdigt, zu einer behandlungsbedürftigen Krankheit herabgesetzt wird?

Zeitnah - Infobrief vom 23. Februar 2018

Das unscheinbare Wort erobert seit Beginn dieses Jahrhunderts die Reden der Politiker und die Kommunikation von Handel, Gewerbe und Dienstleistung. Und zwar als Adverb in der Bedeutung ‚in Kürze‘. Einen unfreiwilligen Beitrag zu seiner Verbreitung leistete der Berliner Bürgermeister Diepgen, als er auf die Frage nach dem Rücktritt des CDU-Fraktionsvorsitzenden antwortete: „Die Entscheidung wird zeitnah erfolgen.“ Offensichtlich drückte er sich vor der Angabe eines genaueren Zeitpunkts. Darin steckt das semantische Potential des Adverbs zeitnah. Es wird gerne genutzt, eine Lieferung anzukündigen oder die Fertigstellung eines Auftrags, ohne sich terminlich festzulegen. Ein Wirtschaftsverband hat es darum als Unwort des Jahres vorgeschlagen, um Kundenkommunikation anzuprangern. Vergeblich. Denn das Wörtchen ist uns auch in redlichem Gebrauch unentbehrlich geworden. Die Ärztin fragt „wollen wir die Operation zeitnah ansetzen?“ und beginnt Termine vorzuschlagen. In zeitnah steckt auch ein Versprechen, es zeugt von Planung. Im Umfeld der Termingestaltung zwischen Datum, Kalenderwoche (KW) und vager Aussicht benennt es eine flexible Zeitspanne, die branchenspezifisch bedeuten kann: in ein paar Tagenin Kürze oder sobald ich Zeit habe.

Fragen wir zum Schluss nach Wortgeschichte und Wortbildung. Die Zusammensetzung aus Substantiv und Adjektiv (Zeit und nah) ist eine gängige, aber nicht häufige Bildung. Vergleichbar sind steuerfreifußkaltblutarm, die ein syntaktisches Gefüge komprimieren. Zeitnah ist erst seit dem 20. Jahrhundert belegt, zuerst in der Bedeutung ‚zeitgemäß‘, zum Beispiel in zeitnahe Komödie. Erst das Adverb erschafft die neue Bedeutung und wird zum beliebten Gegenstand sprachkritischer Reflexion.

Libe Omi - Infobrief vom 16. Februar 2018

So könnte ein typischer Bedanke-mich-Brief beginnen, nachdem die Mama gemahnt hat „Du musst Dich bei der Omi bedanken“ – in Familien halt, wo noch eine gewisse Dankeskultur gepflegt wird. Vielleicht steht es auch auf einer Urlaubskarte (wenig Platz, zum Glück), für den Reisezuschuss.

Uns geht es aber um anderes, um die Rechtschreibung. Die Omi wird der Enkelin, respektive dem Enkel (aber meist sind es die Mädels, die noch schreiben) den Lapsus verzeihen. Wir aber fragen: Ist es denn überhaupt einer? Wie erklärt sich Libe Omi statt Liebe Omi? Meine These lautet: Eigentlich hat das Kind Recht, denn es folgt der Generalregel, nach der wir die langen Vokale in der Rechtschreibung zumeist gar nicht durch ein Längezeichen markieren, zum Beispiel in Wörtern wie habenlebenLügeBudeledig und böse. Auch die Omi gehört dazu. Beim Erlernen der Rechtschreibung orientiert man sich an solchen Vorbildern. Das hat die junge Briefschreiberin getan.

Bleibt die Frage: Wie kam es dazu, dass langes i – gegen die allgemeine Regel – fast immer als ‚ie‘ geschrieben wird? (Kurioserweise haben nur ein paar Fremdwörter wie MaschineBibelintensiv einfaches i.) Dazu müssen wir einen Blick in die Sprachgeschichte werfen. Und das Wort lieb ist dafür ein gutes Beispiel. Im Mittelhochdeutschen wurde es mit Diphthong, also i-e, gesprochen, daher auch die Schreibung ‚ie‘. Als dieser Diphthong sich zu langem i wandelte, blieb die Schreibung konstant und es entstand die Schreibregel: Lang i schreibt man ‚ie‘. Und diese neue Regel wurde auch auf andere Fälle von lang i angewandt, zum Beispiel als das kurze i in mhd. rise gedehnt wurde. Deshalb schreibt man bis heute Riese.

Beide Beispiele illustrieren ein auffälliges Phänomen: Die Schreibung ist viel konservativer als die Lautung einer Sprache. Das belegen auch andere Fälle der Langvokalschreibung: Das Dehnungs-h entstand aus geschwundenem h (z. B. in mhd. [tsɛhən] zu nhd. [tse:n]) und als Kurzvokale in offener Silbe gedehnt wurden (mhd. [lɔbən] zu nhd. [lo:bən]). Etwas verallgemeinert können wir sagen: Der große Umbau des mittelhochdeutschen Vokalsystems – vor allem durch Monophthongierung, Kürzung und Dehnung – ist die Ursache für die komplizierten Schreibregeln der Vokale im Deutschen.

Eigentlich, so können wir feststellen, macht unsere Briefschreiberin (unfreiwillig) nur, was vor ihr der Barockdichter Philipp von Zesen, die Brüder Grimm und die jüngsten Rechtschreibkommissionen vergeblich versucht haben: die deutsche Rechtschreibung an ihrer schwierigsten Stelle zu reformieren. Das sollten Lehrer wissen, wenn sie ihre roten Striche an den Heftrand malen.

Sachgrundlose Befristung - Infobrief vom 9. Februar 2018

Das Ringen um gesetzliche Regelungen für den Arbeitsmarkt bringt immer neue Blüten verquetschter Prägungen ans Tageslicht. Es beginnt schon mit einer Lücke: Befristung wovon? Natürlich Arbeitsverträgen. Ohne dies entscheidende Wort ist der Ausdruck leer und unverständlich. Befristung selbst ist ein Fachbegriff des Arbeitsrechts. Damit wird die Dauer der Beschäftigung festgelegt, der Vertrag ist zeitlich befristet. Weiter geht es mit sachgrundlos? Was heißt das? Was ist ein Sachgrund? Wieder ein Fachwort der Juristen, das der Alltagssprache fremd ist. Gemeint ist ein sachlicher Grund, das heißt eine konkrete, eine sachliche Begründung. Fehlt sie im Vertrag, dann ist er ohne Angabe eines sachlichen Grundes befristet, verkürzt also sachgrundlos. So sagt es das Teilzeit- und Befristungsgesetz (TzBfG).

Uns geht es darum, welche Rolle dieser ‚sperrige Ausdruck‘ – so nannte ihn die Moderatorin Marietta Slomka –, in der politischen Auseinandersetzung spielt. Das Fatale liegt darin, dass höchst wichtige Dinge, um die zu Recht politisch gestritten wird, im Gewand solcher komprimierter, schwer verständlicher Ausdrücke versteckt sind. Dass sich die Streithähne nur diese um die Ohren hauen, ohne zu erklären, worum es konkret geht, wer denn betroffen ist, wer welchen Schaden erleidet. Warum leistet sich gerade der Öffentliche Dienst so viele befristete Arbeitsverhältnisse? Es sind offenbar nicht nur Ausbildungsverträge oder Schwangerschaftsvertretungen. Warum fürchten sich Handel und Gewerbe vor unbefristeten Verträgen? Und wer die sachgrundlose Befristung von Arbeitsverträgen verteidigt, der muss den Mut aufbringen zu erklären, warum das nötig und richtig ist.

Und natürlich hat alles weitreichende Folgen: Wer sich von Vertrag zu Vertrag hangeln muss, der lässt das Heiraten, von Kindern ganz zu schweigen. Das nennt man dann Familienplanung, die behindert wird. Auch ein lächerlicher Ausdruck. Wem Geld und Wohnung fehlen, der kann‘s einfach nicht, von Planen kann keine Rede sein. Im übrigen gilt: späte Kinder – wenig Kinder. Und wenn sie ganz ausbleiben, dann fehlen die künftigen Zahlmeister für die Rentner von morgen.

Das Ärgerliche an der öffentlichen Debatte sind diese Schlagwörter ohne Fleisch und Blut. Im Gesetzbuch mögen sie ihren Platz haben. Aber wir Wähler wollen Klartext hören. Sonst nehmen wir die Politiker nicht mehr ernst, unterstellen ihnen Postengerangel, Parteiinteressen. Waren das noch Zeiten, als Friedrich Merz die Steuererklärung auf dem Bierdeckel propagierte. Die Politiker sollten Übersetzer einstellen, die uns verraten, was sie meinen und was sie wollen. Denn Bürgernähe muss sich in der Sprache beweisen.

Görlitz - Infobrief vom 2. Februar 2018

Namen sind Wörter besonderer Art. Sie fehlen in den meisten Wörterbüchern, dennoch sind uns viele im Alltag präsent wie Brot und Butter. Sie sind unentbehrlicher Teil jeder Rede und prangen von unzähligen Plakaten unserer Städte. Warum stehen so wenige im Duden? Nur Wikipedia vergisst keinen. Das Problem ist die Bedeutung. Sprachwissenschaftler sagen, sie hätten keine, wie eben Brot oder Butter, ihre Rolle sei es, ein Objekt (und nur eines) zu identifizieren, mit einem Namen-Etikett zu versehen. Sie kennzeichnen Orte, Personen, Flüsse, Seen und vieles andere. Was es mit diesen inhaltlich auf sich hat, steckt nicht im Namen. Dennoch verbindet jeder Benutzer einiges Wissen über das so Etikettierte, hat vielleicht auch eigene Erfahrungen, die gleichsam am Namen kleben. Namen sind wie Schwämme, die Wissen aufsaugen und speichern können, aber jeder Benutzer hat daran unterschiedlichen Anteil.

Nehmen wir ein Beispiel: Görlitz, Stadt in der Oberlausitz, erstmals 1071 als goreliz belegt, eine slawische Siedlung. Nachfahren der Sorben bilden noch heute eine geschützte Minderheit in der Region. Die Stadt gehört heute zu Sachsen, war früher Teil Niederschlesiens. Im Krieg unzerstört, eins der schönsten Ensemble historischer Baukunst von der Spätgotik bis zum Jugendstil, Stein gewordene Erinnerung an die einstmals reiche Handelsstadt zwischen Breslau, Prag und Erfurt. Eine touristische Perle, gern genutzt als Staffage der Filmindustrie (darum spöttisch Görliwood genannt), außerdem geschätzte Immobilie westdeutscher Rentner.

Geographen wissen darüber hinaus, dass der 15. Meridian, Bezugshalbkreis der Mitteleuropäischen Zeit, durch die Görlitzer Altstadt verläuft, exakt unterhalb der Stadthalle, Gegenstück zum englischen Greenwich.

Der Stadt ging seit Kriegsende viel verloren: die Bezirke östlich der Neiße wurden polnisch, heute Zgorzelec. Nach der Wende erwarb Bombardier die traditionsreiche Waggonwagenfabrik (die Doppelstöcker vieler S-Bahnen), jetzt werden Arbeitsplätze eingespart. Siemens übernahm die eingesessene Turbinenfabrik und will sie nun stilllegen. Die Braunkohle, einst Motor der Industrialisierung, wird bald ganz aus der Region verbannt sein. Steht Görlitz wirtschaftlich vor dem Ruin?

Zur Ruhmesgeschichte der Oberlausitz gehört der kleine Ort Herrnhut, wo Graf von Zinsendorf 1722 böhmische Glaubensflüchtlinge unter des ‚Herren Hut‘ aufnahm, heute Kern einer weltweiten Brüdergemeinde. Später waren Flüchtlinge im nahen Hoyerswerda unwillkommen.

Ist das alles nur enzyklopädisches Wissen? Nicht doch ein fluktuierender Kranz von Bedeutungen, die mit dem Namen aufgerufen werden können, gepflegt, gehütet, erinnert, wie hier durch einen, dessen Großvater ein halbes Leben lang Lehrer war in dieser Stadt. Sein kerniges Schlesisch begegnet mir noch heute bei Besuchen in Görlitz.

Abgehängte - Infobrief vom 26. Januar 2018

Das Wort ist unverzichtbar, wenn man über Gewinner und Verlierer spricht in unserem Land, über Arbeitslose und Arbeitsverweigerer, über Jugend ohne Zukunft, unbezahlbare Mieten und verarmte Rentner. Abgehängte ist eine neue Sammelbezeichnung für alle, die keinen Anteil haben am Boom unserer Wirtschaft, an Exporterfolgen, Aktiengewinnen, Steuerüberschüssen.

Das Wort ist in dieser Bedeutung jung. 1999 tauchen die ersten Belege in den Zeitungen auf, oft in Anführungszeichen, ein Indiz für eine neue Prägung. Grammatisch gesehen handelt es sich um eine Substantivierung des Partizips Perfekt vom Verb abhängen. Was einmal eine okkasionelle Bildung war, ist längst zum festen Bestandteil unseres Wortschatzes geworden, auch wenn es der Duden noch nicht bemerkt hat. Das Wort wird fast immer im Plural gebraucht. Das zeigt: Die Abgehängten sind ganze Gruppen, sie erscheinen als Opfer unseres Wirtschafts- und Sozialsystems.

Woher aber stammt dieses Bild der Abgehängten? Wir kennen es vor allem aus der Sprache des Sports. Rennfahrer hängen ihre Verfolger ab, Läufer und Schwimmer ihre Konkurrenten auf der Sandbahn und im Becken, Skiläufer auf der Piste. Sportliche Wettbewerbe sind wie ein Abbild unseres Strebens nach Erfolg, als Zuschauer erleben wir Sieg und Niederlage in den Arenen der Gegenwart. Die Allgegenwart des Sports macht diesen zum beliebtesten Bildgeber, zur Quelle unzähliger Metaphern. Am häufigsten der Fußball: Abstieg (aus der Bundesliga) wird übertragen auf berufliche Einbuße, Foul auf unfairen Umgang, Halbzeit auf eine halbe Wegstrecke; geläufig sind jemandem die rote Karte zeigen, im Abseits stehen, ein Nachspiel haben, den Ball flach halten. Aus der großen Zeit des Boxens in den 20er Jahren sind verblieben: unter der Gürtellinie, das Handtuch werfen, über die Runden kommen. Aus Langlauf und Motorsport stammt jemanden überrunden und der Hürdenlauf liefert das Bild für die Bewältigung einer Schwierigkeit: eine Hürde nehmen. Kurz: die Bilder des Wettkampfs werden auf Situationen des Lebens übertragen.

Das neue Wort wird zunehmend zum Kristallisationspunkt einer Debatte um unser Sozialsystem. Wie gelingt es, die drangsalierten Kunden der Jobcenter mit dem notwendigen Minimum zu versorgen und gleichzeitig zu eigener Aktivität zu ermuntern? Wie kann preiswerter Wohnraum erhalten, neuer geschaffen werden, ohne ein Bürokratiemonster bewegen zu müssen? Das neue Wort schärft den Blick auf die Benachteiligten in unserer Gesellschaft.

Sondierung - Infobrief vom 19. Januar 2018

Das Wort beherrscht die politische Berichterstattung der jüngsten Zeit. Zuerst begegnet es Ende des 19. Jahrhunderts, bezogen auf vorsichtige diplomatische Erkundungen, meist im gegnerischen Lager, später häufig im Ost-West-Konflikt, ein Diplomatenwort, abgeleitet aus sondieren, das im 17. Jahrhundert aus französisch sonder entlehnt wurde. Die Endung -ieren, mit der die allermeisten entlehnten Verben ausgestattet werden, gibt dem Wort einen einheimischen Anstrich.

Das Wort wäre keine Glosse wert, hätte es nicht (meist als Plural Sondierungen gebraucht) im Diskurs der Politiker eine neue Bedeutung erlangt: Vorbereitung eventueller späterer Koalitionsverhandlungen zwischen bislang verfeindeten, zumindest konkurrierenden Parteien. Sondierung ist nun seiner geheimen, seiner diplomatischen Aura entkleidet. Öffentlich wird verkündet, wer im jeweiligen Lager die Gespräche führen werde, wo und wann sie stattfinden und wie lange sie dauern dürfen. Auch die öffentliche Anteilhabe ist neu. Das Tableau denkbarer Ergebnisse, von Koalition bis Neuwahlen, wird hin- und hergezerrt, gewürzt mit Durchstechereien aus den Geheimgesprächen (ein Wort der Gaunersprache), mit denen die Beteiligten den Durst der Presse stillen. Rote Linien des letzten Widerstandes werden vorgezeichnet oder geleugnet. Dies übrigens eine Vokabel aus der Militärstrategie, auf Karten gezogene Linien, aus denen Staatsgrenzen erwuchsen, die bis heute Konflikte erzeugen. (Aus Zypern kennt man die Green Line zwischen den verfeindeten türkischen und griechischen Zyprioten. Bei der Uno waren offenbar grüne Stifte in Mode.) Kein Wunder, dass die Jamaika-Sondierungen im Whirlpool solcher Debatten ertrunken sind. Ehrlicher der zweite Versuch in neuer politischer Konstellation: kurz und geheim und darum vorerst erfolgreich. Begänne danach nicht schon wieder das politische Affentheater.

Wir lernen: Sondierungen sind zwar heute wie einst Gesprächskontakte politischer Gegner, zugleich aber schon reale halb-öffentliche Vorverhandlungen für einen Koalitionsvertrag. Das Wort verbirgt die wahren Ziele und lässt Raum für ein Scheitern, das so nicht heißen darf. Ein Chamäleon politischer Rhetorik.

Drei Wörter des Jahres 2017 - Infobrief vom 12. Januar 2018

Der Vogel des Jahres, die Pflanze des Jahres, Männer und Frauen, natürlich Bücher, Krimis – eine Inflation des Erinnerns und der gesuchten Aufmerksamkeit. Warum auch Wörter des Jahres? Weil es mit ihnen ganz anders ist. Sie müssen nicht gesucht und propagiert werden, sie waren da, wir haben sie gebraucht, vor allem gelesen und gehört. Sie waren Gegenstand heftiger Debatten, von Hoffnungen und Befürchtungen. Wörter wurden zu Kristallisationspunkten wichtiger aktueller Themen.
Nehmen wir das bekannteste: Jamaika, ein Karibikstaat mit schwarz-gelb-grüner Nationalfahne, bei uns die Farben dreier Parteien, die im Wahlkampf miteinander gerungen hatten und nun Koalitionsverhandlungen führten. Eine Nation verfolgte gespannt, wie sie miteinander anbandelten, wie sie sich balgten und wie sie mit einem unerwarteten Knall wieder auseinandergingen. Jamaika bleibt Konzept eines neuen politischen Aufbruchs, auf dem noch immer viele Hoffnungen ruhen.
Und dann Glyphosat, Kunstwort für einen Unkrautvernichter, der weltweit der Agrarindustrie zu Diensten ist, Symbol für Chemie, die unsere Artenvielfalt zu Grunde richtet. Ein bürokratischer Akt in der Brüsseler EU-Behörde, ein widerborstiger CSU-Minister – das hat plötzlich eine seit Jahren schwelende Debatte explodieren lassen. Das Wort aus der Retorte griechischer Wortbausteine wurde zum Symbol für rücksichtslose Großchemie, welche die Natur mit raffinierten Kunstprodukten ausbeutet und zerstört. Das Wort kann den Anstoß gegeben haben zum radikalen Umdenken.
Und schließlich die AfD, das geläufigste neue Kurzwort des Deutschen, nicht nur ein Parteiname sondern Schreckgespenst der etablierten Politik, Protest mit dem Stimmzettel gegen Migration, gegen Hartz-IV-Bürokratie, gegen Industrieabbau im Osten, gegen die Flucht der Jungen in den Westen und überhaupt die manifestierte Unzufriedenheit von Millionen Wählern. AfD ist Menetekel, ist letzte Warnung. Wird sie das Land spalten oder nach Jahren im Abseits ein gesuchter Koalitionspartner sein?
Diese drei Wörter des Jahres 2017 bleiben uns auch im neuen Jahr erhalten, mit den Fragen, die sie stellen, mit den Protesten, die sie begleiten – viele Aufgaben für alle, die uns regieren wollen.

Stuhlgang - Infobrief vom 5. Januar 2018

„Wann hatten Sie zuletzt Stuhlgang?“, fragt der Arzt den Patienten. Die meisten wissen dann, was gemeint ist. Sie sind schon vertraut mit den Umschreibungen unsäglicher Sachverhalte seitens der Mediziner. Jugendliche Besucher der Praxis drucksen vielleicht etwas herum. „Na, wann waren Sie zuletzt auf dem Klo?“, verdeutlicht der Doktor. Aber wieso bezeichnet er die ‚Entleerung des Leibes‘ (so die Wörterbücher) als Stuhlgang? Das Grimm'sche Wörterbuch hilft weiter. Es geht um den Nachtstuhl, einen Stuhl mit Loch, wie man das noch von einigen Kinderstühlen älterer Bauart kennt. Sie dienten im Mittelalter der Verrichtung der Notdurft. Der Gang zum Stuhl, der Stuhlgang, war zugleich verhüllende Bezeichnung für die Tätigkeit auf diesem Stuhle.

Ähnlich wird das Wort Stuhl verwendet. „Hatten Sie einen harten oder einen flüssigen Stuhl?“, fragt der Arzt mit der Selbstverständlichkeit, in der Mediziner über alles Menschliche reden. Gemeint sind die humanen Exkremente, der Menschenkot, kurz die Scheiße, die man so nicht nennen darf. Im Mittelalter war man da weniger zimperlich. Es gab den Kackstuhl zum Kacken. Erst das bürgerliche Zeitalter hat die Verbotstafeln aufgestellt für alle Tätigkeiten und die beteiligten Körperteile zwischen Kinn und Knöchel.

Doch ist uns außer medizinischer Verhüllung noch etwas anderes im Sprachschatz verblieben, was mit dem Stuhlgang zusammenhängt. „Komm zu Stuhle!“ kann man einem langsamen Zeitgenossen zurufen. Und man meint „mach hin!“ Zu anderen sagt man dann „der kommt einfach nicht zu Stuhle“. Wer denkt hier noch an einen mühsamen Aufenthalt auf dem Örtchen? Verständlicher ist dagegen der Ausdruck mit plattdeutschem Kernwort: „Nun komm schon zu Potte!“ Wer hätte nicht, Vater oder Mutter oder eine Generation darüber, einen Kleinen oder eine süße Kleine angelernt, zu Potte zu kommen? Beim Umgang mit Kindern braucht die Sprache keine Verrenkungen zu machen.

Hals- und Beinbruch - Infobrief vom 29. Dezember 2017

Das wünschen wir, wenn jemand Gefährliches vor sich hat. Unter Seglern ist auch eine Abwandlung gebräuchlich: Mast- und Schotbruch, und bei Militärs das makabre Kopf- und Bauchschuss. Warum diese Verwünschungen, die Gutes meinen? Und woher kommen sie? Der Aberglaube sagt, man könne damit Missgeschicke abwenden. Nehmen wir es lieber als ironische Verkehrung eines freundlichen Wunsches. Er war einst bei Künstlern verbreitet, heute heißt es eher toitoitoi nebst dreimaligem Ausspucken oder auf Holz klopfen.
Aber woher? Eine verbreitete Deutung weist auf eine jiddische Quelle hin: hazlόche un brόche ‚Glück und Segen‘, eine hebräische Wendung, die unter deutschen Juden geläufig war. Haben vielleicht Künstlerkollegen, die den Sinn, aber nicht das Wort verstanden, diese Verballhornung geprägt? Oder war es bloß ein verbaler Künstlerjux für das ‚christliche‘ Umfeld? Die Wissenschaft tappt im Dunkeln. Nur eines ist offensichtlich: Alle Indizien deuten auf eine typische Volksetymologie. Dabei wird ein undurchsichtiges Wort durch lautliche Umformung verständlich gemacht. Hebräische Wörter im Jiddischen, die ins Deutsche gelangten, sind von solcher Umdeutung besonders leicht betroffen. Auch der Neujahrsgruß Guten Rutsch wird von einigen Interpreten so gedeutet: aus dem jiddischen Wort rosch, das im Namen des jüdischen Neujahrsfestes Rosch ha-Schama ‚Anfang des Jahres‘ enthalten ist.
Entlehnungen aus dem Jiddischen in die deutsche Umgangssprache und vor allem in deutsche Dialekte sind das Zeugnis jahrhundertelangen Zusammenlebens von Christen und Juden in Stadt und Land. Neuere Wörterbücher zählen über 2000 Wörter und Wendungen. Sie stammen fast immer aus den hebräischen Elementen des Jiddischen. Die bekanntesten sind Substantive wie Chuzpe, Kaff, Macke, Reibach, Stuss, Schlamassel, Tacheles, Zoff und Zocker, Adjektive wie betucht, kess, koscher, meschugge, pleite und auch etliche Verben wie mauscheln, malochen, mosern, schmusen, schachern und zocken. Sie sind aus dem Kontakt gesprochener Sprache hervorgegangen, darum lautlich und orthographisch integriert. Die jüdische Bevölkerung Deutschlands wurde Opfer der Nazi-Verbrechen, ihr Hab und Gut wurde geraubt. Doch ihr sprachliches Erbe lebt im Deutschen fort.
Hals- und Beinbruch, hazlόche un brόche, wünscht zum neuen Jahre allen Lesern dieser Glossen sowie der künftigen Bundesregierung.

Mutmaßlich - Infobrief vom 22. Dezember 2017

„Der mutmaßliche Mörder hat seine Tat gestanden“, hieß es in den Nachrichten. Wieso eigentlich ‚mutmaßlich‘? Er war‘s doch. Was gibt es hier noch zu mutmaßen? Darf dem Täter die Tat erst zugeschrieben werden, wenn das Oberlandesgericht in 3. Instanz das Urteil bestätigt hat? Hier hat sich ein Redakteurstil (oder soll man besser sagen: Redakteurinnenstil) entwickelt, der das Persönlichkeitsrecht von Straftätern, korrekt gesagt: mutmaßlichen Straftätern, bis ins Lächerliche zelebriert. Alternativ gibt es das Sollen. Die Übeltäter ‚sollen‘ etwas getan haben. Als sei das ein Gerücht und nicht ein dringender Verdacht, der Grundlage einer Anklage wurde. Nachrichten, die sich minutiös genauester Korrektheit befleißigen, wirken fade wie Suppe von gestern, wie kastriertes Agentur-Wissen.
Was hat es mit dem Wörtchen mutmaßlich auf sich? Es geht auf das Verb mutmaßen zurück, dieses auf ein untergegangenes mittelhochdeutsches mutmasse ‚Abschätzung, Überschlag‘, das später durch Mutmaßung ersetzt wurde. Die Zusammensetzung ist nicht durchsichtig. Das Adverb gilt in den Wörterbüchern als ‚gehobene‘ Variante von vermutlich. Dies bildet mit vermuten und Vermutung die neutralen Alltagsworte. Damit kommen wir der besonderen Verwendung von mutmaßlich auf die Spur. Es ist kein Wort der Alltagssprache, der täglichen Rede. Von Mördern redend würde es heißen: Das hat er wohl getan. Oder: Vermutlich war er‘s. Und nach dem Geständnis natürlich: der Mörder. Gerne taucht mutmaßlich auch bei Angaben über die Vaterschaft auf: der mutmaßliche Erzeuger. Das ist Amts- und Gerichtssprache. Im Gespräch würde es heißen: Er ist der Vater.
Warum gibt sich die Nachrichtensprache so gehoben, auf Stelzen, mit Schlips oder toupiertem Haar? Soll den Berichten damit mehr Verbindlichkeit, eben Amtlichkeit verliehen werden? Oder ist es der Zwang, möglichst viel Information in die Texte zu packen? Die Farbigkeit der Realität geht im komprimierten Bericht verloren. Wort-Schablonen sind schnell zur Hand, um den 7-Uhr-Nachrichtentext zu basteln und ablesefertig aufzubereiten. Wenn man dazu dann noch über zehn Jahre die gleiche routinierte Intonation und den gleichen Augenaufschlag ertragen muss, wird einem das harmlose mutmaßlich zum Ärgernis.

Urlaub - Infobrief vom 15. Dezember 2017

Der Deutschen liebstes Wort hat seinen Ursprung in dem Verb erlauben. Urlaub war ursprünglich die ‚Erlaubnis sich zu entfernen‘, dann speziell die ‚Erlaubnis sich vom Dienst zu entfernen‘, besonders vom militärischen. Das lebt in Heimaturlaub, Fronturlaub fort. Der Urlauber war ursprünglich ein ‚Soldat auf Urlaub‘. Heute sind wir alle Urlauber, sobald wir die Sachen zur Reise gepackt haben. Urlaub ist ‚Befreiung von der täglichen Arbeit‘, in Tarifverträgen zugesichert, nach Werktagen gezählt, das Gehalt läuft weiter. Hinzukommen die Sonntage und die Feiertage, Brückentage werden genutzt. Das summiert sich zu wochenlanger Freizeit. Wer es sich leisten kann, verreist. Daheimbleiben ist kein richtiger Urlaub. Darin hat sich der Sinn des Wortes gewandelt. Urlaub ist jetzt von zuhause wegfahren und anderswo Sonne, Meer, Berge genießen.
Auch die Rentner und Pensionäre nehmen Urlaub, obwohl sie außer ihrem Geldbeutel niemanden mehr um Erlaubnis fragen müssen. Die rüstigen Seniorinnen und Senioren sind jetzt die bevorzugte Zielgruppe der Reiseveranstalter. Zu erholen brauchen sie sich nicht. Sie wollen unterhalten, beschäftigt, bedient werden. Schon am Flughafen von der fähnchentragenden Helferin empfangen, mit dem Transfer zum Hotel, um alsbald mit Bussen zu den Sehenswürdigkeiten gekarrt zu werden. Es stört sie nicht die Schlange am Büfett, sie lernen Handtücher früh verteilen, mit anderen Handtuchlegern streiten. Und abends bespaßt zu werden. Daheim endlich kann man sich erholen von der anstrengenden Reise. Umkehrung der Bedeutung. Jetzt endlich ist Urlaub vom Urlaub: ausschlafen, beim Frühstück die Zeitung lesen, selber kochen, Mittagsschläfchen und einfach entspannen. Dabei stellen wir beruhigt fest: Wir sind noch immer dieselben. Auch im Urlaub hatten wir uns selber mitgenommen und nun wieder heimgebracht.

Evangelisch - Infobrief vom 8. Dezember 2017

Das ist heutzutage ein Etikett für die Religionszugehörigkeit: Mitglieder der Evangelischen Kirche Deutschlands, in der Einkommenssteuererklärung mit ev. abgekürzt. Wie kam es zu dieser Bezeichnung? Das Adjektiv gehört zu den ältesten Wörtern der deutschen Kirchensprache, schon im frühen 9. Jahrhundert als evangêlisc überliefert, entlehnt aus lateinisch evangelicus, dieses aus griechisch εύαγγɛλικός [euanggelikos], abgeleitet aus dem Substantiv εὐαγγέλιον [euanggelion], die „gute Botschaft“ von Geburt, Wirken und Sterben Jesu Christi. Wir haben das lateinische Wort Evangelium übernommen. Nur den Angelsachsen gelang eine Übersetzung, altenglisch god-spell, aus dem der Gospel, der religiöse Gesang der Afroamerikaner hervorging.
Seine heutige Bedeutung erhielt evangelisch erst durch Martin Luther, der das Evangelium zum alleinigen Richtpunkt seines Glaubens machte. Luther hat die ganze Bibel durch seine geniale Übersetzung zum Leittext der Reformation gemacht. Evangelisch wurde das Fahnenwort des neuen Glaubens und schließlich zur Bezeichnung der neuen, der evangelischen Kirche.

Die Evangelischen nennen sich auch Protestanten und ihre Religion protestantisch. Warum? Das Wort nimmt Bezug auf die sogenannte Protestation der evangelischen Stände auf dem Reichstag zu Speyer am 29. April 1529. Dies war ein Bekenntnis für die Reformation und richtete sich gegen die Aufhebung der zugesicherten Glaubensfreiheit. Als protestantisch verstehen sich seitdem alle nachreformatorischen Kirchen von den Anglikanern bis zu den Mennoniten.
Manche denken bei dieser Selbstbezeichnung wohl auch an den Protest gegen alles Katholische: die erzwungene Ehelosigkeit der katholischen Priester, die ungleiche, die entwürdigende Behandlung der Frauen und natürlich das autokratische Regiment der Päpste. Im Lutherjahr allerdings scheinen die Protestanten ihren Kampfgeist aufgegeben zu haben für einen ökumenischen Status quo. Eine große Koalition, welche die christliche Tradition lustlos verwaltet. Was sagt hier ein Vergleich mit der Glaubensgewissheit muslimischer Flüchtlinge?
Besinnen wir uns auf den alten Sinn des Wortes evangelisch! Auf das Studium unserer Lutherbibel, das Buch der Bücher, dieses einzigartige Dokument aller christlichen Religionen!

Subsidiär - Infobrief vom 1. Dezember 2017

Was heißt eigentlich subsidiär und was bedeutet subsidiärer Schutz? Politikern ist dieser Ausdruck in der Flüchtlingsdebatte geläufig. Sie hantieren damit, als wüsste jeder, was gemeint ist. Aber das Wort ist der Alltagssprache fremd. Das Duden Fremdwörterbuch verrät a) unterstützend, hilfeleistend, b) behelfsmäßig. Das hilft wenig weiter. Das Internet informiert: Subsidiären Schutz genießen jene Flüchtlinge, die keinen Anspruch auf Asyl haben (im Sinne der Genfer Flüchtlingskonvention), denen aber gleichwohl Unheil droht, wenn sie in ihre Heimat zurückkehren. Es geht hier um europäisches Recht gemäß der EU-Richtlinie 2011/95/EU vom 13. Dezember 2011. Danach haben diese Flüchtlinge zunächst ein Bleiberecht für ein Jahr, das kann verlängert oder – bei Besserung der Lage in ihrer Heimat – verweigert werden. Dann droht die Abschiebung, es sei denn, eine Klage bei einem Verwaltungsgericht zieht die Sache hinaus. Hinzukommt ein Bündel weiterer Nachteile beim Aufenthaltsrecht, auf dem Arbeitsmarkt, bei Hartz IV und besonders beim sogenannten Recht auf Familiennachzug, für Kinder, Eltern, Geschwister. Kurz gesagt: Das ist Schutz 3. Klasse. Dennoch suchen Hunderttausende diese Hilfe, Maghrebiner geben sich als Syrer aus, wo noch immer Bürgerkrieg herrscht. Alles, um wenigstens subsidiär geschützt zu werden.

Warum ist uns dieses Wort so fremd? Weil es offenbar eine Übernahme aus dem französischen Text der EU-Richtlinie ist: La protection subsidaire wurde im Deutschen zum subsidiären Schutz. Im Französischen ist subsidaire ein seit Jahrhunderten bekanntes Fachwort im Sinne von ‚hilfsweise‘, hier also geht es um ‚hilfsweisen Schutz‘ für jene, die kein Asylrecht erhalten. Die Übersetzer ins Deutsche haben es sich leicht gemacht: schlampig und gedankenlos einfach das kaum bekannte Pendant aus dem Wörterbuch gezogen. Gefragt war hier der Sinn. Und der Weg in eine humane, geordnete Lösung. Darüber ist eine Koalition zerbrochen.

Zusammenraufen oder zusammen raufen? - Infobrief vom 24. November 2017

So kommentierte ein Journalist die Koalitionsverhandlungen. Er gab den Wörtern eine dezidierte Betonung: zusámmenraufen (mit Hauptbetonung auf zusammen) und zusammen ráufen (mit Hauptbetonung auf raufen). Ein hübsches Wortspiel mit den Ausdrucksmöglichkeiten des Deutschen. Entweder finden sich die Unterhändler raufend zusammen oder sie raufen nur zusammen, d. h. mit- und gegeneinander. Was beim Sprechen die Betonung macht, das leistet beim Schreiben die Zusammenschreibung. Sie sagt uns: Das ist ein Wort. Schreibt man aber zusammen und raufen getrennt, dann ist zusammen Adverb und hat einen anderen Sinn, soviel wie ‚gemeinsam‘. Was äußerlich ähnlich scheint, ist doch semantisch und syntaktisch sehr verschieden. Hier ein Kompositum, im Deutschen immer erstbetont. Dort eine syntaktische Fügung. Die Jamaikaner wären also besser nicht nur zusammen zum Tagungsort gekommen, sondern am Ende auch in der Sache zusammengekommen.

Das scheint alles etwas kompliziert. So dachten auch die Akteure der Rechtschreibreform und verlangten, diese diffizile Unterscheidung zu beseitigen, damit das Schreiben einfacher wird. Künftig sollte in vielen hundert ähnlichen Fällen immer getrennt geschrieben werden. Dagegen erhob sich vielstimmiger Widerspruch aus der Sprachgemeinschaft. Ein schlagendes Argument war dabei das folgende Beispiel. Man vergleiche die folgenden Sätze

(1) Die Geschworenen entschieden sich, den Angeklagten freizusprechen.
(2) Politiker sollten lernen, am Podium frei zu sprechen.

Das transitive Verb freisprechen (1) ist offensichtlich ein eigenes, zusammengesetztes Wort mit eigener Bedeutung. In Satz (2) dagegen ist frei ein Adverb zu sprechen, das die Art des Sprechens (ohne Manuskript) näher bestimmt. Wir sehen an diesen Beispielen, dass Betonung oder Nichtbetonung eines Wortes ein wichtiges semantisches Unterscheidungskriterium ist. Und da das Deutsche gerade die Komposition – viel häufiger als andere Sprachen – als Instrument der Wortschatzerweiterung nutzt, geht es hier um Wesentliches.

Das haben auch die 40 Mitglieder des Rats für deutsche Rechtschreibung erkannt und 2006 empfohlen, die alte Unterscheidung wieder einzuführen. Und seitdem geht es wieder. Man sieht: Der beste Leitfaden für richtige Orthographie ist es, die vielfältige Differenziertheit unserer Sprache auch im geschriebenen Deutsch auszudrücken.

Flüchtlinge oder Geflüchtete? - Infobrief vom 17. November 2017

Es gibt seit einigen Jahren eine Debatte, ob das Wort Flüchtling die Betroffenen diskriminiere. Man solle sie lieber (und korrekter) Geflüchtete nennen. Dahinter steht die Befürchtung, ein vermeintlich abwertendes Wort schade den Genannten, und andererseits die Erwartung, ein neues Wort schaffe sprachliche Gerechtigkeit und werde auch jene in der Wirklichkeit verbessern. Untersuchen wir, wie es sprachlich mit Flüchtlingen beziehungsweise Geflüchteten steht.

Im heutigen Deutsch gibt es ca. 120 Wörter auf -ling, einige sehr häufig, viele selten. Die meisten charakterisieren Personen nach bestimmten Eigenschaften wie Jüngling, Feigling, Häftling, Abkömmling, Säugling. Auffällig sind außerdem die vielen Namen für Pilze, Vögel, Fische (z.B. Täubling, Sperling, Stichling). Ein Großteil der Wörter ist schon mittelhochdeutsch belegt, viele sind heute nicht mehr durchsichtig (z. B. Zwilling, Engerling), Neubildungen gibt es kaum. Deshalb lässt sich die Funktion des Suffixes nur sehr allgemein bestimmen: mit dem Suffix -ling werden Bezeichnungen für Personen, Tiere, Pflanzen nach bestimmten Eigenschaften gebildet. Diese sind im Grundwort (Adjektiv, Substantiv, Verb) genannt: z. B. Jüngling (nach jung), Günstling (nach Gunst), Täufling (nach taufen). Eine diminutive Funktion, also eine Verkleinerung, liegt nirgends vor. Dagegen begegnet bei einer kleinen Gruppe eine pejorative Funktion. Sie werden aus Substantiven auf -er gebildet wie Dichterling, Schreiberling. Unser Flüchtling hat damit ebenso wenig zu tun wie Lehrling, Zögling, Häuptling. Wenn manche Sprachbeobachter gleichwohl beim Flüchtling etwas Abschätziges wahrnehmen, so spiegelt das nur die öffentliche Debatte um das Verhalten einiger Flüchtlingsgruppen. Mitgefühl vermengt sich manchmal mit Sorge um eine drohende eigene Benachteiligung. Man kann nicht verhindern, dass die Wörter auch Nebenbedeutungen tragen, die auf den Einschätzungen des Bezeichneten beruhen. Die Verbannung des Wortes ist dagegen kein Heilmittel.

Beim Wort Flüchtling sind das nur Nebenaspekte. Das Wort ruft Erinnerungen wach an Flucht, Vertreibung und Emigration in unserer eigenen Geschichte. Es hat seit der Aufklärung einen festen Platz im deutschen Wortschatz, ist Kern einer großen Wortfamilie aus Ableitungen und Zusammensetzungen. Und als übergeordnete Sammelbezeichnungen für die unterschiedlichen Gruppen, die aus Not oder aus Armut zu uns kommen, ist es unentbehrlich.

Das Partizip Perfekt Geflüchtete vom Verb flüchten kann dies nicht ersetzen. Es legt den Fokus auf den Abschluss des Flüchtens und blendet aus, dass eine Flucht aus der angestammten Heimat ganze Schicksalsjahre umfasst: von den Gefahren der Flucht bis zum Ringen um Anerkennung, Arbeit und Wohnung. Geflüchtete ist zunächst nur eine ad-hoc-Substantivierung. Einen festen Platz im deutschen Wortschatz müsste es erst erringen. Das wird schwer sein, weil diese Bildung sich wenig eignet für weitere Ableitungen und Zusammensetzungen. Legen wir also dies Wort beiseite für gelegentlichen besonderen Gebrauch. Den Flüchtlingen hilft nur wirkliche Hilfe, keine Wortklauberei.

Karlsruhe - Infobrief vom 10. November 2017

„Damit gehen wir nach Karlsruhe“, ruft ein empörter Abgeordneter, und er meint damit eine Klage vor dem Bundesverfassungsgericht, das in Karlsruhe beheimatet ist. Der Ortsname steht hier für die Einrichtung in seinen Mauern, er hat damit gleichsam eine zusätzliche Bedeutung angenommen. Jeder, der den Sachzusammenhang kennt, versteht sofort, was gemeint ist. Allerdings verzeichnet dies kein Wörterbuch. Denn es handelt sich hier um ein semantisches Verfahren, das schon die antike Rhetorik beschrieben hat. Sie nannte es ‚Metonymie‘, d.h. soviel wie ‚uneigentliches Sprechen‘. Mit ‚uneigentlich‘ ist gemeint, dass ein Sachverhalt nicht direkt benannt wird, hier also als ‚Bundesverfassungsgericht‘ sondern eben indirekt durch Nennung des Ortes, an dem dieses Gericht seinen Sitz hat. Wir begegnen dieser Verwendung von Ortsnamen in unzähligen Varianten. Die Namen München, Nürnberg, Köln stehen in der Bundesliga für die Vereine, die dort zuhause sind. ‚Deutschland gegen Italien‘ ist die uneigentliche Kurzform für ‚die deutsche Nationalmannschaft spielt gegen die italienische‘. Regierungen werden oft nur durch Nennung der Hauptstädte Berlin, Paris, Washington benannt. Hamburg steht in Berichten für den G-20 Gipfel und die Krawalle, welche ihn begleiteten. Man kann sagen: Die Ortsnamen bieten eine appellative Kurzreferenz. Jeder versteht sie, der den sachlichen Zusammenhang zwischen dem Eigennamen und der eigentlichen Sache kennt. Es ist ein kreatives Verfahren, das allem menschlichen Sprechen in allen Sprachen eigen ist. Darum funktioniert es auch sprachübergreifend. Ein semantisches Wunder, von dem wir meist nur unbewusst Gebrauch machen.

Himbeerpalast - Infobrief vom 3. November 2017

Ein Märchenwort? Ein fernöstliches Reiseziel? Nein. So nennt man in Erlangen das himbeerfarbene Hauptgebäude der Firma Siemens, das weithin sichtbar die Macht der Weltfirma demonstriert. Dieser Spitzname hat sogar den Weg in kommunale und universitäre Verlautbarungen gefunden, seit Siemens einen neuen Campus errichtet und den alten Stammsitz an die Universität abgibt. Es soll den Philosophen zufallen, dankbaren Nachnutzern aufgegebener Gebäude. Man nennt solche im Volksmund entstandenen Wörter ‚inoffizielle Eigennamen‘. Sie sind nur den Einheimischen bekannt, ein ganz eigener Besitz, der Verbundenheit und Vertrautheit ausdrückt. Wer weiter auf die Suche geht, wird bald fündig bei Straßen, Plätzen, herausragenden Gebäuden.

Taxifahrer, die, von Nürnberg kommend, den Erlanger Osten ansteuern, kennen die ‚Panzerstraße‘, offiziell ‚Kurt-Schumacher-Straße‘. Den Namen hat die belebte Einfallsstraße von den amerikanischen Panzern, welche in den 60er und 70er Jahren bei Truppenübungen die Straße kreuzten und den Verkehr aufhielten. Lang ist‘s her, der Name blieb. Unlängst haben gewaltige Regenfälle eine enge Unterführung am Stadtrand unter Wasser gesetzt, sie heißt treffend ‚Mausloch‘. Der Name ist in die Straßenbauplanungen eingegangen. Auch Dialektales wird onomastisch genutzt. Einem ambitiösen Neubau soll die alte ‚Hupfla‘, der historische Gebäudekomplex der ehemaligen Psychiatrie, weichen. Selbst Neubürger kennen jetzt die Hupfla [Heil- und Pflegeanstalt]. Erlangen hat nur ein Hochhaus, genannt ‚der lange Johann‘ (an der Straße St. Johann).

Gängig sind Abkürzungen: Der zentrale Hugenottenplatz heißt nur ‚Hugo‘; ein altes Fachwerkhaus, das die alternative Jugend lange besetzt hielt, wird einfach B4 genannt (für Bismarckstraße 4). Zum Schluss sei ein Wahrzeichen der Stadt erwähnt, der ‚Berg‘, das malerische Gelände am Burgberg, an dem jährlich zu Pfingsten die Bergkirchweih stattfindet. Zum Berg wandern am Eröffnungstag die Lederhosenjungs und Dirndlmädels im ‚Kastenrennen‘, Bierkästen schleppend und leerend mit ‚Vorglühen‘ für den ‚Anstich‘.

Lust auf Lokales bekommen? Macht Euch daheim auf die Suche, liebe Leser, nach solchen Perlen onomastischer Kreativität, mit welcher die örtliche Bebauung sprachliche Aneignung erfährt.

Jamaika - Infobrief vom 27. Oktober 2017

Ist das eigentlich ein deutsches Wort? Ja und Nein. Wenn wir das Reiseziel meinen, dann gilt Nein. Sonst wären ja alle Namen von Städten, Inseln, Ländern, die wir gebrauchen, deutsche Wörter. Sie sind internationale Namen, an denen viele Sprachen teilhaben. Aber wenn wir an den täglichen Gebrauch in den Nachrichten denken, an die potentielle Koalition aus CDU/CSU, GRÜNEN und Liberalen – dann gilt Ja. Zumal dieser Gebrauch nur im Deutschen vorkommt. Wir können sagen: In dieser Bedeutung ist Jamaika ein deutsches Wort.

Wie kam es zu dieser Verwendung? Wir kennen alle den Zusammenhang: Unsere Parteien nutzen – aus Tradition oder eigener Wahl – Farben als Symbol: Rot für Sozialisten und Kommunisten, nach dem Vorbild der französischen Jakobiner, Gelb haben die Freidemokraten gewählt – ihr langjähriger Vorsitzender Genscher trug deshalb immer einen gelben Pullover. Die Grünen haben gleich die Farbe als Name übernommen – nichts lag näher bei einer Ökopartei. Den Christlich- Sozialen fiel schwarz zu, wohl ungewollt, nach den Kutten der Priester.

Überträgt man diese Farbsymbole auf Koalitionsmuster, entsteht zum Beispiel schwarz-gelb-grün. Dies sind die Farben auf der Nationalfahne von Jamaika. Mit unserem Jamaika machen wir einen semantischen, einen metonymischen Doppelsprung: Wir lassen den Namen des Landes für seine Fahne sprechen und deren Farben für die Koalition. Ganz ähnlich bei der sogenannten Ampel (verkürzt für Verkehrsampel): rot-gelb-grün, die Koalition aus SPD, FDP und GRÜNEN. Und in Österreich war gar von einer möglichen ‚Dirndl-Koalition‘ die Rede, aus ÖVP, GRÜNEN und NEOS, also rot-grün-pink wie viele Dirndl. Jüngst hat die FDP einen weiteren Ausdruck erfunden: Kleeblatt-Koalition – wegen der vier beteiligten Parteien. Mit dem Hintersinn von Seltenheit und gleichem Anspruch.
Fazit: Für gängige Phänomene brauchen wir einfache, sprechende Wörter. Oft genügt es, den vorhandenen neue Bedeutungen zu geben. Jamaika und Ampel, vielleicht sogar das symmetrische Kleeblatt sind der Mutterboden neuer Bedeutungen. So beleben, so bereichern wir unser Deutsch.

Sprache als Heimat - Infobrief vom 20. Oktober 2017

„Verstehen und verstanden werden: das ist Heimat“, erklärte Bundespräsident Steinmeier am Tag der deutschen Einheit. Dies schien mir vor allem übertragen gemeint: Verständnis füreinander haben, miteinander vertraut werden – das erzeugt das Gefühl von Heimat. Nicht falsch, aber nicht genug. Denn viel elementarer ist der wörtliche Sinn: die Sprache des anderen verstehen und sie gebrauchen können. Das Reden miteinander geht dem Verständnis füreinander voraus. Wer eine neue Sprache erlernt, gewinnt eine neue Heimat, nimmt Teil an dem Gemeinschaftsgefühl, das Sprache erzeugt. Das größte Leid, das die deutschen Emigranten aus Nazi-Deutschland erfuhren, war ihr Ausschluss aus der deutschen Sprachgemeinschaft. Deshalb suchen Flüchtlinge den engen Kontakt mit ihresgleichen. Griechen zu Griechen, Türken zu Türken – so entstehen heimatliche Kommunikationsnetze. Das bezeugen auch die vielen Begegnungen im kalifornischen Haus des Emigranten Thomas Mann.

Gerne ziehen Flüchtlinge in Stadtviertel, wo ihre Sprache gesprochen wird. Frauen kommen dort zunächst ohne Kenntnisse des Deutschen aus. Sie sind auch sprachlich das familiäre Symbol der verlassenen Heimat. Viele finden Heimat vor allem in ihrer Religion, die in vertrauter Sprache verkündet wird. So erging es schon den Quäkern und den Mennoniten in Amerika.

Gestatten wir den Flüchtlingen in unserem Land, sich ihrer Heimat auf diese Weise erneut zu vergewissern, sobald sie mit unserer Hilfe Gesundheit und Leben gerettet haben. Wir Deutsche, die wir zumeist in einer monolingualen Welt, also einsprachig leben, sollten lernen, das anzuerkennen und zu würdigen. Die neue Heimat ist nicht zu gewinnen, indem man die alte wegwirft.

Was für ein Glück, dass der Mensch sich mehrere Sprachen aneignen und in mehreren Heimaten zuhause sein kann!

Respekt - Infobrief vom 13. Oktober 2017

Respekt! Respekt! bekundet der Moderator einem Gast, nachdem er ihn freundlich ausgefragt hat. Seine Anerkennung gilt der Absicht zu großmütiger Spende, der familiären Fürsorge und natürlich dem Alter, das man ihm, vor allem ihr, überhaupt nicht ansieht. Die Wendung stammt ursprünglich aus dem Offiziersjargon und ist wohl dem französischen respect entlehnt, denn einst parlierte auch das deutsche Offiziers-Chorps französisch. Es war ein knappes Lob für erwiesenen Mut, für bemerkenswertes Trinkvermögen, auch erotische Eroberung. Respekt! Respekt!

Anders der heutige Gebrauch von Politikern, wenn sie jemandem Respekt zollen. Die Wendung enthält zugleich eine gewisse Distanzierung. Oft wird dem Gegner, dem Rivalen Respekt gezollt. Etwa bei Preisverleihungen, am liebsten am Grab. Das Verb zollen begegnet heute nur in diesem Zusammenhang. Die ursprüngliche Bedeutung ‚Zoll entrichten‘ ist untergegangen. Das Stereotype der Wendung passt im übrigen gut zu dem formelhaften Charakter, mit dem Respekt gezollt wird. Nur im Wahlkampf unterbleibt diese Anerkennung. Sie könnte als Vorbote künftiger Koalitionsverhandlungen missdeutet werden.

Zum Umfeld dieses Lehnwortes gehört auch unsere Rücksicht, eine wörtliche Nachbildung (Lehnübersetzung) von lateinisch respectus, das wörtlich ‚Rückschau’ bedeutete, aber von den Römern auch schon übertragen (‚Rücksicht‘) gebraucht wurde. Lessing hat die deutsche Übersetzung propagiert und erfolgreich durchgesetzt. Damals kämpften die deutschen Schriftsteller noch gegen die Übermacht von Latein und Französisch. Die Rücksicht hat das Fremdwort Respekt inzwischen in Nischen der Verwendung verdrängt. Eigenständige Erweiterungen wie rücksichtsvoll und rücksichtslos haben das Wortfeld vervollständigt.

Diese Tradition kreativer Aneignung durch Lehnübersetzung wird Ende des 19. Jahrhunderts durch den national gesinnten Allgemeinen deutschen Sprachverein wiederaufgenommen. Mit amtlicher Unterstützung wird das Auto(mobil) jetzt Kraftfahrzeug genannt und das Telefon soll Fernsprecher heißen. Allerdings wehrt sich die Alltagssprache erfolgreich gegen umständliches Amtsdeutsch, so entstanden Dubletten offizieller und alltäglicher Verwendung. Heute ist Englisch die häufigste Kontaktsprache des Deutschen und Kandidat für Ersatz. Manches gelingt, anderes nicht. So konnten sich schon in den 70er Jahren Luftsack oder Prallsack (die ursprünglichen Vorschläge) nicht gegen den Airbag durchsetzen. Dagegen hat die Computerbranche Datenbank und Datenverarbeitung (für englisch data-bank und data-processing) erfolgreich eingeführt. Nur Laien reden vom Computer, Experten fachkundig von ihrem Rechner. Hier knüpft der Klapprechner (für laptop) an. Vielleicht hat sogar das fränkische Wischkästla eine Chance gegen das Smartphone. Sprachkontakt kann belebend, aber auch erdrückend sein. Über ihren Wortschatz entscheiden die Verbraucher selber. Das sollten sie sich nicht nehmen lassen.

Handy - Infobrief vom 6. Oktober 2017

Dies ist einer der erfolgreichsten Anglizismen im gegenwärtigen Deutsch. Er klingt typisch englisch (mit kurzem e wie bei Camp, Fan, Champion) und endet mit einem typisch englischen –y wie in Baby, Pony, Party. Aber bekanntlich gibt es dieses Wort im Englischen gar nicht. Dort heißt das kleine Gerät einfach mobile (abgekürzt aus mobile phone). Daraus wurde der offizielle deutsche Name Mobiltelefon abgeleitet. Er ist über das Amts- und Geschäftsdeutsch nicht hinausgekommen. Die Verbraucher haben sich längst für das griffige Handy entschieden und zig neue Zusammensetzungen kreiert vom Handyanbieter übers Seniorenhandy bis zum Handyvertrag.

Woher kommt dieser eingängige Anglizismus? Deutsche Hobbyfunker sollen das Handmikrofon ihres Funkgeräts so benannt haben, vielleicht nach den Handie Talkies, den tragbaren Funkgeräten der Firma Motorola aus den 40er Jahren. Auf diesem Umweg wurde das englische Adjektiv handy ‚handlich, griffbereit‘ zu einem deutschen Substantiv. So erklärt sich auch, warum dies Wort nur im Deutschen und in keiner anderen Sprache heimisch wurde. Man könnte es in die Kategorie ‚German English‘ aufnehmen, unseren Beitrag zum Lexikon des Englischen.

Könnte man es auch Händi schreiben? Das Deutsche Fremdwörterbuch (Band 7, 2010, S. 45) verzeichnet zwei Belege für Händy. Daneben begegnet anfangs „Handy“ mit Anführungszeichen – eine typische Markierung neuer Entlehnungen. Sehr schnell setzt sich dann die englische Schreibung und Aussprache im Deutschen durch. Das entspricht seit Beginn des 20. Jahrhunderts dem üblichen Umgang mit englischen Entlehnungen. Eine Ausnahme ist Streik für englisch strike. Beim Handy kommt eines hinzu: Die erkennbare Verwandtschaft mit deutsch Hand und englisch hand in Schreibung, Aussprache und Bedeutung gibt dem Wort einen sicheren Halt. So stützt die Sprachverwandtschaft auch den erfolgreichen Sprachkontakt.

GroKo - Infobrief vom 29. September 2017

Diese spöttische Abkürzung für Große Koalition gibt es bereits seit dem 13.6.1969, als die ZEIT die damalige Regierungskoalition von CDU/CSU und SPD kurzerhand Groko nannte, gerne auch mit auffälligem großen K als GroKo geschrieben. Das neue Kurzwort eroberte im Nu die Talkshows und die Zeitungskommentare. 2013 wurde es sogar zum Wort des Jahres gewählt, als Angela Merkel die SPD knapp überholte und fürs Regieren ins Boot nahm.

Was ist das Besondere an diesem Kurzwort? Groko klingt irgendwie lautmalerisch, man weiß aber nicht wonach. Es könnte auch aus Kindermund stammen, man weiß aber nicht wofür. Es ähnelt dem Kroko, hat aber nichts mit dem Krokodilleder zu tun. Das Besondere liegt in der Art der Bildung. Es werden die Rümpfe der beiden Wörter, Gro und Ko – die jeweils erste Silbe, der Rest ist amputiert –, zu einem Kurzwort zusammengefügt. Darin steckt eine Parallele zur Großen Koalition. Groko bildet gleichsam in sprachlicher Form die etwas künstliche Zusammenarbeit der beiden großen Parteien ab. In langen Koalitionsverhandlungen wurde gestutzt und geschönt, bis Groko herauskam.

Im Umfeld der unzähligen Abkürzungen im Deutschen sind diese Kurzwörter eine Ausnahme. Zu vergleichen mit Stuka (für Sturzkampfflieger) und Gestapo (für Geheime Staatspolizei). In meiner Kindheit wanderte ein Eisverkäufer mit Mizentra den Strand entlang. Erst später erfuhr ich, dass dies Eis aus der Milchzentrale stammte. Dem Englischen entlehnt sind ähnliche Bildungen: Hifi (für High fidelity) und die Programmiersprache Fortran (für Formula Translator).

Am häufigsten werden Abkürzungen in fast allen Sprachen aus den Anfangsbuchstaben zusammengesetzt. Es wimmelt im Deutschen von solchen Initialwörtern. Was machten wir ohne Kfz, Bafög und TÜV? Die Langformen Kraftfahrzeug, Bundesausbildungsförderungsgesetz und Technischer Überwachungsverein werden allenfalls in amtlichen Dokumenten benutzt. Ausgesprochen werden diese Abkürzungen nach den Buchstabenzeichen, also kaeffzett für Kfz. Manchmal können die Buchstaben auch phonetisch verbunden werden, so wird der TÜV als tüff gesprochen.

Die seltene, etwas verrückt klingende Bildung GroKo signalisiert auch das Unpassende großer Koalitionen in der Demokratie. Geschätzt werden sie trotzdem.

Leidensdruck - Infobrief vom 22. September 2017

Der Ausdruck ist vielen Patienten aus Arztbriefen vertraut. Nach einer Diagnose und dem Rat zu einer OP, zum Beispiel für eine Endoprothese an Hüfte oder Knie – was das ist, hat er mündlich „ausführlich“, wie er behauptet, erläutert –, folgt der Hinweis, es hänge vom Leidensdruck ab, wann er (also der Patient) sich dazu entscheide. Zu weiterer Beratung sei er jederzeit bereit (Telefonnummer in Klammern). Damit ist die therapeutische Entscheidung geschickt in die Hände des Patienten verlagert. Es heißt, die meisten entschieden sich zu spät, der ideale Zeitpunkt sei allerdings schwer zu treffen. Immerhin seien Patienten nach einer erfolgreichen, zuvor selbst bestimmten OP viel glücklicher als nach einer verordneten.

Wo ist hier der sprachwissenschaftliche Kommentar? Als erstes das Erstaunen, wie gewandt Ärzte ihre Fachsprache verlassen können, wenn die Beihilfe (und Mitverantwortung) des Patienten erwünscht ist. Und das Wort selbst? Es hat nichts Ungewöhnliches, außer einem: Es steht nicht im Grimm und nicht im Duden. Man versteht es, ohne es je zuvor gehört oder gelesen zu haben. Ein Kompositum aus zwei Substantiven, etwa in der Bedeutung ‚Druck, den ein Leiden erzeugt‛. Die Frage ist: Wie funktioniert das Verstehen solcher Neubildungen? Wir finden sie ja nicht in dem lexikographischen Speicher in unserem Kopf. Unsere Sprache verfügt jedoch zusätzlich über ein Regelwissen, wie neue Wörter gebildet werden können, eine Art Wort-Syntax. Und das funktioniert auf zweierlei Weise: produktiv, wenn wir selbst ein neues Wort kreieren und benutzen, und reproduktiv, wenn wir ein zuvor nie gehörtes hören und gleich verstehen. So geschehen beim ‚Leidensdruck‛, der keines weiteren Kommentars bedarf – außer der Prüfung der eigenen Leidenserfahrung und der Nötigung zur Entscheidung: wann, wo, von wem und ob überhaupt.

Jobcenter - Infobrief vom 15. September 2017

Ist Jobcenter eigentlich das richtige Wort für Einrichtungen, die vor allem damit befasst sind, bedürftigen Arbeitslosen eine gewisse Grundsicherung zu verschaffen? Sie prüfen mit genauesten Nachfragen die Bedürftigkeit, vermitteln und verlangen Fortbildungen, sorgen für Wohnung und Krankenversicherung und bestrafen ihre Klientel, wenn sie sich dem bürokratischen Aufwand verweigert. Jobcenter ist ein englisches Lehnwort. In Großbritannien bezeichnet jobcentre die Arbeitsvermittlung, wie einst unser deutsches Arbeitsamt. Job steht dort im weitesten Sinne für ‚Arbeit‘. Im Deutschen dagegen hat Job zumeist die eingeschränkte Bedeutung ‚Gelegenheitsarbeit‘. Dem entspricht das Jobben von Schülern und Studenten. Ferienjobs sind beliebt. Das Jobcenter ist aber keine Vermittlung von Gelegenheitsjobs sondern die örtliche Vertretung der Mammutbehörde ‚Agentur für Arbeit‘. Agentur klingt nach mehr als schlichtes Amt. Das Behördliche, das Beamtenmäßige soll damit ausgeblendet werden. Die Jobcenter haben nun eine doppelte Aufgabe: sie sollen Arbeit vermitteln wie einst die Arbeitsämter und soziale Leistungen verteilen wie einst die Sozialämter. Dies von dem ehemaligen VW-Manager Peter Hartz Anfang unseres Jahrhunderts entwickelte Konzept wurde bundesweit als großartige Innovation gefeiert. Kritiker bemängeln inzwischen den unmäßigen Verwaltungsaufwand, die Entwürdigung der arbeitslosen Kostgänger zu gegängelten Bittstellern, die Nutzlosigkeit von Fortbildungen und besonders den geringen Erfolg bei der Arbeitsvermittlung. Gibt es hier vielleicht Parallelen zum sauberen Diesel von VW? Wir fragen: War die Verwendung des entlehnten Wortes nicht eine euphemistische Schwindelei? Sollte das umgangssprachliche Kurzwort Job den wahren Charakter dieser Behörde verschleiern? Stattdessen Lockerheit, Jugendlichkeit und Aufgeschlossenheit demonstrieren? Damals waren Anglizismen ein angesagter Modetrend. Überall sprossen points aus dem Boden, Zentren wurden zu centers. Bahn und Post, ehemals (im Kaiserreich) Vorreiter in der Integration von Entlehnungen, versuchten sich anglisierend anzubiedern. Dort hat Einsicht zur Wende geführt. Geblieben sind uns die Jobcenter, welche die Arbeitslosigkeit verwalten.
Um das behördliche Ungetüm hat sich ein ganz eigenes Wortfeld entwickelt. Die Stütze, wie es einst hieß, wird jetzt Hartz IV genannt, die Bezieher nennen sich Hartzer. Wer nur wenig verdient und etwas dazubekommt, heißt Aufstocker. Für die aufwendige Bedürftigkeitsprüfung wurde die Bedarfsgemeinschaft geprägt, und was man vom eigenen Vermögen oder von Zuwendungen Dritter behalten darf, heißt Schongeld. Um alles kümmern sich jetzt die Fallmanager. Bei der Berechnung der Armut, die es nachzuweisen gilt, hilft ein Hartz-IV-Rechner. Sollte Missbrauch nachgewiesen werden, ist ein Blick in die Pfändungstabelle hilfreich. Überall wuchern Abkürzungen, die nur Insider verstehen: ARGE SGB II für Arbeitsgemeinschaft Sozialhilfegesetz II, seit 2010 umbenannt in Arbeitsagentur, ALG II für Arbeitslosengeld II (die ehemalige Sozialhilfe, welche nicht mehr heißen soll, was sie ist).
Den größten Erfolg verdanken die Jobcenter ihrer Abschreckung, der Abwanderung in Minijobs, in die Schwarzarbeit oder ins Obdachlosenleben. Tatsächliche Hilfe, die trotzdem mancherorts gelingt, ist eher Beifang neben dem Verwalten der „Staatsknete“. Leichten Erfolg erzielen die Jobcenter übrigens bei der Vermittlung von Mitarbeitern für den eigenen wachsenden Bedarf.

“Ich bin der Horst“ - Infobrief vom 8. September 2017

So stellt sich der agile Moderator der Kölner Trödelschau gerne vor und seine Gäste freuen sich, auch selber geduzt zu werden. Nur manchmal betont Horst Lichter den älteren, der das Vorrecht habe, das vertrauliche Du anzubieten. Meist aber braucht es diese Förmlichkeit garnicht. Alle erwarten längst, endlich sein Freund zu werden. Im Anbieten, Bewerten und Versteigern von Kunst und Krempel, von Püppchen und Bronzen, alten Werkzeugen, antikem Schmuck und allerlei Herumstehchen gehen alle Klassen- und Altersunterschiede unter. So auch die Distanz, welche das traditionelle deutsche Sie erzeugt.

Wird hier das Ende des Siezens eingeläutet? Büßen wir damit die Unterscheidung von höflicher Distanz und vertraulicher Nähe ein? Noch ist das Sie die unmarkierte Normalform unter Erwachsenen. Kinder und Jugendliche duzten sich schon immer, oft auch Sportsfreunde, Vereinsmitglieder, Parteifreunde, Arbeitskollegen – eben ein Ausdruck von Solidarität oder gewachsener Vertrautheit im gemeinsamen Umfeld. Aber neuerdings wird das via Fernsehen auch öffentlich. Sportreporter, Talkshow-Moderatoren, selbst Nachrichtensprecherinnen plaudern mit Karl und Sabine, Eveline und Hans irgendwo in Übersee oder am benachbarten Tresen.

Was hat es mit diesem binären System der Anrede auf sich? Sprachgeschichtsforscher sind dem Phänomen seit langem auf der Spur, weil es Abbild sozialer Verhältnisse ist. Seine Ursprünge liegen in der Ständegesellschaft. Aus indirekter Nennung („Haben Ihre Hoheit …“) wurde eine pronominales Sie der Ehrerbietung. Erst das städtische Bürgertum des 19. Jahrhunderts hat dies umfunktioniert zu einem generellen Du/Sie-System. Auf dem Lande herrscht oft noch heute das einfache Du vor. Vielleicht hat die 68er Revolte der Jugend gegen die bürgerlichen Eltern die Wende ausgelöst. Seitdem dokumentieren Umfragen den Niedergang des Sie, im Generationenschritt. Denn Sprachwandel geht langsam. Wird das demnächst den Umgang der Deutschen zu steter Freundlichkeit revolutionieren? Kaum zu hoffen. Denn die Abschaffung sprachlicher Unterschiede kann soziale Distanzen nicht beseitigen. Der Wegfall des Sie schafft nur scheinbare Gleichheit. Aber vorerst funktioniert die Illusion, dass ein schnelles Du gute Freunde macht.

Erneuerbare Energien - Infobrief vom 1. September 2017

„Sagen Sie mal, bei diesem Ausdruck stimmt doch etwas nicht, das müssen Sie als Germanist doch wissen“, so hat mich ein Kollege von der Physik angesprochen. „Energie kann gar nicht erneuert werden“, doziert er, „sie schwindet nicht, sondern wandelt sich nur. Wenn Sie Ihr Öl verheizen, wandelt es sich in Wärme. Das Öl ist weg. Anders natürlich bei Energiequellen, die niemals versiegen wie Sonne, Wind und Wasser. Aber die Energie, die wir dort mit teurem Geld anzapfen, ist auch weg, wenn wir mit ihr geheizt haben.“

Also was heißt ‚erneuerbare Energie‛? Es sind Energiequellen mit Nachschub aus der Natur. Dass sie sich erneuern oder gar, dass wir sie erneuern, ist Quatsch. Sie versiegen bloß nicht.#

Ich bin belehrt und frage mich, wie der Ausdruck entstanden sein mag. Ich vermute einen Ersatz für englisch regenerative, das ursprünglich einfach als regenerativ ins Deutsche entlehnt wurde. Man übersetzt es mit ‚sich erneuernd, nachwachsend‛. Falsch ist in dem Wort erneuerbar nur die Verbindung mit -bar. Dieses Suffix verleiht einem Verb eine passive Bedeutung: machbar heißt ‚kann gemacht werden’ und lieferbar ‚kann geliefert werden‘. So erweckt erneuerbar den falschen Eindruck, als könne Energie neu gewonnen werden, was natürlich nie geht. Die Entlehnung regenerative Energie war eigentlich besser. Wir bezeichnen damit Energiequellen (nicht Energie), die niemals verbraucht werden, weil die Vorräte unendlich groß sind und immer wieder Nachschub erhalten. Aber erneuerbar sind sie nicht. Sonst hätten wir endlich das perpetuum mobile.

Das verflixte ‚noch‘ - Infobrief vom 25. August 2017

Kaum ist der Mensch in Rente, pensioniert oder emeritiert, kurz gesagt, beruflich abgemeldet und verabschiedet, da beginnt die Herrschaft des Wörtchens noch. Wie die Mäusebussarde über der Autobahn schweben sie in die Wünsche, Lobpreisungen und gut gemeinten Feststellungen ein. „Hat noch vieles vor“, „ist noch voll dabei“, „noch längst nicht abgemeldet“.

Wer älter wird und es nicht sein möchte, dem ist das verflixte noch seit langem vertraut. Man freut sich nur halb über solche Bekundungen, dies trügerische Lob.

Denn was steckt hinter diesem unscheinbaren Wörtchen? Das große Dudenwörterbuch vermerkt „drückt aus, daß ein Zustand, Vorgang weiterhin anhält [aber möglicherweise bald beendet sein wird]“. Die Klammer ist das Unangenehme. Unser kleines Zeitadverb kündigt indirekt das Ende dessen an, was eben noch da ist. Aber wie lange? Das Wörtchen hat die Eigenschaft, das Gesagte sanft in Zweifel zu ziehen.

Zum Trost sei an das Gegenstück erinnert: das Wörtchen schon. „Schon wieder gesund“, „schon Professor“, „schon drei Kinder“. Das drückt zunächst Bewunderung und Anerkennung aus, kann aber auch Verwunderung meinen für ein Zufrüh, gemessen am Gewohnten, am Erwarteten. Darin gleichen sich die beiden Zeitadverbien. Sie kennzeichnen, was vorn und hinten, was am Rande der Normen des Alltags liegt. Was sich in freundliche Worte kleidet, ist zugleich verborgene Kritik oder wenigstens ein Kopfschütteln. Ich erinnere mich meiner Studentenzeit: „Noch kein Examen, aber schon verheiratet! Was soll bloß aus ihm werden!“

Seien Sie also vorsichtig mit noch und schon. Sie haben einen doppelten Wert: das freundlich Gesagte und das kritisch Mitgemeinte.

DUDEN - Infobrief vom 18. August 2017

Was hat der Duden mit der Litfaßsäule und dem Einwecken gemeinsam? Alle drei Wörter gehen zurück auf die Familiennamen eines Erfinders. Der Druckereibesitzer Ernst Litfaß erfand die Anschlagsäulen, die er 1855 erstmals in Berlin aufstellen durfte. Der Fabrikant Johann Carl Weck produzierte 1895 erstmals die nach ihm benannten Einmachgläser. Und Konrad Duden brachte 1880 sein „Vollständiges Orthographisches Wörterbuch der deutschen Sprache“ heraus, den Urduden, wie wir heute sagen. Der Name des Erfinders wurde genutzt, sein Werk zu benennen. So werden Eigennamen in eine appellative Bezeichnung umgemünzt. Mit diesem metonymischen Verfahren gewinnt man schnell ein passendes Wort für eine neue Sache. Am bekanntesten sind die Röntgenstrahlen und der Dieselmotor, denen Wilhelm Conrad Röntgen und Rudolf Diesel ihren Namen gaben.
Wie konnten ein schlichtes Rechtschreibwörterbuch zum erfolgreichsten Sachbuch deutscher Sprache und der Name des Verfassers zu einem geläufigen Begriff werden? Zweierlei traf zusammen: ein heftiger Streit um Reform und Vereinheitlichung deutscher Rechtschreibung in den deutschen Kleinstaaten und ein pragmatischer Schuldirektor im thüringischen Schleiz, der seinen Kindern Orientierung und Hilfe beim Schreibenlernen geben wollte. Nach dem Scheitern der 1. Berliner Rechtschreibkonferenz von1876 verordnete Preußen eine eigene Einheitsschreibung, die auf Vorlagen zweier Germanisten beruhte. Aber nicht Rudolf von Raumer und Wilhelm Wilmanns ernteten den Ruhm der neuen Rechtschreibung, sondern der Schulmann Konrad Duden. Sein Orthographisches Wörterbuch bot leichte Orientierung in der neuen Einheitsschreibung und bahnte den Weg für die erfolgreiche 2. Berliner Rechtschreibkonferenz von 1901. Acht Auflagen betreute der Verfasser selber; erst in der 9. Auflage von 1915, vier Jahre nach Dudens Tod, erhielt sein Buch den ehrenden Obertitel „Duden“. Dieser wurde vom Bibliographischen Institut zum Markenzeichen und Markenkern einer ganzen Familie von Wörterbüchern und Sprachratgebern entwickelt.
Zwei Strategien festigten seinen Erfolg: die Orientierung an der jeweiligen Obrigkeit und am Sprachwandel. Schon Konrad Duden berief sich im Untertitel seines Werkes auf die „preußischen und bayerischen Regeln“. Erschütternd belegen die Neuwörter der 11. Auflage, ein Jahr nach Hitlers Machtergreifung, die ideologische Anpassung in aufnorden, Blockwart, erbgesund, Sippenhaft, Untermensch. Das meiste davon ist heute aus dem Duden getilgt. In der jüngsten Rechtschreibdebatte war der Duden ein eifriger Anhänger der Kultusministerkonferenz, deren Verordnungen er beflissen umsetzte.
Noch in der jüngsten 27. Auflage finden sich zahllose unsägliche Schreibvarianten aus der frühen Reformphase, an welchen die KMK unverdrossen festhält. Dem Zeitgeist der Gendergerechtigkeit verpflichtet sind unzählige movierte Berufsbezeichnungen wie Fagottistin, Maurerpolierin, Dachdeckerin. Echten Sprachwandel bietet dagegen die Masse neuer Anglizismen, mit denen der Duden mit jeder Neuauflage seine Aktualität demonstriert. Hier helfen auch Aussprache- und Bedeutungsangaben. Solche Ausweitung auf andere Domänen der Lexikographie hat den Duden zum Wörterbuch des Deutschen schlechthin gemacht, zum Symbol der Einheit und Richtigkeit deutscher Sprache.

Neudeutsch - Infobrief vom 11. August 2017

Das Kuriose an diesem Wort ist der Umstand, dass damit gerade Wörter gekennzeichnet werden, die nicht deutsch sind, nämlich zumeist neuere Anglizismen. Etwa so: „In der Krise besinnen sich viele Menschen auf die eigenen vier Wände – neudeutsch: Cocooning.“ Oder: „Das Sesam-öffne-Dich für die gehobenen Männerbastionen bei Volkswagen heißt auf gut neudeutsch Mentoring“. Das Neuwort wird zumeist erklärt. Dann hätte man es auch vermeiden können, wird der Anglizismen-Jäger sagen. Sicherlich. Aber es bleibt die Frage, warum so viele Leute, vor allem Politiker, diesen Diskurs des Nennens und Erklärens schätzen. Sie wollen damit sagen: ich bin ganz auf der Höhe des sprachlichen Zeitgeschmacks, auch wenn ich solche Wörter eigentlich gar nicht mag. Oft bezeichnen diese importieren Neuwörter auch neue Sachverhalte oder soziale Moden. Mit der edlen Benennung Cocooning erhält das Daheimbleiben auf einmal einen neuen Wert. Auch das Mentoring ist mehr als schlichte Betreuung. Wer die neuen Prägungen benutzt, ist auf der Höhe der Zeit, geht aber zugleich mit der Markierung ‚neudeutsch‘ etwas auf Distanz. Das hat schon vor Jahren der Verfasser des Wikipedia- Eintrags ‚Neudeutsch‘ beobachtet. Aber immerhin ist die Distanz nicht groß genug, die modischen Neologismen zu meiden.
Übrigens ist das Wort überhaupt nicht alt. Schon Kurt Tucholsky sprach in einem Artikel von 1926 vom „neudeutschen Stil“, und Dieter E. Zimmer hat 1986 einem ganzen Buch den Titel „Neudeutsch“ gegeben, in dem er „Trends und Tollheiten im neudeutschen Sprachgebrauch“ aufs Korn nimmt. Der Gestus des Nennens und Distanzierens, der heute so geschätzt wird, scheint allerdings eine jüngere semantische Variante im neudeutschen Sprachgebrauch. Sie zeugt doch immerhin von einer gewissen Sensibilität gegenüber dem Schwall von Neologismen, die uns bedrängen und unser Sprachverhalten okkupieren wollen.

Herumstehchen - Infobrief vom 4. August 2017

Das Wort hörte ich zum ersten Mal in Horst Lichters Trödelsendung und wusste gleich, was gemeint war: etwas Kleines, das irgendwo herumsteht. In der Vitrine, auf der Anrichte, am Fensterbrett. Irgendwo abgestellt, zum Anschauen, als kleiner Schmuck. Vielleicht von der Oma geerbt und aus Pietät aufgehoben, schon lang in der Familie. Immer wieder abgestaubt und wieder hingestellt. Oft eine Porzellanfigur, ein verführerisches Mädchen oder ein elegantes Tier, auch alte Puppen können da einen Platz finden. Nun wird aufgeräumt, das Herumstehchen endlich zum Verkauf angeboten.

Wir lächeln beim Anhören des neuen Wortes. Warum? Es ist eine ungewöhnliche Bildung. Fast immer werden die sogenannten Diminutiva, d. h. die Verkleinerungsformen mit –chen oder –lein von Substantiven abgeleitet. Nur selten von einem Verb wie z.B. in Nickerchen (zu nicken) oder Prösterchen (zu prosten), hier gar von einem zusammengesetzten Verb herumstehen. Vielleicht kommt es ursprünglich aus dem niederrheinischen Dialekt, wo Lichter zuhause ist. Denn unsere Dialekte sind oft noch produktiver in der Wortbildung als die Hochsprache. Und sie lieben die Verkleinerungen, die nicht nur Kleines meinen, sondern dem Wort einen emotionalen Touch geben, wie in Küßchen, Händchen, Freundchen. Lichter erfand das Händlerkärtchen und oftmals ertönt sein Ruf „Das ist ein Träumchen!“ Auch mit dem Herumstehchen ist eine gewisse Zärtlichkeit für das Ererbte und Aufbewahrte verbunden. Das ist das Besondere an dem vielen Trödel, der in Schubladen gehegt wird oder nur auf Anrichten oder in Fensterecken herumsteht. Er wird nicht gebraucht und ist dennoch geliebt. Und am Ende finden die Herumstehchen neue Besitzer, die ihnen neue Liebe entgegenbringen, an neuem Platz, auf der Anrichte, der Vitrine oder gar in einem biedermeierlichen Glasschrank.

Warum stirbt der Grislibär? - Infobrief vom 28. Juli 2017

Weil der Rechtschreibrat unlängst beschlossen hat, diese Schreibung des amerikanischen Bären nicht mehr zuzulassen. Der Braunbär der Rocky Mountains darf auch in deutschen Landen künftig nur Grizzlybär heißen wie in seiner Heimat. Ähnlich erging es anderen leicht integrierten Entlehnungen wie Ketschup, Joga, Roulett, Masurka, die künftig nur noch originalnah Ketchup, Yoga, Roulette und Mazurka geschrieben werden dürfen.

Worum geht es hier? Um die Frage, ob häufige Entlehnungen unserer Schreibung angepasst werden – nicht erzwungen, sondern fakultativ, als Variante. Das sichert die richtige Aussprache und erleichtert die Rechtschreibung. Das Deutsche hat hier dank seiner jahrhundertelangen Sprachkontakte, besonders mit dem Lateinischen, Französischen und Englischen, vielfältige Erfahrungen. Am auffälligsten sind Integrationen bei den ca. 700 Gallizismen wie Allee, Affäre, Perücke für allée, affaire, perruque. Im Gegensatz dazu bleiben Anglizismen zumeist unintegriert. Eine Ausnahme ist Streik (engl. strike). Insgesamt sind durch nicht-integrierte Entlehnungen fast 300 neue Laut-Buchstaben-Kombinationen in die deutsche Rechtschreibung aufgenommen worden, z.B. ‚ea‘ in Team, easy, Beach oder ‚ee‘ in Teenager für langes i. Langes e wiederum wird durch ‚a‘ in Baby, ‚ai‘ in Trainer, ‚ea‘ in Steak oder ‚aie‘ in Portemonnaie wiedergegeben. Das macht die Fremdwörter zu einem Rechtschreibproblem. Gleichwohl haben sich integrierte Schreibungen kaum eingebürgert. Wie außerordentlich konstant die originalen Schreibungen sein können, zeigt das Schicksal lateinisch-griechischer Entlehnungen mit ph, th, rh wie Philosoph, Theater, Rheuma. Sie gehen zurück auf die Adaption griechischer Lehnwörter durch die Römer, die damals die aspirierten Laute durch ein zusätzliches h wiedergaben. Die Laute haben sich gewandelt, die Schreibung ist geblieben, über 2000 Jahre. An dieser Konstanz von Schriftsystemen sind auch die jüngsten Reformversuche gescheitert. Die wenigen Reste integrierter Varianten werden nun gestrichen, weil die Deutschen sie nicht gebrauchen. Trotzdem: wenn junge Schreibanfänger die Schreibung des Grizzlybären zu Grislibär vereinfachen, sollte man sie für diese systemgerechte Kreativität nicht mit roter Tinte bestrafen.

Ausschließeritis - Infobrief vom 21. Juli 2017

Ein neues Modewort der Politik. Es um die Frage geht, welche Parteien nach der Wahl eine Koalition bilden. Wir lächeln über diesen Ausdruck. Das ist Absicht und soll das Problem verniedlichen. Als erstes wurden SPD-Politiker gefragt „Schließen Sie eine Koalition mit der Linken aus?“ Dann sollte die FDP, bekannt für Partnerwechsel, Farbe bekennen. Und am Ende verkündete Bütikofer auf dem Parteitag der Grünen „auf Ausschließeritis liegt kein Segen“.
Die Botschaft ist einfach: „wir schließen grundsätzlich keine Koalition aus“, aber man sagt das mit einer witzigen Neubildung, die den Vorwurf politischer Prinzipienlosigkeit und Machtgier durch eine besondere sprachliche Parade entkräftet.

Wie kommt dieser Effekt zustande? Ausschließeritis gleicht in seiner Bildung mit dem Suffix –itis vielen Krankheitsbezeichnungen wie Bronchitis, Meningitis, Rachitis. Das Ausschließen einer Koalition erhält damit den Geruch von Krankheit, der man natürlich aus dem Wege gehen muss. Ähnlich wird übermäßiges Quasseln am Telefon als Telefonitis lächerlich gemacht oder der übermäßige Gebrauch von Substantiven als Substantivitis.

Die Ausschließeritis setzt aber noch eins drauf: durch die Verbindung des einheimischen Verbs ausschließen mit einem entlehnten Suffix. Dies ist regelwidrig, da fremde Affixe in der deutschen Wortbildung fast nur mit entlehnten Grundwörtern verbunden werden. So gibt es neben Entlehnungen auch über 100 deutsche Neubildungen auf –ismus wie Tourismus, Positivismus, Skeptizismus und über 1000 auf -ieren, die diesem Kombinationszwang folgen. Abweichungen sind deshalb effektvoll. Schon früher tauchte im politischen Diskurs die Aufschieberitis auf, womit das Aufschieben politischer Vorhaben abgewiesen wurde. Solche hybride Neubildungen geben der Sache einen Stups ins Lächerliche. So regelwidrig wie die Bildung sei die Sache selbst. So drücken sich unsere Politiker vor wichtigen Antworten.

Großer Wurf - Infobrief vom 14. Juli 2017

Dem Rat für deutsche Rechtschreibung ist ein großer Wurf gelungen: Die 40 Mitglieder aus den deutschsprachigen Ländern haben einen neuen Buchstaben kreiert: das ß als Großbuchstaben. Warum? Auf deutschen Ausweisen werden die Namen in Großbuchstaben geschrieben. Den gab es beim ß nicht, weil der Buchstabe nie am Wortanfang vorkommt. Bei Bedarf wurde dafür SS gesetzt. Herr Groß und Herr Gross fielen orthographisch in GROSS zusammen. Endlich ist dieser Makel beseitigt. Ein letzter Baustein der Rechtschreibreform.

Kurioserweise wurde aber dieses, nun als Versalie geadelte ß, vor 20 Jahren weitgehend aus der deutschen Rechtschreibung getilgt. Das häufige ß am Wort- oder am Stammende in muß und müßte, in Faß und Fäßchen, in Kuß, Verdruß und tausenden anderen Wörtern wurde – in Analogie zur Markierung des Kurzvokals in Mann, hell, Ritt, Galopp usw. – durch ss ersetzt. Nur nach Langvokal und Diphthong, z. B. in Maß und bloß, Fleiß und Strauß, grüßen und fließen wurde es zur Bezeichnung des scharfen s geduldet. So blieben z.B. Masse und Maße auch orthographisch unterscheidbar. Diese Regel hatte als erster der Grammatiker und Lexikograph Johann Christian August Heyse (1764-1829) entworfen, sie wurde von vielen angewandt, aber 1901 getilgt. Die Rechtschreibreform hat sie wiederentdeckt, ein Hüh und Hot deutscher Orthographiegeschichte. Mancher vermisst seitdem diese graphische Markierung am Wortende, die in Millionen Büchern fortlebt und besonders in komplexen Wörtern wie Mißstand, Meßergebnis (jetzt Missstand, Messergebnis) für Klarheit sorgte.

Im Übereifer des Reformierens wurde vor 20 Jahren auch die Sonderschreibung der Konjunktion daß durch dass ersetzt. Das eigentliche Rechtschreibproblem, die sinnige aber für Schüler schwierige Unterscheidung der Konjunktion von Artikel und Pronomen, blieb erhalten: Statt daß und das, müssen jetzt dass und das unterschieden werden. Praktiker sagen: ähnlicher und noch schwieriger, für Leser auf jeden Fall ein Verlust. All das wird in Erinnerung gerufen durch die jüngste Bereicherung der Reform, sozusagen ein Krönchen auf dem urdeutschen, aus der Frakturschrift stammenden Eszet. Dies hat nun auch die deutsche Kultusministerkonferenz genehmigt, die oberste und letzte Instanz in Sachen deutscher Rechtschreibung.

Sprachwandel per Gesetz - Infobrief vom 7. Juli 2017

Was macht die Debatte um die ‚Ehe für alle‘, die gesetzliche Gleichstellung von Ehe und Partnerschaft, so emotional? Es ist auch die Anmaßung des Gesetzgebers, das Sprachwissen um das Wort Ehe neu definieren zu wollen. Seit dem Mittelalter hat Ehe die heutige Bedeutung einer lebenslang versprochenen, gesetzlich oder kirchlich besiegelten ‚Verbindung von Mann und Frau‘. Mit dem Wort ist auch die außerordentliche Wertschätzung der Ehe, ihre soziale, wirtschaftliche, religiöse und natürlich auch erotische Bedeutung verknüpft. Ein breites Wortfeld von Zusammensetzungen und Ableitungen enthält diesen Begriff: von Ehegatte und Eheleute bis zu Ehebruch und Ehescheidung, von ehelich bis ehelichen, und auch Abweichungen wie Mischehe, Scheinehe, Ehe zur linken Hand, implizieren diese Bedeutung. Auch unser Grundgesetz und das Bürgerliche Gesetzbuch kennen nur dies Verständnis des Wortes Ehe.

Die Partnerschaft von Mann und Mann, von Frau und Frau kann der Ehe völlig gleichgestellt werden – auch in der Adoption – und wird dennoch niemals Ehe im bekannten, im selbstverständlichen Sinne sein können. Darum wirkt es auch nach wie vor etwas befremdlich, wenn Männer ‚mein Mann‘ sagen und Frauen ‚meine Frau‘, wenn sie von ihrem Partner reden. Denn diese Ausdrücke implizieren das Verständnis der Ehe, nach denen Männer eine Frau, und Frauen einen Mann haben. Das Dringen auf das Wort Ehe für die gleichgeschlechtliche Partnerschaft ist der Versuch, sich dessen Semantik und damit die Wertschätzung der ‚Verbindung von Mann und Frau‘ anzueignen. Dazu ist kein Gesetzgeber befugt. Er darf und soll vieles regeln, aber die Sprache soll er gefälligst in Ruhe lassen.