Sprachpolitische Leitlinien

Das Problem

Europas Sprachen und Kulturen stehen unter einem starken Globalisierungsdruck. Sie verlieren weltweit an Geltung und werden zunehmend von der angloamerikanischen Sprache und Kultur beherrscht (Bericht der Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland“ vom 11.12.2007). Speziell in Deutschland kommt noch der zerstörerische Eingriff einer vorwiegend ideologisch motivierten Genderbewegung hinzu, die an den Grundfesten unserer Sprache, der Grammatik, sägt.

Die Anglisierung Europas

Angloamerikanische Wörter und Wendungen gelangen auch außerhalb der englischsprachigen Länder zunehmend in den allgemeinen Sprachgebrauch; neue Sachverhalte und Begriffe werden kaum noch in der eigenen Sprache benannt, die Beschreibung der Welt bleibt weitgehend einer fremden Sprache und Kultur überlassen. Besonders augenfällig wird dies durch die wachsende Bedeutung des Englischen in der Wirtschaft, in der Werbung und vor allem in der Wissenschaft. Neue Fachbegriffe kommen dort inzwischen fast ausschließlich aus dem Englischen. Diese sprachliche Selbstaufgabe ist mehr als eine Modeerscheinung, sie schwächt die kulturelle Eigenständigkeit der nichtanglophonen Länder. Deutlich wird dies auch durch die schwindende Bedeutung der nicht-englischen Sprachen in den Ämtern und Gremien der Europäischen Union. Da werden selbst die nach Sprecherzahlen großen Sprachen, darunter besonders Deutsch als weitest verbreitete Muttersprache der EU, an den Rand gedrängt; hier tritt auch ein Demokratie-Defizit zutage, das die europäische Einigung langfristig zu gefährden droht.

In den deutschsprachigen Ländern ist die Anglisierung und Amerikanisierung besonders weit fortgeschritten.

Die Geringschätzung der Muttersprache, der Mangel an Sprachloyalität und die schwach ausgeprägte Förderung der deutschen Sprache von staatlicher Seite gefährden besonders in Deutschland deren Funktion als Verständigungsmittel und als der Kitt, der unsere Gesellschaft zusammenhält. Gleichzeitig (v)erklären Wissenschaftler, Wirtschaftsführer, Medienmacher und Politiker den Einfluss des Englischen zu einer begrüßenswerten Folge der Globalisierung. Wir beobachten insbesondere

  • die Einführung des Englischen als Firmensprache in der Großwirtschaft,

  • die Verdrängung der deutschen Sprache aus zahlreichen Hochschulstudiengängen,

  • die Verwendung der englischen Sprache selbst im heimischen Wissenschaftsbetrieb und unter deutschsprachigen Kollegen,

  • die fast schon zwanghafte Benutzung englischer und scheinenglischer Ausdrücke im Kultur- und Alltagslebens (Social Distancing, Lockdown, Home Office usw)..

Eine Wortbildung in der eigenen Sprache unterbleibt. Fachterminologien sterben ab. Die deutsche Sprache schrumpft zu einer einfachen Volkssprache, wenn nicht zu einem Dialekt, und verliert ihre Wissenschaftstauglichkeit. Es ergeben sich Verständigungs- und Eingliederungsprobleme bis hin zur sprachlichen Diskriminierung entgegen Artikel 3, Absatz 3 unseres Grundgesetzes („Niemand darf wegen […] seiner Sprache […] benachteiligt […] werden.“).

Der Wortschatz einer Kultur ist von jeder Generation neu zu entschlüsseln und zu deuten.

Ein ungeschriebener Generationenvertrag erleichterte bisher der Folgegeneration den sprachlichen Zugang zur eigenen Geschichte und Kultur und in eine selbst gestaltete Zukunft. Die verbreitete Geringschätzung unserer Landessprache stellt heute diesen Generationenvertrag in Frage. Der ständige Wechsel zwischen zwei Sprachsystemen, dem deutschen und dem englischen, mit unterschiedlicher Grammatik und Rechtschreibung beeinträchtigt die Bereitschaft unserer Kinder und Enkel, die deutsche Sprache weiterhin schöpferisch zu nutzen und die Wirklichkeit mit ihrer Hilfe abzubilden..

Angloamerikanische Wörter und Wendungen verändern die deutsche Sprache heute schneller und tiefer als Latein und Französisch in früheren Jahrhunderten.

In früheren Jahrhunderten benutzte nur ein kleiner Kreis von Gebildeten Wörter und Wendungen aus anderen Sprachen. Heute fördern Werbung und Medien das Eindringen angloamerikanischer Wörter in die Alltagssprache aller Bevölkerungsschichten und machen das Englische fast zu einer Leitsprache. Nahezu alle vermeintlich oder tatsächlich neuen Sachverhalte und technischen Entwicklungen erhalten – oft unklare – englische Bezeichnungen. Bisher haben sich weder Kulturträger noch Politiker ausreichend für die deutsche Sprache eingesetzt. Deshalb sind die Bürger selbst gefordert, hier zur Gegenwehr zu schreiten. Der VDS will insbesondere die staatlichen und kulturellen Einrichtungen sowie die öffentlich-rechtlichen Medien dazu bewegen, wieder mehr Loyalität zur deutschen Sprache aufzubringen und liebevoller mit ihr umzugehen.

Viele Wissenschaftler machen ihre Fachsprachen zum Einfallstor für englische Wörter. Sie lassen zu, dass die deutsche Sprache in der Wissenschaft ganz durch die englische verdrängt wird und somit ihre Fähigkeit zu wissenschaftlich differenziertem Ausdruck verliert.

Zum Wissens- und Gedankenaustausch über Sprachgrenzen hinweg ist das Englische zweifellos von Nutzen. Daraus folgt aber nicht, dass englischsprachige Fachausdrücke und Texte keiner Übersetzung mehr bedürften oder die Wissenschaftler nur noch Englisch sprechen sollten. Jede Fachsprache, in der kreativ gedacht wird, wurzelt (mit Ausnahme formaler Sprachen) in einer entwickelten Kultursprache und greift ständig auf deren muttersprachlichen Wortschatz und Vorrat an erklärenden Wendungen und Bildern zurück. Dies gilt auch in den Naturwissenschaften. Aus einigen ihrer Teildisziplinen hat sich die deutsche Sprache schon völlig verabschiedet.

Wir sehen unsere Einschätzung und die aus ihr folgenden Forderungen bestätigt durch die „Allgemeine Erklärung der UNESCO zur kulturellen Vielfalt“, beschlossen auf deren 31. Generalkonferenz am 2. November 2001:

Nach dieser Erklärung soll „jeder die Möglichkeit haben, sich selbst in der Sprache seiner Wahl auszudrücken und seine Arbeiten zu erstellen und zu verbreiten, insbesondere in seiner Muttersprache.“ Die zugehörigen Leitlinien für den UNESCO-Aktionsplan fordern unter anderem:

  • Die Erhaltung des sprachlichen Kulturerbes der Menschheit und Unterstützung der Ausdrucksformen, des Schaffens und der Verbreitung in einer höchstmöglichen Anzahl von Sprachen.

  • Die Förderung der sprachlichen Vielfalt bei Respektierung der Muttersprache auf allen Bildungsebenen (…).

Gendersprache

Diese seit Jahren andauernden Angriffe auf die Wortbildung und Deutungsmacht der deutschen Sprache werden in letzter Zeit durch immer wütendere Attacken auf deren grammatisches Grundgerüst ergänzt: Eine zahlenmäßig kleine, aber gut in den Spitzenpositionen in Politik und Verwaltung verankerte Clique von angeblich für Frauenrechte eintretenden Ideologen setzt selbstherrlich altbewährte Regeln zu Sexus und Genus in der Sprache außer Kraft. Dergleichen Regelungen werden gegen den wachsenden Unmut der Bürger durchgesetzt, insbesondere in den Medien, in Behörden und an Universitäten. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass Binnen-I, Genderstern, Unterstrich, Verlaufsformen und permanente Wiederholung von Geschlechtszuweisungen resp. sexuellen Orientierungen inhaltlich und grammatisch falsch sind und unsere Sprache grotesk verzerren. Auch erweist diese lang nicht vorhandene, aber durch Genderregeln erzwungene Sexualisierung bisher geschlechtsneutraler Sachverhalte dem verdienstvollen Streben nach mehr Gleichberechtigung der Geschlechter einen Bärendienst. Wir fordern daher alle Mitbürger auf, aktiv gegen den Gender-Neusprech zu protestieren und entsprechende Richtlinien, Verordnungen und Vorschriften zurückzuweisen. Die verbreitete Praxis, Studenten und Schüler unter Androhung von schlechterer Benotung zum Gendern zu zwingen, muss sofort aufhören. Verwaltungen, Universitäten und Schulen sollen Gendersprachregelungen zurücknehmen und Lehrpläne sowie alle öffentlich finanzierten Leitfäden in korrektem Deutsch verfassen.

Unsere Forderungen

an die Wissenschaft:
Erhaltung und weiterer Ausbau der deutschen Sprache in Forschung und Lehre; Deutsch als gleichberechtigte Konferenzsprache auf Kongressen in den deutschsprachigen Ländern; bessere Förderung deutschsprachiger wissenschaftlicher Veröffentlichungen; Schaffung eines europäischen Zitierindex‘ für wissenschaftliche Veröffentlichungen.

an die Kultusminister:
Deutschunterricht an den weiterbildenden Schulen bis zum Abitur; Fachunterricht (ausgenommen Fremdsprachen) ausschließlich in deutscher Sprache; besondere Förderung des Deutschen als Grundlage der Integration für Schüler mit anderer Muttersprache; Ergänzung der Hochschulgesetze der Länder oder des Hochschulrahmenrechtes des Bundes zur Sicherung des Lehrangebotes in deutscher Sprache.

an die Verbände für Verbraucherschutz:
Verständliche Bezeichnungen und Beschreibungen im Sinne der Produktsicherheit und des Verbraucherschutzes; Möglichkeiten für Verbraucher, gegen Verstöße gerichtlich vorzugehen.

an Firmen, Ämter und öffentlich-rechtliche Anstalten:
Erfüllung der Informationspflicht in der Landessprache; Schluss mit der Verunsicherung der Kunden und Bürger durch englischsprachige Bezeichnungen; Schluss mit Gender-Unfug.

an Politiker, Schriftsteller und Journalisten:

Anerkennung der Verantwortung als sprachliche Vorbilder; Verfassungsrang für die deutsche Sprache; Förderung des Deutschen als Fremdsprache; Einsatz für einen angemessenen Rang der deutschen Sprache in internationalen Organisationen.

an Sprachwissenschaftler und besonders an die Germanisten:

Mehr Bereitschaft für die Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung für die Sprache und deren kreative Fortentwicklung.

Wir wünschen uns für Europa

  • die systematische Förderung der aktiven und passiven Mehrsprachigkeit europäischer Beamter und Politiker sowie eine ausgewogene funktionale Mehrsprachigkeit (mindestens drei Arbeitssprachen) in den EU-Gremien und dementsprechend eine dem demographischen und ökonomischen Gewicht der deutschsprachigen Länder angemessene Berücksichtigung von Deutsch als Arbeitssprache.

  • die Bereitschaft auch anderer Sprachgruppen, sich für die Erhaltung ihrer Muttersprachen und die Vielsprachigkeit Europas einzusetzen.

  • mindestens zwei Pflichtfremdsprachen, darunter eine Nachbarsprache, in allen weiterführenden Schulen der EU.

  • einen EU-Zitierindex für wissenschaftliche Veröffentlichungen.

Wir laden alle Sprachfreunde ein: Machen Sie bei uns mit!. Als weltweit größter Sprach- und Kulturverein bieten wir eine Plattform für alle, denen die deutsche Sprache am Herzen liegt, die möchten, dass auch unsere Enkel und Urenkel noch die großen Klassiker wie Goethe und Schiller im Originaltext lesen können. Ein Beitrittsformular ist hier. .

Stand Herbst 2020