Sprachpolitische Leitlinien

Europas Sprachen und Kulturen stehen unter einem starken Globalisierungsdruck. Sie verlieren weltweit an Geltung und werden in zunehmendem Maße von der angloamerikanischen Sprache und Kultur beherrscht. Dies führt zu einem Identitätsverlust der betroffenen Sprachgemeinschaften und Volksgruppen (vgl. UNESCO-Erklärung vom 2. November 2001; Bericht der Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland“ vom 11.12.2007).

Angloamerikanische Wörter und Wendungen werden auch außerhalb der englischsprachigen Länder zunehmend in den Sprachgebrauch übernommen. Da Neuentwicklungen kaum noch in der eigenen Sprache ausgedrückt werden, wird die Beschreibung der Welt weitgehend einer fremden Sprache und Kultur überlassen. Besonders augenfällig wird dies durch die wachsende Bedeutung des Englischen in der Wirtschaft, in der Werbung und vor allem in der Wissenschaft. Neue Fachbegriffe in vielen Wissensgebieten werden inzwischen fast ausschließlich auf Englisch bezeichnet. Diese sprachliche Selbstaufgabe ist mehr als eine Modeerscheinung, sie schwächt die kulturelle Eigenständigkeit der nichtanglophonen europäischen Länder. Deutlich wird dies auch durch die schwindende Bedeutung der nicht-englischen Sprachen aus den Ämtern und Gremien der Europäischen Union. Da selbst die nach Sprecherzahlen großen Sprachen, darunter besonders Deutsch als weitest verbreitete Muttersprache der EU, an den Rand gedrängt werden, tritt hier auch ein Demokratie-Defizit zutage, das die europäische Einigung langfristig zu gefährden droht.

In den deutschsprachigen Ländern ist die Anglisierung und Amerikanisierung besonders weit fortgeschritten.

Die Geringschätzung der Muttersprache, der Mangel an Sprachloyalität und die schwach ausgeprägte Förderung der deutschen Sprache von staatlicher Seite gefährden besonders in Deutschland, Österreich und in der Schweiz die Funktion der Sprache als Verständigungsmittel. Gleichzeitig (v)erklären Wissenschaftler, Wirtschaftsführer, Medienmacher und Politiker den Einfluss des Englischen zu einer begrüßenswerten Folge der Globalisierung. Wir beobachten

  •  die Einführung der englischen Sprache als Unternehmenssprache in der Großwirtschaft,
  •  die Ersetzung der deutschen Sprache in zahlreichen Hochschulstudiengängen,
  •  die Verwendung der englischen Sprache selbst im heimischen Wissenschaftsbetrieb und unter deutschsprachigen Kollegen,
  •  die häufige Benutzung englischer und scheinenglischer Ausdrücke in zahlreichen Feldern des gesellschaftlichen Lebens.

Eine beständige Aktualisierung der Wortbildung in der eigenen Sprache unterbleibt. Fachterminologien sterben ab. Die deutsche Sprache entwickelt sich zur einfachen Volkssprache, wenn nicht zu einem zentraleuropäischen Dialekt, und verliert ihre Wissenschaftstauglichkeit. Es ergeben sich Verständigungs- und Eingliederungsprobleme bis hin zur sprachlichen Diskriminierung entgegen Artikel 3, Absatz 3 unseres Grundgesetzes („Niemand darf wegen […] seiner Sprache […] benachteiligt […] werden.“).

Der Wortschatz einer Kultur ist von jeder Generation neu zu entschlüsseln und zu deuten.

Ein ungeschriebener Generationenvertrag erleichterte bisher der Folgegeneration den sprachlichen Zugang zur eigenen Kultur und Geschichte und in eine selbst gestaltete Zukunft. Eine verbreitete Geringschätzung unserer Landessprache, erkennbar am Einfluss des Englischen, stellt heute diesen Generationenvertrag in Frage. Der Zwang zum ständigen Wechsel zwischen zwei Sprachsystemen mit unterschiedlicher Grammatik und Rechtschreibung beeinträchtigt die Bereitschaft unserer Kinder und Enkel, die deutsche Sprache weiterhin schöpferisch zu nutzen und die Wirklichkeit mit ihrer Hilfe treffsicher zu bezeichnen.

Angloamerikanische Wörter und Wendungen verändern die deutsche Sprache heute schneller und umfassender als Latein und Französisch in früheren Jahrhunderten.

In früheren Jahrhunderten benutzte nur ein kleiner Kreis von Gebildeten Wörter und Wendungen aus anderen Sprachen. Heute dagegen fördern Werbung und Medien das Eindringen angloamerikanischer Wörter in die Alltagssprache aller Bevölkerungsschichten und machen das Englische fast zu einer Leitsprache. Nahezu alle vermeintlich oder tatsächlich neuen Sachverhalte und technischen Entwicklungen erhalten – oft unklare – englische Bezeichnungen. Bisher haben sich weder Kulturträger noch Politiker in ausreichendem Maße für die Förderung der deutschen Sprache eingesetzt. Deshalb sind die Bürger selbst gefordert, hier zur Gegenwehr zu schreiten. Der VDS will insbesondere die staatlichen und kulturellen Einrichtungen sowie die öffentlich-rechtlichen Medien dazu bewegen, wieder mehr Loyalität zur deutschen Sprache aufzubringen und liebevoller mit ihr umzugehen.

Viele Wissenschaftler machen ihre Fachsprachen nicht nur zum Einfallstor für englische Wörter. Sie lassen auch zu, dass die deutsche Sprache in der Wissenschaft ganz durch die englische verdrängt wird somit und ihre Fähigkeit zu wissenschaftlich differenziertem Ausdruck verliert.

Zum Wissens- und Gedankenaustausch über Sprachgrenzen hinweg ist das Englische in allen Wissenschaften zweifellos von Nutzen. Verhängnisvoll wäre allerdings der Standpunkt, englischsprachige Fachausdrücke und Texte bedürften keiner Übersetzung mehr oder die Wissenschaftler sollten nur noch englisch sprechen und denken. Jede Fachsprache, in der kreativ gedacht wird, wurzelt (mit Ausnahme formaler Sprachen) in einer entwickelten Kultursprache und greift ständig auf deren muttersprachlichen Wortschatz und Vorrat an erklärenden Wendungen und Bildern zurück. Dies gilt auch in den Naturwissenschaften. Aus einigen ihrer Teildisziplinen hat sich die deutsche Sprache schon völlig verabschiedet.

Wir sehen unsere Einschätzung und die aus ihr folgenden Forderungen bestätigt durch die „Allgemeine Erklärung der UNESCO zur kulturellen Vielfalt“, beschlossen auf deren 31. Generalkonferenz am 2. November 2001:

Nach dieser Erklärung soll „jeder die Möglichkeit haben, sich selbst in der Sprache seiner Wahl auszudrücken und seine Arbeiten zu erstellen und zu verbreiten, insbesondere in seiner Muttersprache.“ Die zugehörigen Leitlinien für den UNESCO-Aktionsplan fordern unter anderem:

  •  Die Erhaltung des sprachlichen Kulturerbes der Menschheit und Unterstützung der Ausdrucksformen, des Schaffens und der Verbreitung in einer höchstmöglichen Anzahl von Sprachen.
  •  Die Förderung der sprachlichen Vielfalt bei Respektierung der Muttersprache auf allen Bildungsebenen (…).

Unsere Forderungen

an die Wissenschaft:
Erhaltung und weiterer Ausbau der deutschen Sprache in Forschung und Lehre; Deutsch als gleichberechtigte Konferenzsprache auf Kongressen in den deutschsprachigen Ländern; bessere Förderung deutschsprachiger wissenschaftlicher Veröffentlichungen; Schaffung eines europäischen Zitierindex für wissenschaftliche Veröffentlichungen.

an die Kultusminister:
Deutschunterricht an den Schulen verbindlich bis zum Abitur; Fachunterricht (ausgenommen Fremdsprachen) in deutscher Sprache; besondere Förderung des Deutschen als Grundlage der Integration für Schüler mit anderer Muttersprache; Ergänzung der Hochschulgesetze der Länder oder des Hochschulrahmenrechtes des Bundes zur Sicherung des Lehrangebotes in deutscher Sprache.

an die Verbände für Verbraucherschutz:
Verständliche Bezeichnungen und Beschreibungen im Sinne der Produktsicherheit und des Verbraucherschutzes; gegen Verstöße müssen die Verbraucher gerichtlich vorgehen können;

an Firmen, Ämter und öffentlich-rechtliche Anstalten:
Erfüllung der Informationspflicht in der Landessprache; Schluss mit der Verunsicherung der Kunden und Bürger durch englischsprachige Bezeichnungen; Förderung der deutschen Sprache als künstlerische Ausdrucksform in Musik und Literatur;

an Politiker, Schriftsteller und Journalisten:

Anerkennung ihrer Verantwortung als sprachliche Vorbilder bei der Entwicklung der deutschen Sprache; Verfassungsrang für die deutsche Sprache; Förderung des Deutschen als Fremdsprache; Einsatz für einen angemessenen Rang der deutschen Sprache in internationalen Organisationen. Verzicht auf einschlägige Bevormundung, vor allem bezogen auf eine sogenannte geschlechtergerechte Sprache.

an Sprachwissenschaftler und besonders an die Germanisten:

Mehr Bereitschaft für die Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung für die Sprache und deren Pflege.

Wir wünschen uns für Europa

  •  die systematische Förderung der aktiven und passiven Mehrsprachigkeit europäischer Beamter und Politiker sowie eine ausgewogene funktionale Mehrsprachigkeit (mindestens drei Arbeitssprachen) in den EU-Gremien und dementsprechend eine dem demographischen und ökonomischen Gewicht der deutschsprachigen Länder angemessene Berücksichtigung von Deutsch als Arbeitssprache.
  •  die Bereitschaft auch anderer Sprachgruppen, sich für die Erhaltung ihrer Muttersprachen und die Vielsprachigkeit Europas einzusetzen;
  •  die Einführung von mindestens zwei Pflichtfremdsprachen, davon eine Nachbarsprache, in allen weiterführenden Schulen der EU;
  •  Die Schaffung eines EU-Zitierindex für wissenschaftliche Veröffentlichungen.

Wir laden alle Sprachfreunde zum Mitmachen ein. Als Deutschlands größter Sprach- und Kulturverein bieten wir ein Betätigungsfeld für alle, denen die deutsche Sprache am Herzen liegt und die sich mehr mit ihr beschäftigen wollen. In zahlreichen Arbeitsgruppen befassen wir uns mit Themen rund um die deutsche Sprache und machen die Ergebnisse der Öffentlichkeit zugänglich. Der VDS-Anglizismen-INDEX ist ein Standardwerk, das der Verdrängung der deutschen Sprache aus immer mehr Bereichen des sprachlichen Alltags entgegenwirken soll.

 

Stand Sommer 2018