1. Presseschau
Mennoniten in Bolivien
Statistikprofessoren sind immer für Überraschungen gut. Der Ökonom und Statistikprofessor Jesús Fernández-Villaverde von der University of Pennsylvania hat laut Bild berechnet, dass ausgerechnet in einem Land in Südamerika in knapp 100 Jahren mehrheitlich Deutsch gesprochen werden könnte, und zwar in Bolivien. Dort leben Mennoniten, eine Minderheit, die wegen ihrer besonderen Ausprägung des Protestantismus seit dem 16. Jahrhundert verfolgt wurde und infolgedessen über die Jahrhunderte auswanderte – vor allem nach Südamerika. Aktuell leben zwar nur rund 150.000 Mennoniten dort, die Plautdietsch (eine niederdeutsche Variante) sprechen, sie weisen aber eine deutlich höhere Geburtenrate auf. Die anderen bolivianischen Frauen bekommen im Schnitt 1,56 Kinder, mennonitische Frauen 7. Wenn dieser Trend anhielte, würde die Zahl der Mennoniten im Jahr 2116 auf rund 5 Millionen angestiegen sein und diese damit die Mehrheit der bolivianischen Bevölkerung stellen. (bild.de)
Italien erlässt Sprachquote für Schulklassen
Die Regierung von Giorgia Meloni in Italien verschärft die Regelungen zur sprachlichen Integration von Migranten. Ab dem Schuljahr 2027/28 soll demnach in den ersten Klassen aller Schulstufen eine 30-Prozent-Grenze für Kinder gelten, die die italienische Sprache nicht ausreichend beherrschen, um dem Unterricht zu folgen. Zwar gibt es die Begrenzung auf 30 Prozent bereits seit 2010, bisher war sie aber flexibel auslegbar. Auch Eltern mit erheblichen Sprachproblemen sind von dem Beschluss betroffen: Sie müssen Italienischunterricht nehmen, sollte ihre Kommunikation mit der Schule beeinträchtigt sein. 2027 stehen in Italien Parlamentswahlen an. Migration und Integration gehören schon jetzt zu den wichtigsten Wahlkampfthemen. (welt.de)
Mehr Deutsch in Litauen
An Litauens Schulen lernen mehr Schüler Deutsch. Seit dem Schuljahr 2021/2022 ist die Zahl der Schüler mit Deutsch als zweiter Fremdsprache von 25.000 auf 39.000 gestiegen. Gleichzeitig sank die Zahl der Schüler, die Russisch als zweite Fremdsprache lernen, von mehr als 110.000 auf 65.700. Auch Französisch und insbesondere Spanisch verzeichnen Zuwächse. Die litauische Bildungsministerin Raminta Popovienė will laut Presseberichten vor allem den Deutschunterricht weiter ausbauen. Ein Problem sei jedoch der Mangel an Fremdsprachenlehrern. Deutsch und Französisch gehörten deshalb inzwischen zu den besonders geförderten Lehramtsfächern. Lehramtsstudenten können unter anderem höhere Stipendien erhalten und Russischlehrer können ein für sie kostenloses, von der EU finanziertes Weiterbildungsangebot nutzen, um weitere Fremdsprachen unterrichten zu können. (nordisch.info)
Vögel beobachten bei Sprachverlust
Aphasie ist eine Sprachstörung, bei der sprachliche Fähigkeiten beeinträchtigt sind. Sie zählt zu den häufigsten Folgen eines Schlaganfalls. Forscher der Universität von Montana (USA) haben herausgefunden, dass die Beobachtung von Greifvögeln die Rehabilitation von Schlaganfallpatienten mit Aphasie unterstützen kann. Catherine Off, Leiterin des Aphasie-Programms (ICAP) erklärt, dass die Patienten bei der therapeutischen Beobachtung von Greifvögeln leicht ins Gespräch kämen. Denn die Vogelbeobachtung ermögliche Austauschmöglichkeiten auch jenseits des gesprochenen Wortes, beispielsweise durch Zeigen, Zeichnen oder das Anschauen von Fotos.
Erste Ergebnisse seien vielversprechend, berichtet die Forscherin, allerdings befinde sich das Programm noch in einem frühen Stadium. Derzeit sammeln die Forscher weitere klinische Daten, um die langfristige Wirksamkeit der Methode zu untersuchen. (fr.de)
2. Gendersprache
Merz gendert bei Rede
Während in anderen CDU/CSU-geführten Bundesländern das Gendern verboten oder zurückgefahren worden ist, sorgt ausgerechnet der Kanzler jetzt für einen Gender-Fauxpas. Bei einer Rede vor Unternehmern sprach Friedrich Merz davon, dass Henkel in den Corona-Zeiten ein großartiges Beispiel für langfristigen Erfolg gewesen sei, weil es weder Staatshilfen benötigt noch „Mitarbeitende“ entlassen habe. 2021 hatte er auf Twitter „diesen Gender-Leuten“ vorgeworfen, „einseitig unsere Sprache zu verändern“. Die jetzige Aussage sorgte in den Sozialen Medien für Schmunzeln und Unverständnis gleichermaßen. Auf der VDS-Seite bei X schreibt der Nutzer @Anonym_Ist_Gut „Er hat aber recht: Wenn man entlassen wurde, ist Mitarbeit-Ende.“, und auf der VDS-Facebook-Seite schreibt Peter G. Bouillon „Politiker reden halt des Öfteren ‚aus dem Fenster‘“. Ihre Erinnerung an die Sprüche, die sie nur sagen, um das Richtige gesagt zu haben, hält dann nicht allzu lange vor.“ (bild.de, facebook.com/vds, x.com/vds)
3. Sprachspiele: Wörterwunderwelt
Farbenlehre
Vor 40 Jahren hatte ich einen VW Golf, Farbe: oliv. Dachte ich. Aber als ich eine Spraydose zum Übersprühen einer defekten Stelle kaufte, lernte ich: Das Auto war nicht oliv, sondern manilagrün. Es erstaunte mich, dass man von den vielen Grüntönen auf den Philippinen ausgerechnet den Farbton der Hauptstadt gewählt hatte.
Damals steckte die Warenfarbenlehre noch in den Anfängen, heute sind die Töne nicht mehr zu zählen. Geschweige denn auseinanderzuhalten. Ob Autos, Kleider oder Möbel: Die Fantasie der Warenfarbenschöpfer kennt keine Grenzen. Kräutergrün, lindgrün, apfelgrün, maigrün, stadtgrün, suppengrün. Das angebliche Limettengrün jedoch ist, wie auf der Abbildung des Sommerkleides zu sehen, ein eindeutiges Zitronengelb. Da hat sich offenbar jemand mit den Südfrüchten nicht so recht ausgekannt.
Im Schultuschkasten genügten noch ultramarin und kobaltblau, heute wählt die Frau zwischen hyazinthenblau, sturmblau, regattablau, tintenblau und navyblau. Die Gartenmöbel gibt es in den Farbtönen Ice, Mocca, Creme. Mocca und Creme sind bekannt, aber was heißt Ice? Erdbeer oder Stracciatella? Softeis oder Glatteis?
Seit längerem schon ist ein Haarshampoo auf dem Markt, das Powergrau heißt. Das ist nichts für Jugendliche, sondern eher etwas für den Silverager neben der Powergrau-Powerfrau. Neulich las ich einen Artikel über Istanbul, dessen Autor die Farbe der Häuser eines bestimmten Stadtteils als hornhautumbra beschrieb. Ob das auch ein Farbton für die Damenkleiderbranche wäre?
Bernd Meier
Der Autor lebt in Bremen und hat viele Jahre für den Weser-Kurier geschrieben, u. a. mehr als 1000 Texte für die tägliche Kolumne „Tach auch“. Die Edition Temmen hat in zwei Bänden eine Auswahl aus diesen Texten veröffentlicht.
4. Kultur
Verstörendes Hörspiel?
In der Hörspielserie „Das mit de Zoe“ des Schweizer Radiosenders SRF 1 geht es um die Vergewaltigung einer Schülerin auf einer Party und deren Folgen. Ein Hörer hat sich nun bei der Ombudsstelle der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG) über die drastische und sexuell explizite Sprache der zehnteiligen Serie beschwert. Er habe das Hörspiel gemeinsam mit seiner zwölfjährigen Tochter gehört und empfinde die verwendete Sprache als „pornografisch und jugendgefährdend“. Die Ombudsstelle der SRG antwortete bereits auf die Beschwerde. Man könne die Reaktion des Hörers zwar nachvollziehen, unterstütze die Beanstandung jedoch nicht. Die drastische Sprache sei Teil der Darstellung eines „verrohten Milieus“ und solle bewusst abstoßend wirken. Das Hörspiel verherrliche die sexuelle Gewalt nicht, sondern beschäftige sich mit der Traumatisierung des Opfers sowie mit Gerüchten und Schuldzuweisungen. Da die Sendung erst um 20 Uhr ausgestrahlt und zu Beginn mit einer sogenannten Triggerwarnung versehen worden sei, sehe die Ombudsstelle auch den Jugendschutz als gewahrt an. (blick.ch)
5. Berichte
Elfenbeinküste: Tag der deutschen Sprache
Nicht nur hier bei uns in Deutschland gab es zum Tag der deutschen Sprache Aktionen – auch die VDS-Vertreter der Elfenbeinküste haben ein Fest auf die Beine gestellt. Bei Musik und Vorträgen konnten die Besucher erleben, welche Fortschritte die Kinder beim Deutschlernen gemacht haben. (facebook.com/vds, instagram.com/vds)
Der VDS-Infobrief enthält Neuigkeiten zu verschiedenen Sprachthemen. Männer sind mitgemeint, das Gleiche gilt für andere Geschlechter. Namentlich gekennzeichnete Beiträge spiegeln gelegentlich die Meinung der Redaktion wider.
Redaktion: Holger Klatte, Asma Loukili, Dorota Wilke, Stephanie Zabel
