Infobrief vom 17. Januar 2026: Deutsch vor der Einschulung

1. Presseschau

Deutsch vor der Einschulung

Kinder, die als Einwanderer oder Flüchtlinge nach Deutschland kommen, haben das Recht auf und die Pflicht zum Schulbesuch. Gleichwohl bringen viele am ersten Schultag nur geringe, mitunter überhaupt keine Deutschkenntnisse mit. Dies führt bekanntlich in vielen Bundesländern, besonders in den Ballungsregionen, zu immensen Belastungen für die Schulen. Lehrer und Schulleiter durften es in den vergangenen Jahren zumeist alleine organisieren, zugewanderte Schüler auf ein entsprechendes Deutschniveau zu bringen, damit diese dem Unterricht folgen oder sogar den Lehrplan einhalten können. An Vorschlägen mangelt es nicht, um die Lage zu verbessern. Das Einwanderungsland Nordrhein-Westfalen hat nun die Einrichtung von „ABC-Klassen“ beschlossen. „Schuleingangsuntersuchungen zeigen, dass jedes dritte Kind eines jeden Jahrgangs in NRW nicht über ausreichende Sprachkenntnisse verfügt, um aktiv in seiner Klasse mitarbeiten zu können“, schreibt die FAZ. Ab 2028 soll ein halbes Jahr vor der Einschulung landesweit eine einheitliche Sprachstandsfeststellung durchgeführt werden. Schüler mit Förderbedarf kommen dann in die ABC-Klassen. Eine Schulleiterin aus Düsseldorf kann die Idee nur gut finden, zweifelt aber an der Umsetzbarkeit, weil gar nicht genügend Lehrer vorhanden seien. „Wir wissen jetzt schon hinten und vorne nicht, wie wir den Unterricht besetzen sollen“, sagt sie im WDR. Auch in Rheinland-Pfalz wurden Maßnahmen zur Sprachförderung beschlossen: In einem Modellprojekt in 357 Kindertageseinrichtungen bekommen sogenannte Sprachbeauftragte künftig bis zu fünf Stunden pro Woche mehr Zeit für ihre Arbeit. (faz.net, wdr.de, stern.de)


„Sondervermögen“ ist Unwort des Jahres

Es klingt nach Extra-Geld, bedeutet aber in Wirklichkeit: Schulden. „Sondervermögen“ ist zum Unwort des Jahres gewählt worden. Der Begriff sei ein Euphemismus, eine demokratische Debatte über die Aufnahme von Schulden sei ausgeblieben, obwohl das Wort selbst sehr präsent im öffentlich-politischen Sprachgebrauch war. Man habe das Wort „Vermögen“, das im Alltag ein Guthaben beschreibe, durch das vorangestellte „sonder“ umgedeutet, die neue Wortschöpfung wirke daher manipulativ und habe eine Debatte um eine Neuverschuldung unterminiert, heißt es.

Auf Platz 2 kam „Zustrombegrenzung“. Das Wort stelle Zuwanderung als bedrohliche Masse dar und entmenschliche Migranten. Das Unwort des Jahres wird seit 1991 gekürt und soll für einen sensibleren Sprachgebrauch sorgen. (zeit.de)


Klassiker in vereinfachter Sprache jetzt auch an Gymnasien

Seit vielen Jahren gibt es Klassiker wie „Faust“ oder „Romeo und Julia“ auch in einer vereinfachten, modernen Ausgabe – eigentlich entwickelt für Real-, Haupt- und Gesamtschulen. Aber immer mehr Gymnasien greifen auf diese vereinfachten Versionen zurück, weil die Schüler mit dem Original nicht zurechtkommen. Zu schwierig sei es, zu komplex. Eine Gymnasiallehrerin aus Berlin lässt „Nathan der Weise“ in der einfacheren Version lesen: „Hier stand die Begegnung mit einem klassischen Drama der Aufklärung im Vordergrund, das heißt Handlungsverlauf, Figurenkonstellation und -rede und nicht so sehr die Redeanalyse.“ Andere Werke würde sie im Original unterrichten. Die frühere Referatsleiterin in der Bildungsverwaltung, Christiane Sauerbaum-Thieme, kann dem nichts abgewinnen: „Traut man unseren Schülern nicht mehr zu, sich mit der Schönheit der Sprache der Klassiker auseinanderzusetzen?“ Ähnlich kritisch ist der Lehrer und Referendarausbilder Robert Radecke-Rauh: „Wenn wir damit beginnen, literarische Texte in einfache Sprache zu überführen, rauben wir den Klassikern ihre ästhetische Substanz und den Gymnasien ihren Anspruch, die Hochschulreife zu erwerben.“ (berliner-zeitung.de (Bezahlschranke), welt.de, welt.de)


Verwaltungssprache verstehen dank neuem KI-Modell

Das Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Digitalisierung des Landes Nordrhein-Westfalen teilt mit, dass der landesweiten Verwaltung ein neues KI-Sprachmodell zur Verfügung gestellt werden soll, das „die Verwaltungssprache, Abläufe und Regeln versteht, vereinfacht und erklärt“. Aufbauend auf dem bereits bestehenden KI-Assistenten NRW.Genius wird dazu im Projekt GovTeuken ein speziell auf die öffentliche Verwaltung zugeschnittenes Sprachmodell entwickelt.

Grundlage sei das Sprachmodell Teuken-7B, das gezielt mit Verwaltungsdaten weitertrainiert wird. Das Projekt wird vom IT-Planungsrat mit rund 676.000 Euro gefördert und vom Landesbetrieb Information und Technik Nordrhein-Westfalen koordiniert, Technologiepartner ist das Fraunhofer-Institut für Intelligente Analyse- und Informationssysteme (IAIS). Nach einer Testphase in Nordrhein-Westfalen soll das KI-Sprachmodell auch anderen Verwaltungen bundesweit zur Verfügung gestellt werden. Parallel werde NRW.Genius weiterentwickelt, um fachspezifische Anwendungen zu ermöglichen und die Nutzung eigener Datensammlungen zu unterstützen. (egovernment.de)


2. Gendersprache

Zu viele Sternchen bei der Jobsuche

Eine Sprachdomäne, in der gendersprachliche Formulierungen im Allgemeinen als akzeptiert galten, ja sogar gesetzlich vorgeschrieben werden, sind Stellenanzeigen. Unternehmen mussten bereits Entschädigungen an Bewerber zahlen, weil in ihren Stellenanzeigen zum Beispiel „coole Typen“ gesucht wurden. Um hier auf keinen Fall etwas falsch zu machen, also möglicherweise jemanden zu diskriminieren, wird in dieser besonderen Textsorte beim Gendern sogar oft übertrieben, etwa „Bauzeichner*innen (m/w/d)“ oder „Erzieherin/Erzieher (m/w/d)“.

Eine Umfrage eines Marktforschungsinstituts unter 1.028 berufstätigen Personen hat nun ergeben, dass Bewerber die Gendervielfalt in Stellenanzeigen „nervig“ finden. Nur 18 Prozent der Befragten befürworten gendersprachliche Formulierungen. Je älter die Bewerber, desto größer die Ablehnung. Aber sogar in der Altersgruppe zwischen 18 und 29 Jahren lehnen 46 Prozent das Gendern ab. (elektroniknet.de)

3. Sprachspiele: Neues aus dem Wort-Bistro

Warum bricht man etwas übers Knie?

Das ging wirklich schnell. Die Weihnachtstage waren gerade vorbei, der Morgen des 27. Dezember brach an – und schon landeten in unserer Nachbarschaft reihenweise Weihnachtsbäume auf der Straße. Während in unserer Wohnung der künstliche Weihnachtsbaum mindestens bis Anfang Februar im Zimmer steht, also bis Mariä Lichtmess, kann es anderen Haushalten offenbar nicht rasch genug gehen. Gibt es etwa einen geheimen Wettbewerb? Vielleicht stand ja am 27. Dezember ein Mitarbeiter der Stadtreinigung mit einer Trillerpfeife vor den Häusern und hat gerufen: „Auf die Bäume, fertig, los!“, woraufhin sämtliche Nachbarn ihren Baum durchs Treppenhaus wuchteten und die Tanne wie beim Speerwurf auf den Gehweg warfen, also direkt neben die abgestellten E-Roller. Wie schade! Dabei kann man doch am Weihnachtsbaum sämtliche Wortspiele rund um die Tanne austauschen. Wissen Sie etwa, was ein Kunde sagt, der einen Christbaum kaufen möchte? Er sagt: „Guten Tag, ich bin Stammkunde“. Eine Bekannte erzählte mir neulich, warum Weihnachtsbäume nicht stricken können. Sie lassen immer die Nadeln fallen. Und wenn ein Hund an den vielen entsorgten Christbäumen entlangspaziert, muss er sich ja denken: „Wow, wo kommen denn die vielen Toiletten her?“. Dazu passt auch die Meldung über einen Diebstahl am zweiten Adventswochenende in Cottbus. Dort haben Unbekannte sage und schreibe 130 Weihnachtsbäume von einem Verkaufsstand gestohlen. Potzblitz! Wer es nötig hat, Bäume zu stehlen, kommt auf keinen grünen Zweig mehr. Und da wir schon dabei sind, sei auch an die Geschichte aus dem Internet über ein Straßencafé erinnert. Die Kundin sagt: „Ich hätte gerne Baumkuchen“, worauf die Servicekraft entgegnet: „Ja, aber draußen nur Tännchen“. Naja, da liegen sie nun auf den Gehwegen, die abgeschminkten Tännchen vom Weihnachtsfest. Wir haben uns gefragt, ob die schnelle Entsorgung von den Nachbarn nicht übereilt war und ob sie damit nicht etwas übers Knie gebrochen haben. Diese Redensart geht wiederum laut Duden ebenfalls auf Bäume, Holz, Zweige und Äste zurück. Entweder konnte man exakt messen und mit einer Säge auf den Zentimeter genau ein Stück Holz in zwei Teile trennen. Oder man entschied sich für die schnelle Variante und brach Äste und Zweige einfach übers Knie. Dann war das Stück Holz mitunter ungerade, schief, schepp und für einige Vorhaben unbrauchbar. Wie auch immer: Ich mache es den Nachbarsfamilien nicht zum Vorwurf, dass sie ihre Tanne so früh ausgemistet haben. Wenn ich an den abgelegten Bäumen vorbeigehe und später die Nachbarn im Treppenhaus treffe, rufe ich ihnen freudig zu: „Ach, schau an, ich war eben bei Ihrer Zweigstelle“.

Philipp Kauthe

Radio-Journalist, Buchautor, Podcast „Schlauer auf die Dauer“ (philipp-kauthe.de)


4. Kultur

Ausgestoßene Wörter

In der Zeit erinnert sich Redakteur Peter Dausend an Wörter, die längst vergessen sind und die er vermisst. Kaum jemand nutze noch Wörter wie „Ulknudel“ oder „Muckefuck“: „Wörter, die früher geschniegelt im Satz standen und heute wirken wie Verwandte, die bei Familienfeiern plötzlich anfangen, über D-Mark-Preise zu sprechen.“ Auch Namen würden so verschwinden und bei gelegentlichem Hören wie aus der Zeit gefallen wirken: „Gisela klingt wie eine Abteilung im Einwohnermeldeamt, Walburga heißt nicht einmal mehr ein Ikea-Regal. Und Erich? Wer Erich heißt, ist nie unter sechzig, selbst wenn er erst zwölf ist.“ Die neuen Modenamen seien Liam, Noah und Mila, ältere Namen stünden am Rande und könnten nur noch zuschauen, wie sie aus dem aktiven Sprachgebrauch ausgestoßen würden. (zeit.de (Bezahlschranke))


Münchner Mundart-Mülleimer

Im Münchner Stadtteil Laim soll mit humorvollen Botschaften gegen Vermüllung vorgegangen werden. Der Bezirksausschuss beschloss mehrheitlich, dass öffentliche Abfallbehälter künftig mit witzigen Sprüchen versehen werden sollen, um Passanten zum richtigen Entsorgen von Müll zu motivieren. In Hamburg, Berlin und Wien gibt es bereits die lustigen Mülleimersprüche. In der Diskussion brachte der Bezirksausschuss auch den Einsatz Münchner Mundart ins Spiel, um den lokalen Bezug zu stärken. Konkrete Formulierungen sollen jedoch nicht vorgegeben werden, erklärt Nicola Fritz, Vorsitzende des Unterausschusses Umwelt, Klima und Baumschutz. Über die Auswahl der Sprüche sollen das Referat für Klima- und Umweltschutz (RKU) oder der Abfallwirtschaftsbetrieb München (AWM) entscheiden, alternativ wurde ein Wettbewerb angeregt. (merkur.de)


5. Berichte

Schreibwerkstatt auf dem Sprachhof

Kurzgeschichten, Satiren, Gedichte – seit 20 Jahren gibt es an der TU Dortmund im Rahmen des Seniorenstudiums die Schreibwerkstatt für Seniorinnen und Senioren. Am Dienstag kamen die Teilnehmer auf dem Sprachhof in Kamen zusammen, um interessierten Besuchern ihre veröffentlichten Werke zum Thema „Zeitgeist und Glück“ vorzutragen. (facebook.com/vds, iinstagram.com/vds, tiktok.com/vds)


Leseturm – Schreibaufruf 2026 zum Thema „Reisegeschichten“

Auch in diesem Jahr will die Merseburger Autorengruppe „Leseturm“ eine Anthologie mit literarischen Texten herausbringen, diesmal geht es um „Reisegeschichten“. Interessierte können ihre Texte zu diesem Thema bis zum 30. Juni 2026 einreichen (bitte per E-Mail an Hans-Dieter Weber, hdum-weber@t-online.de). Der Text sollte als Fließtext geschrieben und lediglich mit inhaltlichen Absätzen versehen sein. Auch Fotos oder Bilder bis maximal 300 dpi  Auflösung sind möglich (Originale sind ebenfalls erwünscht, sie werden anschließend auch wieder zurückgeschickt). Ausgewählte Texte sollen in einer gemeinsamen Lesung am 22. November 2026 in der Hoppenhauptkirche Beuna, einem Ortsteil von Merseburg, vorgestellt werden. Zeitgleich ist eine kleine Ausstellung zum Thema geplant. Für Rückfragen steht Hans-Dieter Weber unter 0172 3948861 zur Verfügung. (leseturm.net)


6. Soziale Medien

Was Eltern sagen und Kinder verstehen

Auf TikTok spielt der Nutzer @jucki.ha mit den Vorurteilen und Problemen, die Eltern und Kinder haben. Viele davon resultieren aus einem „einfachen“ Kommunikationsproblem. Was für die Eltern ein „Zieh bitte deine Schule aus, wir müssen jetzt dringend los“ ist, kommt bei den Kindern oft an als „Würdest du bitte nur rumstehen und Löcher in die Luft starren.“ (tiktok.com/jucki.ha)


Sprichwörter, aber falsch

Der Kanal von niklasunddavid hat sich den Spaß gemacht und bekannte Sprichwörter vertauscht. Wer mag, kann „Wer anderen eine Grube gräbt, der sollte nicht mit Steinen werfen” oder „Das ist ein zweischneidiges Pferd” einfach mal selbst im Alltag ausprobieren und die verwirrten Blicke genießen. (instagram.com/niklasunddavid)


Der VDS-Infobrief enthält Neuigkeiten zu verschiedenen Sprachthemen. Männer sind mitgemeint, das Gleiche gilt für andere Geschlechter. Namentlich gekennzeichnete Beiträge spiegeln gelegentlich die Meinung der Redaktion wider.

Redaktion: Holger Klatte, Asma Loukili, Dorota Wilke, Stephanie Zabel

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