1. Presseschau
Synchronsprecher gegen Netflix
Seit Anfang des Jahres verweigern deutsche Synchronsprecher die Zusammenarbeit mit der Film- und Serienplattform Netflix. Denn laut einer Vertragsklausel der Videoplattform stimmen die Sprecher durch ihre Stimmaufnahmen der Nutzung dieser Tonspuren für das Training von KI-Systemen zu, ohne zusätzliche Vergütung oder Mitsprache der Sprecher. Ausgelöst wurde der Konflikt durch öffentliche Kritik der Synchronsprecherin Vivien Faber. Nach Angaben des Verbands Deutscher Sprecher sollen Sprecher der Nutzung ihrer Stimmen als KI-Trainingsmaterial zustimmen. Damit wäre es technisch möglich, ihre Stimmen künstlich zu reproduzieren und unabhängig von den Originalsprechern einzusetzen. Es können dadurch sogenannte „Deepfakes“ entstehen. Der Verband lehnt diese Praxis ab und fordert, dass die Synchronsprecher diese Regelung ablehnen können, ohne negative Konsequenzen zu erleiden. Die Nutzung von Stimmen für KI dürfe kein neuer Branchenstandard werden, erklärt der Verband. Als mögliche Folge des Konflikts könnten einzelne Netflix-Eigenproduktionen künftig ohne deutsche Synchronfassung erscheinen. Die Gespräche zwischen Netflix und den Synchronsprechern werden noch fortgeführt. (golem.de, berliner-zeitung.de)
Ein Halsband, um zu sprechen
Nach Schlaganfällen verlieren viele Betroffene die Fähigkeit, sich verständlich auszudrücken und zu sprechen. Forscher der englischen Universität Cambridge entwickelten ein KI-Halsband namens Revoice, welches Menschen mit Dysarthrie (einer organisch bedingten Sprachstörung) wieder eine natürliche Kommunikation ermöglichen soll, auch ohne Operation oder Hirnimplantat.
Die organisch bedingten Sprachstörungen sind oftmals eine Folge von geschwächten Muskeln in Hals, Mund und Kehlkopf. Die Patienten wissen zwar, was sie sagen möchten, können es jedoch nicht flüssig aussprechen. Professor Luigi Occhipinti von der Universität Cambridge erklärt, dass Revoice feine Bewegungen der Hals- und Rachenmuskulatur sowie den Puls erfasse und diese Signale mithilfe künstlicher Intelligenz auswerte. Die zwei KI-Modelle rekonstruieren daraus dann gesprochene Wörter und ergänzen sie kontextuell zu vollständigen Sätzen. Das erste KI-Modell rekonstruiert hierbei die Wörter und das zweite Modell ergänzt den emotionalen Kontext. Die Verarbeitung erfolge nahezu in Echtzeit, berichtet Occhipinti. In bereits erfolgten Tests konnte somit aus einem gemurmelten „wir … Krankenhaus“ der vollständige Satz „Obwohl es schon etwas spät ist, fühle ich mich immer noch unwohl. Können wir jetzt ins Krankenhaus gehen?“ konstruiert werden.
In ersten Tests mit Schlaganfallpatienten erzielte Revoice laut den Forschern eine sehr niedrige Fehlerrate und eine deutlich höhere Nutzerzufriedenheit als herkömmliche Hilfsmittel. Das Halsband ist flexibel und waschbar, soll aber keine Sprachtherapie ersetzen. Langfristig sehen die Entwickler auch Einsatzmöglichkeiten bei anderen neurologischen Erkrankungen wie Parkinson. Ziel sei es, Betroffenen mehr Selbstständigkeit und sprachliche Teilhabe zurückzugeben, sagt Occhipinti. (ingenieur.de)
Mehrsprachige Kinder
Rund die Hälfte der Kinder in Deutschland unter fünf Jahren hat einen Migrationshintergrund. Viele von ihnen sprechen mehrere Sprachen, die Gesellschaft würde diese Mehrsprachigkeit jedoch ambivalent aufnehmen, sagt Wiebke Scharff Rethfeldt, Professorin für Logopädie, Mehrsprachigkeit und klinisch interkulturelle Kompetenz an der Hochschule Bremen: „Einerseits wird die Sprachenvielfalt Europas betont, Mehrsprachigkeit gilt im Bildungskontext als wichtige Kompetenz und als wirtschaftlich wertvolle Ressource. Andererseits ist ein monolinguales Normverständnis vielerorts bis heute nicht überwunden. Ein Schulsystem, das stark auf Deutsch fokussiert ist, erschwert den Erhalt von Mehrsprachigkeit zusätzlich.“ Die Herkunftssprache und das damit verbundene soziale Prestige hängen eng zusammen, Kinder bekämen schon sehr früh mit, welche Sprachen anerkannt sind und welche nicht. Problematisch werde es dann, „wenn die Kinder in keiner Sprache mehr richtig zu Hause sind.“
Deutschkenntnisse gelten in der Gesellschaft als Gradmesser für eine gelungene Integration, so Scharff Rethfeld, deshalb würden viele mehrsprachige Eltern zu Hause Deutsch sprechen, obwohl sie es selbst nicht gut beherrschen. In diesem Wunsch nach Integration würde allerdings zu Hause auch kaum noch in der ursprünglichen Muttersprache gesprochen. So würde eine Sprache verkümmern, die andere nicht richtig gelernt, ein doppeltes Problem. Deswegen rät Scharff Rethfeld, dass Eltern mit ihren Kindern in der eigenen Muttersprache sprechen sollten: „Die Forschung zeigt: Jede Sprache ist es wert, gefördert zu werden. Gute Kompetenzen in der Herkunftssprache bilden die beste Grundlage für den späteren Erwerb der in der Schule verwendeten Sprachen.“
Mehrsprachigkeit sei entgegen der landläufigen Meinung nicht der Grund, dass viele Kinder mit Migrationshintergrund Sprachprobleme hätten, sagt Scharff Rethfeldt. Vielmehr seien sozioökonomische Begleitumstände wichtiger: „Entscheidend sind die häusliche Lernumgebung und der elterliche Bildungsgrad. Rund 42 Prozent der unter Fünfjährigen haben einen Migrationshintergrund. Da Eltern mit Migrationshintergrund, auch in der zweiten Generation, im Durchschnitt niedrigere Bildungsabschlüsse haben, ist der höhere Anteil an Förderbedarf wenig überraschend.“ Eltern mit Migrationshintergrund sollten ihre Muttersprache vor allem in Alltagssituationen einbauen, zum Beispiel beim Frühstück oder bei der Körperpflege. (spiegel.de (Bezahlschranke))
Unverzichtbare Handschrift
In der letzten Woche, am 23. Januar, wurde der Welttag der Handschrift gefeiert und im Zuge dessen auch über die Bedeutung des Schreibens mit der Hand diskutiert. In einem Gespräch mit dem WDR erklärt die Sprachdidaktikerin Necle Bulut, dass die Handschrift mehr als eine reine Technik sei. Handschreiben unterstütze Denk- und Erinnerungsprozesse und fördere nachhaltiges Lernen. Im Unterschied zum Tastaturschreiben zwinge die geringere Geschwindigkeit dazu, Informationen auszuwählen und zu verarbeiten. Zudem können sich Kinder Buchstaben besser merken, wenn sie mit der Hand geschrieben werden. Bulut warnt jedoch nicht vor der Digitalisierung und dem Einsatz von Tablet und Tastatur in der Schule. Sie plädiert für den situationsabhängigen Einsatz der passenden Technik. Digitales Schreiben sei für schnelle Dokumentationen geeignet, während das handschriftliche Arbeiten den Lernprozess verlangsame und Informationen nachhaltig im Gehirn festige. Auch der Einsatz von Tablets mit Stift im Unterricht könne sinnvoll sein, setze jedoch voraus, dass die Handschrift bereits ausreichend automatisiert ist. (tagesschau.de)
Sommerschule statt Sommerferien
Der Bundesvorsitzende der FDP, Christian Dürr, fordert eine Verkürzung der Sommerferien für Schulkinder mit schlechten Deutschkenntnissen. Laut Dürr könnten die Kinder in dieser Zeit stattdessen eine zweiwöchige Sommerschule besuchen, um ihre Sprachkompetenz zu verbessern. Im Gespräch mit dem Nachrichtenmagazin Focus erklärte der Parteivorsitzende, man könne sich hierfür ein Vorbild an Österreich nehmen. Das Wiener Parlament habe bereits eine ähnliche Regelung beschlossen. Neben verbindlichen Sommerschulen plädiert der FDP-Politiker auch für verpflichtende Sprachtests für Kinder im Vorschulalter. (welt.de)
2. Sprachspiele: Phrasen der Neuzeit
Der Macho ist Matsch. Drei Sprachirrtümer bei Luise Pusch
In ihren Glossen zum Deutschen als Männersprache behauptet Luise Pusch, es wäre nach den Bildungsregeln des Deutschen falsch (und darüber hinaus ungerecht), dass es „der Hermaphrodit“ heiße, obwohl der zweite Bestandteil Aphrodite, eine Frau sei. Es müsse also „die Hermaphrodite“ heißen… Tatsächlich stimmt die Argumentation nicht. Das Deutsche kennt durchaus, dass sich der Artikel nicht nach dem zweiten Teil des Kompositums richtet: das Rückgrat (der Grat), die Schwermut (der Mut) usw. Aber auf diese Fälle kann man nicht bauen, denn sie sind sehr alt und gering an der Zahl. Indem Pusch auf Hermaphrodite umstellt, ordnet sie das Wort in eine Klasse auf -e ein, die, bis auf einige Ausnahmen, tatsächlich Feminina sind: die Rose, die Amme, die Anlage, die Glosse usw. Dagegen: der Affe, der Löwe, der Krake, der Kroate usw. Außerhalb der Herkunftsbezeichnungen wird es mit Maskulina auf -e eng. Das -e ist also sehr stark für Feminina. Schon im Griechischen ist ὁ Ἑρμαφρόδῑτος aber grammatisch ein Maskulinum und sagenmäßig ein Sohn, der dann verwandelt wurde. So hat sich das Maskulinum ins Deutsche vererbt. Formell schließt Hermaphrodit auch an andere Maskulina auf -it an: der Alevit, der Jesuit, der Eremit usw. und wird daher unterstützend als Maskulinum wahrgenommen.
Pusch stört sich auch an dem Wort „Amerika“ und hält „amerikanisch“ ein „arrogant-vereinnahmendes Wort“. Man solle differenzierter über den Kontinent sprechen. Tatsächlich sind geografische Exonyme oft breit im Fokus, das heißt, man benennt eine Region nicht differenziert, so, wie es die dort Lebenden in ihren jeweiligen Sprachen tun. Dahinter steht eine Sprachökonomie, die verständlich ist, denn in den meisten Fällen haben Außenstehende wenig Einblick in die lokalen Differenziertheiten. Nach der Logik von Pusch wären auch Australien (Terra australis) oder Afrika (Erweiterung vom engeren Λιβύη) arrogant-vereinnahmend… – Weiter moniert Pusch den „Uralt-Kalauer“, dass man sage, dass Herren herrlich seien, aber Damen dämlich. Natürlich ist sich Pusch bewusst, dass es keinen etymologischen Zusammenhang zwischen Dame und dämlich gibt. Es handelt sich um ein Wort- bzw. Sinnspiel mit Assonanz. Ich kann verstehen, dass diese scharfe Gegenüberstellung, die durch den Gleichklang gefestigt wird, bei Frauen als pauschale Wertung auf Unbehagen stürzt. Aber nicht deshalb ist der Kalauer niedrig anzusetzen, sondern weil er stilistisch einfach gestrickt ist. Alle Frauen sind eingeladen, bessere Wortspiele zugunsten der Frau und zuungunsten des Mannes zu machen.
Pusch, Luise F. (2019): Alle Menschen werden Schwestern. Frankfurt am Main
Myron Hurna
Der Autor (geboren 1978) promovierte in Philosophie über das Thema moralische Normen. Er schrieb mehrere Bücher über die politische Rhetorik, besonders über die Rhetorik des Holocaustvergleichs und über die politisch korrekte Sprache (Zensur und Gutsprech). Sein neues Buch „Amoklauf am offenen Lernort“ ist bei Königshausen & Neumann erschienen.
3. Kultur
Die weltweit beste Deutschprüfung
Der 16-jährige Rishabh Agarwal aus Frankfurt am Main hat den Outstanding Cambridge Learner Award für die weltweit höchste Punktzahl im Fach Deutsch als Fremdsprache erhalten. Die Auszeichnung wurde im Rahmen der internationalen Cambridge-IGCSE-Prüfungen vergeben. Der Preis würdigt außergewöhnliche Leistungen in einzelnen Fächern und wird weltweit an Schüler mit Spitzenresultaten vergeben. Die Cambridge-IGCSE-Prüfung gilt als international anerkannter Schulabschluss und wird von Cambridge International Education organisiert. Agarwal, der ursprünglich aus Indien stammt und in Shanghai, Paris und später Deutschland lebte, beherrscht bereits die Sprachen Englisch, Hindi, Französisch und etwas Mandarin. Vor fünf Jahren begann er Deutsch zu lernen und erzielte jetzt die weltweit höchste Punktzahl im Fach Deutsch als Fremdsprache. (fnp.de)
Platz für Dialekte schaffen
Der BR-Moderator Markus Tremmel sprach im oberbayerischen Gymnasium Dorfen über Dialekte und Sprachkultur und warb für einen selbstbewussten Umgang mit der bairischen Sprache. In seinem Vortrag erklärte er, dass Hochdeutsch ursprünglich ein geografischer Begriff und nicht mit der heutigen Standardsprache gleichzusetzen sei. Dialekte seien ein kulturelles Erbe, das gepflegt werden müsse. Tremmel erläuterte in seinem Vortrag historische und sprachwissenschaftliche Hintergründe, ging auf die Entstehung des Standarddeutschen ein und zeigte, wie eng Dialekte miteinander und mit anderen europäischen Sprachen verwandt sind. Die heutige Standardsprache habe sich über Jahrhunderte entwickelt und durch den Buchdruck und Luthers Bibelübersetzung entstand eine Einheitssprache. Dabei betont er, dass Dialekte nicht minderwertig seien. Im Alltag dürfe und solle der Dialekt seinen Platz haben. (merkur.de)
4. Berichte
VDS schenkt Uni Münster chinesische Bücher
Klassiker der chinesischen Literatur, teils auf Seidenpapier, ein Buch sogar über 200 Jahre alt – der VDS hat dem Institut für Sinologie und Ostasienkunde der Universität Münster mehrere Bücher aus einem Nachlass geschenkt. „Die Uni Münster freut sich, diese ungewöhnlichen Bücher als Geschenk zu erhalten, sie sind in einem außerordentlich guten Zustand und werden jetzt unsere Bibliothek in Münster bereichern“, sagt Dr. Yu Hong. Prof. Walter Krämer, Vorsitzender des VDS, freut sich darüber, dass die Bücher in gute Hände kommen: „Sprache verbindet über alle Nationen hinweg, es ist mir eine Freude, dass gerade so wichtige Werke weiterleben und von Forschern und Studenten weiter in Ehren gehalten werden.“ (uni-muenster.de, instagram.com/vds, facebook.com/vds, tiktok.com/vds)
Bücher für Grundschüler
Auch die Stadt Halle an der Saale bekommt vom VDS Bücher geschenkt – genauer gesagt alle im Jahr 2025 eingeschulten Grundschüler der Stadt, 2.191 an der Zahl – und zwar das Erstlesebuch „Baumhausgeschichten“ aus dem Verlag Ravensburger. Wert der Spende: rund 11.000 Euro.
Einige Mitglieder des Stadtrates, der einer solchen kommunalen Spende zustimmen muss, waren darüber jedoch gar nicht erfreut. So stufte Sarah Labusga (von der Fraktion „MitBürger“) die Ziele des VDS als „rechtspopulistisch“ ein, also die „Ablehnung von Anglizismen und gendersensibler Sprache“.
Man möchte Frau Labusga zurufen, dass der allergrößte Teil der Bevölkerung Gendersprache in Deutschland ebenfalls ablehnt (Tendenz steigend) und dass man Denglisch auch unschön finden darf, ohne rechtsradikal zu sein. So etwas ähnliches entgegnete auch Stadtrat Tim Kehrwieder (FDP): „Es ist eine Spende von Kinderbüchern. Fahren Sie mal ein Stück runter“, sagte er zu Frau Labusga.
Am Ende stimmten 28 Ratsmitglieder dafür, 16 dagegen, 4 enthielten sich, so dass die Bücher im Februar an die Erstklässler übergeben werden können. (mz.de (Bezahlschranke), dubisthalle.de)
5. Soziale Medien
Deutsches Lieblingswort
Auf einem Empfang der Deutschen Botschaft in London wurden englische Beamte im Rahmen der #ShoutOutForGerman-Woche zu ihrem deutschen Lieblingswort befragt. Genannt wurden unter anderem „Schadenfreude“, „doch“ und „Treppenwitz“, mit „Eichhörnchen“, „Schmetterling“ und „Marienkäfer“ war aber auch die Tierwelt stark vertreten. (instagram.com/germanyinuk)
GenZ-Gespräch
Auf Instagram hat die Nutzerin @ladyiris_24 ein launiges Stück über die Sprache der GenZ hochgeladen, also die Generation derer, die zwischen ca. 1996 und 2010 geboren worden sind. „Mitgehört“ wurde ein Gespräch zwischen zwei verliebten jungen Leuten, das aus kurzen Sätzen und einzelnen Wörtern besteht: „Hey!“ – „Was?“ – „Was was?“ – „Was Hey?“ – „Nur so.“ – „Ok.“ – „Wie ok?“ – „Nur so.“ Wer also nicht zwischen 16 und 30 Jahren alt ist, hat spätestens jetzt einen Knoten im Kopf. (instagram.com/ladyiris_24)
Was ist denn bitte ein Pfund?
Auf X beschreibt der Nutzer @dafaelltmirein eine Situation an der Frischetheke. Gefragt wird nach einem Pfund eines Produkts. Die Bedienung hinter der Theke kennt den Begriff nicht und vermutet 100 Gramm. „Nein, bitte ein Pfund. Das ist Alte-Menschen-Slang für ein halbes Kilo.“ Ein interessantes Zeichen dafür, wie bestimmte Wörter kurz davor sind, in Vergessenheit zu geraten. (x.com/dafaelltmirein)
Hirnhickser
Der SWR und die Comedy-Truppe Luksan Wunder haben weitere Wörter vorgestellt, die unbedingt für das Deutsche erfunden werden sollten. So müsse es dringend „Hirnhickser“ geben, was den Zustand beschreiben soll, bei dem man sekundenlang ins Leere starrt, weil man vergessen hat, was man tun wollte. (instagram.com/swr3online)
6. Buchwelt
Kinder als Hauptfiguren von Literatur
Es ist für Schriftsteller nicht einfach, sich in die Mentalität von Kindern einzufühlen. Ich denke dabei nicht in erster Linie an Kinderbücher. Dort kann der Autor die Grenze von der Realität zum Märchenhaften überschreiten und braucht sich keine Gewissensnöte zu machen, denn solche Passagen gehören einfach dazu, und die Kinder als Leser wünschen sie sich. So vermag Pippi Langstrumpf unerwartete Zauberkräfte zu entfalten und eben mal ihr Pferd hoch in die Luft zu stemmen. Nils Holgersson fliegt auf dem Rücken der Wildgänse über die Landschaften Schwedens, denn schließlich ist er so kleingezaubert, dass die Gänse mit seinem Gewicht keine Last haben. Nein, ich denke an richtige „Erwachsenenbücher“, wo ausnahmsweise mal Kinder und ihr Schicksal im Mittelpunkt stehen, wo sie mit ihren Ängsten leben, überlegen, entscheiden und handeln, wie es schließlich Personen einer Erzählung oder eines Romans zu tun pflegen. In meinem im IFB Verlag Deutsche Sprache erschienenen Buch „Ein anderes Leben“ habe ich zwei kleine Jungen zu Hauptfiguren des Romans gemacht. Im Interview mit der Lektorin habe ich mich damit auseinandergesetzt. Dazu hier ein Auszug:
IFB Verlag: „War es für Sie als Autor schwierig, sich in die Mentalität und das Erleben von Kindern einzufühlen?“
K.G.: „Darin liegt tatsächlich eine ziemliche Herausforderung. Wir empfinden ja nicht selten das Verhalten von Kindern wegen ihrer Spontaneität als undurchschaubar. Dazu ihre geringe Aufmerksamkeitsspanne und der schnelle Wechsel der Interessen! Ihr noch kaum entwickeltes Verständnis komplexerer Zusammenhänge, je nach Altersgruppe, macht die Sache auch nicht einfacher. Die Erinnerung an die eigene Kinderzeit ist nur noch rudimentär, ebenfalls an das Aufwachsen der eigenen Kinder. Das Pädagogikstudium hilft für lebendiges Erzählen auch nicht besonders viel. Dennoch haben es immer wieder Autoren versucht, so etwa Charles Dickens, Astrid Lindgren, Erich Kästner, Nicolai Gogol, François Truffaut. Seit ich meine Enkeltochter (8 Jahre) erlebe, ist meine Aufmerksamkeit für Kinder fühlbar gewachsen. Ich versuche, mit meinen Erinnerungen und Beobachtungen behutsam und selbstkritisch umzugehen und nicht zu viel in die Figuren hineinzugeheimnissen oder Lebensfremdes von ihnen zu erwarten. Das Risiko, dabei zu überziehen, bleibt mir freilich bewusst. Ob der Versuch gelungen ist, mag der Leser beurteilen.“ (Dr. Kurt Gawlitta, Berlin) (ifb-verlag.de)
Der VDS-Infobrief enthält Neuigkeiten zu verschiedenen Sprachthemen. Männer sind mitgemeint, das Gleiche gilt für andere Geschlechter. Namentlich gekennzeichnete Beiträge spiegeln gelegentlich die Meinung der Redaktion wider.
Redaktion: Holger Klatte, Asma Loukili, Dorota Wilke, Stephanie Zabel
