Infobrief vom 27. Februar 2026: KI analysiert Politikersprache

1. Presseschau

KI analysiert Politikersprache

Die Psychologin Greta Groß und die Politikwissenschaftlerin Rebecca Kittel analysieren mithilfe von KI-gestützten Sprachmodellen die Sprache von Bundestagsdebatten und anderen Parlamenten in Westeuropa. Dabei werden große Textmengen statistisch ausgewertet und es wird untersucht, was die Politiker sagen, wie sie es sagen und welche Rückschlüsse man daraus für die vergleichende Politikwissenschaft ziehen kann. Seit der Einführung des KI-Sprachmodells ChatGPT ist diese Praxis in der Politikwissenschaft verbreitet. Grundsätzlich zählen die KI-Anwendungen, darunter auch Statistikprogramme wie Python oder R, die Häufigkeit bestimmter Begriffe in den Reden und analysieren den Kontext des Gesagten. Ebenfalls lassen sich Themengewichtung, Tonfall und sprachliche Komplexität messen. Eine Auswertung zeigt beispielsweise, dass das Wort „Klima“ im Bundestag 2024 seltener fiel als 2023, was Groß und Kittel als einen möglichen Hinweis darauf sehen, dass andere Krisen stärker in den Vordergrund gerückt seien. Zudem sei die Sprache der Abgeordneten seit 1990 insgesamt einfacher geworden. Dies mache Politik zwar zugänglicher, eine vereinfachte Sprache, insbesondere für komplexe Themen, berge jedoch auch das Risiko der inhaltlichen Vereinfachung. Die Auswertungen der KI zeigen auch, dass häufiger über „Probleme“ als über „Lösungen“ gesprochen wird und dass Regierungsparteien vor allem zu Beginn einer Legislaturperiode stark zukunftsorientiert argumentieren, später jedoch weniger. Ein wachsender Forschungsbereich der Politikwissenschaft ist zudem die Auswertung von Bild- und Videomaterial durch KI-Modelle. Künftig könnten etwa Körpersprache von Rednern oder Debattendynamiken untersucht werden. (berliner-zeitung.de (Bezahlschranke))


#KunstVorKI

Die Synchronisation von Filmen und Serien ist in vielen Sprachgemeinschaften gar nicht selbstverständlich. In Skandinavien und in Osteuropa werden Filme aus dem Ausland in der Regel in der Originalsprache mit Untertiteln gezeigt, oder eine landessprachliche Stimme wird (mitunter sogar für alle Darsteller) über den Originalton gelegt. Im deutschsprachigen Raum hat das Synchronisieren im Fernsehen und im Kino eine lange Tradition. Die Synchronsprecher, mitunter auch als „Synchronschauspieler“ bezeichnet, sind ein eigener Berufsstand. Seit dem Aufkommen intelligenter Sprachmodelle sehen sich die Synchronsprecher aber in der Defensive. Es geht um Geld, mitunter auch um mehr als das, denn die Stimmen können (zumindest physikalisch) von der Künstlichen Intelligenz täuschend ähnlich imitiert werden. Ein weiterer Sprachberuf, der von der technischen Entwicklung bedrängt wird. Der Berufsverband deutscher Sprecher (logischerweise übrigens auch VDS) hat sich nun entschlossen, dagegen zu kämpfen. Aktueller Gegner ist das US-amerikanische Medienunternehmen Netflix. Der Sprecher des VDS rät allen Synchronsprechern von einem Engagement bei Netflix ab. Denn das Unternehmen zwingt sie, einer digitalen Nachbildung und Weiternutzung ihrer Stimmen ohne jegliche Gegenleistung zuzustimmen. Man stellt sich auch auf juristische Auseinandersetzungen mit Netflix und den anderen Medienriesen ein, denn auch Amazon hat beispielsweise ein technisches Patent für eine Maschine angemeldet, die menschliche Stimmen verzichtbar macht. Man darf sich darauf einstellen, dass das Geld kostet. Unter dem Stichwort „#KunstVorKI“ wurde eine Sammelaktion gestartet: goodcrowd.org. (sprecherverband.de)


Esperanto in Prenzlau

Den Besuch des kubanischen Esperanto-Sprechers mit Namen Vilhelmo nimmt der Nordkurier zum Anlass, einmal ausführlicher über die Plansprache Esperanto zu berichten, deren Grundlagen erstmals 1887 von ihrem Erfinder, dem polnischen Arzt Ludwik Lejzer Zamenhof, veröffentlicht wurden. Eine lokale Anbindung präsentiert die in Mecklenburg-Vorpommern erscheinende Tageszeitung auch, und zwar mit Edeltraut Henning, die in Prenzlau einen aktiven Esperanto-Gesprächskreis leitet. „Ich habe bereits an 15 Weltkongressen in verschiedenen Ländern Europas teilgenommen und viele interessante Leute kennengelernt“, berichtet Henning. Esperanto könne man wegen seines reduzierten Wortschatzes, der aus den großen europäischen Sprachen entlehnt ist, auch aus der deutschen, und wegen seiner eindeutigen Aussprache schneller erlernen als andere Sprachen. (nordkurier.de)


Leises Sprechen ist kein Makel

Wer leise spricht, gilt häufig als unsicher oder schüchtern. Laut Stimm- und Kommunikationsforschung greift diese Einschätzung jedoch zu kurz. Zwar würden lautere Stimmen oft als dominanter und extrovertierter wahrgenommen, leisere dagegen als zurückhaltend, doch sage die Lautstärke allein wenig über Kompetenz oder Persönlichkeit aus. Darüber berichtet Laura Wällnitz auf der Netzseite von Focus. Leises Sprechen wird in der Kommunikationsforschung als kooperativer Gesprächsstil beschrieben und kann auch ein Ausdruck sozialer Feinfühligkeit sein. Die Ursachen für leises Sprechen können jedoch auch Erschöpfung oder Scham und eine bewusste Zurückhaltung sein. Eine ruhige, kontrollierte Stimme kann während Verhandlungen und in Führungspositionen sogar deeskalierend oder autoritativ wirken. Auch biologische Faktoren oder kulturelle Prägungen beeinflussen die Sprechlautstärke. Entscheidend sei der bewusste Umgang mit der eigenen Stimme, erklärt Wällnitz. Eine leise Stimme sei kein Makel, sondern kann Präsenz und Souveränität ausdrücken. (focus.de)

2. Gendersprache

„Genderneutrale“ Satzung in Overath abgelehnt

Der Haupt- und Finanzausschuss in Overath im Rheinisch-Bergischen Kreis im Süden des Landes Nordrhein-Westfalen hatte sich mit der Frage zu befassen, ob die Hauptsatzung der Stadtverwaltung „genderneutral“ umgeschrieben werden muss. Es war bereits das dritte Mal, dass dieser Antrag von Seiten der Grünen gestellt wurde. Und auch zum dritten Mal wurde der Antrag abgelehnt.

Die Antwort aus der Stadtverwaltung lautete, dass Paragraf 4 des Landesgleichstellungsgesetzes NRW (LGG) „nur von Frauen und Männern,“ spreche. Deswegen dürften in Overath „nicht einfach weitere Geschlechtsidentitäten aufgenommen werden“. Darüber hinaus sei unklar, wie eine Gleichstellung vieler verschiedener Geschlechtsidentitäten praktisch umgesetzt werden solle. Schließlich wurde auch die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt befragt, die der Meinung war, dass das Einbeziehen weiterer Geschlechtsidentitäten das Ziel der Gleichstellung von Frauen und Männern behindern könne. (rundschau-online.de)


3. Kultur

Ruhrdeutsch erobert das Internet

Ruhrdeutsch wird in den Sozialen Medien immer beliebter. Das passiert insbesondere durch verschiedene Kanäle und Influencer, die den Regiolekt in ihren Videos vorstellen und aufgreifen und ihn somit auch einem breiten Publikum zugänglich machen. Besonders erfolgreich ist zum Beispiel der Essener Influencer Ryko, der auf Instagram Videos im typischen Revier-Sprech dreht und damit über 158.000 Follower erreicht. Die Sprachwissenschaftler Philipp Cirkel von der Universität Münster und Steffen Hessler von der Ruhr-Universität Bochum haben die Besonderheiten des Ruhrdeutschen untersucht. Typisch seien Verschmelzungsformen wie „anne Straße“ (an der Straße) oder „hasse“ (hast du) oder Vokalisierungen wie „Wuast“ oder „fuichtbar“. Dabei variiere das Ruhrdeutsche laut der Linguisten stark zwischen den einzelnen Städten. Es falle ebenfalls auf, dass jüngere Menschen insgesamt weniger klassische Ruhrdeutsch-Begriffe wie „dat“ und „wat“ verwendeten, sondern eher „das“ und „was“. Ruhrdeutsch verschwinde jedoch nicht, sondern werde nur anders genutzt, etwa zur Markierung regionaler Identität oder besonderer Direktheit. Auch der Influencer Ryko, der amüsante Kurzvideos rund um Ruhrdeutsch und den stereotypischen „Ruhrpottler“ hochlädt, trägt zum Erhalt des Ruhrdeutschen bei. In den Kommentaren bei Instagram erhält er viel Zuspruch, dort schreiben die Nutzer „Endlich wird dat wieder modern“ und „Für mich ist dat kein Comedy, für mich is dat Zuhause“. (waz.de (Bezahlschranke))


Mehr Teilhabe durch Sprache

Im nordrhein-westfälischen Iserlohn hat sich der Bundestagsabgeordnete Paul Ziemiak in der Migrationsberatung für erwachsene Zugewanderte (MBE) mit Mitarbeitern und Klienten über Integrationsfragen ausgetauscht. Im Zentrum standen dabei vor allem die Bedeutung von Sprachkursen und der Zugang zum Arbeitsmarkt. Die seit 2005 bestehende, bundesgeförderte Beratungsstelle unterstützt Zuwanderer ab 27 Jahren unter anderem bei Integrations- und Deutschkursen, bei der Anerkennung von Abschlüssen sowie bei Bildungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten. Klienten berichteten von ihren Erfahrungen in Integrationskursen und den sprachlichen Herausforderungen im Alltag. Die Träger wiesen im Gespräch zugleich auf finanzielle Probleme und steigende Kosten hin, die das Angebot gefährden könnten. Auch bürokratische Hürden erschwerten die Arbeit. Ziemiak betont, dass das Erlernen der deutschen Sprache die wichtigste Voraussetzung für gelingende Integration sei. Einrichtungen wie die Migrationsberatung trügen dazu bei, Zuwanderer in den Arbeitsmarkt zu bringen und gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen. (lokalkompass.de)


4. Denglisch

„Corporate Bullshit“

In der Wirtschaftssprache häufen sich Anglizismen, die oft mehr Eindruck als Inhalt vermitteln. Schon typische Alltagssätze im Unternehmensumfeld sind durchsetzt mit englischen Ausdrücken wie „Change-Managerin“, „Call“, „Townhall-Meeting“, „Company“, „performen“ oder „High Performer“. Hinzu kommen Schlagworte wie „Purpose“, „Growth Hacking“, „Transformation“, „Empowerment“ oder „Sustainability“. Sebastian Herrmann von der Süddeutschen Zeitung erklärt, dass eine solche Ausdrucksweise oftmals nur den „Anschein der Tiefgründigkeit“ erzeugen solle. Der Psychologe Shane Littrell von der US-amerikanischen Cornell University bezeichnet dieses Phänomen als „Corporate Bullshit“. Damit ist ein Kommunikationsstil gemeint, der stark auf Fachjargon und Schlagworte setzt, inhaltlich jedoch oft leer bleibt. Im Rahmen einer Studie für das Fachjournal „Personality and Individual Differences“ entwickelte er eine Skala, um zu messen, wie empfänglich Menschen für diesen „Wortsalat“ sind. Dabei stellte er fest, dass Menschen, die solche mit Anglizismen und Management-Begriffen angereicherten Sätze für besonders gehaltvoll halten, eher zu einem wenig analytischen Denkstil neigten. (sueddeutsche.de (Bezahlschranke))


Der VDS-Infobrief enthält Neuigkeiten zu verschiedenen Sprachthemen. Männer sind mitgemeint, das Gleiche gilt für andere Geschlechter. Namentlich gekennzeichnete Beiträge spiegeln gelegentlich die Meinung der Redaktion wider.

Redaktion: Holger Klatte, Asma Loukili, Stephanie Zabel

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