1. Presseschau
So verstehen uns Roboter besser
Damit Menschen mit Robotern besser kommunizieren können, haben Forscher der US-amerikanischen Brown University einen Ansatz entwickelt, bei dem Sprache und Gestik kombiniert werden, um die Maschinen präziser zu steuern. Bisher gab es das Problem, dass Roboter zwar viele Objekte erkennen, sie aber in komplexen oder unübersichtlichen Situationen an ihre Grenzen stoßen. Der neue Ansatz, entwickelt unter anderem von Doktorandin Ivy He, hilft dabei, solche Unsicherheiten zu überwinden. Visuelle Informationen, wie das einfache Zeigen auf ein Objekt, werden hierbei mit gesprochener Sprache kombiniert, damit die Maschinen flexibler reagieren können. Anstatt einfach stehenzubleiben, wenn ein Objekt verdeckt ist, können die Roboter durch sprachliche Anweisungen die Position ändern, um das Objekt besser zu erkennen. In den durchgeführten Tests wurde der Roboter beispielsweise aufgefordert, eine bestimmte Tasse zu holen. Diese verbale Anweisung wurde durch das Zeigen mit dem Finger konkretisiert und so konnte die Maschine die angeforderten Objekte auch in unübersichtlichen Umgebungen finden. Bei den Versuchen gab es insgesamt eine Trefferquote von rund 90 Prozent. Langfristiges Ziel ist es, diesen Ansatz für die alltägliche Anwendung von Robotern im Haushalt oder in der Pflege zu nutzen. (it-daily.net)
Fremdwörter im Deutschen
Eine englischsprachige Nutzerin des Online-Forums Reddit beobachtet eine vermeintliche sprachliche Eigenheit der Deutschen. Ihrer Meinung nach sprechen Deutsche Fremdwörter so aus, wie sie in ihrer Originalsprache klingen, anstatt sie an die deutsche Aussprache anzupassen, etwa „Croissant“, „Cousin“ oder „Management“.
Sprachwissenschaftler sehen darin zumindest teilweise eine Besonderheit des Deutschen. Der Linguist Marco Gierke nennt dafür mehrere Gründe. Zum einen fehle im Deutschen eine zentrale Sprachinstanz wie etwa die Académie française, weshalb die Aussprache weniger streng normiert sei. Zum anderen sei die deutsche Sprache strukturell offener für unterschiedliche Lautformen. Auch spiele ein sozialer Faktor eine Rolle. Die Orientierung an „korrekter“ oder prestigeträchtiger Aussprache führe dazu, dass Fremdwörter oft möglichst originalnah gesprochen werden. Japanisch sei das „Extrembeispiel“ der sprachlichen Normierung von Fremdwörtern. So werde aus „Frankfurt“ im Japanischen „Furankufuruto”, damit das Wort in das feste Silbenmuster der Sprache passt. Der Sprachwissenschaftler Ruben van de Vijver von der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf relativiert diese These jedoch. Zwar bleibe die originale Schreibweise häufig erhalten, tatsächlich würden viele Wörter im Deutschen aber angepasst ausgesprochen. So klinge „Management“ anders als im Englischen, und auch „Croissant“ werde oft deutlich vom französischen Original abweichend ausgesprochen.
Grundsätzlich zeige sich: Je stärker ein Fremdwort in den Sprachgebrauch integriert ist, desto eher wird es angepasst. Ein Bespiel hierfür sei das Wort „Alkohol“, das ursprünglich aus dem Arabischen stammt. Die zunehmende Digitalisierung und Internationalisierung führe jedoch auch dazu, dass viele neue Wörter, vor allem aus dem Englischen, länger „fremd“ bleiben. (fr.de)
Ein „Ja“ zu Klassikern in Einfacher Sprache
Während in Berlin Goethes „Faust“ auch in Einfacher Sprache gelesen wird, sträubt sich Bayern gegen so eine Idee. Damit regiere das Bundesland an der Realität vorbei, schreibt Kilian Voß in einem Kommentar in der Augsburger Allgemeinen. Für viele Schüler sei die klassische Art von Literatur eine Tortur. Das Thema mag zwar interessieren, aber die Sprache schrecke ab: „Die letzte Reihe verbrachte den Unterricht mental im Stand-by-Modus, die Stunde wurde von wenigen getragen, kaum einer lernte was. Hätte uns die Lehrerin den Zugang zum Goethe etwas erleichtert, wären Klausuren und Co. sicherlich besser ausgefallen.“ Dieser Zugang könne einfacher werden, wenn Klassiker in Einfacher Sprache zur Unterstützung herangezogen würden. Das bayerische Kultusministerium verweigert sich, denn das widerspräche den Anforderungen. „Wenn diese Anforderungen aber dafür sorgen, dass viele Schüler und Schülerinnen ihre Lernziele nicht erreichen, wird das Ziel klar verfehlt“, so Voß. Neue Medien wie TikTok und Co. hätten zu einer kürzeren Aufmerksamkeitsspanne geführt, das räche sich. Wer keine Eigenmotivation aufbringen könne, mache keinen Lernfortschritt. Klassische, schwierige Texte seien daher ein Hindernis für das Lernen an sich. (augsburger-allgemeine.de)
Wie hilfreich sind ABC-Klassen?
Die sogenannten ABC-Klassen sind ein Vorhaben der Landesregierung in Nordrhein-Westfalen, um Kinder mit unzureichenden Deutschkenntnissen gezielt beim Spracherwerb zu unterstützen. Ab 2028 sollen diese verbindlichen Sprachförderkurse im Jahr vor der Einschulung eingeführt werden. Zwei Termine pro Woche mit jeweils zwei Stunden Deutschunterricht sind hierfür vorgesehen. Verschiedene Grundschulen, etwa in Welver und Borgeln im Kreis Soest, bewerten das Vorhaben grundsätzlich positiv, da viele Kinder mit unterschiedlichen sprachlichen und sozialen Voraussetzungen starteten. Stefanie Markus, Schulleiterin der Grundschule Borgeln, erklärt, dass den Kindern teilweise auch Vorläuferfähigkeiten fehlten, wie etwa das Zurechtfinden im Tornister, sich an- und auszuziehen oder Mengen abzuzählen. Einige Kinder könnten vor der Einschulung bereits lesen, andere hätten kaum Kontakt zu Buchstaben. Die zusätzlichen Förderangebote könnten helfen, diese Lücken zu schließen. Gleichzeitig sehen die Schulen noch viele offene Fragen, vor allem bei Räumlichkeiten, Personal oder Organisation der Kurse. Zudem wird kritisiert, dass ein reiner Fokus auf Sprache zu kurz greife, da auch soziale und grundlegende schulische Fähigkeiten gefördert werden müssten. Dieser Meinung ist auch die Schulleiterin der Bernhard-Honkamp Grundschule in Welver, Katrin Hoffmann. (soester-anzeiger.de)
2. Gendersprache
Gendern beim ADFC
Über die Umsetzung von Genderregeln im oberbayerischen Kreisverband Freising des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC) wird im Münchner Merkur berichtet. Die Jahreshauptversammlung hatte 2024 beschlossen, in den Veröffentlichungen des Vereins Genderzeichen zu verwenden. Dies habe zu hitzigen Diskussionen geführt, berichtet Schatzmeister Andreas Kagermeier. „Es kam sogar zu Kündigungen“. Als Kompromiss werden in der neu gefassten Satzung nun jeweils beide Geschlechter genannt. (merkur.de)
3. Kultur
Von jemandem, der im Exil eine neue Sprache fand
Der Schriftsteller Stanislav Struhar hat sich einst schwer getan mit der deutschen Sprache. Das ist nicht verwunderlich, ist er doch gebürtiger Tschechoslowake. 1988 emigrierte er im Alter von 24 Jahren nach Österreich, heute lebt er in Wien. Bereits mit 17 hat er angefangen, seine ersten lyrischen Texte zu verfassen, in seiner Muttersprache. Auch nach seiner Ausreise nach Österreich war das die Sprache, in der er sich literarisch ausdrückte. Seine Integration, vorangetrieben durch deutschsprachige Freunde, und das Gefühl, als fremdsprachiger Autor nicht wahrgenommen zu werden, brachten ihm die persönliche Wende. „Ich habe eigentlich gar nicht als Autor existiert, weil ich eben auf Tschechisch schrieb. Ich hatte keine Möglichkeit, meine Texte zu zeigen, sie vorzutragen, ich konnte keine Stipendien erhalten oder an Wettbewerben teilnehmen. Deshalb war ich eigentlich gezwungen, die Sprache zu wechseln. Und das war eine Qual.“ Zunächst habe er beim Schreiben weiter auf Tschechisch gedacht. Erst die Beschäftigung mit dem Deutschen und die Lektüre deutschsprachiger Literatur habe dazu geführt, dass er seine Abneigung ablegte. „Mittlerweile finde ich das Deutsche aber nicht mehr so kühl und hart. Ich denke heute, dass diese Sprache auch zart ist und man wunderbare Bilder mit ihr schaffen kann.“ Sein Wirken auf Deutsch habe heute dazu geführt, dass sein Tschechisch nicht mehr so reich sei wie früher.
Viele seiner Romane und Erzählungen haben einen Österreich-Bezug, doch auch andere Länder spielen eine Rolle; vor allem Portugal hat es ihm angetan. „Es war das Stadtbild, die Architektur, die genauso vielfältig ist wie die Menschen, die in der Stadt leben. Es waren diese wunderbaren, üppigen Parks mit ihren exotischen Bäumen und Pflanzen. Und es war das klare, intensive Licht, das ich nie zuvor gesehen habe.“ (deutsch.radio.cz)
Leidenschaftsprojekt hebräische Privatbibliothek
Michal Zamir betreibt in Berlin eine private hebräische Bibliothek namens „HaSifriya HaIvrit beBerlin” sowie einen literarischen Salon, in dem sie regelmäßig Veranstaltungen rund um die hebräische Sprache und Literatur organisiert. Gleichzeitig unterrichtet die Freiberuflerin Hebräisch und vermittelt ihren Schülern nicht nur die Sprache, sondern auch kulturelle und historische Hintergründe. Hebräisch versteht sie als verbindendes Element und als Teil von Identität, auch außerhalb Israels. Viele ihrer Schüler lernen die Sprache aus persönlichem oder emotionalem Interesse und entwickeln dadurch eine besondere Beziehung zu ihr. Mit ihrer Bibliothek und den monatlichen Kulturabenden möchte Zamir die hebräische Sprache lebendig halten und Menschen zusammenbringen. Langfristig wünscht sie sich einen größeren, öffentlichen Ort, an dem Sprache, Literatur und Kultur noch stärker zugänglich gemacht werden können. (juedische-allgemeine.de)
Dialekte weiterhin beliebt
In Deutschland gibt es eine große sprachliche Vielfalt mit zahlreichen Dialekten und regionalen Ausdrucksweisen. Im Gespräch mit SWR-Moderator Andreas Fischer erklärt der Leiter des Forschungszentrums Deutscher Sprachatlas in Marburg, Alfred Lameli, dass Dialekte zwar seltener würden, sprachliche Regionalität aber weiterhin einen hohen Wert für die Menschen habe. Sprache sei ein wichtiges Mittel, um Herkunft zu zeigen und sich mit anderen zu solidarisieren.
Lameli erklärt in dem Beitrag, wie man zwischen Dialekt und Akzent unterscheiden könne. Dialekte seien eigenständige Sprachsysteme mit eigenen Regeln, während Akzente auf der Standardsprache basierten und regionale Merkmale integrierten, ohne die Verständlichkeit zu beeinträchtigen. So bliebe regionale Identität auch im überregionalen Sprachgebrauch sichtbar. Selbst wer keinen Dialekt von klein auf gelernt habe, könne ihn später noch erwerben, betont er. Zudem zeige sich, dass Dialekte und Regiolekte auch in den Sozialen Medien gezielt eingesetzt würden, um Zugehörigkeit auszudrücken und regionale Identität zu betonen.
Anlässlich des 150. Geburtstag des Deutschen Sprachatlas tagt ein Kongress an der Universität Marburg, um über die Zukunft der Dialekte in Deutschland zu diskutieren. (swr.de)
4. Berichte
Leipziger Buchmesse
Vier Tage lang hieß es für mehrere VDS-Mitglieder der Region 04 (Leipzig) und der VDS-Geschäftsstelle: Volldampf geben. Bei der Leipziger Buchmesse präsentierte sich der VDS wieder gemeinsam mit dem IFB Verlag Deutsche Sprache. Neben den Neuerscheinungen stand vor allem – passend zur aktuellen Ausgabe der Sprachnachrichten – die Handschrift im Mittelpunkt. Die Besucher am Stand bekamen neben vielen Informationen auch die Möglichkeit, sich an Feder und Tinte auszuprobieren. Jung und Alt interessierten sich gleichermaßen für Dialekte, Anglizismen, Poesie und Sprachgeschichte. Der gegenseitige Austausch und die Freude an der Sprache waren auch in diesem Jahr wieder das, was uns verbunden hat. (facebook.com/VDS, instagram.com/VDS, tiktok.com/VDS)
5. Soziale Medien
Sprach-Quiz in der Sprachhof-Bar
Was entnahm Goethe heimlich aus Schillers Grab? Nenne ein Beispiel für eine Interjektion! Es wurde knifflig bei der Premiere: In der Bar des Sprachhofs fand erstmals ein Sprach-Quiz statt. Die ersten Teilnehmer kamen zwar immer mal wieder kurz ins Schwitzen, konnten nach dem Abend aber auch viele neue Erkenntnisse über die deutsche Sprache mit nach Hause nehmen. (facebook.com/VDS, instagram.com/VDS)
6. Buchwelt
Robert Menasses neue Novelle: Die Lebensentscheidung
Nach seinem Bestseller „Die Hauptstadt“ (2017) hat sich Robert Menasse erneut das Schicksal eines „Berufseuropäers“ vorgenommen. Eines Juristen im Dienst der Europäischen Kommission, der einst mit hohen Idealen nach Brüssel gegangen ist, jedoch in seiner Arbeit längst den Sinn vermisst. Immer wieder wird seine qualifizierte fachliche Arbeit der Opportunität politischer Entscheidungen geopfert. Sein Ideal des europäischen Gedankens hat dem Alltag nicht standgehalten. So richtig hat er in Brüssel tatsächlich nicht Fuß gefasst, weder beruflich noch persönlich. Er pendelt ständig zwischen Brüssel und Wien, um nach seiner alten Mutter zu sehen. Die Bindung zu ihr ist eng, sie ist der Mittelpunkt seines Lebens. So beschließt er von einem Tag auf den anderen, seine Stellung hinzuwerfen und in den Vorruhestand zu gehen. Noch ehe er endgültig heimgekehrt ist, erhält er nach plötzlich auftretenden heftigen Schmerzen eine vernichtende Krebsdiagnose ohne Perspektive. Er ist von nun an nur noch von dem Gedanken getrieben, der Mutter zu ersparen, dass er vor ihr stirbt. „Mit existenzieller Wucht und dennoch leichtfüßig“, so der Einband des Buches, schildert Menasse den Wettlauf mit dem Tod. Die Novelle ist packende Literatur, wenn auch keine ausgesprochene Feierabendlektüre. Als Leser, als Leserin sollte man einigermaßen sicher geerdet sein und möglichst nicht in einer Lebensphase stecken, die einem allzu enge Parallelen mit dem Schicksal der Hauptfigur aufdrängt. Ich selbst kann mich übrigens schlecht damit abfinden, dass sogenannte ernste Literatur zumeist unglücklich endet. Thomas Mann erklärt in „Tonio Kröger“ sehr schlicht den Zusammenhang: Wer am Leben nichts zu beanstanden hat, der lebt halt und schreibt keine Romane und Novellen. Dafür ist der bedenkenschwere Blick auf das Leben notwendig! Robert Menasse: Die Lebensentscheidung. Novelle, 158 Seiten. Suhrkamp, 1. Auflage 2026. Informieren Sie sich doch mal wieder über unsere Neuerscheinungen auf der Netzseite ifb-verlag.de! (Dr. Kurt Gawlitta, Berlin)
Der VDS-Infobrief enthält Neuigkeiten zu verschiedenen Sprachthemen. Männer sind mitgemeint, das Gleiche gilt für andere Geschlechter. Namentlich gekennzeichnete Beiträge spiegeln gelegentlich die Meinung der Redaktion wider.
Redaktion: Holger Klatte, Asma Loukili, Dorota Wilke, Stephanie Zabel
