1. Presseschau
„Liebe dich.“ – „Ich weiß … geh weg.“
Hölzern, emotionslos und unfreiwillig komisch. Auf der Video-Plattform Amazon Prime wurden mehrere Filme hochgeladen, die von der Firma Reel One International bearbeitet worden waren. Das Problem: Die Synchronisation erfolgte über KI (Künstliche Intelligenz) und sorgte bei den Nutzern für Kopfschütteln. Die Sätze hatten keine richtige Grammatik, die Gespräche klangen unecht, stimmliche Emotionen fehlten. So sagte zum Beispiel im Film „Deadly Patient – Tödlicher Patient“ ein Mann, der im Krankenhaus lag: „Ich sollte da gestorben haben“, eine vermutlich liebevoll gemeinte Szene zwischen einem Paar lautete: „Liebe dich.“ – „Ich weiß. Geh weg.“ Auch viele Synchronsprecher stellten Ausschnitte online und wiesen darauf hin, dass zu einer Synchronisierung mehr gehöre als das rohe Übersetzen eines Textes. Nach der Kritik nahm Amazon den Film von der Plattform herunter, andere sind teilweise noch abrufbar.
Ausschnitte gibt es auf unseren Seiten in den Sozialen Medien (Facebook, Instagram und TikTok). (spiegel.de, dwdl.de, tiktok.com/svenplatesynchron, x.com/vds, facebook.com/vds, instagram.com/vds)
Der lange Weg der Gebärdensprache
Die Deutsche Gebärdensprache (DGS) ist seit 2002 als eigenständige Sprache anerkannt und verfügt über eine eigene Grammatik, die sich deutlich vom gesprochenen und geschriebenen Deutsch unterscheidet. An der Universität Hamburg arbeitet eine Forschergruppe um Prof. Dr. Liona Paulus an einem Langzeitprojekt, für das seit 2008 Videoaufnahmen von mehr als 300 tauben Personen gesammelt und dokumentiert werden. Ziel ist es, die Entwicklung der DGS und insbesondere neue Gebärden und Textsorten zu erforschen. Lange war die Gebärdensprache im deutschen Bildungssystem verboten und der Unterricht auf das Erlernen der Lautsprache ausgerichtet, wodurch viele taube und schwerhörige Menschen keinen ausreichenden Zugang zu Sprache und Bildung erhielten. In den 1980er-Jahren begann dann die Anerkennung der DGS als eigenständige Sprache. Paulus erklärt zudem, dass sowohl der Begriff „taub“ als auch „gehörlos“ korrekt ist. „Taubstumm“ hingegen sei ein diskriminierender Begriff, da er impliziere, dass die betreffenden Personen keine Sprache hätten. (abendblatt.de (Bezahlschranke))
Hamburger Schüler schlecht in Deutsch und Mathe
Setzen – 6. Zumindest fast. Bei den Ersten (ESA) und Mittleren Schulabschlüssen (MSA) in Hamburg waren die Ergebnisse teilweise erschreckend, schreibt Miriam Opresnik im Hamburger Abendblatt. In Deutsch lag die Durchschnittsnote beim ESA bei 4,18, in Mathematik bei 4,45. Im MSA war sie leicht besser: Deutsch 3,36, Mathematik 4,06 – in beiden Bereichen haben sich die Noten dabei verschlechtert. „Wir machen uns Sorgen“, sagte Bildungssenatorin Ksenija Bekeris bei der Präsentation der Ergebnisse, „wenn die durchschnittliche Note in Deutsch 4,18 ist, schließen etliche Schüler und Schülerinnen mit einer Fünf oder Sechs in Deutsch ab.“ Dabei sei aber zu bedenken, dass die Schüler nicht zwingend schlechter geworden seien, denn die stärkeren Schüler fielen bei der Messung heraus, dadurch zögen die schlechteren das Ergebnis nach unten. Unterschiede gab es vor allem bei den Geschlechtern: Mädchen sind in Deutsch besser, Jungen schneiden in Mathe besser ab. (abendblatt.de (Bezahlschranke))
„Berliner Erklärung“
Die Stiftung Verbundenheit berichtet über ein Treffen mit Bundesbildungsministerin Dorothee Bär. Die Vertreter der Stiftung, Ratsvorsitzender Hartmut Koschyk und der Stiftungsvorsitzende Prof. Dr. Oliver Jung, überreichten ihr die „Berliner Erklärung“ zur Rolle der deutschen Sprache als Minderheitenmuttersprache. Die Erklärung betont nicht nur die Bedeutung des Deutschen als Fremdsprache, sondern auch als „Sprache familiärer Herkunft, kultureller Identität und historischer Verbundenheit“ für die Angehörigen der deutschsprachigen Minderheiten auf der ganzen Welt.
Außerdem wurde bei dem Treffen ein Forschungsprojekt der Universität Bayreuth vorgestellt, mit dem erstmals systematisch Daten über die sprachbezogene Situation deutschsprachiger Minderheiten weltweit erfasst und wissenschaftlich aufgearbeitet werden sollen. Im Auftrag des Bundesministeriums des Innern ist die Stiftung Verbundenheit als Mittlerorganisation für die deutschen Minderheiten in 19 Ländern in Mittel- und Osteuropa, Baltikum, Russland und Zentralasien tätig. Außerdem unterstützt sie deutschsprachige Gemeinschaften in Lateinamerika. (stiftung-verbundenheit.de)
2. Sprachspiele: Neues aus dem Wort-Bistro
Warum ist man auf dem Holzweg?
In einer Notaufnahme geht es üblicherweise turbulent zu. Doch einen solchen Auflauf hatten selbst die erfahrenen Beschäftigten eines Krankenhauses in Nordhessen noch nicht erlebt. In Wolfhagen haben tatsächlich acht ausgebüxte Kühe die Notaufnahme einer Klinik besucht. Die Rinder waren von einer Weide aus rund einen Kilometer zur Klinik gelaufen. Zum Glück wurde niemand verletzt und der Landwirt konnte seine Tiere wieder einfangen.
Aber warum gehen Kühe ausgerechnet in Wolf-Hagen spazieren? Eine Stadt wie Bernkastel-Kuhs oder das Land Kuhracao hätten doch besser gepasst. Außerdem stellt sich die Frage, warum die Rinder überhaupt losgelaufen sind. Erklang in der Ferne etwa das Lied „Ihr Rinderlein, kommet“ oder „Morgen Rinder wird´s was geben“? Vielleicht handelte es sich ja beim Wandertag der Kühe um eine Muhprobe. Man könnte auch ganz allgemein sagen, dass der Kuh ein Coup gelungen ist. Möglicherweise wollten die Rinder aber auch einfach einmal wichtige Menschen treffen. Manch einer hält schließlich einen Arzt, der einen Verband in der Hand hält, für einen Verbandsfunktionär. Doch ich spüre, dass Sie diese Spekulationen zum Mäusemelken finden und schlicht und ergreifend festhalten möchten, dass die Kühe auf dem Holzweg waren.
Aber warum? Die Tiere haben ja keine Bretter betreten, nicht einmal die, die für manche die Welt bedeuten. Laut Christa Pöppelmann führten Holzwege früher zu einer Stelle im Wald, an der Arbeiter Holz geschlagen haben. Wenn ein Reisender diesen Pfad einschlug, um ins nächste Dorf zu gelangen, merkte er schnell, dass der Weg praktisch ins Nirgendwo führte, weshalb wir heute noch einem Irrläufer sagen, dass er auf dem Holzweg ist. Man könnte auch schlussfolgern: Wer auf dem Holzweg ist, hat ein Brett vorm Kopf.
Philipp Kauthe
Radio-Journalist, Buchautor, Podcast „Schlauer auf die Dauer“ (philipp-kauthe.de)
3. Kultur
Memes als Sprache
Jugendsprache war mal – jetzt kommen die Memes. Das Internet schaffe neue Wege der Vernetzung und Erfahrung, schreibt Theresa Hannig in der taz. Neben zeitlich modernen Wörtern wie cringe, bre oder crash out würden Kommunikationen immer häufiger per Memes geführt. Mit einem Bild oder einer kurzen Videoszene reagierten Jugendliche verstärkt auf Aussagen und antworteten damit, ohne Wörter zu benutzen. Durch das Internet hätten Menschen aus den verschiedenen Ländern eine immer größer werdende Schnittmenge an popkulturellen Erfahrungen, so Hannig. Der Subtext, der mit Memes oder kurzen Phrasen wie „This is fine“ transportiert wird, diene als Brücke zwischen Sitten und Gebräuchen unterschiedlicher Kulturen – wobei diese aber meist kurzlebig seien. (taz.de)
Dortmunderische Eigenarten
In Dortmund wird zwar kein eigener Dialekt im engeren Sinne gesprochen, doch das dort verbreitete Ruhrdeutsch besitzt zahlreiche regionale Besonderheiten und wird von Sprachwissenschaftlern als Regiolekt eingestuft. Typisch für die Dortmunder Sprechweise sind etwa die R-Vokalisierung (also die Umwandlung vom Konsonanten r zum Vokal a) wie in „Doatmund“, alte Alltagswörter wie „Knifte“ oder „Mottek“ und „Wemmser“, sowie Verkürzungen wie „Hasse?“, „Kommse?“ oder „Mach ma“. Das traditionelle Dortmunderisch ist jedoch auch im Wandel: Einige ältere Begriffe verschwinden, während Einflüsse aus dem Englischen und Arabischen hinzukommen. Sprachwissenschaftler, wie der Linguist Heinz H. Menge, gehen deshalb davon aus, dass das Ruhrdeutsche nicht aussterben, sondern sich mit der sprachlichen Vielfalt der Region weiter verändern wird. (ruhrnachrichten.de (Bezahlschranke))
4. Berichte
Rhetorik-Vortrag
Was kann Rhetorik? Und was soll Rhetorik? Um diese und andere Fragen drehte sich diese Woche alles beim Vortrag von Dr. Hartmut Nowacki. Der Rhetorik-Trainer zeigte die verschiedenen Ziele auf, die mit rhetorischen Mitteln erreicht werden können. Dazu gab er Tipps, wie man selbst seine Stimme trainieren könne, um zum Beispiel länger und entspannter zu reden. (instagram.com/vds, facebook.com/vds, tiktok.com/vds)
5. (D)englisch
Denglisch in Bochum
Die Stadt Bochum ist dem Denglisch verfallen. Auf großen Plakaten wirbt sie für verschiedene Innovationen, nutzt dabei aber merkwürdige Konstruktionen aus Deutsch und Englisch. (facebook.com/vds, instagram.com/vds)
6. Soziale Medien
Österreichisch für Anfänger
Auch in diesem Jahr waren wieder mehrere unserer Regionalleiter aus aller Welt bei der Delegiertenversammlung. Dieses Mal waren wir in Wien, und so haben wir ihnen ein paar typisch österreichische Begriffe vorgestellt. (x.com/vds, instagram.com/vds, facebook.com/vds)
7. Buchwelt
Leuchtende Juwelen des IFB-Verlages
Große Literatur lesen hat für uns zwei Gesichter. Wir wollen uns die Zeit vertreiben, niveauvoll natürlich. Zugleich genießen wir das angenehme Gefühl, die deutsche Hochkultur unermüdlich als lebenslange Aufgabe zu begreifen und dafür wirklich etwas zu tun. Nicht immer leicht durchzuhalten, wenn wir uns etwa die Italienische Reise von Goethe vornehmen und ertragen müssen, welche abenteuerlichen meteorologischen Phantasien der Autor über die Wendungen des Wetters im Hochgebirge ausbreitet. Und alles in einer arg gewundenen Sprache, die nicht mehr ganz die unsere ist!
Der IFB Verlag hat gleich zwei Werke herausgebracht, mit denen sich Vergnügen und Pflicht des Lesers in großartiger Weise verbinden lassen: Die „Edelsteine“ und die „Sternstunden“. Das Konzept beider Werke ist ähnlich. Warum der Verlag zwei Ansätze in mehreren Auflagen gewagt hat, wissen wohl die Herausgeber genauer. Durch die gesamte Entwicklungsgeschichte der deutschen Sprache hindurch werden Originalauszüge aus Prosa, Lyrik, Drama und Sachtexten von Kennern vorgestellt und kommentiert. Diese Abschnitte geben natürlich, wenn’s beim Leser funkt, einen Anreiz sich das Werk in Gänze vorzunehmen. Für den Smalltalk in der Mittagspause der Firma oder bei der nächsten Hochzeits-Party reicht natürlich auch die Kenntnis des präsentierten Auszuges und rückt einen in den Mittelpunkt des kultivierten Interesses.
Die Herausgeber haben bei der Auswahl der Quellen besonderen Wert darauf gelegt, die Entwicklung der deutschen Sprache nicht nur anhand sogenannter schöngeistiger Texte abzubilden. Was die deutsche Sprache für die Weltkultur hervorgebracht hat, wird sehr anschaulich auch anhand von Dokumenten aus Wissenschaft, Technik und Politik belegt. Der Struwwelpeter fehlt dabei ebenso wenig wie das Kommunistische Manifest, der legendäre Reiseführer Baedeker, die Patentanmeldung von Carl Benz, Der Judenstaat von Theodor Herzl oder Otto Lilienthals berühmte Studie über den Flug der Störche. In den „Edelsteinen“ oder den „Sternstunden“ findet angesichts dieser atemberaubenden Vielfalt garantiert jeder etwas, das ihn anspricht. Natürlich wird auch der aufgeschlossenste Leser nicht das eine oder andere Buch einfach so hintereinander weg lesen. Es handelt sich ja um eindrucksvolle Kompendien, um Nachschlagewerke der deutschen Beiträge zur Kulturgeschichte. Der VDS überreicht deshalb zu Recht die „Sternstunden“ als kulturelle Anstiftung an herausragende Abiturienten im Lande.
Entnehmen Sie bitte die näheren Angaben für den Erwerb der Bücher der Netzseite: www.ifb-verlag.de. Für die auslaufenden „Edelsteine“ finden Sie dort eine vorteilhafte Sonderaktion.
(Dr. Kurt Gawlitta, Berlin)
Der VDS-Infobrief enthält Neuigkeiten zu verschiedenen Sprachthemen. Männer sind mitgemeint, das Gleiche gilt für andere Geschlechter. Namentlich gekennzeichnete Beiträge spiegeln gelegentlich die Meinung der Redaktion wider.
Redaktion: Holger Klatte, Asma Loukili, Dorota Wilke, Stephanie Zabel
