Infobrief vom 29. August 2026: Sprachfähigkeit bei Älteren

1. Presseschau

Sprachfähigkeit bei Älteren

Manche Gehirnfunktionen können mit zunehmendem Alter eines Menschen nachlassen: das Gedächtnis oder die Konzentrationsfähigkeit. Forscher rätseln seit langem über die Gründe. Eine Rolle dürften Nervenverbindungen im Gehirn spielen, die mit zunehmendem Alter weniger effizient arbeiten. Eine neue interdisziplinäre Studie aus den USA hat sich nun mit der Frage beschäftigt, warum im Gegensatz zu diesen geistigen Fähigkeiten die Sprachfähigkeit bei Älteren nicht nachlässt, sondern oft sogar noch ausgebaut wird. „Das Sprachnetzwerk älterer Menschen ähnelte dem jüngerer Personen fast vollständig“, so ein Ergebnis der Studie, die als Grundlage MRT-Auswertungen der Gehirnaktivitäten der Studienteilnehmer nutzt.
Ein Grund könnte darin liegen, dass die Sprachverarbeitung in einem eng abgrenzbaren Bereich des Gehirns stattfindet, während bei anderen geistigen Aufgaben mehrere Areale beteiligt sind, so die Studie, die im Magazin Spektrum vorgestellt wird. (spektrum.de)


KI gegen unverständliches Amtsdeutsch

Künstliche Intelligenz sorgt zunehmend dafür, dass Bürger komplizierte Behördenschreiben besser verstehen und selbst Widersprüche oder Anträge verfassen können. In der Nordhessen Rundschau sieht Normann Günther, VDS-Regionalleiter, darin einerseits eine Belastung für Behörden und Gerichte, die immer häufiger mit umfangreichen KI-generierten Schreiben konfrontiert würden, andererseits aber auch eine Chance für einen leichteren Zugang zum Recht. Nur etwa ein Viertel der Deutschen hält Behördensprache für verständlich, während knapp 70 Prozent amtliche Schreiben mehrfach lesen müssen. KI könne Bescheide erklären, auf Fristen hinweisen und beim Verfassen eines Widerspruchs helfen. Insbesondere dort, wo anwaltliche Unterstützung schwer verfügbar oder im Verhältnis zum Streitwert zu teuer ist.

Problematisch sei allerdings, dass KI häufig nicht zuverlässig zwischen rechtlich relevanten und unwichtigen Informationen unterscheiden könne. Dadurch entstünden mitunter Schriftsätze von mehreren hundert oder sogar tausend Seiten, zudem könnten falsche Urteile oder Aktenzeichen genannt werden. Normann Günther sieht die Entwicklung dennoch als Möglichkeit, das bisherige Wissens- und Sprachgefälle zwischen Bürgern und Behörden zu verringern. Statt den Zugang durch neue Hürden einzuschränken, sollten deshalb auch Behörden verständlichere Bescheide und effizientere Verfahren entwickeln. KI schaffe noch keine vollständige „Waffengleichheit“, könne Bürgern aber dabei helfen, ihre Rechte besser zu verstehen und wahrzunehmen. (nordhessen-rundschau.de)


Was beim Vorlesen zu beachten ist

Eltern können beim Vorlesen einiges falsch machen, das berichtet die Logopädin Nathalie Frey. Frey erklärt, dass Kinder beim gemeinsamen Betrachten von Bilderbüchern häufig zu sehr abgefragt würden. Fragen wie „Was ist das?“ oder „Welche Farbe hat das?“ könnten dazu führen, dass sich das Vorlesen eher wie eine Prüfung anfühle. Stattdessen empfiehlt Frey, zu beschreiben und zu benennen, was auf den Bildern oder im Alltag geschieht. Kurze Formulierungen, Wiederholungen sowie eine spielerische und betonte Sprechweise könnten Kindern dabei helfen, neue Wörter im jeweiligen Zusammenhang kennenzulernen.

Auch die Sprachwissenschaftlerin Uta Quasthoff von der TU Dortmund hebt die Bedeutung des Vorlesens hervor. Kinder erweiterten dabei nicht nur ihren Wortschatz und lernten grammatikalische Strukturen kennen, sondern kämen bereits vor dem eigenen Lesen mit unterschiedlichen Formen der Schriftsprache in Berührung. Besonders wichtig sei die unmittelbare Interaktion mit einer Bezugsperson, die auf Interessen und Reaktionen des Kindes eingehen könne. Hörbücher könnten das Vorlesen zwar ergänzen, das gemeinsame Betrachten und Besprechen eines Buches jedoch nicht vollständig ersetzen. Laut des Vorlesemonitors 2024 der Stifung Lesen bekommen 18 Prozent der Kinder von ihren Eltern oder anderen Bezugspersonen nie vorgelesen. (fr.de)


30 Jahre Rechtschreibreform

Ein Artikel von Stefan Stirnemann, klassischer Philologe und Gründungsmitglied der Schweizer Orthographischen Konferenz (SOK), in der NZZ zieht zum 30. Jahrestags der Rechtschreibreform eine kritische Bilanz. Stirnemann argumentiert, dass die Reform entgegen ihrem ursprünglichen Versprechen nicht zu einer einfacheren und übersichtlicheren Rechtschreibung geführt habe. Stattdessen seien zahlreiche traditionelle Schreibweisen abgeschafft und neue Regeln eingeführt worden, die sich später teilweise als fehlerhaft erwiesen. Besonders kritisch sieht Stirnemann die Arbeit des Rates für deutsche Rechtschreibung. Dieser habe zwar einige Auswüchse der Reform zurückgenommen – etwa die Schreibweise „Spagetti“ –, halte aber an problematischen Grundentscheidungen fest. Als Beispiel nennt der Autor die Großschreibung in fremdsprachigen Wendungen: Aus „Alma mater“ wurde „Alma Mater“, und inzwischen soll auch „Memento Mori“ richtig sein, obwohl „mori“ ein lateinischer Infinitiv und kein Substantiv ist. Auch bei der Zeichensetzung und der Groß- und Kleinschreibung sieht er einen „Rückmarsch“. Das Komma in Sätzen wie „Sie ist bereit, ihren Beitrag zu leisten“ wurde von der Reform zunächst freigestellt und ist inzwischen wieder vorgeschrieben. Bei substantivierten Adjektiven und festen Wendungen habe der Rechtschreibrat dagegen eine Vielzahl von Wahlmöglichkeiten geschaffen, statt klare Regeln zu bieten, z. B. bei „heissersehnt“ und „heiss ersehnt“. Beide Schreibungen können unterschiedliche Bedeutungen haben und deswegen können nicht gleichzeitig beide richtig sein. Stirnemann fordert nachvollziehbare Rechtschreibregeln, denn sie bildeten die Grundlage für Sprachsicherheit und für das Sprachgefühl und auch für die korrekte Programmierung elektronischer Rechtschreibhilfen. (nzz.ch (Bezahlschranke))

2. Gendersprache

Gender-Hauptstädte

In Freiburg im Breisgau, Münster, Osnabrück, Berlin, Bremen und Hamburg gendern die Unternehmen am häufigsten, so eine Analyse des Datenbank-Dienstes „Listflix“. Generell gilt: Vor allem die Bereiche Bildung, Gesundheit und soziale Dienste gendern gerne und viel – Industrie- und Exportunternehmen hingegen seltener. Insgesamt ist Gendersprache allerdings eher unbeliebt: Nur jedes 11. Unternehmen nutzt die vermeintlich geschlechtergerechte Sprache. (bild.de)


Herausgebende und weibliche Bewerberinnen

In einigen Sprachbereichen wird mehr gegendert als in anderen. In offiziellen Zusammenhängen an den Universitäten zum Beispiel mehr, in den klassischen Tageszeitungen weniger. Sogar in den Nachrichtensendungen der ARD und des ZDF verwenden die Sprecher (meistens) wieder generische Standardformen. Als Genderformen haben überall vor allem die Doppelform (Wählerinnen und Wähler) und Partizipien zugenommen.

Der Passauer Germanistikprofessor Rüdiger Harnisch weist auf mehrere Probleme mit diesen Formen hin, die viele sozusagen für einen Kompromiss halten, weil sich das Gendersternchen nicht durchgesetzt hat. Aber jeder merkt sofort, dass die „Herausgebenden einer Zeitschrift“ oder die „Mitarbeitenden an einem Projekt“ etwas anderes sind als „Herausgeber“ und „Mitarbeiter“. Und auch bei den „weiblichen Bewerberinnen“ erkennt jeder sofort, dass sprachlich etwas schief liegt.

Bei den verbreiteten Partizipien werde übersehen, so Harnisch, dass der „um Gendergerechtigkeit bemühte Autor (…) der Person, die einen Text herausgibt, nun überraschenderweise – und man darf vermuten: gegen seine Absicht – das verpönte Maskulinum verpasst“, nämlich wenn er in den Singular wechselt: ein Herausgebender. Eine Fehlleistung semantischer Art seien die „weiblichen Bewerberinnen“, eine Tautologie. Grund dafür sei ein mittlerweile „tief verwurzelter, sprachideologisch gefestigter Glaube, Maskulina könnten nur für Männliches stehen“, so Prof. Harnisch. (welt.de (Bezahlschranke))


3. Sprachspiele: Wörterwunderwelt

Fair geht vor!

Die Reichen sind zu reich, und die Armen sind zu arm. Lässt sich das ändern? Was kann man tun? „Umfairteilen“ meint der Deutsche Gewerkschaftsbund. Wäre doch nur fair, oder? Auch die kirchlichen und karitativen Verbände stehen voll und ganz auf der Seite der Guten und Gerechten. „FairWertung“ nennen sie das, was sie mit den alten Klamotten aus den Containern machen. Mit großem W, damit auch alle merken, dass man das Wort absichtlich fairkehrt geschrieben hat. Um den Handel in umgekehrter Richtung, also aus dem Ausland ins Inland, kümmert sich ein Verein, der sich TransFair nennt. Mit großem F, damit auch alle… Aber das hatten wir schon.
Das Schöne an dem Wort Fair ist, dass es sich überall dort einwechseln lässt, wo eine Silbe irgendwie ähnlich klingt. So ist es möglich, dass ein Händler in Mönchengladbach seinen Laden als „das atmosfaire Autohaus“ anpreist. Manchmal ist aber auch ein Hörfehler schuld. Als die Autoraststätten neue, einheitliche Toiletten erhielten, fragte ein Mitarbeiter seinen Vorgesetzten: „Und was schreiben wir über den Eingang?“ Der Vorgesetzte antwortete: „Sanitär!“. Doch der Mitarbeiter verstand es falsch, und deshalb steht an den Toiletten heute „Sanifair“.
Theoretisch könnten sich auch Städte mit dem „Fair“-Prädikat schmücken, wenn sie sich zum Beispiel um Menschen auf der Schattenseite des Lebens oder um die Umwelt in besonderer Weise fairdient gemacht machen. Fairden, Fairnigerode, HannoFair. Alles ist möglich, nichts ist fairboten. Dass die Schiffsverbindungen zwischen den Fair Öer Inseln unter der Überschrift „FairFairKehr“ angekündigt werden, ist aber ein Gerücht.

Bernd Meier

Der Autor lebt in Bremen und hat viele Jahre für den Weser-Kurier geschrieben, u. a. mehr als 1000 Texte für die tägliche Kolumne „Tach auch“. Die Edition Temmen hat in zwei Bänden eine Auswahl aus diesen Texten veröffentlicht.


4. Kultur

Kurzlebige Jugendsprache 

Jugendsprache verändert sich so schnell, dass selbst Jugendliche mit den neuesten Ausdrücken nicht immer Schritt halten können. Wie der Merkur am Beispiel Jugendlicher aus dem Landkreis Erding berichtet, stammen neue Wörter und Redewendungen häufig aus Videospielen, Memes (ausgesprochen „Miems“: humorvolle Texte und Bilder aus dem Internet), kurzen Videos, Musik und Sozialen Netzwerken. Dabei fließen zunehmend englische und türkische Ausdrücke sowie Abkürzungen wie „eif“ für „einfach“ oder „yk“ für „you know“ in die Alltagssprache ein. Wie kurzlebig solche Trends sein können, zeigt der Ausdruck „Six-Seven“, der noch vor Kurzem unter Jugendlichen verbreitet war, inzwischen von mehreren Befragten aber bereits als überholt bezeichnet wird. Auch bei Wörtern wie „Digga“ gehen die Einschätzungen auseinander. Während manche Jugendliche den Ausdruck weiterhin regelmäßig verwenden, halten andere ihn bereits für veraltet. Der stellvertretende Realschulleiter Matthias Schnellinger beobachtet ebenfalls, dass selbst jüngst verbreitete Jugendwörter schnell wieder aus dem Sprachgebrauch verschwinden. Jugendsprache könne Lehrern zwar helfen, Nähe zu Schülern herzustellen, in manchen Situationen aber auch den Schulalltag stören. Einige der befragten Jugendlichen empfinden die schnelle Veränderung selbst als anstrengend, weil dadurch mitunter die Verständlichkeit leidet. (merkur.de)


Oberlaustizer Wort des Jahres

Das Oberlausitzer Wort des Jahres 2026 steht fest. „Feuerriepl“, auf Hochdeutsch „Feuerrüpel“, setzte sich bei der diesjährigen Abstimmung durch. In der Oberlausitz wird damit scherzhaft ein Schornsteinfeger bezeichnet. Insgesamt beteiligten sich 1.352 Menschen an der vom Lusatia-Verband organisierten Wahl. Damit waren es so viele wie noch nie. 210 Stimmen entfielen auf das Siegerwort. In diesem Jahr standen humorvolle Bezeichnungen für Berufe und Tätigkeiten zur Auswahl. Neben zwölf vorgegebenen Begriffen reichten die Teilnehmer mehr als 40 weitere Vorschläge ein. Zur Auswahl standen unter anderem „Guschnklamptner“ für Zahnarzt, „Fuchtlmeester“ für Dirigent, „Teegoaffe“ für Bäcker und „Schemmlrutscher“ für Büroangestellter. Die bisherigen Oberlausitzer Wörter des Jahres seit 2015 hat der Lusatia-Verband zudem in einem neuen Buch zusammengestellt. Für 2027 steht bereits die nächste Kategorie fest. Dann werden Mundartbegriffe aus dem Bereich Hausrat gesucht. (mdr.de)

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