1. Presseschau
Österreichisches Deutsch weiter beliebt
Die Österreicher mögen ihre Version des Deutschen sehr gern. Von 71.000 Befragten haben in einer Studie gesagt, dass sie Deutsch als „Sprache mit mehreren, nebeneinander existierenden Standards“ sehen. Vor allem werde die österreichische Form des Deutschen als „weniger arrogant“ wahrgenommen, heißt es in der Studie der University of British Columbia in Kanada. Dazu passend ist auch die Erhebung eines Forschungsteams der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und der Universität Wien, die das Vorkommen von Begriffen wie „Paradeiser“, „Sackerl“ oder „Jänner“ in der Presse als stabil beurteilt hat.
Jüngere Österreicher tendierten laut der kanadischen Universität eher zur Hochdeutschen Version, doch je älter man werde, desto eher würde man das österreichische Deutsch bevorzugen. (krone.at)
Verständlicheres Finanzamt
Das Finanzamt in NRW will demnächst verständlicher kommunizieren. Ein Sprachprojekt von Bund und Ländern hat 730 Textbausteine aus der regulären Finanzamtkorrespondenz in einfache Sprache umformuliert. Das Leibniz-Institut für Deutsche Sprache hat die umformulierten Sätze von über 200 Teilnehmer auf Verständlichkeit prüfen lassen. Aus „Gemäß §§ 149, 150 AO in Verbindung mit § 25 Abs. 3 EStG ergibt sich für Sie eine Verpflichtung zur Abgabe der Einkommensteuererklärung“ wurde so „Sie sind verpflichtet, eine Einkommensteuererklärung abzugeben.“ Ab sofort sollen die Verbesserungen bundesweit umgesetzt werden, so ein Sprecher des NRW-Finanzministeriums. (sueddeutsche.de)
Katzen sprechen „Mensch“
Wer sich Katzen als Haustiere hält, wird wissen, dass die Vierbeiner nicht immer einfach zu verstehen sind. Forscher der amerikanischen Cornell University haben nun untersucht, wie Katzen miteinander und mit Menschen kommunizieren, und stellten dabei fest, dass die Haustiere ihr Miauen insbesondere im Umgang mit Menschen einsetzen. Eine Reihe von Forschungsarbeiten deute darauf hin, dass sich das Miauen als wichtiges Kommunikationsmittel mit dem Menschen entwickelt habe, da dieser die komplexeren Signale der Tiere häufig nicht richtig deuten könne. Untereinander griffen die Tiere dagegen auf ein breiteres Spektrum aus Lauten, Gesten und Geruchssignalen zurück. Forscher gehen davon aus, dass Hauskatzen ihre Lautäußerungen im Laufe der Domestizierung an die Wahrnehmung des Menschen angepasst hätten. Ursprünglich habe das Miauen insbesondere der Verständigung zwischen Katzenmüttern und ihren Jungen gedient.
Eine türkische Studie zeige zudem, dass manche Katzen Männer intensiver anmiauen als Frauen. Die Forscher vermuten, dass dies damit zusammenhängen könnte, dass Männer weniger begeistert auf Katzen reagieren und die Tiere deshalb möglicherweise eine deutlichere Ansprache einsetzen, um die gewünschte Reaktion hervorzurufen. (stern.de)
KI verselbstständigt sich
Viele Menschen nutzen mittlerweile Künstliche Intelligenz (KI) für den privaten oder beruflichen Bereich, teilweise werden ganze Arbeitsabläufe ausgelagert. Der Mensch steht meist mit Vorgaben dahinter, allerdings kommt es immer häufiger vor, dass die KI „Vorgaben umgeht, Entscheidungen vortäuscht oder eigenmächtig handelt“. Das „Centre for Long-Term Resilience“ (CLTR) hat allein bis jetzt im laufenden Jahr über 1.600 solcher Vorfälle erfasst, so der Guardian. Dabei gehe es nicht nur um falsche Antworten, vielmehr habe die KI erfundene Nachrichten eines Nutzers in einen Chat geschrieben und als seine ausgegeben. Andere Systeme ahmten den Schreibstil von Nutzern nach oder erfanden so einen Befehl, um Programmcodes zu löschen und diesen anschließend zu vertuschen. Außerdem gab es einen Fall, in dem eine Schadsoftware selbstständig veröffentlicht wurde, die dann auf 15 Systemen lief. Die KI überschreite ihre vorgesehenen Grenzen, so das CLTR, daher müssten strengere Regeln eingeführt werden, um solchen Kontrollverlusten vorzubeugen – vor allem auf internationaler Ebene. (bild.de)
Polizei ist Sprachpanscher 2026
„Speed-Week“ – das klingt wie eine Aufforderung zum Rasen und Drängeln. Seit diesem Jahr nutzt das europäische Polizeinetzwerk ROADPOL (in Deutschland vertreten durch das Land Rheinland-Pfalz) diesen Ausdruck, um für die Woche zu werben, in der es verstärkt Geschwindigkeitskontrollen durchführt. Jahrelang hieß das Projekt „Blitzer-Marathon“, war in den Medien etabliert und deutlich eingängiger. Warum jetzt der Anglizismus genutzt wird, erschließt sich den Mitgliedern des VDS nicht – sie wählten die „Speed-Week“ daher zum Sprachpanscher 2026. „Dass sich ausgerechnet die Polizei, die mit allen Bürgern unabhängig von ihren Sprachkenntnissen verständlich kommunizieren sollte, für einen englischen Begriff entscheidet, ist völlig absurd“, sagt der VDS-Vorsitzende Prof. Walter Krämer, „der ‚Blitzer-Marathon‘ sorgte für Klarheit, die ‚Speed-Week‘ höchstens für Kopfschütteln.“ Die Plätze 2-5 gibt es auf unserer Internetseite. (vds-ev.de, berliner-zeitung.de)
2. Gendersprache
Täterschaft, V-Person und gering literalisierte Menschen
Die „Initiative offene Rechtswissenschaft“ hat auf ihrer Internetseite den Ratgeber „Gendern in der Dissertation“ veröffentlicht. Darin enthalten ist ein „Living“-Begriffsglossar – gemeint ist damit ein sich stetig erweiterndes Wörterbuch. Darin stellt die Initiative auch Alternativen zu Begriffen vor, die ihrer Meinung nach veraltet und diskriminierend sind. In seinem Meinungsartikel in der FAZ macht Jochen Zenthöfer klar, dass das Gendern zwar etwas sei, dem man sich – zumindest was die Information dazu – nicht verweigern könne, dass es aber doch teils merkwürdige Blüten treibe, die Sprache verkomplizierten. Auch bei dem Ratgeber zum Gendern in Dissertationen scheint die gute Absicht die Realität einfach ignorieren zu wollen. Die „Ausländerbehörde“ sollte zum „Welcome Center“ werden. Das Wort „Analphabeten“ sei stigmatisierend, deswegen solle „gering literalisierte Menschen“ bevorzugt werden. Auch der Begriff „Behinderter“ sei problematisch, besser sei „mit Behinderung(en)“, weil „sie den Menschen mit Behinderung(en) eben nicht auf diese Behinderung(en) reduziert, sondern die Behinderung(en) als nur einen Aspekt aufzeigt“. Zenthöfer schreibt süffisant: „Zu Beginn haben wir geschrieben: ‚Es macht Analphabeten, Ausländern und Behinderten schwerer, Deutsch zu lernen.‘ Nun wissen wir, wir hätten besser geschrieben: ‚Es macht gering literalisierten Menschen, Personen mit nichtdeutscher Staatsangehörigkeit und Menschen mit Behinderung(en) schwerer, Deutsch zu lernen.‘“ Auch „Vater“ sei laut Initiative kontextabhängig und der Gebrauch solle je nach Einsatz überprüft werden: „Kommt es auf die rechtliche Zuordnung als ‚Mutter‘, ‚Vater‘ oder nach der ausstehenden Reform des Familienrechts womöglich eher auf die Kategorie ‚Elternteil‘ an?“ Weitere Beispiele: Der „Verfassungsgeber“ wird zu „Verfassungsgebende Gewalt“, der „V-Mann“ zur „V-Person“, der „Täter“ zur „Täterschaft“, „mankind“ wird „humankind“, aus „boyfriend/girlfriend“ ein „romantic partner“. Lediglich für „Terrorist“ und „Extremist“ gebe es keine Gendervorschläge, schreibt Zenthöfer.
Die Juristen-Initiative gehe auch so weit, Zitate anzupassen, weil die Originalversion „nicht höher gewichtet werden (solle) als die Interessen und Bedürfnisse betroffener Personen.“ Durch vermeintlich diskriminierende Zitate könnten „Machtstrukturen verfestigt“ werden. Zenthöfer verweist auf den Rechtsanwalt Claudius Petzold, der im vergangenen Jahr in der Neuen Juristischen Online-Zeitschrift geschrieben hatte: „Die minderheitensensible Sprache mit ihren Überkonkretisierungen von Personenbezeichnungen und Wortschöpfungen nimmt der Rechtssprache oft ihre wesentlichen Merkmale: Exaktheit und Eindeutigkeit.“
Dass gerade viele Behinderte sich der vermeintlich politisch korrekten Sprache verweigern, zeigen auch Kommentare unter dem Beitrag zu diesem Artikel auf der Facebook-Seite des VDS. Die Nutzerin „Krümel Maus“ schreibt: „Ich bin eine Frau, eine Brillenträgerin, eine Übergewichtige, eine Lehrerin, eine Grauhaarige und verdammt noch mal auch eine Behinderte. Man muss da nicht rumeiern und erst mal betonen, dass ich ein Mensch bin.“ Und auch Stefanie Indignada schreibt: „Ich bin selbst mehrfach körperlich behindert, käme nie auf die Idee, wegen dieser Bezeichnung beleidigt zu sein oder gar andere anzupampen, ich glaube, das sieht der allergrößte Teil genau so.“ (faz.net (Bezahlschranke), bild.de, facebook.com/vds)
3. Sprachspiele: Wortfelderwirtschaft
Fit
Ich gebe zu, ich habe sehr lange Darwins Idiom „Survival of the fittest“ falsch gelesen. Es lag so nahe, den fittesten Mitmenschen im Dunstkreis von Fitnessstudios, Muckibuden und Sportplätzen zu suchen. Der Fitteste war gesund, sportlich und stark. Und dass so einer größere Überlebenschancen hatte, lag auf der Hand.
Schon die exakte Übersetzung erschließt den eigentlichen Sinn der Evolutionshypothese: Das englische to fit heißt passen, so wie ein Schuh an den Fuß und der Korken in die Flasche passt. Dauerhaft überleben und alle Risiken überstehen wird am ehesten die Art, die am stärksten anpassungsfähig ist. Das sind eben nicht automatisch die Kraftprotze, sondern die Aufmerksamen, manchmal Vorsichtigen, gelegentlich Widerständigen und häufig sich Einfügenden.
Entsprechend haben sich aus dieser Fitness weitere Bedeutungen entwickelt: Bei den Bootsbauern ist das Fitten das Überprüfen des Kiels auf Unebenheiten und auch das Ausrüsten eines Bootes mit dem notwendigen Zubehör wird so benannt.
Und bei den Installateuren wird gerne zum Fitting gegriffen, wenn sich mit einem bestimmten Rohrstück mit Gewinde eine passende Verbindung herstellen lässt. In manchen Regionen gibt es für den Gashandwerker sogar die Bezeichnung Gasfitter.
Wer hingegen unter Adlers Fittichen Schutz suchen möchte, kriecht in dessen Federkleid, nicht ins Fitnessstudio.
Wilhelm Wegner
Theologe und Cellist aus Frankfurt am Main
4. Kultur
Akademientag in Göttingen zum Thema Sprache
„Von Moin bis Meme – Sprache macht Gesellschaft“ lautet das vieldeutige Motto des Akademientages, einer Gemeinschaftsveranstaltung von acht deutschen Wissenschaftsakademien. Auf dem Programm stehen Vorträge und Diskussionen zu aktuellen Forschungsthemen aus den Sprach- und Kulturwissenschaften. Es geht um Körpersprache, Sprache im Internet, „gelebte Mehrsprachigkeit“ und vieles mehr. „Wie redet die Politik?“ ist beispielsweise der Titel einer Diskussionsrunde, an der unter anderem der Direktor des Leibniz-Instituts für deutsche Sprache in Mannheim, Henning Lobin, teilnimmt. „Schon gewusst … dass das Grundgesetz Deutsch an keiner Stelle zur Staatssprache erklärt?“ lautet die Eingangsfrage von Lobins Vortrag. (Man möchte antworten: „Ja, das weiß man schon lange. Deswegen fordert der VDS auch eine entsprechende Ergänzung im Grundgesetz.“) Außerdem werden in einem sogenannten „Forschungsparcours“ Projekte vorgestellt, die von den Wissenschaftakademien gefördert werden.
Der Akademientag findet am Dienstag, den 8. September, ab 10:30 Uhr in der Alten Mensa am Wilhelmsplatz in Göttingen statt. (akademienunion.de)
Dialekt oder doch Verwirrtheit?
Dialekte können auch mal zu Verständigungsproblemen führen. Das führt die Süddeutsche Zeitung in ihrem Netzartikel aus und verweist auf den Fall eines 94-jährigen Mannes, der nach einem Sturz vom Notarzt zur Orientierung gefragt wurde, welchen Wochentag man habe. Seine Antwort „Pfinsta“ deutete der Arzt als Zeichen von Verwirrtheit, tatsächlich bezeichnet das bairische Wort allerdings den Donnerstag. Gerade Bairisch sei für zugezogene Ärzte schwer zu verstehen. Zum besseren Verständnis listet die Süddeutsche Zeitung noch einmal die bairischen Wochentage auf. Auf „Sunda“ und „Moda“ folgen „Irta“, „Migga“, „Pfinsta“, „Freida“ und „Samsda“. (sueddeutsche.de)
5. Berichte
Vielfalt der Dialekte
Der Bremer Künstler Werner Sünkenberg hat ein Kulturprojekt ins Leben gerufen, welches die Vielfalt und die Zusammengehörigkeit deutscher Dialekte darstellen soll. Dazu wird der von Werner Sünkenberg verfasste Text „Wir sind alles“ in möglichst viele Dialekte und Regionalsprachen übersetzt und von Muttersprachlern eingesprochen. „Sprache und Dialekt werden dabei als Träger von Geschichte, Herkunft und persönlicher Prägung verstanden“, sagt Sünkenberg. Die Lesungen werden aufgezeichnet und in einer Ausstellung sowie auf der Netzseite präsentiert.
Wer einen Dialekt spricht und mitmachen möchte, kann sich an Werner Sünkenberg wenden: bremeratelier@t-online.de. (bremergalerie.de)
Denken und Sprache bei Descartes
Die Überlegungen des Philosophen René Descartes (1596–1650) zu Sprache, Denken, Vernunft und Zeichen war für die spätere Sprachphilosophie ausgesprochen wichtig. Für ihn ist die Sprachfähigkeit zentral für den Menschen und unterscheidet sie von Tieren und Automaten. Sein berühmter Satz „Ich denke, also bin ich“ hängt unmittelbar auch mit der Sprachfähigkeit zusammen.
Der Dresdner VDS-Regionalleiter Jörg-Michael Bornemann hat auf seinem Internetblog ein Buch über die sprachphilosophischen Ansichten René Descartes’ besprochen. Geschrieben hat es Achim Elfers, erschienen ist es 2022 im Verlag Ch. Möllmann. (bornemann-aktuell.de)
6. Soziale Medien
E.-A.-Poe-Lesung auf dem Sprachhof
Es wurde gruselig auf dem Sprachhof: Der Rhetorik-Trainer Dr. Hartmut Nowacki hat bei einer Lesung Edgar Allen Poes düstere Geschichte „Der Untergang des Hauses Usher“ präsentiert. Das Meisterwerk der unheimlichen Literatur wurde 1966 von Arno Schmidt ins Deutsche übertragen, seine Übersetzung gilt als diejenige, die die dichte Atmosphäre der Geschichte besonders gut einfängt. In den Sozialen Medien gibt es Eindrücke des Poe-Abends. (facebook.com/vds, instagram.com/vds)
Hummel
Manchmal passen der Beruf eines Menschen und sein Name einfach perfekt zueinander: instagram.com/vds, facebook.com/vds
Jürgen von der Lippe
Wir präsentieren regelmäßig Zitate von Prominenten zum Thema Sprache, die sie uns exklusiv zur Verfügung gestellt haben. Auch der Komiker und Autor Jürgen von der Lippe hat sich jetzt eingereiht. Sein Zitat und die der anderen Promis können Interessierte bei uns als Postkarte anfordern, gerne per E-Mail an info@vds-ev.de. (instagram.com/vds, facebook.com/vds)
Der VDS-Infobrief enthält Neuigkeiten zu verschiedenen Sprachthemen. Männer sind mitgemeint, das Gleiche gilt für andere Geschlechter. Namentlich gekennzeichnete Beiträge spiegeln gelegentlich die Meinung der Redaktion wider.
Redaktion: Holger Klatte, Asma Loukili, Dorota Wilke, Stephanie Zabel
