1. Presseschau
Verdummen mit Künstlicher Intelligenz
Die großen Sprachmodelle krempeln derzeit die Welt der Sprache um. Einige aktuelle Beispiele: Politiker liefern KI-Texte an Tageszeitungen ab, Touristen im Ausland lassen das Essen in der fremden Sprache von einem KI-Übersetzer am Mobiltelefon bestellen, ein Schriftsteller wurde kürzlich von der Kandidatenliste eines französischen Literaturpreises gestrichen, weil er seinen letzten Roman (mutmaßlich) von einer KI hat schreiben lassen, Dozenten an den Universitäten können kaum noch einschätzen, ob die Studenten ihre Texte selbst verfasst haben. Diese Liste ließe sich noch lange fortsetzen.
Im Deutschlandfunk wird die Frage diskutiert, was diese Entwicklung eigentlich mit unseren geistigen Fähigkeiten macht. Dort kommt der Psychologe Christian Stöcker zu Wort: „Wenn ich mir stets Aufgaben abnehmen lasse, bleibt natürlich weniger hängen. Es werden weniger Fertigkeiten gesteigert, es werden weniger Gedächtnisspuren erzeugt“, sagt er. Stöcker zitiert sogar Studien, die zu dem Ergebnis kommen, dass man weniger zufrieden ist, wenn man selbst nichts mehr lernt. Logisch eigentlich: Wer immer nur den digitalen Übersetzer nutzt, um in einer Fremdsprache zu kommunizieren, hat sicherlich weniger Spaß an der Fremdsprache als jemand, der sie aktiv beherrscht.
Es geht in dem Beitrag auch um das Lesen von Texten: In Deutschland verbringt man im Schnitt noch täglich 27 Minuten mit dem Lesen. „Wenn das Lesen abnimmt, verkümmert die Fähigkeit, längere und komplexere Gedankengängen selbst zu entwickeln“, sagt der Psychologe voraus. Es bestehe die Gefahr, dass sich eine Kluft entwickele zwischen denen, die intellektuell trainiert sind, und jenen, die ihr Gehirn nur noch zum Allernotwendigsten nutzen und alles, was anspruchsvoll ist, an die KI auslagern. (deutschlandfunk.de, Audiobeitrag)
Kein Russisch mehr als Fremdsprache an Lettlands Schulen
In der vergangenen Woche berichteten wir über die steigende Zahl der Schüler, die in Litauen Deutsch als zweite Fremdsprache lernen. Im Nachbarland Lettland geht man nun sogar einen Schritt weiter. Dort darf Russisch seit Beginn des neuen Schuljahres nicht mehr als Fremdsprache unterrichtet werden. Mit der Reform wolle sich das Land stärker von Russland distanzieren und sich sprachlich mehr an Europa orientieren. Von der Neuregelung profitiere insbesondere die deutsche Sprache, denn nach Angaben des lettischen Bildungsministeriums lernen inzwischen 57.000 Schüler Deutsch. Die Zahl der Deutschlehrer habe sich in den vergangenen Jahren auf knapp 600 verdoppelt. Deutschland ist zudem einer der wichtigsten Handelspartner des Landes und auch das Goethe-Institut in Riga bietet bereits Fortbildungen für Quereinsteiger an, da vielerorts Deutschlehrer gebraucht werden. Die stellvertretende Bildungsministerin Lettlands, Ieva Silina, erklärt, dass Russisch zwar die dominierende Sprache in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens gewesen sei, man nun jedoch einen Schlussstrich ziehen wolle. (tagesschau.de)
Neue Hoffnung für das Zimbrische
Das Zimbrische, eine auf mittelhochdeutschen Mundarten beruhende Sprache, wird heute nur noch von wenigen Menschen in Norditalien gesprochen und gilt seit vielen Jahren als bedroht. Verschiedene Initiativen versuchen deshalb, die Sprache zu dokumentieren und für kommende Generationen zu erhalten. Bruno Corradi aus Roveré Veronese, eine der 13 zimbrischen Gemeinden in den Lessinischen Bergen, sammelt seit zehn Jahren zimbrische Wörter und hat inzwischen rund 10.000 Begriffe zusammengetragen. Sein Sohn Sigfrido nutze diese Sammlung als Grundlage für ein KI-gestütztes Übersetzungsprogramm zwischen Zimbrisch und Italienisch. Künftig solle das bereits im Internet verfügbare Programm auch ganze Sätze übersetzen können. Eine Herausforderung beim Erhalt der Sprache seien die zahlreichen regionalen Varianten, die eine einheitliche Schreibweise und die Erstellung von Wörterbüchern erschwerten. Auch Nicolò Bonioli und Riccardo Farracin, die den Förderverein Tzimbar APS gegründet haben, wollen sich weiterhin für das Zimbrische einsetzen. Man wolle insbesondere ein Bewusstsein für die Sprache schaffen, erklärt Hugo-Daniel Stoffella, Obmann eines weiteren zimbrischen Kulturvereins, dem Kulturverein Laimbachtaler Zimbern. (stol.it)
2. Gendersprache
Gender-Streit im Auswärtigen Amt?
Zwei Mitarbeiterinnen des Auswärtiges Amtes haben sich laut Bild den Anweisungen des Ministeriums bezüglich des Nicht-Genderns widersetzt. Außenminister Wadephul hatte die Schreibregeln seiner Vorgängerin Baerbock außer Kraft gesetzt und ausdrücklich darauf hingewiesen, dass im Ministerium die Regeln des Rats für deutsche Rechtschreibung befolgt werden. Zwei Abteilungsleiterinnen sollen sich jedoch weigern, Vorgänge ohne Gendersprache zu genehmigen und Dokumente einfach liegen lassen. Insider sprächen von „Sabotage der Verwaltungsvorgänge“, so Bild. Das Auswärtige Amt hatte eine entsprechende Anfrage der Zeitung zunächst nicht bestritten, dann dementierte es einen „Gender-Streit“; die beiden mutmaßlich betroffenen Mitarbeiterinnen ließen die Anfrage unbeantwortet. (bild.de (Bezahlschranke))
Muss Sprache neutral sein?
„Über-Empfindlichkeit“ oder „klare Kante“? Für den Publizisten Mathias Brodkorb sind Wörter moralisch neutral und können nicht diskriminieren. Der Politikwissenschaftler Pierrot Raschdorff widerspricht: „Sprache könne durchaus verletzten.“ Beim NDR erklären beide ihre Positionen. Wörter seien Werkzeuge, so Brodkorb, um sich über die Welt zu verständigen. Sie seien grundsätzlich erst einmal neutral. „Die entscheidende Frage ist, welche Absicht verfolgt der Sprecher mit dem Einsatz der Worte? Und der kann eben sehr unterschiedlich sein.“ Raschdorff sieht das anders, er sagt, es müsse gar nicht eine offensichtliche Beleidigung sein, das sehe man auch im bilateralen Umgang miteinander. Sprache müsse empathisch und reflektiert eingesetzt werden, eine inklusive Sprache sei nötig, mit der möglichst viele Menschen miteinbezogen werden könnten: „Gerade aus dem Bereich des Sexismus wissen wir, dass vieles, was vielleicht vor 20 Jahren so lapidar gesagt worden ist, die Hälfte der Menschen beleidigt hat. Von daher macht es Sinn, dass wir ein wenig mit der Zeit gehen und uns reflektieren.“ Brodkorb wählt lieber den inhaltlichen Ansatz, über was man sich austauschen müsse, gerade wenn es um den Umgang mit Andersdenkenden gehe: „Wer etwas gegen Rassismus tun will, muss nicht an Sprachzeichen rumbasteln, sondern mit Rassisten darüber diskutieren, warum sie irren. Rassismus ist keine Sprachverwirrung, sondern eine Gedankenverwirrung oder eine moralische Verfehlung, aber kein Sprachproblem.“ Ein Sprachumbau sei daher unnötig. (ndr.de)
3. Sprachspiele: Wortfelderwirtschaft
Haupt
Die Kapverden sind eine ca. 15 Inseln umfassende Inselgruppe, deren Namen gleichwohl von einer Festlandsbezeichnung stammt: dem Grünen Kap an der westlichen Küstenlinie Senegals, etwa 500 Kilometer entfernt. Wir kennen auch das sturmerprobte Kap der guten Hoffnung, hören von der gefährlichen Umseglung von Kap Horn, planen eine Urlaubsreise zum Nordkap und sehen Bilder vom Raketenstart auf Cape Canaveral.
Das lateinische caput steht als Pate mitten in dieser weitverzweigten Wortfamilie. Bücher sind in Kapitel eingeteilt. Über einen Vertrag verhandeln heißt capitulare, dessen Hauptsatz ist als Kapitulation in unsere Sprache eingegangen. Das Haupt wird wie der (sprachgeschichtlich jüngere) Kopf von der Kappe, gelegentlich von der Kapuze bedeckt, im Märchen kann das rote Käppchen sogar namensbildend sein; männliche Juden tragen eine Kippa. Von hirnlosen Kappensitzungen, gekappter Kapuzinerkresse und modischen Käppis reden wir (hier im Augenblick) genauso wenig wie von der modischen Baseball-Cap.
Auch die alten Sprachformen von Kop und Kuppa haben ihre Bechergestalt von der Hirnschale, die hier identitätsstiftend geleert wurde, lateinisch cupa (Becher), zum Genuss englischen Tees als cup benutzt. Die Fingerkuppe mag die Trinktemperatur prüfen. Die Hirnkapsel meint das Köpfchen, im Niederländischen (Kapsel) die Frisur auf diesem.
Aber dass der Kopf oben gehalten wird, verweist auf alle Gipfel und Kuppen der Berge wie auf die Kuppel mancher Gebäude. Die Schneekoppe ist der höchste Berg im Riesengebirge. Auf südlicheren Gipfeln kraxelt gerne die italienische Ziege, die Capra, gelegentlich kapriziös, besonders zahlreich in früheren Zeiten auf der Ziegeninsel Capri, die vermutlich daher ihren Namen hat.
Die lateinische Verzweigung von caput begegnet uns ständig, als Kapitel und Kapital, als Kapitol und Kapitell. Und in der Sportmannschaft als Capitano. Kapiert, Kapitän?
Angehörige einer Motorradgesellschaft ordnen sich als chapter. Die Kapelle ist ein kleines Gebäude für Gottesdienste, in dem gelegentlich auch eine Gruppe von Musikern wirken kann, die daher ihren Namen bekam. Die lateinische cappa ist die Kopfbedeckung, die wörtliche Verkleinerung capella meint den Mantel. Der berühmt gewordene Umhang des Martin von Tours wurde wohl als Reliquie in einem Gebäudeteil aufbewahrt, der diese Bezeichnung erst übernahm und dann als Vorlage für eine Verallgemeinerung hergab.
Das deutsche Haupt wird gerne gehoben, mit oder ohne Haube, vom Häuptling und vom Hauptmann, Hauptsache, die Behauptung hat Erfolg. So wurde schon mancher zum Oberhaupt. Guten Appetit beim Schweizer Häuptlisalat! Bei Gelegenheit: Da capo!
In Deutschland gibt es über 6000 Straßen, die nach ihrer (früheren?) Funktion den Namen Hauptstraße erhielten. Überhaupt: kaum ein Begriff in der deutschen Sprache, der sich nicht mit dem Haupt paaren ließe, doch nicht jeder Hauptbahnhof ist auch ein Kopfbahnhof…
Wilhelm Wegner
Theologe und Cellist aus Frankfurt am Main
4. Kultur
Kulturpreis Deutsche Sprache 2026 verliehen
In Baden-Baden wurde vergangene Woche der Kulturpreis Deutsche Sprache verliehen. Hauptpreisträgerin war die Musikerin und Musikproduzentin Annette Humpe, die für ihre stilprägenden Texte geehrt wurde. „Ich bin schon oft für meine Songs, für meine Musik ausgezeichnet worden, aber dass ich für meine Texte einen Preis erhalte, das macht mich schon auch ein bisschen stolz“, so Humpe.
Der zweite von drei Teilpreisen ging an den Verein „MundArt in der Kirche“ mit Pfarrer Claus Ebeling. Ziel des Vereins ist es, den fränkischen Dialekt im kirchlichen Alltag stärker zu etablieren.
Dritter Preisträger war das Erika-Fuchs-Haus in Schwarzenbach an der Saale, welches an die enorme Leistung der 2005 verstorbenen Übersetzerin Erika Fuchs erinnert. „Erika Fuchs hat es geschafft, Comics in Deutschland nicht nur salonfähig zu machen, sondern als Kulturgut zu etablieren“, so die Museumsleiterin Dr. Joanna Straczowski in ihrer Dankesrede.
Der Kulturpreis Deutsche Sprache wird jährlich von der Eberhard-Schöck-Stiftung gemeinsam mit der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehen. Zu den Preisträgern der vergangenen Jahre gehören u. a. Udo Lindenberg, Mai Thi Nguyen-Kim und Hape Kerkeling. (miz.org)
5. Berichte
Lehrer-Welsch-Preis vergeben
Wieder mehr Sprache im kölschen Brauchtum! Dafür hat der Kölner Bühnenclown und Karnevalist Marc Metzger („Dä Blötschkopp“) jetzt den Lehrer-Welsch-Preis erhalten. Mit seinem Sprachwitz ist er seit Jahren aus dem Kölner Karneval nicht mehr wegzudenken. Die VDS-Region Köln zeichnet mit dem Preis seit 20 Jahren Personen aus, die sich um das Kölsche verdient gemacht haben. Zu den Gratulanten gehörten neben dem Kölner VDS-Regionalleiter Ralph Aurand auch Bürgermeisterin Teresa De Bellis-Olinger sowie das Urgestein des Kölner Karnevals, der mittlerweile 101-jährige Ludwig Sebus. (facebook.com/vds, instagram.com/vds, x.com/vds)
VDS-Akademie macht fit fürs Vorlesen
Der Bundesweite Vorlesetag am Freitag, dem 20. November, bietet Sprachfreunden, die sich engagieren wollen, eine gute Gelegenheit, in Kindergärten, Grundschulen und anderen Einrichtungen interessierten Gruppen vorzulesen und damit einen Beitrag zur bildungssprachlich orientierten Unterhaltung sowie zur Stärkung der Lesemotivation, besonders bei Kindern und Jugendlichen, zu leisten. Der VDS unterstützt lesewillige Mitglieder und Freunde gerne bei der Vorbereitung und Auswahl geeigneter Texte. Ansprechpartner ist Claus Maas (claus.maas@vds-ev.de). Am 22. Oktober von 15:30 Uhr bis 17:00 Uhr gibt VDS-Vorstandsmitglied Claus Maas im Rahmen der VDS-Akademie in einem vorbereitenden Online-Vortrag Hinweise dazu, wie man sich auf eine Vorleseaktion vorbereitet und worauf man beim Vorlesen achten sollte. Über den Bundesweiten Vorlesetag hinaus bezieht er sich dabei auch auf das Vorlesen und Lesen in Kitas, Vor- und Grundschulen und weiteren Alltagseinrichtungen. Weitere Informationen finden sich unter vds-ev.de.
Anmelden hierzu kann man sich über die Seite vds-ev.de oder bei claus.maas@vds-ev.de. Eine frühzeitige Anmeldung ist sehr erwünscht, um die Teilnehmerzahl besser einschätzen zu können.
Gabriele-Tergit-Lesung auf dem Sprachhof
Studieren? Und dann auch noch den Doktor machen? Eigentlich nichts für eine junge Frau Anfang des 20. Jahrhunderts. Die Schriftstellerin Gabriele Tergit (bürgerlich: Elise Hirschmann) setzte sich jedoch gegen ihren Vater durch, wurde Gerichtsreporterin, schrieb für das Berliner Tageblatt, Ossietzkys Weltbühne, das Handelsblatt und andere. Mit „Käsebier erobert den Kurfürstendamm“ wurde sie 1932 berühmt. Kurz darauf musste sie mit ihrer Familie vor der Nazi-Diktatur fliehen, ihr Familienepos „Effingers“, das sie 1931 begonnen hatte, erschien erst 1951.
Der Kamener Schriftsteller Horst Hensel führte bei seiner Lesung auf dem Sprachhof durch Tergits Werk und ihr Leben, in dem sie nach vielen Jahren und vielen Exilstationen schließlich in London eine Heimat fand. (facebook.com/vds, instagram.com/vds, x.com/vds)
6. (D)englisch
„Deutsch ist beautiful“
Unter dem denglischen Titel „Deutsch ist beautiful“ beschäftigt sich eine Wanderausstellung im hessischen Dreieich mit der deutschen Sprache und ihren Besonderheiten. Besucher erfahren unter anderem, wie Sprache entsteht und sich im Laufe der Zeit verändert. Außerdem kann man herausfinden, welche deutschen Wörter in anderen Ländern verwendet werden. Kinder können sich bei der Mitmach-Ausstellung auch an historischen Schreibmaschinen ausprobieren. Wieso die Ausstellung jedoch diesen denglischen Titel trägt, erklärt der Kurator Rolf-Bernhard Essig nicht. (zdfheute.de, Videobeitrag)
7. Soziale Medien
Das Recht des Lesers auf ordentliche Recherche
Die Nutzerin @sarah.baines ärgert sich bei Threads über schlecht recherchierte Bücher: „Und dann bricht man ein Buch ab, weil man das Gefühl hat, dass für die Autorin (in Kanada lebende US-Amerikanerin) Google ein kostenpflichtiger Service ist. (…) Girl, zwischen Luhansk (Ukraine) und Prag (Tschechien) liegen 2.235 km (1,389 m) Strecke. (…) Wenn ‚Murricans‘ (Anm.: gemeint sind Amerikaner – ‚Americans‘) Bücher in Europa schreiben … Schade, die Plot-Idee war wirklich toll.“ Ihre Kritik: Autoren, gerade wenn sie von einem anderen Kontinent kommen, haben wenig Wissen über Lebensarten, geografische Gegebenheiten oder gesellschaftliche Verhältnisse. Das mache Bücher – selbst wenn die Idee gut ist – unlesbar, weil man sie nicht ernst nehmen könne. (threads.com/sarah.baines.schreibt)
8. Buchwelt
Hinter die Dinge blicken …
Die ach so freundschaftlichen Beziehungen zu unserem Nachbarland Frankreich werden in offiziellen Reden hochgehalten, gehören gewissermaßen zur Pflichtausstattung eines politischen Denkmals. Die alltägliche Wahrheit sieht freilich anders aus. Hier durchblicken zu helfen, leistet das 2023 erschienene Werk unseres IFB Verlages Deutsche Sprache von dem Elsässer Richard Weiss einen wesentlichen Beitrag. Der Titel kommt mit gespielter Arglosigkeit daher: „Wenn ich einmal groß bin, werde ich zweisprachig sein!“ Die Elsässer kämpfen um den Erhalt ihrer Sprache. Die Widerstände waren tatsächlich gewaltig und sind es zum Teil noch.
Modern formuliert geht es nicht um einen Dialekt, sondern um eine Regionalsprache wie etwa auch das Korsische oder Bretonische. Regionalsprachen haben freilich in Frankreich schlechte Karten, denn sie werden als Gefahr für die offizielle Staatssprache, das integrative Element für die Einheit der Nation, angesehen. Das Europäische Abkommen zum Schutz der Regionalsprachen stieß in Frankreich auf keine Gegenliebe. Es wurde zeitweilig als verfassungswidrig beurteilt, jedenfalls nie ratifiziert. Ganz besonders bedrohlich erschien vor allem das Elsässische, weil hinter ihm, als Standard- und Schriftsprache das Deutsche, die offizielle Staatssprache des schwierigen Nachbarlandes, steht. Elsässisch sozusagen als isolierte Regionalsprache zu betrachten und irgendwie halbherzig zu dulden oder gar zu fördern, um die Standardsprache sozusagen außen vor zu lassen, war in diesem Fall also kein überzeugendes Konzept.
Die Bildungspolitik und Schulverwaltung des Landes wollte über Jahrzehnte nicht zur Kenntnis nehmen, dass Deutsch eben nicht nur die Sprache des zweimaligen Besatzers (1871 – 1918 sowie 1940 – 1945) war, sondern sich inzwischen zur Sprache des neuen Partners für den Aufbau eines geeinten Europas gewandelt hatte.
Die deutschen Bundesregierungen ihrerseits haben sich zu keiner Zeit als freundlicher Pate der Elsässer betrachtet wie etwa die österreichischen für Südtirol. Sie haben sich weder für das Elsass engagiert, noch sonst irgendwie groß für Frankreich interessiert, sieht man mal von einzelnen Figuren wie Adenauer oder Kohl ab. Die transatlantischen Beziehungen und die anglophone Kultur standen einseitig im Vordergrund, monopolisierten seit der ersten Nachkriegszeit das politische Geschehen. Kaum noch Schüler lernen heute die Sprache des anderen. So befanden sich das Elsass und seine Sprache in dem deutsch-französischen Gesamtklima unter der politischen Wahrnehmungsschwelle. Man brauchte dann auch nicht auf die unerfreuliche Vorgeschichte einzugehen.
Wer sich näher mit den politischen und administrativen Hemmnissen und vor allem den Schulinitiativen engagierter Elsässer befassen will, ist mit diesem Bericht (268 Seiten mit Titelbild von Tomi Ungerer) und den sorgsam zusammengestellten Dokumenten gut bedient. (ifb-verlag.de)
(Dr. Kurt Gawlitta, Berlin)
Der VDS-Infobrief enthält Neuigkeiten zu verschiedenen Sprachthemen. Männer sind mitgemeint, das Gleiche gilt für andere Geschlechter. Namentlich gekennzeichnete Beiträge spiegeln gelegentlich die Meinung der Redaktion wider.
Redaktion: Holger Klatte, Asma Loukili, Dorota Wilke, Stephanie Zabel
