Infobrief vom 10. April 2026: Nicht hochschulreif

1. Presseschau

Nicht hochschulreif

In der Welt berichtet Prof. Michael Sommer (Universität Oldenburg) über die Studenten, die ihm in seinen Vorlesungen zur Alten Geschichte begegnen. Der Blick auf die jungen Menschen stimme ihn pessimistisch. Bereits die letzten Pisa-Studien zeichneten kein gutes Bild der Bildungslandschaft. In Mathematik, Deutsch und den Naturwissenschaften gab es bei den letzten Erhebungen einen stetigen Rückgang der erreichten Punkte. „Platz 21 beim Lesen, Platz 25 in Mathematik und Platz 22 in den Naturwissenschaften sind der selbsternannten Nation der Dichter und Denker unwürdig“, so Sommer. Im internationalen Vergleich seien diese Ergebnisse verheerend. 30 Prozent der Fünfzehnjährigen scheiterten an den Mindestanforderungen der Mathematik, bei der Lesekompetenz war es ein Viertel. Je weiter sich die Untersuchung vom Gymnasium wegbewege, desto schlechten seien die Ergebnisse. Jungen schnitten schlechter ab als Mädchen, Migranten schlechter als jene Kinder, die schon länger in Deutschland leben.

Dieses Bild setze sich an der Hochschule fort. Das Problem sei, dass die Hochschulen einerseits mit dem arbeiten müssten, was die Schulen ihnen an Studenten liefern, andererseits bildeten sie selbst Lehrer aus. Er nehme wahr, dass es um die Allgemeinbildung nicht gut bestellt sei, und auch Lesen und Schreiben fiele vielen schwer. Nur rund 20 Prozent der Studenten kämen mit den Anforderungen an der Uni sehr gut klar, bei weiteren 20 Prozent seien die Studienvoraussetzungen allerdings so schlecht, „dass man sich fragt, wie sie überhaupt zum Abitur zugelassen werden konnten. Sie haben an keiner Hochschule etwas zu suchen und verschwinden meist auch rasch auf Nimmerwiedersehen.“ Problematisch sei die Mitte der 60 Prozent. Vor 20, 30 Jahren sei sie grundsolide gewesen, hätte ein Studium geschafft und in der Gesellschaft funktioniert. „Sie konnte lesen, schreiben, halbwegs anspruchsvolle Texte verstehen und solche verfassen, die vielleicht nicht höchsten literarischen Ansprüchen genügten, aber doch Hand und Fuß hatten. Diese Leute brachten in der Regel ausreichende Kenntnisse in mehr als einer Fremdsprache mit, oft das Latinum, das ihnen nicht nur den Einstieg in neue Sprachen, sondern auch den Umgang mit ihrer Muttersprache erleichterte.“ Auch bei Geschichts- oder Gesellschaftsfragen sei sie einigermaßen sattelfest gewesen. „Anstatt hirnlose Parolen wie ‚From the River to the Sea‘ zu skandieren, wusste sie, zwischen welchem Fluss und welchem Meer sich der Nahostkonflikt abspielt. (…) Mit wichtigen historischen Gestalten wusste sie etwas anzufangen, ob sie Caesar, Kolumbus oder Bismarck hießen. Auch das ein oder andere Geschichtsdatum war abrufbereit im Gehirn abgespeichert.“

Diese Mitte gebe es allerdings nicht mehr, und das mache sich schon bei kleinen Dingen bemerkbar. Da würde in Klausuren dann „warnehmen“ und „erklähren“ stehen, „du kriegst die Kriese, denke ich mir beim Korrigieren. Sind denn alle Opfer von ‚Schreiben nach Gehör‘? Die neue Mitte kapituliert vor mittelschweren Texten. ‚Wir mussten ein ganzes Buch lesen‘, drei Ausrufezeichen, hat vor drei Semestern ein Namenloser empört in die Kommentarspalte zu meiner Vorlesung geschrieben. Es handelte sich, wohlgemerkt, um eine Einführung ins Studium der Alten Geschichte auf Oberstufenniveau.“ Wer wenig oder nicht lese, dessen Sprache verarme. „Allerweltswörter wie ‚allenthalben‘ oder ‚ehedem‘ kennen von zwanzig Studenten in einem Seminar vielleicht drei. Dafür kommt ihnen der gendersensible Glottisschlag unfallfrei über die Lippen.“

Neben diesen Studenten gebe es aber auch immer noch die starken, ehrgeizigen, leistungsbereiten. „Und sie tun mir leid, denn diese jungen Leute werden an der Universität um das betrogen, was ein geisteswissenschaftliches Studium verspricht: Ausbildung kritischen Denkens, komplexer Analysefähigkeit und kultureller Kompetenz. Diese Studenten werden an geisteswissenschaftlichen Fakultäten systematisch unterfordert, weil die breite Masse völlig überfordert ist.“ In der deutschen Bildungslandschaft habe sich eine Kultur der Leistungsaversion durchgesetzt, „Underperformer“ seien die neuen Vorbilder, man habe sich abgewöhnt, Nichtleistung als solche zu benennen und entsprechend zu benoten. „Wenn wir in der Leistungsfrage keine 180-Grad-Wende hinbekommen, taumelt die Bildungsrepublik in eine Abwärtsspirale, aus der es kein Entrinnen mehr gibt“, fürchtet Sommer. (welt.de (Bezahlschranke))


Wortwahl in Stellenanzeigen

Auf welche Formulierungen Bewerber in Stellenanzeigen reagieren, haben Ökonomen wie Matthias Heinz von der Universität zu Köln untersucht. Denn trotz guter Karrierechancen und guter Bezahlung verzeichneten einige Konzerne in Deutschland kaum Bewerbungen, erklärt Co-Studienleiter Heinz. Gemeinsam mit seiner Kollegin Pia Pinger fand Heinz heraus, dass die Wortwahl in Stellenanzeigen einen großen Einfluss auf die Zahl und die Art der Bewerbungen hat. Formulierungen, die Flexibilität oder Gehalts- und Karrierechancen betonen, steigerten die Bewerberzahlen bei Einsteigerstellen um rund 30 Prozent. Und während Hinweise auf Flexibilität Männer und Frauen gleichermaßen anspreche, führten wachstumsorientierte Formulierungen vor allem zu mehr Bewerbungen von Männern.

Auch die Qualität und Herkunft der Bewerber veränderten sich je nach Wortwahl. Wachstumsversprechen zögen häufiger qualifizierte Kandidaten an, etwa mit einem Studienabschluss von einer führenden deutschen Hochschule oder einer Technischen Universität. Flexibilität bringe hingegen mehr Bewerbungen von Menschen, die außerhalb der Region wohnen. Allerdings steigere das Flexibilitätsversprechen nicht die Qualität der Bewerbungen, betont Pinger. Für das Experiment haben die Ökonomen eine Stellenanzeige mit jeweils drei verschiedenen Textvarianten auf allen gängigen Berufsportalen hochgeladen und werteten die Zahl und Qualität der Bewerbungen aus. Zusätzlich legten die Forscher die verschiedenen Varianten der Anzeige rund 2.000 Studenten vor mit der Frage, welches Bild sie sich vom Unternehmen machten. Dabei prägten die sprachlichen Nuancen der Stellenausschreibung sowohl den Gesamteindruck des Unternehmens als auch die Erwartungen der Bewerber. Berufseinsteiger reagierten zudem deutlich sensibler auf Formulierungen als erfahrenere Fachkräfte. (faz.net)


Förderung nicht für alle gleich

In Südtirol wird die Unterstützung von Kindern mit Behinderung je nach Sprachschulsystem unterschiedlich geregelt. Während im deutschen und ladinischen System feste Mindestquoten für die Anzahl an Integrationslehrern existieren, fehlen im italienischen System einheitliche Kriterien. Die Zuweisung von Integrationsstunden hängt damit von lokalen Entscheidungen und der jeweiligen Schulführung ab, nicht vom individuellen Bedarf der Kinder. Kritik kommt unter anderem von Politiker Alex Ploner, der bemängelt, dass Inklusion so zum „Lotteriespiel“ werde, welches lediglich von der Sprachzugehörigkeit abhänge. Gefordert werden klare, landesweit einheitliche Regeln, damit die Unterstützung stärker am tatsächlichen Förderbedarf orientiert ist und nicht von der Sprache oder einem Verwaltungssystem abhängt. (unsertirol24.com)

2. Kultur

Sprachcafé Wegberg

Im nordrhein-westfälischen Wegberg können sich Flüchtlinge und Zuwanderer aus aller Welt im Sprachcafé der Evangelischen Kirche Dalheim treffen, um Deutsch zu lernen und Kontakte zu knüpfen. In dem Sprachcafé, so die ehrenamtlichen Helfer, könne man die deutsche Sprache hören und ihren vielleicht noch ungewohnten Sprachklang kennenlernen, sie selbst ausprobieren und dabei gleichzeitig etwas über die Lebensweise in Deutschland erfahren. Durch Gruppengespräche und das Erlernen von Alltagsbegriffen sollen jegliche Hemmungen überwunden werden. Die Besucher des Sprachcafés kommen unter anderem aus Afghanistan, Tibet, China, Venezuela oder der Demokratischen Republik Kongo und sind meist zwischen sechs und 40 Jahre alt, die ehrenamtlichen Helfer, die zuvor meist als Lehrer tätig waren, hingegen meist über 60 Jahre. Die wechselnde Teilnehmerzahl und die unterschiedlichen Lernstände der einzelnen Lerner erfordern dabei ein hohes Improvisationstalent. Trotzdem bietet das Sprachcafé einen wichtigen ersten Zugang zur deutschen Sprache und Gesellschaft. (rp-online.de)


Europanto als Brücke

Während ihres Erasmus-Aufenthalts, schreibt Ludovica Di Meco im European Correspondent, habe sie gemerkt, wie leicht es ist, ein Gespräch am Laufen zu halten, auch wenn die Teilnehmer der Gruppe keine gemeinsame Sprache sprechen. „Wir sprachen alle in unseren Muttersprachen und versuchten, das Gespräch am Laufen zu halten. Obwohl niemand von uns gleichzeitig Italienisch und Türkisch und Spanisch und Griechisch und Deutsch beherrschte, funktionierte unser Experiment überraschend gut: Es dauerte nur etwa zehn Minuten, bis wir herausgefunden hatten, wo wir uns auf einen Drink treffen würden.“ Ähnlich ist der Ansatz bei Europanto, das Di Meco als hervorragende Möglichkeit sieht, um sich in Europa zu verstehen.

1996 erfand der italienische Dolmetscher Diego Marani Europanto – eigentlich nur als Scherz. Es sei intuitiv, verwende ein vereinfachtes Pseudo-Englisch und füge ein Vokabular aus verschiedenen Sprachen hinzu. Dabei seien Wörter mit gemeinsamen Wurzeln oder leicht erkennbare Wörter entscheidend. Wer Grundkenntnisse in Englisch, Deutsch, Französisch oder Spanisch habe, könne Europanto bereits verstehen. Je nachdem, wo man sei, könne man es unterschiedlich aussprechen, kreativ werden: „Om europanto te spekare, te basta mixare alles wat tu know in extranges linguas. Wat tu know nicht, keine worry, tu invente,” heißt es in einem Europanto-Sprichwort. Eine neue Sprache wolle Marani dabei gar nicht erfinden, sondern vielmehr ein Statement setzen: „Sprache muss denen gehören, die sie sprechen.” Das bedeute, Sprachen zu mischen, Wörter zu entleihen und zu erfinden und über Grenzen hinweg zu kommunizieren. (europeancorrespondent.com)


Bilderbücher als Wegbereiter

Wie wichtig Bilderbücher für die Sprachförderung von Kindern sind, war das Thema des Elterntreffs der Fachstelle Frühe Hilfen in Thür, betrieben vom Caritasverband Rhein-Mosel-Ahr. Svenja Weinand von der Stadtbücherei Mayen war als Gast und Referentin eingeladen und erklärte, dass das gemeinsame Anschauen und Vorlesen der Bilderbücher den Kindern neue Wörter, Satzmelodien und Laute vermittle. Zudem entwickelten sie durch die wichtigen Wort-Bild-Verknüpfungen ein Sprachgefühl. Weinand betonte, dass regelmäßige Vorleserituale nicht nur die Sprachentwicklung förderten, sondern auch die Bindung zwischen Kind und Eltern stärkten. Zusätzlich stellte sie das kostenfreie Angebot der Bücherei vor. (blick-aktuell.de)


3. Berichte

Vortrag über politisch korrekte Sprache

„Upcycling“, „People of Color“, das Gendersternchen oder „politisch benachteiligt“ – Beispiele für politisch korrekte Sprachformen und Wörter sind nicht nur in der Politik zu finden, sondern begegnen uns auch im sprachlichen Alltag. Der Autor und Philosoph Dr. Myron Hurna hat diese Woche auf dem Sprachhof in Kamen verschiedene Typen der politisch korrekten Sprache beleuchtet und mit den Besuchern über die Auswirkungen auf ihr direktes Lebensumfeld gesprochen. Ein Teilnehmer machte darauf aufmerksam, dass bei Umbenennungen wie „Reichskristallnacht“ (heute häufiger „Novemberpogrom(e)“ genannt) wichtig sei, überhaupt etwas über die schlimmen Geschehnisse zu wissen, es werde durch ein neues Wort nicht besser. (facebook.com/vds, instagram.com/vds, tiktok.com/vds)


4. Denglisch

„Das Traumschiff“ enttäuscht mit zu viel Englisch

Die am Ostersonntag ausgestrahlte Folge der ZDF-Sendung „Das Traumschiff“ erntete reichlich Kritik von den Zuschauern. In der Folge stach die „MS Amadea“ in See mit Kurs auf Island, allerdings wunderten sich die Zuschauer, weshalb das Schiffspersonal plötzlich Englisch sprach. Auf X (vormals Twitter) beschwerten sich mehrere Nutzer mit „mir wird heute viel zu viel Englisch gesprochen“ oder „wieso spricht die kein Deutsch?“. Auch fehlende Untertitel wurden beklagt und weitere Kommentare verkünden, dass einige Zuschauer die Sendung „nicht mehr ernst nehmen können“ wenn kein Deutsch gesprochen wird. (nachrichten.yahoo.com)


5. Soziale Medien

Tatsächlich genau

Auf Instagram widmet das Goethe-Institut den Füllwörtern und der Frage, warum wir Deutschen sie so lieben, einen Beitrag. Trotz ihres niedrigen Aussagewerts würden „halt“, „genau“, „ja“ und „irgendwie“ gerne genutzt. Dabei erfüllten sie in Gesprächen eine wichtige Funktion, sagt Prof. Daniel Gutzmann, Sprachforscher an der Ruhr-Universität Bochum: „Füllwörter helfen, Gedankenpausen zu überbrücken und die Aufmerksamkeit der Zuhörer zu halten.“ (instagram.com/goetheinstitut)


Der „Erlkönig“ – aber als Emoji

Die Sängerin und Kabarettistin Alice Köfer hat Goethes „Erlkönig“ für ihre Show in Emojis übersetzt. „Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?“ sei dabei noch durchaus einfach gewesen, mit einem Reiter-Emoji und einem „Geteilt“-Zeichen. Bei anderen Wörtern wurde es kniffeliger: So wurde der „Nebelstreif“ zu einem Zebra, „Gar“, so Köfer, sei eine echte Hürde gewesen, „da hab ich dann ‘ne Suppe genommen.“ (tiktok.com/alicekoe)


Der VDS-Infobrief enthält Neuigkeiten zu verschiedenen Sprachthemen. Männer sind mitgemeint, das Gleiche gilt für andere Geschlechter. Namentlich gekennzeichnete Beiträge spiegeln gelegentlich die Meinung der Redaktion wider.

Redaktion: Asma Loukili, Dorota Wilke, Stephanie Zabel

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