1. Presseschau
Streit um Deutsch als Schulsprache in NRW
Im nordrhein-westfälischen Landtag ist ein Antrag zur Förderung der Mehrsprachigkeit an Schulen auf heftige Kritik gestoßen. Anlass war eine Formulierung, wonach fachliche Leistungen auch dann angemessen bewertet werden sollen, wenn Schüler ihre Kenntnisse wegen unzureichender Deutschkenntnisse nicht vollständig darstellen können. Die FDP warnte, dies könne den Weg für Klassenarbeiten in anderen Sprachen ebnen und beantragte eine Klarstellung, dass Deutsch Unterrichts- und Prüfungssprache bleibt. FDP-Fraktionschef Henning Höne sagte: „Da sind wir bei Klassenarbeiten auf Arabisch, auf Türkisch, auf Ukrainisch“. Dieser Vorstoß fand jedoch keine Mehrheit.
Schulministerin Dorothee Feller (CDU) widersprach der Darstellung der FDP entschieden. „Unsere gemeinsame Bildungssprache ist und bleibt Deutsch, sowohl im Unterricht als auch in Prüfungen“, stellte Feller klar. Vertreter von CDU, Grünen und SPD warfen der FDP vor, den Antrag bewusst misszuverstehen und mit zugespitzten Aussagen Stimmung zu machen. (duesseldorf.t-online.de)
Neues Institut zur Sprachforschung
Die deutsche Sprache bekommt ein neues Forschungsinstitut: Das „Akademienzentrum Digitale Lexikographie des Deutschen“ (ADL) ist jetzt von der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz beschlossen worden. An sieben Landesakademien soll die Dynamik des sich laufend weiterentwickelnden deutschen Wortschatzes beschrieben und aufbereitet werden. Damit steht das Institut in der Tradition von Gottfried Wilhelm Leibniz und der Brüder Grimm. Federführend wird die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften (BBAW) sein. Akademiepräsident Christoph Markschies betont die Bedeutung der Dokumentation, auch, wenn es darum geht, Wörter, ihre Bedeutung und die Veränderung über die Zeit der Bevölkerung zu erklären: „Was meint eigentlich genau das Wort ‚frugal‘? Präzise mit Sprache umzugehen, ist angesichts der bekannten Probleme öffentlicher Diskurse für das Schicksal des demokratischen Verfassungsstaates hierzulande schlechterdings zentral – was vertuscht der Begriff ‚Remigration‘?“ (idw-online.de)
Das schönste Wort der Welt
Die Sprachlernplattform „Babbel“ hat das schönste Wort der Welt gekürt: Kaitiakitanga. Es stammt aus dem Māori, der indigenen Sprache Neuseelands, und beschreibt die spirituelle Verantwortung, die Natur für zukünftige Generationen zu schützen und zu bewahren. Linguisten, Autoren und Kulturschaffende haben Wörter aus 75 Sprachen nach Klang, Bedeutung und kultureller Resonanz bewertet. Laut „Babbel“ wurde bei der Auswertung darauf geachtet, auch unterrepräsentierte Sprachen aufzunehmen, die in der digitalen Welt nicht so häufig vorkommen. Zur Auswahl standen insgesamt 223 Wörter. Neben Kaitiakitanga schafften es in die Liste der Top 15 u. a. auch „Hiraeth“ (Walisisch, beschreibt die tiefe, bittersüße Sehnsucht nach einer verlorenen oder nie wirklich gekannten Heimat oder Zeit). (web.de)
Sprachtests für Vierjährige
Mit einem neuen Kita-Gesetz plant die Bundesbildungsministerin Karin Prien, verpflichtende Sprachtests für Vierjährige einzuführen. Diese bundesweit einheitlichen Tests sollen demnach den Sprach- und Entwicklungsstand der Kinder erfassen, um ihnen einen besseren Übergang in die Grundschule zu ermöglichen und bei Bedarf frühzeitige Fördermaßnahmen einzuleiten. Insbesondere Kinder mit Förderbedarf sollen so bessere Bildungschancen erhalten. Der Gesetzentwurf sieht dafür bis 2034 Bundesmittel in Höhe von 9,25 Milliarden Euro vor. Kritik kommt unter anderem vom Paritätischen Gesamtverband, der die Finanzierung für unzureichend hält. (n-tv.de, zeit.de)
KI erschafft Neues
Dass KI-Systeme wie ChatGPT, Gemini und Co. zahlreiche Sprachen verstehen und Inhalte in diesen generieren können, ist längst bekannt. Ein internationales Forscherteam hat nun jedoch mit „Conlang Crafter“ ein KI-System entwickelt, das vollständig neue Sprachen erschaffen kann. Nutzer können dabei die gewünschten Eigenschaften einer Sprache vorgeben. Etwa, dass sie von Außerirdischen gesprochen wird oder auf Farben und Gesten statt auf Lauten basiert. Die KI entwickelt daraufhin schrittweise Grammatik, Wortschatz und Beispielsätze und überprüft, ob diese den Vorgaben entsprechen. So sind bereits mehr als 60 künstliche Sprachen entstanden. Das Projekt ist quelloffen. (t3n.de)
2. Gendersprache
Partizipien sind keine Wunderwaffe des Genderns
Der Sprachwissenschaftler Helmut Glück setzt sich in der WELT kritisch mit der zunehmenden Verwendung substantivierter Partizipien wie „Studierende“, „Radfahrende“ oder „Anwesende“ auseinander. Sie gelten vielen Befürwortern geschlechtergerechter Sprache als Ersatz für das generische Maskulinum. Glück zeigt jedoch, dass diese Formen grammatisch keineswegs beliebig einsetzbar sind.
Der Autor erläutert zunächst den Unterschied zwischen Substantiven und Partizipien. Während Substantive ein festes grammatisches Geschlecht besitzen, bezeichnen Partizipien einen gerade stattfindenden Vorgang oder eine abgeschlossene Handlung. Deshalb entstünden mitunter absurde Formulierungen. Wer von „Radfahrenden“ spreche, bezeichne Menschen, die im Moment Rad fahren – Verstorbene könnten also ebenso wenig „Radfahrende“ sein wie Studienabbrecher dauerhaft „Studienabbrechende“.
Glück erklärt außerdem die sprachwissenschaftlichen Begriffe Epikoinon und Differentialgenus. Er zeigt, dass viele substantivierte Adjektive und Partizipien bereits geschlechtsübergreifend verwendet werden können und daher keiner zusätzlichen Feminisierung bedürfen. Die in der Genderdebatte häufig verwendete Terminologie sei dabei oft unpräzise.
An zahlreichen Beispielen – von Goethes Faust bis zu heutigen Behörden- und Medientexten – verdeutlicht Glück, dass Partizipien nur in wenigen Fällen zu eigenständigen Substantiven geworden sind. Würde man Personenbezeichnungen konsequent durch Partizipien ersetzen, entstünden nach seiner Auffassung sprachlich gekünstelte und teilweise komische Formulierungen wie „Klagende“, „Zeugende“, „Verteidigende“ oder „Richtende“.
Sein Fazit: Das Partizip I eignet sich nur begrenzt als Mittel geschlechtergerechter Sprache. Wer seine eigentliche Bedeutung ignoriere, nehme sprachliche Ungenauigkeiten und grammatische Widersprüche in Kauf. (welt.de (Bezahlschranke))
Keine Genderzeichen mehr im Auswärtigen Amt
Das Auswärtige Amt will künftig im amtlichen Schriftverkehr auf Gendersternchen, Doppelpunkte und Unterstriche zum Gendern verzichten. Laut Politico, einer Marke der Axel-Springer-Gruppe, sei die neue Sprachregelung im Intranet der Behörde veröffentlicht worden. Damit setzt CDU-Außenminister Johann Wadephul die Anweisung seiner Vorgängerin Annalena Baerbock außer Kraft. Die neue Regelung gelte auch für die interne Kommunikation. Die Begründung laut Bild: „Sonderzeichen innerhalb von Wörtern sind und waren nicht Bestandteil des amtlichen Regelwerks der deutschen Rechtschreibung und daher im amtlichen Schriftverkehr der Bundesbehörden nicht vorgesehen.“ Geschlechtersensibel wolle man dennoch schreiben, da die Gleichstellung von Frauen und Männern ein gesetzlicher Auftrag aller Bundesbehörden sei. Erlaubt seien daher Paarformen oder „neutrale oder abstrakte“ Begriffe. (bild.de)
Genderverbot in Cottbus auf dem Prüfstand
Im Juni erst hatte die Cottbuser Stadtverordnetenversammlung beschlossen, Gendersonderzeichen nicht mehr in der offiziellen Kommunikation der Verwaltung zuzulassen, stattdessen sollten das generische Maskulinum oder geschlechtsneutrale Sammelbezeichnungen genutzt werden. Der Cottbuser Oberbürgermeister Tobias Schick (SPD) hat den Beschluss beanstandet, damit geht dieser nun zurück in die Stadtverordnetenversammlung, die darüber erneut entscheiden muss. Als Grund gab Schick an, dass der Beschluss nach rechtlicher Prüfung gegen die Hauptsatzung der Stadt Cottbus verstoße. Diese lege bereits fest, dass für Bezeichnungen sowohl die männliche als auch die weibliche Form verwendet werden müsse, sofern keine neutrale Bezeichnung möglich sei. Die Hauptsatzung könne nur mit einer Zweidrittelmehrheit geändert werden. Damit muss über den Antrag, der seinerzeit von der AfD-Fraktion gemeinsam mit der Fraktion Mittelstandsinitiative Brandenburg/Zukunftssicheres Cottbus eingebracht worden war, im September erneut zur Abstimmung gestellt werden. (rbb24.de)
3. Kultur
König Charles spricht vor dem Parlament auf Manx
König Charles hat erstmals in seiner Funktion als Monarch die Isle of Man besucht. Dabei sorgte er vor dem über 1.000 Jahre alten Parlament, dem Tynwald, für einen Lacher. Während seiner Rede sprach er Manx, die historische gälische Sprache der Insel, die gerade eine Wiederbelebung erlebt. Zwar ist der König für seine Sprachkenntnisse verschiedener Sprachen bekannt, Manx ist aber eher eine Ausnahme, daher brachte er die Abgeordneten mit einem Geständnis zum Lachen: „Ich hoffe daher sehr, dass es mir bis zu diesem Zeitpunkt nicht gelungen ist, dieses wunderbare Fest Ihrer Sprache zu massakrieren!“ Das Jahr 2026 ist das „Jahr der Manx-Sprache“ (Blein ny Gaelgey), mit dem die Sprache gewürdigt werden soll. (bunte.de)
4. Berichte
Der Junge VDS in Bamberg
Für E. T. A. Hoffmann war Bamberg der Ort seiner wichtigsten Schaffensjahre, aber auch der, der ihm privat am meisten zugesetzt und am Ende dafür gesorgt hat, dass er die Stadt fluchtartig verließ. Die Mitglieder des Jungen VDS wanderten am vergangenen Wochenende auf Hoffmanns Spuren, besuchten u. a. das Marionettentheater und sahen dort eine Aufführung von „Der goldne Topf“. Bei einer Stadtführung suchten sie die Orte auf, die sein Schaffen und Scheitern dokumentierten. Im Künstlerhaus Villa Concordia gab es dann eine Einführung zur Arbeit des Hauses. Anschließend diskutierten die Jungen VDS‘ler über Chancen der Künstlichen Intelligenz, aber auch darüber, welche neuen Probleme und Herausforderungen sie mit sich bringt. (instagram.com/vds, facebook.com/vds, x.com/vds, tiktok.com/vds)
„Amrum“ auf dem Sprachhof
Der VDS lädt am 7. August 2026 um 20 Uhr wieder zu einem Kinoabend ein. Gezeigt wird der Film „Amrum“ des Regisseurs Fatih Akin. Darin wird die Geschichte des Jungen Nanning Hagener in den letzten Wochen des 2. Weltkrieges erzählt.
Der 12-jährige Nanning ist mit seiner Mutter, zwei Geschwistern und der Tante aus Hamburg nach Amrum gezogen, wo die Familie seiner Mutter herkommt. Das auf Amrum gesprochene Nordfriesisch (Öömrang) kann Nanning zwar verstehen, aber nicht sprechen, und so bleibt er ein Außenseiter in der kleinen Gesellschaft. Zudem ist die Bevölkerung nicht so kriegsbegeistert wie seine Mutter, die neuen Nachbarn sehen das Nazi-Regime eher verhalten, während die Mutter immer noch an den versprochenen Endsieg glaubt. In den letzten Kriegswochen prallen Verblendung und Realität aufeinander, die Begleiterscheinungen des Krieges ergreifen auch die Insel, und Nanning muss schneller erwachsen werden, als er es als Kind sollte. Der Film beruht auf den Kindheitserinnerungen des Regisseurs und Schauspielers Hark Hermann Bohm, der im vergangenen Jahr verstorben ist.
Bei gutem Wetter findet die Vorführung draußen statt, bei Regen in der Scheune. Verpflegung und Picknickdecken können mitgebracht werden – Getränke sind aber auch vor Ort erhältlich. (instagram.com/vds, facebook.com/vds)
5. Soziale Medien
Sprachnachrichten als Menschen
Der Schauspieler und Moderator Wayne Carpendale trifft in den Videos auf seinen Social-Media-Kanälen regelmäßig nicht nur „echte“ Menschen, sondern oft auch Dinge oder Gefühle. In einem Video besucht ihn jetzt eine Sprachnachricht – und Carpendale ist von dieser unwillkommenen Begegnung alles andere als begeistert. (tiktok.com/wayne_interessiert_s)
Der VDS-Infobrief enthält Neuigkeiten zu verschiedenen Sprachthemen. Männer sind mitgemeint, das Gleiche gilt für andere Geschlechter. Namentlich gekennzeichnete Beiträge spiegeln gelegentlich die Meinung der Redaktion wider.
Redaktion: Holger Klatte, Asma Loukili, Dorota Wilke, Stephanie Zabel
