Infobrief vom 25. September 2026: Ein Türke auf Schwäbisch

1. Presseschau

Ein Türke auf Schwäbisch

Sprache ist ein essentieller Teil, um in einer Gesellschaft anzukommen. Harun Ari ist zwar in Deutschland geboren, seine Eltern sind aber erst 1970 als Gastarbeiter hier hingekommen, im Elternhaus wurde daher Türkisch gesprochen. Außerhalb der Familie kam er mit dem Schwäbischen in Kontakt – und das spricht er mittlerweile besser als so mancher Schwabe. „Wir waren in Ablach, ein 650-Seelen-Dorf. Da gab es keine ausländischen Kinder. Mein ganzes Umfeld war Schwäbisch und ich dachte lange, dass Schwäbisch Deutsch wäre. Erst später habe ich verstanden, dass Schwäbisch eine ganz eigene Sprache ist“, so Ari. Für ihn sei Schwäbisch daher kein salopper Dialekt, sondern tatsächlich eine eigene Sprache, die ihm auch viele Türen im Leben geöffnet habe. Man finde eben schnell Anschluss und Freundschaften für die Ewigkeit: „Wenn man die gleiche Sprache spricht, gibt es keine Barrieren.“ Der Türke fühlt sich „pudelwohl“ in Schwaben: „Mir send halt a schaffigs Volk.“ (schwaebische.de)


Kritik zum Tag der Gebärdensprache

Gehörlose in Rotenburg (Niedersachsen) haben zum Internationalen Tag der Gebärdensprache diese Woche darauf aufmerksam gemacht, wie schwierig die gesellschaftliche Teilhabe für sie ist. „Für Gehörlose wird nur das Minimalste gegeben“, so die Betroffenen. Beispielsweise gebe es in ihrer Stadt keinen Gebärdendolmetscher. Bei Problemen im Alltag müssten sie Hilfe aus Bremen holen und selbst bezahlen. Dabei sei die Deutsche Gebärdensprache 2002 offiziell anerkannt worden. Auch bei Gesprächen mit dem Arzt oder im Krankenhaus würden durch den Mangel an Gebärdendolmetschern Hürden geschaffen. Lippenlesen sei nicht immer möglich, so Saskia Blanke, deren Mann gehörlos ist, nur circa 30 bis 35 Prozent der gesprochenen Worte könnten damit tatsächlich erraten werden. „Und nur, wenn die Person ein gutes Mundbild hat“, sagt sie. Der Warntag, den es kürzlich gegeben habe, sei für Gehörlose ebenfalls ein Flop gewesen, denn die schrillen Alarmtöne aus dem Smartphone könnten sie nicht hören. Andere Länder seien da weiter, heißt es, in den USA sei Gebärdensprache auch eine Amtssprache. (kreiszeitung.de)


Im Leipziger Zoo die Sprache der Tiere erleben

Der Leipziger Zoo beschäftigt sich an diesem Wochenende (26./27. Sept.) mit der Sprache der Tiere. Diese sei „erstaunlich vielfältig und komplex“. Laute, Mimik und Gestik, aber auch Markierung des Reviers gehörten zu ihrer Kommunikation. Bei den Entdeckertagen können Besucher an diesem Wochenende die unterschiedlichen Formen tierischer Verständigung entdecken. Dazu gibt es Bastel- und Schminkangebote für Kinder. (leipziginfo.de)


2. Gendersprache

Insolvenz nach Gendern

Wenn ein Unternehmen insolvent geht, hat das meist viele verschiedene Gründe. Die gibt es auch beim Winzer Wolfgang Bender aus Bissersheim. Nach vier Generationen wollte er weg vom traditionellen Weinanbau, hin zu einem sozialen, ökologischen und moralisch „besseren“ Konzept. Dazu überführte er seinen Familienbetrieb zunächst in eine Genossenschaft, das habe bei seinen Kunden zur Annahme geführt, man würde jetzt Massenproduktion statt eines heimischen Weines kaufen. Zudem ließ er sich von einer Praktikantin überzeugen, vermeintlich geschlechtergerechte Sprache zu nutzen. Als er seinen ersten Newsletter gegendert verschickte, meldeten sich immer mehr Abonnenten ab. Kurz darauf musste er Insolvenz anmelden. Korrelation und Kausalität sind nicht immer eins, aber das Zusammenspiel verschiedener Faktoren – eben auch des Genderns – haben anscheinend dazu geführt, dass ein Unternehmer sich von seinen Kunden zu sehr entfernt hat.

Auf X kommentiert der Nutzer @steffan_nethe den Fall: „Wer sich die eigene Sprache von Ideologie und einer Praktikantin verhunzen lässt, verliert am Ende eben nicht nur seine Kunden, sondern seine Glaubwürdigkeit. (…) ​Wer auf Krampf ‚woke‘ sein will, zahlt am Ende den Preis. Lehrgeld auf die harte Tour!“ Und @EmilEukel kann dem Ganzen sogar noch Humor abgewinnen: „Leute wollen beim Saufen gar nicht die Welt retten, sondern einfach saufen? Überraschend.“ (rheinpfalz.de, x.com/vds, facebook.com/vds)


Gender-Wette

Die ehemalige Grünen-Vorsitzende Ricarda Lang hat eine interne Wette mit sich selbst laufen. Sie glaubt, dass sich das Gendern durchsetzt und die Verbote dazu, die sie in den Reihen der Union sieht, sich nicht halten werden. Das Gendern sei stärker als Markus Söder (CSU), dieser werde noch in zehn Jahren darüber sprechen, während der Rest es einfach mache: „Es ist stärker als er!“ Sie selbst übte aber auch Selbstkritik an ihrem eigenen Umgang mit dem Gendern. Früher sei es für sie kein Thema gewesen, das sie übermäßig interessiert habe. Ihre Partei nahm sie dabei auch in die Pflicht: „In der richtigen Bemühung um Antidiskriminierung und Vielfalt haben auch wir uns manchmal zu stark auf sprachliche Codes fokussiert.“ Damit habe man „viele verschreckt“. (bild.de, faz.net (Bezahlschranke))


3. Sprachspiele: Neues aus dem Wort-Bistro

Warum haben wir ein Brett vorm Kopf?

Was haben Fürth und Nürnberg gemeinsam? Beide Städte liegen in Franken, beide sind in der zweiten Fußball-Bundesliga vertreten (das letzte Aufeinandertreffen endete 4:2 für Nürnberg) und beide Städte verbindet eine Bahnstrecke. Eine besondere Trasse sogar. Zwischen Nürnberg und Fürth fuhr 1835 die erste Dampflokomotive auf deutschem Boden. Und schwupps – schon haben Sie ein Wissenshäppchen, mit dem Sie Ihren Smalltalk ein wenig interessanter gestalten können. Aber nicht immer kann man glänzen. Manchmal ist man neben der Spur und hin und wieder versteht man nur Bahnhof. Wie in meinem Falle, als ich zwischen Hamburg und Hannover im ICE unterwegs war. Da war ich gerade aufgestanden, um mir einen leckeren Kaffee aus dem Bistro zu holen, als meine Augen im Vorbeigehen auf einem Tisch das Werbeblättchen einer großen Supermarktkette erhaschten. Dabei las ich von einer „Recherche-Gabel“, die dort anscheinend angepriesen wurde. Wenige Augenblicke später stand ich im Bistro in der Warteschlange und hatte Zeit zum Grübeln. Was ist wohl eine Recherchegabel? Kann man mit ihr die Erbsen oder Bohnen auf dem Teller leichter aufspießen? Oder handelt es sich um ein technisches Hilfsmittel für den Computer? Man stöpselt die Recherchegabel an den Rechner und schon findet man jedes Restaurant viel leichter?

Papperlapapp, es muss sich um einen Medienpreis handeln. Da wird vielleicht bald eine Journalistin mit der goldenen Recherchegabel geehrt. Aber warum soll das auf einer Druckreklame Erwähnung gefunden haben? Fragen über Fragen. Mit dem Latte Macchiato in der Hand trat ich meinen Rückweg zum Sitzplatz an, nicht jedoch ohne einen erneuten Blick auf das Druckerzeugnis zu werfen. Dort stand es ganz deutlich: „Rechargable“, also wiederaufladbar. Es hatte sich um Werbung für Batterien gehandelt. Da hatte ich also ein Brett vorm Kopf. Laut Christa Pöppelmann rührt die Redensart daher, dass man Pferden beim Reiten Scheuklappen anlegt, damit sie sich weniger irritieren lassen. Ochsen auf Feldern dagegen hängte man ein Brett vor die Stirn, damit sie nicht sahen, wohin sie geführt wurden. Es war in der Landwirtschaft leichter, mit ihnen zu arbeiten. Eingedenk dessen nahm ich einen Schluck guten Kaffees – und verbrannte mich leicht. Ich hatte keine Schürfwunde, sondern eine Schlürfwunde.

Philipp Kauthe

Radio-Journalist, Buchautor, Podcast „Schlauer auf die Dauer“ (philipp-kauthe.de)

4. Kultur

Fering auf Föhr

Die Kreiszeitung widmet dem Fering, dem Föhrer Friesisch, einen eigenen Artikel. Fering vermischt im Alltag das Platt- und Hochdeutsche. Das Plattdeutsche (Niederdeutsche) ist dabei kein Dialekt, sondern eine eigene Sprache, die mit dem Englischen und Friesischen verwandt ist. Die Version, die auf Föhr gesprochen wird, hört man ausschließlich dort, rund 3.000 Menschen sprechen es noch, vor allem im Westen der Insel. Die Föhrer legen dabei großen Wert auf Pflege und Erhaltung ihrer Sprache und geben sie innerhalb der Familie weiter. Um es nicht aussterben zu lassen, wird seit einigen Jahren Fering auch in der Schule und im Kindergarten unterrichtet. (kreiszeitung.de)


Deutsche Schule St. Petersburg geschlossen

Nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine wird die diplomatische Lage zwischen Deutschland und Russland immer angespannter – und das betrifft auch Kultureinrichtungen. Nachdem bereits am 13. September das Goethe-Institut schließen musste, folgten am 18. September die Deutsche Schule St. Petersburg sowie der Kindergarten und das Deutsche Generalkonsulat. Die russische Botschaft in Moskau bedankte sich für die Arbeit und sieht das als weiteren schmerzlichen Verlust für den Austausch zwischen Deutschland und Russland. Auf ihrer Instagram-Seite verabschiedete sich die Deutsche Schule mit bewegenden Worten: „WIR SAGEN AUF WIEDERSEHEN! Mit großer Liebe zu unseren großartigen Kindern, mit großem Respekt für unsere einzigartigen Eltern und mit großer Wertschätzung für unsere bewundernswerten Kolleginnen und Kollegen – wir waren und bleiben eine einzigartige Schule in St. Petersburg.“ (germania.diplo.de, instagram.com/deutscheschule.spb)


5. Berichte

VDS und Peter-Sodann-Bibliothek kooperieren

Der Verein Deutsche Sprache (VDS) und die Peter-Sodann-Bibliothek (PSB) fördern künftig gemeinsam die deutsche Sprache und Literatur. Die PSB sammelt sämtliches Schriftgut, das zunächst in der Sowjetischen Besatzungszone sowie anschließend in der DDR gedruckt worden ist: Bücher, Zeitschriften und Graue Literatur, aber auch Kalender, Foto- und Kunstmappen, Quartette, Bastelbögen u.v.m. So soll die Geschichte bewahrt werden, um zukünftige Generationen weiter und fundiert bilden zu können. Mittlerweile umfasst der Bestand der PSB weit über 260.000 Bücher sowie weitere Schriftwerke.Die PSB (Staucha/Sachsen) wurde von dem Schauspieler Peter Sodann (1936-2024) ins Leben gerufen. Vielen Fernsehzuschauern ist er als Tatort-Kommissar bekannt.

Die beiden Initiativen stützen sich durch Besuche, Mitgliedschaften und Treffen – u. a. auf der Buchmesse in Leipzig; ferner fördert der VDS Projekte der PSB über die kooperierende Stiftung Deutsche Sprache. „Bücher sind ein wertvoller Träger von Gedanken, Ideen und Kultur, sie wegzuwerfen ist übelstes Banausentum“, sagt der VDS-Vorsitzende Prof. Walter Krämer, „deshalb verdienen die Initiative Peter Sodanns und seine Bibliothek unsere volle Unterstützung.“ (eichsfeldnachrichten.de, vds-ev.de)


VDS-Preis in Mecklenburg-Vorpommern

Die Niederdeutsch-Autorin Eva Dittberner ist dieses Jahr mit dem Preis „Gutes Deutsch in Mecklenburg-Vorpommern“ der VDS-Regionalgruppe Nordost (18) ausgezeichnet worden. Dittberner war langjährige Vorsitzende des Plattdütsch-Vereins „Klönsnack Rostocker 7“. Die Laudatio hielt Prof. Dieter Rasch, Ehrenvorsitzender der Region, vom Jury-Vorsitzenden Prof. Dieter Schott gab es einen Scheck – der Preis ist mit 1.000 Euro dotiert. In der Begründung der Jury hieß es: „Eva Dittberner setzt sich seit vielen Jahren mit großer Leidenschaft für den Erhalt und die Vermittlung der niederdeutschen Sprache ein. Dabei versteht Frau Dittberner Plattdeutsch nicht als museales Kulturgut, sondern als lebendige Sprache, die Menschen verbindet, Geschichten bewahrt und bis heute ihren festen Platz im Alltag haben kann. Frau Dittberner hat sich mit Herz, Kreativität und Beharrlichkeit um die niederdeutsche Sprache und damit um ein wichtiges Stück norddeutscher Kultur verdient gemacht.“ Auf den VDS-Plattformen in den Sozialen Medien gibt es Fotos von der Verleihung. (facebook.com/vds, instagram.com/vds, x.com/vds)


Unterstützung für den „KlassikSonntag!“

Der VDS hat einige bekannte Mitglieder, die im Hauptberuf Musiker sind. Eines davon ist der Pianist und Dirigent Dirk Joeres. Joeres ist es in den vergangenen Jahren gelungen, neue Zielgruppen für klassische Musik zu erschließen. So veranstaltet er seit 2008 am Sitz der Sinfonia in Leverkusen das Konzertformat: „KlassikSonntag!“, bestehend aus öffentlicher Probe und Aufführung. Die Presse nannte es „eine hinreißende Offensive in Sachen klassische Musik“ (Kölner Stadtanzeiger).
Nach neuen Plänen der Stadt Leverkusen soll der „KlassikSonntag!“ 2027 wegfallen. Freunde des Formats haben eine Petition gestartet, um den „KlassikSonntag!“ zu erhalten. Wer ebenfalls dafür ist, kann hier unterschreiben: change.org.


Elbschwanenorden in Hamburg verliehen

Mit einem wachen Geist blickt der Hamburger Autor Daniel Dubbe auf die Zeit, die ihn umgibt, und formt daraus Geschichten. Die VDS-Regionalgruppe Hamburg hat ihn am Mittwoch daher mit dem Elbschwanenorden ausgezeichnet. Dr. Max Haberich, VDS-Vorstandsmitglied, lobte seinen Schreibstil in der Laudatio: „Seine Gesellschaftskritik wird immer mit Humor vorgetragen, nicht mit vor dem Mund schäumender Polemik, was sie subtiler und damit effektiver macht.“ Herzlichen Glückwunsch! (facebook.com/vds, instagram.com/vds)


6. (D)englisch

Mischsprache im Schweizer Fernsehen

Übermäßige deutsch-englische Sprachmischung führt nach wie vor zu Unmut. In der Schweiz sah sich die Gesundheitsberaterin Karina Repko in Erklärungszwang. In einem auf Schweizerdeutsch geführten Fernsehinterview mit dem SRF hörte sich die gebürtige Ukrainerin an wie Jil Sander in ihren besten Denglisch-Zeiten: „Glow. Skin glow. Basically. Und hair growth – ich bin nicht die, wo Sachen prescribed“. Repko erntete dafür viel Spott in den Sozialen Medien und sieht sich nun zu einer Klarstellung veranlasst. Auf dem Nachrichtenportal 20min.ch sagt sie: „In einem viersprachigen und weltoffenen Land wie der Schweiz hat mich eine derart heftige Reaktion aber dennoch verwundert.“ Im Alltag spreche sie zu rund 80 Prozent Englisch, rechtfertigt sie sich. Eine einzige Muttersprache könne sie kaum mehr benennen. Auch mit ihrer Familie spreche sie oft einen Mix aus Ukrainisch, Deutsch und Englisch. (20min.ch)


7. Soziale Medien

Selbstständig arbeiten? Schwierig …

Auf TikTok erzählt die Nutzerin @my.education_ aus ihrem Alltag als Lehrerin. Sie hat bei einer Aufgabe zu reflexiven Verben von einigen ihrer Schüler gesagt bekommen, dass sie diese nicht erledigen könnten, weil sie ChatGPT dafür bräuchten. Sie wollten sich die Aufgabe weder von ihr noch von ihren Mitschülern erklären lassen: „Schüler können mittlerweile selbstständig keine Aufgaben mehr bearbeiten“, so ihr Fazit. (tiktok.com/my.education_)


Der VDS-Infobrief enthält Neuigkeiten zu verschiedenen Sprachthemen. Männer sind mitgemeint, das Gleiche gilt für andere Geschlechter. Namentlich gekennzeichnete Beiträge spiegeln gelegentlich die Meinung der Redaktion wider.

Redaktion: Holger Klatte, Dorota Wilke, Stephanie Zabel

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