1. Presseschau
Klägerin siegt auch in 2. Instanz im Gender-Verfahren
Bereits im Sommer 2025 hatte das Arbeitsgericht Hamburg geurteilt: Einer Angestellten des Bundesamts für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) dürfe nicht gekündigt werden, weil sie eine Arbeitsanweisung nicht ausführt. Die Arbeitsanweisung konkret hier: Bitte ein Dokument durchgendern. Die Angestellte, Chemikerin und Strahlenschutzbeauftragte, weigerte sich. Es folgten erst Abmahnungen, schließlich die Kündigung – gegen beides zog sie vor Gericht und gewann.
Das BSH wollte das nicht auf sich beruhen lassen und legte Rechtsmittel ein. So kam es diese Woche zur zweiten Verhandlung, diesmal vor dem Landesarbeitsgericht. Auch hier unterlag der Arbeitgeber: Er selbst hätte das Dokument schreiben müssen, weil dies nicht in den Kompetenzbereich der Angestellten falle. Generell sei es jedoch möglich, dass ein Arbeitgeber seinen Mitarbeitern das Gendern vorschreiben darf, so das Gericht. Der VDS hat die Angestellte durch beide Instanzen finanziell unterstützt.
Im Interview mit der Berliner Zeitung beschreibt die Klägerin die Zeit der Auseinandersetzung mit ihrem Arbeitgeber – auch fernab des Gerichtssaals – als persönlichen Entwicklungsprozess: „Tatsächlich habe ich es anfangs weder gemerkt noch geahnt, weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass man auf dem Boden des sogenannten ‚Genderns‘ eine Situation derart eskalieren lassen könnte.“ Die Gendersprache selbst sei für sie generell problembehaftet: „Eine Sprache sollte sich von alleine, also aus einer natürlichen Gesetzmäßigkeit heraus entwickeln; die Erzwingung einer Entwicklung sehe ich daher kritisch.“ Dennoch sei sie der Aufforderung, den Text genderneutral umzuschreiben, teilweise nachgekommen, indem sie zum Beispiel „Mitarbeiter“ durch „Person“ ersetzt habe. Weitere gendersprachliche Überarbeitungen habe sie abgelehnt, weil sie sich an das Strahlenschutzgesetz und den juristischen Kommentar von Akbarian und Raetzke zum Strahlenschutzgesetz halten wollte (beide verwenden die Funktionsbezeichnungen im generischen Maskulinum), „zudem wollte ich es dem Personal mit nichtdeutscher Muttersprache oder mit Legasthenie nicht unnötig erschweren und mich an geltendes Recht sowie bestehende Vorschriften halten, da ich als SSB (Anm.: Strahlenschutzbeauftragte) mit meinem Privatvermögen hafte.“ Im Verlauf der Auseinandersetzung und des anschließenden Verfahrens habe sie unterschiedliche Reaktionen im Kollegenkreis erfahren: „Von den Kollegen des Fachbereichs bin ich ausnahmslos auf Verständnis und Rückhalt gestoßen. Bei den anderen Kollegen überwogen die Reaktionen des Unverständnisses über die Handlungsweise des gemeinsamen Arbeitgebers und der Fassungslosigkeit. Es gibt aber auch einen Kollegen, der mich nicht mehr grüßt und wegschaut, sollte man sich begegnen.“
Die Klägerin und Berufungsbeklagte der Hamburger Gender-Verfahren möchte ihren Dank aussprechen: „Herzlich bedanke ich mich bei allen, die durch ihre Anwesenheit am 05.02.2026 reges Interesse an meinen Gerichtsverfahren gezeigt und mir den Rücken gestärkt haben. Besonderer Dank gilt Frau Mertens, die mir mit Rat und Tat über lange Zeit hinweg zur Seite stand, dem VDS, der die Kosten der Verfahren übernommen hätte, und denjenigen, die sich als Privatperson eingefunden haben. Auch für den großen Zuspruch via soziale Medien sowie E-Mails möchte ich mich aufrichtig bedanken.“(spiegel.de, berliner-zeitung.de)
Die Leere hinter den Neugierfallen
Bettina Berens kritisiert in der Berliner Zeitung gängige journalistische Praktiken beim Verfassen von Nachrichten und warnt vor einer sprachlichen Vereinfachung um der Quote willen. Sachlichkeit stehe in der journalistischen Arbeit nicht mehr im Vordergrund, und auch die Wahrheit werde hinter überspitzten Wortspielen oder reißerischen Überschriften versteckt.
Sowohl in den Nachrichten als auch in der Gesellschaft werde Sprache immer häufiger vereinfacht, um sie konsumierbarer zu machen. Präzision werde gegen Quote eingetauscht. Insbesondere in den Online-Medien locken Köderüberschriften (im Englischen „Clickbait“ genannt) die Nutzer, bestimmte Artikel aufzurufen. Komplexität müsse wieder ausgehalten werden, so Berens, sonst bleibe den Menschen nicht mehr die kritische Beobachtungsgabe, sondern nur noch eine oberflächliche Beschäftigung mit Schlagzeilen und Medien. (berliner-zeitung.de (Bezahlschranke))
Olympia missachtet Südtirol
Die Olympischen Winterspiele finden in diesem Jahr in Italien statt. Die Austragungsorte hierfür sind Mailand, Cortina d’Ampezzo und mehrere weitere alpine Regionen. Als Wettkampfstätte für den Biathlon wird die Südtirol Arena in Antholz genutzt. Auf offiziellen Schildern der olympischen Wettkampfstätten wurde zunächst jedoch ausschließlich der italienische Ortsname „Anterselva“ verwendet. Dies sorgte für Entrüstung, denn in der Talgemeinschaft Rasen-Antholz sind rund 98 Prozent der knapp 3000 Einwohner deutschsprachig, etwa 1,4 Prozent italienisch- und 0,6 Prozent ladinischsprachig.
Nach Intervention von Südtirols Landeshauptmann Arno Kompatscher sollen die Ortsnamen nun zweisprachig geführt werden. Parallel dazu starteten der Südtiroler Schützenbund und der Südtiroler Heimatbund eine Aktion mit Plakaten „Grüß Gott in Tirol“ an Bushaltestellen. Ziel sei es, Gäste willkommen zu heißen und zugleich auf die historische Entwicklung und die Bedeutung der Autonomie der deutsch- und ladinischsprachigen Bevölkerung hinzuweisen, die bis heute Grundlage des Zusammenlebens in Südtirol ist. (faz.net)
2. Gendersprache
Gendern verändert nicht das Verhalten
Mehr Gerechtigkeit durch Sternchen oder Partizipien – das ist die Idee hinter dem Gendern. Es ändert allerdings nichts am Verhalten der Menschen, das hat jetzt eine Studie gezeigt. Ein Team unter der Verhaltensökonomin Helena Fornwagner von der University of Exeter in Großbritannien hat vor drei Jahren Genderexperimente mit über 2.000 deutsch- bzw. englischsprachigen Personen durchgeführt, jetzt sind die Resultate im Fachmagazin Management Science erschienen. Die Teilnehmer sollten bei den Experimenten Aufgaben lösen, die ihr ökonomisches Verhalten überprüften. Dabei waren die Anleitungen in drei verschiedenen Sprachvarianten geschrieben, einer „normalen“ und zwei unterschiedlich gegenderten Varianten (z. B. mittels Partizipien oder der Verwendung der männlichen sowie weiblichen Form). „Zu unserer Überraschung fanden wir sowohl im Englischen als auch im Deutschen keine Effekte durch gegenderte Sprache“, so Fornwagner. „Die Art der Anleitungen wirkte sich nicht darauf aus, wie kompetitiv oder wie bereit jemand war, die Gruppenführung zu übernehmen.“ Das Gendern habe das Verhalten weder bei Frauen noch bei Männern verändert.
Das spreche jedoch nicht gegen das Gendern, vielmehr sei gegenderte Sprache als ein Werkzeug in einem ganzen Werkzeugkasten zu sehen. Nur allein darauf sollte man nicht setzen, wenn man Diversität fördern wolle. Gendern sei zudem auch ein Ausdruck ökonomischer Überlegungen: Es sei schlichtweg billiger, auf Formularen zu gendern, als gleiche Löhne zu zahlen oder Kindergärten zu bauen. (science.orf.at)
3. Kultur
Plattdeutsches Netzwerktreffen
Der im Landkreis Harburg aktive Verein FÖR PLATT e. V. lud zum dritten überregionalen Plattdeutschtreffen ein. Im Freilichtmuseum am Kiekeberg tauschten sich Beauftragte und Koordinatoren aus mehreren norddeutschen Landkreisen über den Erhalt der plattdeutschen Sprache aus. Übereinstimmend stellten die Teilnehmer fest, dass Plattdeutsch zunehmend aus dem Alltag verschwinde. Die Weitergabe in Familien nehme ab, ebenso das ehrenamtliche Engagement in Kitas und Schulen. Als zentraler Ansatz wurde daher die frühe Sprachförderung betont, etwa durch Bücher, Lieder, Rollenspiele und museumspädagogische Angebote. Gleichzeitig wurde auf Defizite bei der Anschlussförderung hingewiesen. Mit zunehmendem Alter sinke das Interesse, auch wegen fehlender Lehrer und Angebote über die Grundschule hinaus. Um die Sprache langfristig zu stärken, solle Plattdeutsch stärker im öffentlichen Raum präsent sein, etwa durch Ortsnamen, Medien, kulturelle Veranstaltungen und Bildungsangebote.
Zum Abschluss kündigten die Teilnehmer an, eine an die Landesregierung gerichtete Resolution zu verfassen. Trotz der Anerkennung des Plattdeutschen als Regionalsprache werde der politische Einsatz als unzureichend bewertet. (kreiszeitung-wochenblatt.de)
Babbelbox
Daniel Gaiswinkler aus dem mittelhessischen Eschenburg möchte den Dialekt seiner Heimat bewahren und hat zu diesem Zweck eine eigene Künstliche Intelligenz namens Lahn-Dill-Babbelbox entwickelt. Die „Babbelbox“ kann standarddeutsche Sätze in den regionalen Dialekt übersetzen und umgekehrt. Gaiswinkler, der das Programm in seiner Freizeit entwickelte, erklärt, dass die Mundart des Lahn-Dill-Kreises auszusterben drohe und er deshalb die Netzseite ins Leben gerufen habe. Für die Entwicklung der Seite nutzte er ChatGPT als Assistenz. Förderung erhielt er bereits vom Eschenburger Bürgermeister Götz Konrad sowie vom hessischen Förderprogramm „LandKulturPerlen“, das sich der kulturellen Bildung in ländlichen Räumen Hessens widmet. Durch diese Förderungen konnte er die ersten Kosten decken, die beim Programmieren anfielen. Der Wortschatz der KI wurde mithilfe alter Wörterbücher sowie durch Texte aus dem Archiv des Deutschen Sprachatlas in Marburg ergänzt. Auch die Nutzereingaben trügen dazu bei, den Wortschatz des Programms zu erweitern und die KI weiter zu optimieren. Obwohl der Name „Babbelbox“ eine mündliche Übersetzung vermuten lässt, kann die KI derzeit nur geschriebene Texte übersetzen. Das nächste Ziel sei daher eine Sprachausgabe. (tagesschau.de)
4. Berichte
Zum Fremdsprachenunterricht an den Gymnasien in Niedersachsen
Der VDS Niedersachsen unterstützt die Petition „JA zur Sicherung der 2. und 3. Fremdsprache in der gymnasialen Oberstufe“, die sich gegen die Pläne des Kultusministeriums wendet, eine weitere Fremdsprache als verpflichtende Abiturvoraussetzung abzuschaffen.
Dr. Alexander Börger, Regionalleiter in der Postleitzahlregion 38 und einer der Sprecher des VDS Niedersachsen: „Gerade in der Auseinandersetzung mit einer anderen Sprache lernt man auch viel über die eigene Sprache und kann die Kenntnis grammatikalischer Strukturen, des Wortschatzes und von Redewendungen vertiefen. Vieles, was man zunächst für selbstverständlich hält, ist es gar nicht, weil in anderen Sprachen ganz anders gesprochen wird.“
Dr. Tobias Hillemacher, Regionalleiter im Bereich Oldenburg und ebenfalls Sprecher des VDS Niedersachsen: „Der VDS versteht sich auch und gerade als Kulturverein, dem eine gepflegte Sprachkultur am Herzen liegt. Dies geht nicht ohne Fremdsprachenkenntnisse, und deshalb unterstützen wir diese Petition.“
Dr. Achim Sohns, Sprecher des VDS Niedersachsen und Regionalleiter in den Hannoveraner Postleitzahlregionen, merkt an: „Das Kultusministerium in Niedersachsen wird leider sehr stark ideologisch geführt, was man in Niedersachsen besonders an den Gymnasien jeden Tag spürt. Durch die Unterstützung der Petition hoffen wir, ein Umdenken in Ministerium und Gesellschaft zu bewirken.“ (openpetition.de)
Plattdeutsche Theatergruppe mit Meer-Orden der Region 26 ausgezeichnet
Dialekte sind das Rückgrat jeder Sprache. Die plattdeutsche Theatergruppe „Kanaal Komödianten Jeddeloh II“ zeigt das regelmäßig bei ihren Stücken, zuletzt beim Dreiakter „De Bachelor vun Jeddeloh II“. Die Regionalgruppe 26 im VDS, die u. a. Oldenburg und Emden abdeckt, würdigte diese Arbeit mit dem „Meer-Orden“. Der ideelle Preis wurde erstmalig verliehen und soll künftig Gruppen, Institutionen oder Einzelpersonen ehren, die sich um die plattdeutsche Sprache verdient gemacht haben. Dr. Tobias Hillemacher überreichte die Auszeichnung bei der Premiere des Stücks. (instagram.com/vds, facebook.com/vds)
Sprachpreis in Mecklenburg ausgelobt
„Gutes Deutsch“ in Mecklenburg – die Region Nordost im Verein Deutsche Sprache vergibt auch in diesem Jahr wieder den Mecklenburger Sprachpreis, der mit 1.000 Euro dotiert ist. Autoren bzw. Arbeiten, die einen Bezug zu Mecklenburg-Vorpommern haben, können ab sofort bis zum 1. Juni vorgeschlagen/eingereicht werden. (instagram.com/vds, facebook.com)
5. Denglisch
Berliner Sinneseindrücke
Um Berlin ging es in dieser Rubrik schon häufiger: Die Kellner bedienen oft nur auf Englisch, gut bezahlte Arbeitskräfte, meist aus dem europäischen Ausland, machen sich nicht mehr die Mühe, Deutsch zu lernen usw. Diesmal geht es um die Erfahrungen einer Journalistin der Berliner Zeitung im Nachtleben der deutschen Hauptstadt. Sie feiert mit einigen „Girls“ einen Geburtstag in einer Kneipe. Darunter ein weiblicher Gast aus Frankfurt am Main namens Mimi. Mimi stellt im weiteren Verlauf fest: „Weißt du, ich verstehe das nicht ganz. Alle Leute hier sprechen Denglisch. In wirklich jeder einzelnen Phrase, in jedem einzelnen Satz scheint mindestens ein englisches Wort zu fallen.“ Und zwar unbemerkt, reflexhaft, „literally“, „random“, „honestly“. Für die Autorin ist Denglisch ein „Schutzmechanismus“. Es erlaube Distanz, mache Aussagen weniger verbindlich. Man sage nicht mehr „Ich bin unsicher, sondern: ‚I’m not sure.‘“ Die Frankfurterin findet Berlin abgesehen davon arm und dreckig. Überall liege Müll auf der Straße. Und sie sei froh, dass es so viel Denglisch in ihrer Stadt nicht gebe. (berliner-zeitung.de (Bezahlschranke))
6. Soziale Medien
Flachwitze mit dem FVorstand
Wie anfällig sind die Mitglieder des VDS-Vorstands eigentlich für wirklich schlechte Witze? Wir haben es getestet – mit Flachwitzen: instagram.com/vds.
Der VDS-Infobrief enthält Neuigkeiten zu verschiedenen Sprachthemen. Männer sind mitgemeint, das Gleiche gilt für andere Geschlechter. Namentlich gekennzeichnete Beiträge spiegeln gelegentlich die Meinung der Redaktion wider.
Redaktion: Holger Klatte, Asma Loukili, Dorota Wilke, Stephanie Zabel
