1. Presseschau
Über Sport zur Sprache
Das Projekt „Sprachsport“ am Hans-Böckler-Berufskolleg in Köln geht einen ungewöhnlichen Weg, um Migranten die deutsche Sprache beizubringen: Beim Sport sollen die jungen Menschen die Sprache lernen, und zwar über Emotionen und Wettkampf. Entwickelt hat das Projekt Numan Türer im Rahmen seiner Promotion an der Deutschen Sporthochschule Köln. Punkte beim Basketball bringen in diesem Fall nicht nur die geworfenen Körbe, sondern auch Fragen, mit denen die ausländischen Spieler ihre Deutschkenntnisse trainieren. Durch das Spiel wirke das Lernen nicht wie ein üblicher Vokabeltest, sondern eher wie ein „Nebenbei“, dazu interagierten die Schülerinnen und Schüler ganz natürlich miteinander, während es im Klassenzimmer mehr Hemmungen gebe. Auch das Lernen der Zeitformen laufe einfach so nebenher: Mit Sätzen wie „Ihr werdet die Bälle werfen“ oder „Du hast einen Punkt gemacht“ würden verschiedene Zeitformen erlernt, ohne dass es als trockener Grammatikunterricht auffiele.
Aus wissenschaftlicher Sicht sei Sprachvermittlung im Sportunterricht eine sinnvolle Idee, sagt die Sportdidaktin Elke Grimminger-Seidensticker von der Universität Paderborn. Würde Sprache mit einer konkreten Handlung verknüpft, präge sie sich besser ein. Außerdem seien Sprache und Bewegung auch im Gehirn eng miteinander verknüpft: „Wenn jemand an das Wort ‚springen‘ denkt, sind im Gehirn dieselben Bereiche aktiv, die auch dafür verantwortlich wären, die entsprechende Muskulatur tatsächlich zu aktivieren“, so Grimminger-Seidensticker. (sportschau.de)
Neue Wörter
Der MDR stellt das „Neologismen-Wörterbuch“ des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim vor. Neologismen sind neue Wörter oder Wortverbindungen für neue Sachverhalte, die noch nicht im Wortschatz verankert sind oder in Wörterbüchern vorkommen. So entstanden in der Corona-Zeit rund 3.000 neue Wörter, weil sie erstmals verwendet wurden, unter anderem Distanzbier, Gesichtsschlüpfer oder Corona-Party. (mdr.de)
Bibel in immer mehr Sprachen verfügbar
Die Deutsche Bibelgesellschaft in Stuttgart berichtet, dass nach neuesten Übersetzungen die komplette Bibel nun in 795 Sprachen verfügbar sei. In Teilen könne man sie jedoch bereits weltweit in mehr als 4.000 Sprachen lesen. Neu hinzugekommen seien im vergangenen Jahr beispielsweise Übertragungen auf Ost-Oromo, das in Äthiopien von mehr als 10 Millionen Menschen gesprochen wird. Durch die verschiedenen Übersetzungsprojekte, die einzelne Evangelien, Psalmen oder nur das Neue Testament übersetzen, können nun mehr als sechs Milliarden Menschen Bibeltexte in ihrer Muttersprache lesen. (deutschlandfunkkultur.de)
2. Gendersprache
Mike Krüger mit Anti-Gender-Lied
Die größte Nase des deutschen Fernsehens, Mike Krüger, hat kürzlich in der Sendung von Stefan Raab bei RTL+ sein Lied „Gender-Jünger“ vorgestellt. Darin rechne der Musiker mit dem Genderwahn ab, so die Bild. „Knallehrlich, süffisant und mit einer ordentlichen Portion Spott nimmt Krüger den aktuellen Sprachtrend aufs Korn“ schreibt Sven Kuschel. So heißt es in dem Lied: „Plötzlich heißt es nicht mehr Hosenträger, sondern Hosenträger*in. Auch die Am-Berg-Steigenden ergeben keinen Sinn …“ Auch absurde Formulierungen im Alltag greift er auf: „Fragen Sie Ärztin oder Arzt und Apothekende!“ Im Interview sagte er: „Ich komme noch aus der Generation der 68er und 70er. Für uns war damals klar, dass, wenn man von Demonstranten sprach, da natürlich auch Frauen dabei waren.“ Er und seine Frau gehörten beim Genderwahn zu den Kopfschüttelnden. (bild.de)
3. Sprachspiele: Neues aus dem Wort-Bistro
Warum muss man „blechen“, wenn man bezahlen muss?
Es war nur ein kurzer Moment. Doch dieser Augenblick löste in mir eine minutenlange Gedankenschleife aus, die sich zu einer immer schneller drehenden Spirale entwickelte. Ich saß in meinem Wagen, wartete an einer großen Kreuzung vor einer roten Ampel und erhaschte folgende Meldung auf einer Anzeigetafel: Hühner können Körner zählen, teilweise sogar ein wenig rechnen. Donnerwetter! Da hätte ich mir als Schüler die Nachhilfeschule für Mathematik sparen können. Ich hätte Zeit im Hühnerstall verbringen sollen. Vielleicht hätte ich mir dort ein Körnchen mathematischer Wahrheit herauspicken können. Doch am Ende hätte ich mich vermutlich mit fremden Federn geschmückt. Immerhin hätte mich die Zeit bei den ehrenwerten Tieren kommunikativer gemacht. Wäre ich nämlich später auf einen Biobauern getroffen, der Landeier verkauft, hätte ich ihm sagen können: „Die Eier haben sich ja in Schale geworfen“.
Zwei weitere drollige Bonmots hätte ich ihm vortragen können: Was schwimmt auf der Elbe und macht Kikeriki? Ein Wasserhahn. Und wie nennt sich ein Hahn im Krankenhaus? Ein Aua-Hahn.
Doch verlassen wir die Welt der Albernheiten und ziehen lieber den Hut vor den Rechenkünsten der Hühner. Natürlich ist der Umgang mit Zahlen auch für uns Menschen im Alltag wichtig, nicht nur beim Einkauf. Doch als ein Bekannter von mir von einer Nachzahlung berichtete und sagte, dass er leider „blechen“ muss, wurde ich neugierig. Wolfgang Seidel zufolge ist Blech seiner Wortherkunft nach etwas Glänzendes, woran demnach auch das Wörtchen bleich erinnert. So verstand man im Frühmittelalter unter Blech kleinere Goldmünzen. Und da sich das Wort Blech mit Bezug auf Münzen bis ins 19. Jahrhundert gehalten habe, sprechen wir heute noch davon, dass man blechen muss. Somit kann jemand, der gerade sein Geld losgeworden ist, traurig feststellen: „Tja, Blech gehabt“.
Philipp Kauthe
Radio-Journalist, Buchautor, Podcast „Schlauer auf die Dauer“ (philipp-kauthe.de)
4. Kultur
Minderheitensprachen vs. EU-Markenrecht
Bei Minderheitensprachen stößt das EU-Markenrecht an seine Grenzen – und umgekehrt. Seit 2017 regelt die EU-Markenverordnung, dass beschreibende Begriffe oder allgemein gebräuchliche Ausdrücke nicht als Marke eingetragen werden können. Die Landesregierungen von Schleswig-Holstein und Niedersachsen sehen darin eine Ungleichbehandlung kleiner Sprachgemeinschaften, denn große Sprachen seien mit den Regelungen faktisch geschützt, kleine Sprachen jedoch nicht. Beide Länder sowie Brandenburg und Sachsen wollen das ändern und gemeinsam einen entsprechenden Antrag im Bundesrat einbringen. Kleinere Sprachen sollen im Rahmen des Markenrechts genauso geschützt werden wie große.
Anlass waren Vorkommnisse in Schleswig-Holstein. Hier hatte sich eine Sylter Geschäftsfrau den nordfriesischen Ausspruch „Rüm Haart, klaar Kimming“ (Reines Herz, klarer Horizont) nach 2017 als geschützte Marke für Textilien eintragen lassen. Ein US-amerikanisches Weingut hat sich das Wort „Öömrang“ europaweit als Marke eintragen lassen. „Öömrang“ bedeutet im Amrumer Dialekt des Nordfriesischen so viel wie „von Amrum“. Damit wurde die Nutzung durch lokale Betriebe eingeschränkt – und das für ein Produkt, was noch nicht einmal heimisch war, sondern dies nur suggerierte. Viele Amrumer, aber auch andere Nordfriesen hätten im Markenschutz für „Öömrang“ einen Übergriff auf die friesische Sprache und Identität gesehen, so der Direktor des Nordfriisk Instituuts, Christoph Schmidt. „Sprache muss frei sein“, so der Präsident der Ostfriesischen Landschaft, Rico Mecklenburg, „es kann und darf nicht sein, dass regionalsprachliche Begriffe oder Redewendungen durch Markenanmeldungen aus dem Wortschatz der Menschen gedrängt werden.“ Die aktuelle Lücke sorge für einen Ausverkauf der Sprache. (kn-online.de)
Erinnerung an Franz Mon
Am 7. April wäre der Schriftsteller Franz Mon 100 Jahre alt geworden. Das Literaturarchiv Marbach und die Romanfabrik Frankfurt haben diese Woche an ihn erinnert. In Marbach, wo das Literaturarchiv Mons Nachlass verwaltet, wurde über sein „mortuarium für 2 alphabete“ gesprochen, ein begehbares Kunstwerk mit großen Buchstaben. In Frankfurt wurde über das Potential von Sprache, Poesie und Spiel diskutiert. Mon schrieb viele seiner Gedichte in Kleinschrift, versetzte oft Buchstaben auf der Fläche und machte sie so neu erlebbar. (faz.net)
5. Berichte
Hofwiesenparkfest in Gera
Tolles Wetter und viele interessierte Besucher: Die VDS-Mitglieder in Gera waren auch in diesem Jahr wieder mit einem Stand beim Hofwiesenparkfest dabei, um über den Verein Deutsche Sprache zu informieren und mit Besuchern ins Gespräch zu kommen. (facebook.com/vds, instagram.com/vds)
Aktuelles Programm der Sprachtage in Wien
Die Deutschen Sprachtage in Wien rücken immer näher. In diesem Jahr besucht der VDS eine der weltweit bedeutendsten Kulturstädte. Auf unserer Netzseite befindet sich nun das aktualisierte Programm mit Informationen zu Ablauf und Treffpunkten des Kulturtages am 28. Mai sowie den Sprachtagen am 29. und 30. Mai. (vds-ev.de)
6. Denglisch
Absichtlich falsches Englisch
Viele Nicht-Muttersprachler tun sich schwer mit der englischen Aussprache. Das „th“ ist dabei Schmutz gegen den „Worcestershiresauce“. Dennoch gibt es einen Bereich, in dem absichtlich falsches Englisch gesprochen wird: die Luftfahrt. Piloten und Fluglotsen hören sich im Flugverkehr so an, als könnten sie nur mäßig Englisch sprechen. Dabei ist genau das Absicht: Das Luftfahrt-Englisch ist eine standardisierte Fachsprache, die vor allem schwerwiegende Fehler verhindern soll. Im internationalen Luftraum sprechen die Beteiligten oft verschiedene Sprachen, selbst innerhalb des Cockpits. Damit Dialekte oder Akzente nicht zu Fehlinformationen führen, hat die International Civil Aviation Organization (ICAO) diese spezielle Kommunikationssprache festgelegt, sie ist sogar ein wesentlicher Teil der Berufsausbildung.
Im Luftfahrtenglisch werden bestehende Redewendungen immer gleich verwendet, damit kein Spielraum für Interpretationen entsteht. Aus „three“ (Englisch für „drei“) wird „tree“, die Zahl „nine“ bekommt sogar eine zusätzliche Silbe und wird zu „niner“. Auch das Buchstabieralphabet ist anders. Statt Anton, Bertha und Cäsar gibt es Alpha, Bravo und Charlie, also Wörter, die in ihrer Aussprache international deutlich sind. „Take direction Whiskey“ bezieht sich also nicht auf den Plan, sich abends an der Bar zu treffen, sondern bezeichnet einen bestimmten Bereich oder Rollweg auf dem Flughafen, der von weitem erkennbar mit einem W gekennzeichnet ist. (travelbook.de)
Der VDS-Infobrief enthält Neuigkeiten zu verschiedenen Sprachthemen. Männer sind mitgemeint, das Gleiche gilt für andere Geschlechter. Namentlich gekennzeichnete Beiträge spiegeln gelegentlich die Meinung der Redaktion wider.
Redaktion: Holger Klatte, Asma Loukili, Dorota Wilke, Stephanie Zabel
