Infobrief vom 9. Januar 2026: Chinas Sprachen

1. Presseschau

Chinas Sprachen

Vier Sprachfamilien, mehr als 300 Einzelsprachen, eine Schrift – das Riesenreich China ist auch ein Staat der vielen Sprachen, obwohl es sich gerne kulturell einheitlich darstellt. Der Sprachwissenschaftler Ernst Kausen zählt diese Sprachen in der WELT auf und beschreibt Grammatik und Verbreitung. Gleichwohl sprechen über 90 Prozent der Chinesen auch Chinesisch – wobei es auch hier nicht nur das eine Hochchinesisch gibt, sondern etwa zehn Varianten, die wechselseitig nicht verständlich sind. Rund acht Prozent der Bewohner Chinas sprechen nicht-sinitische Sprachen – das sind für europäische Verhältnisse immer noch sehr viele, nämlich 100 Millionen Menschen (so viel wie alle deutschen Muttersprachler zusammen). Das einigende Band der meisten dieser Sprachen ist die über 3.000 Jahre alte chinesische Schrift, da etymologisch verwandte Wörter trotz unterschiedlicher Aussprache in fast allen sinitischen Sprachen mit den gleichen chinesischen Schriftzeichen geschrieben werden. Rund 115 in China gesprochene Sprachen gehören der tibetobirmanischen Sprachfamilie an, darunter das Tibetische von rund sechs Mio. Menschen im Himalaja-Gebiet, vor allem in Tibet. Viele dieser Minderheitensprachen weisen strukturelle Ähnlichkeiten zum Chinesischen auf. Die rund 30 Hmong-Mien-Sprachen in Südwest-China (darüber hinaus in Vietnam, Laos und Thailand) sind wie das Chinesische Tonsprachen mit komplexen Tonsystemen und über 60 Konsonanten. In Tonsprachen geht mit Änderung der Tonhöhe auch eine Bedeutungsänderung des Wortes einher. Fast die Hälfte der 300 Minderheitensprachen sei in ihrem Bestand gefährdet, schreibt Kausen, und dazu gehören „trotz massiver Unterdrückung ihrer Träger“ nicht einmal Tibetisch und Uigurisch. Aber viele andere Sprachen besäßen nur noch wenige Hundert Sprecher und würden nicht mehr an die nächste Generation weitergegeben. (welt.de (Bezahlschranke))


Komma im Gesetz

Das juristische Fachmagazin Legal Tribune Online listet Fälle auf, in denen die Kommasetzung (oder ein fehlendes Komma) in der Geschichte die Rechtsprechung beeinflusst hat – ganz nach dem Motto „Wir essen jetzt (,) Opa“, bei dem ein Komma den Unterschied macht. So fehlte in einem Rechtskommentar zum „Gesetz zur Vereinfachung des Wirtschaftsstrafrechts“ (Wirtschaftsstrafrechtsgesetz) vom 26. Juli 1949 ein Komma in der Beschreibung einer „Zuwiderhandlung“, was dazu führen konnte, entweder wegen einer Ordnungswidrigkeit (Bußgeld zwischen drei und 100.000 Deutsche Mark) oder wegen einer Straftat zu Zuchthaus verurteilt zu werden. Der Bundesgerichtshof (BGH) musste den Kommafehler mehrmals richtigstellen. Aufgeführt werden auch Fälle aus jüngerer Zeit. So stellte der BGH 2024 fest, dass die Formulierung „90 Prozent der nach § 3 Absatz 1 anzurechnenden Kapitalerträge abzüglich der rechnungsmäßigen Zinsen“, nur dahingehend verstanden werden dürfe, „dass sich die Prozentangabe auf die Differenz von anzurechnenden Kapitalerträgen und rechnungsmäßigen Zinsen beziehe, mithin die Quote der anzurechnenden Kapitalerträge unter Einschluss des Abzugs zu ermitteln sei“. „Der BGH ließ sich von einem – möglicherweise – fehlenden Beistrich vor „abzüglich“ nicht irritieren. Als weiteres juristisches Interpunktionsproblem wird die Beschriftung „SANS, SOUCI.“ an der Fassade der Sommerresidenz des preußischen Königs Friedrich II. (1712–1786) in Potsdam geschildert. (lto.de)


Sprachförderung im Wald

Der Marburger Verein zur Förderung bewegungs- und sportorientierter Jugendsozialarbeit (Bsj) entwickelte das von der EU-geförderte Projekt „ELaDiNa“ („early language development in nature“, zu Deutsch: frühe Sprachentwicklung in der Natur). Im Rahmen des Projekts werden natürliche Umgebungen, wie etwa Wälder, gezielt genutzt, um Kinder im Vorschul- und Grundschulalter sprachlich zu fördern.

Im Mittelpunkt stehen weniger das reine Draußensein als die dialogische Begleitung von Erlebnissen. Beobachtungen und Entdeckungen der Kinder werden aufgegriffen und diskutiert, um Wortschatz und grammatische Strukturen, sowie die Erzählfähigkeit zu bestärken. Das Projekt, welches sich in erster Linie um die Schulung von Erziehern und Lehrern kümmert, ist Teil des internationalen EU-Programms Erasmus+. Partnerorganisationen aus Schweden und Slowenien haben das Projekt ebenfalls bereits umgesetzt. „ELaDiNa“ wurde im vergangenen Jahr mit dem „European Innovative Teaching Award“ (EITA), der Auszeichnung für exzellente Unterrichtsleistungen in Europas Schulen und Kindergärten, prämiert. (op-marburg.de (Bezahlschranke))


Zu viel Nutzerfreundlichkeit

Künstliche Intelligenz ist sprachlich beeinflussbar und liefert bei Textanalysen weniger objektive Auswertungen als angenommen. Darauf weist Elke Wittich in einem Beitrag für die linke Berliner Wochenzeitung Jungle World hin. Anhand des Bekennerschreibens zum Anschlag auf die Berliner Stromversorgung wurden KI-Systeme wie ChatGPT, Grok oder Gemini gebeten, Rückschlüsse auf mögliche Täter zu ziehen.

Welche Schlussfolgerungen die Systeme nahelegen, hängt dabei stark von der jeweiligen Fragestellung und den darin enthaltenen Erwartungen ab. Wer nach „radikalem Jargon“ frage, erhalte entsprechende Hinweise; wer nach ausländischer Einflussnahme suche, bekomme auch dafür Anhaltspunkte. Die KI spiegele damit weniger eine unabhängige Analyse des Textes wider als vielmehr die sprachlichen Vorgaben und Deutungswünsche der Nutzer. Sprachmodelle seien darauf trainiert, plausibel, ausgewogen und sozial anschlussfähig zu antworten. Wittich mahnt daher, KI-Analysen kritisch zu betrachten und deren Deutungen nicht unhinterfragt zu übernehmen. (jungle.world)


Sprachlicher Alarmismus

„Unter inflationären Bedingungen geht es den Wörtern wie dem Geld: Sie werden immer weniger wert“, schreibt der Kulturredakteur Alexander Dick in der Badischen Zeitung. Er liefert gute Beispiele: „Golfstrom-Kollaps“, „Super-Grippe“, „Kälte-Hammer“ – der „Superlativismus“ ist in der schreibenden Zunft weit verbreitet. Er kann aber auch die Sprachentwicklung befördern. So gab es schon im Althochdeutschen das Adjektiv „geil“, aber noch in der Bedeutung von „froh“ oder „fruchtbar“. Im Spätmittelalter setzte sich eine sexuelle Konnotation durch („unanständig“, „lüstern“) bis zur jugendsprachlichen Bedeutung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts als „toll“, „cool“. (badische-zeitung.de (Bezahlschranke))

2. Gendersprache

Gendern in der Kirche

In der Welt beschreibt Matthias Heine den Trend vieler Kirchengemeinden, die Bibel im Gottesdienst geschlechtsneutral zu installieren. Das Wort „Person“ sei in den vergangenen Jahren immer häufiger dazu benutzt worden, aus generischen Formen eine vermeintlich geschlechtergerechte zu machen; so wurde aus dem „Lehrer“ eine „Lehrperson“, die Post würde von der „Zustellperson“ gebracht. Gerade in der Schweiz sei jetzt häufiger von „Pfarrpersonen“ zu lesen, doch auch in deutschen Medien kommt diese Form vor.

Gerade die evangelische Kirche sei hier Vorreiter, so Heine. In einem Facebook-Beitrag fragte die EKD (Evangelische Kirche in Deutschland) „Kennst Du Deine Pfarrperson?“, in den Kommentaren unter dem Beitrag wurde jedoch nicht auf die Frage eingegangen, vielmehr sorgte die sperrige Formulierung für Diskussionen. Der Blog „Godfish“ äußerte sich ähnlich wie die meisten Kommentatoren, die die „Pfarrperson“ ablehnten: „Auf mich wirkt es so, dass Menschen so zu einem neutralen Ding degradiert werden. Denn eine Person ist die Abstraktion eines Menschen. Hinter dem Begriff Person verschwindet der Mensch.“ Die EKD störte das nicht, sie sucht in Stellenanzeigen weiterhin nach „Pfarrpersonen“. In ihrem Drang nach vermeintlicher Geschlechtergerechtigkeit sei auch der Heilige Geist zum Opfer geworden. Auf deren Internetseite und im Gottesdienst sei immer häufiger von der „Heiligen Geistkraft“ die Rede.

Heine sieht in der Nutzung geschlechtersensibler Sprache auch ein theologisches Problem. Die Übersetzungen der Bibel würden oft kleine Unterschiede beinhalten, die aber prägend für die jeweilige Ausrichtung der Glaubensrichtung seien. Auch die Taufformel „im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ selbst ist fest vorgeschrieben, „eine Abweichung von dieser Formel ist häretisch“, so Heine: „Man hat nicht den Eindruck, dass diejenigen, die von der Heiligen Geistkraft faseln, sich bewusst sind, dass sie mit dem Höllenfeuer spielen.“ Weil bestimmte Formeln, die bei Sakramenten gesprochen werden, korrekt sein müssen, habe es in den vergangenen Jahrhunderten bereits Sorge gegeben, dass diese ggf. nicht gültig waren – gerade im Mittelalter hätte das Gläubigen Alpträume beschert. Wer heute an der kirchlichen Sprache herumdoktere, würde übersehen, dass auch die Entwertung eines Sakraments eine Folge davon sein könnte: „Manch einer wird im Weihnachtsgottesdienst heimlich dafür beten, dass Nikolaus wiederkommt und der gendernden Pfarrperson oben auf der Kanzel eine ordentliche Backpfeife verpasst.“ (welt.de (Bezahlschranke))


3. Kultur

Zur Bedeutung des Wortes

Anlässlich der vergangenen Weihnachtstage widmete sich die DLF-Kirchensendung Morgenandacht der Bedeutung des Wortes. Auch in biblischen Erzählungen habe das Wort einen besonderen Stellenwert, etwa im Johannesevangelium, wo es heißt, dass Gott die Welt durch sein Schöpferwort erschaffen habe.

Moderatorin Claudia Zinggl geht in der Sendung dabei auf den Sprachwandel ein. Neue Wortbildungen und grammatikalische Konstruktionen fügten sich durch den Einfluss der Sozialen Medien und durch Anglizismen in den Sprachgebrauch ein. Als „Kehrseite“ dieses gesellschaftlichen Wandels bezeichnet Zinggl das Verschwinden von Wörtern, die als „alt“ oder „unzeitgemäß“ gelten. In diesem Zusammenhang verweist sie auf das Buch des Sprachwissenschaftlers Roland Kaehlbrandt und des VDS-Vorsitzenden Walter Krämer „Das Lexikon der schönen Wörter“. (deutschlandfunk.de)


Rabenfeder-Schreibwettbewerb

Das Autorennetzwerk Ortenau-Elsass und der Förderverein der Mediathek Oberkirch e. V. veranstalten in diesem Jahr erneut den Rabenfeder-Schreibwettbewerb. Das ehrenamtliche Kulturprojekt, das zuvor unter dem Namen „Leseraben“ bekannt war, wird seit 2014 durchgeführt und dient der Förderung der Freude am kreativen Schreiben. Teilnehmen können Kinder, Jugendliche und Erwachsene aus der Ortenau und dem Elsass. Zu verschiedenen vorgegebenen Themen können Gedichte und Geschichten bis zum 30. Mai eingereicht werden. Für Schulkinder bis 13 Jahre lautet das Thema „Mein größter Wunsch“, für Jugendliche von 14 bis 20 Jahren „Mein Handy ist weg“, Erwachsene sind eingeladen, Texte zum Thema „Geht doch!“ zu verfassen.

Eingereicht werden dürfen ausschließlich selbst erdachte und verfasste Texte, KI-generierte Beiträge sind hierbei ausgeschlossen. Die Texte können auf Hochdeutsch oder in alemannischer Mundart verfasst sein. Zu gewinnen gibt es im Rahmen einer Preisverleihung Bücher und weitere Sachpreise. (autorennetzwerk-ortenau.de)


4. Berichte

Schlagzeile des Jahres

Mit einem einzigen zusätzlichen Buchstaben hat es die FAZ aufs Siegertreppchen der „Schlagzeile des Jahres 2025“ geschafft. Die Jury wählte „Im Frühstau zu Berge“ auf den 1. Platz. Die Kolumne des Redakteurs Bernd Steinle beschreibt den Massenandrang in den Alpen durch Touristen, der durch selbsternannte „Influencer“ hervorgerufen wurde. Der Ansturm sorgt für Müll und Stau, die kaum noch zu bewältigen seien. Auf Platz 2 kam „Finanzämter haben das Faxen dicke“, die Schlagzeile beschreibt das Aus der Faxgeräte in den Finanzämtern. Auf dem 3. Platz landete „Vatikan mit Latein am Ende“. Die Schlagzeile leitet einen Artikel ein, in dem die Abkehr des Vatikans von Latein als Amtssprache thematisiert wird. (vds-ev.de)


Vortrag und Konzert auf dem Sprachhof

„Was will ich werden? Was kostet mich Überwindung? Wo liegen meine Schwächen?“ Newton Schner Jr. (VDS Brasilien) schreibt jeden Tag Tagebuch und reflektiert so sein Leben. Aus vielen Einträgen entstehen schließlich Melodien. Drei Stücke gab es am Donnerstag bei einem wahrhaft intimen Konzert im Sprachhof. Leise Töne, die immer wieder treibend wurden und einen mitnahmen auf eine klangvolle Reise. (facebook.com/vds, instagram.com/vds)


5. Soziale Medien

Worterfindungen

Der Instagram-Kanal von Terra X History widmet dem Sprachforscher Joachim Heinrich Campe einen Beitrag. Campe war zwar französischer Ehrenbürger, aber mit französischen Lehnwörtern im Deutschen konnte er sich nicht arrangieren. Deswegen hat er viele Begriffe eingedeutscht wie „Altertum“ statt „Antike“ oder „Streitgespräch“ statt „Debatte“. Viele seiner Wörter nutzen wir noch heute, andere hingegen haben sich nicht durchsetzen können, zum Beispiel „Zwischenstille“ für „Pause“ oder „Mischklump“ für „Chaos“. (instagram.com/terraxhistory)


Rückblick 2025

Kein Jahresende ohne Rückblick! Auch wir blicken mit einem kleinen Video zurück auf das Jahr 2025, auf Vorträge, Konzerte, Messeauftritte und die Deutschen Sprachtage. (x.com/vds, instagram.com)


Der VDS-Infobrief enthält Neuigkeiten zu verschiedenen Sprachthemen. Männer sind mitgemeint, das Gleiche gilt für andere Geschlechter. Namentlich gekennzeichnete Beiträge spiegeln gelegentlich die Meinung der Redaktion wider.

Redaktion: Holger Klatte, Asma Loukili, Dorota Wilke, Stephanie Zabel

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