Infobrief 427 (33/2018): Weder Herr noch Herrin

Drucken

1. Presseschau vom 10. bis 16. August 2018

  •  Weder Herr noch Herrin
  •  Lernen vom Smartphone?

2. Unser Deutsch

  •  gendern

3. Berichte

  •  Neues aus Münster

4. VDS-Termine

5. Literatur

  •  Vom Recht aufs Lesen
  •  200 Jahre Frankenstein

6. Denglisch

  •  Mehr Schein als Sein

 

 

1. Presseschau vom 10. bis 16. August 2018

Weder Herr noch Herrin


Foto: Pixabay jensjunge CC0 1.0-Lizenz

Kaum eine Debatte erhitzt die sprachinteressierten Gemüter derzeit so sehr wie jene um die sogenannte Gendersprache. Befürworter der geschlechtergerechten Sprache, darunter der Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch, argumentieren, dass die traditionelle Sprache Frauen nicht berücksichtige oder unsichtbar mache, eine gesellschaftliche Gleichstellung also unter anderem durch eine gerechtere Sprache erleichtert werde. Der Kultursoziologe Thomas Wagner ist anderer Meinung: „Er zweifelt daran, dass Sprachpolitik der richtige Weg zu mehr Gerechtigkeit zwischen Frauen und Männern ist“, erklärt der SPIEGEL in einer Gegenüberstellung der beiden Lager. Gleichberechtigung ließe sich allein durch sozialpolitische Veränderungen erzielen, nicht durch „symbolische Akte für ein kleines Milieu, das sich damit wohlfühlt“, so Wagner. Sprachliche Sensibilität sei wichtig, ein Zwang jedoch schädlich für den Zusammenhalt der Gesellschaft.

Besonders aus grammatikalischer Sicht seien Binnen-Is und Gendersternchen eine Katastrophe, betont Peter Eisenberg, emeritierter Germanistikprofessor der Universität Potsdam. Das generische Maskulin bezöge sich auf beide Geschlechter, spreche also weder Männer noch Frauen, sondern schlichtweg Personen an. Eine geschlechtergerechte Sprache sei grundsätzlich vertretbar, allerdings ausschließlich unter Berücksichtigung der grammatikalischen Regeln. „Niemand hat das Recht, sich zum Herrn oder zur Herrin der Sprache zu machen“, so Eisenberg. (spiegel.de, xing.com)

 

Lernen vom Smartphone?

Jugendliche sieht man heute selten ohne Smartphone in der Hand – auch an deutschen Schulen. Während in Frankreich kürzlich ein generelles Verbot von Handys beschlossen wurde, scheiden sich in Deutschland weiterhin die Geister beim Gebrauch von Mobilfunkgeräten im Unterricht. Peter Holnick, Sozialpädagoge und Leiter des Instituts für Medienpädagogik und Kommunikation in Darmstadt, hält nicht viel von Verboten und schlägt stattdessen vor, das Handy gezielt im Unterricht einzusetzen, beispielsweise in Form von Themenrecherche oder selbstgedrehten Reportagen. Ebenfalls befürwortet Holnick einen größeren inhaltlichen Fokus auf Medien. Man könne die Rolle der Industrie beleuchten, die Tricks, wie Unternehmen mit der Smartphone-Nutzung Geld verdienen, die Musik- und Werbeindustrie untersuchen oder ein Youtube-Video analysieren. Anderer Meinung ist der Direktor der Niedersächsischen Landesmedienanstalt, Andreas Fischer, der den französischen Ansatz eines strikten Verbotes für richtig hält. Medienpädagogisch gesehen sei es sinnvoll, den Schülern zu vermitteln, dass es gut ist, an bestimmten Teilen des Tages offline zu sein. Fischer ist nicht gegen das Nutzen moderner Technik im Unterricht, hält jedoch Smartphones eher für unpassend, da sie zu wenig pädagogisch durchdacht eingesetzt würden oder die Schüler sie größtenteils zu eigenen Zwecken nutzten. (sueddeutsche.de, golem.de)

 

2. Unser Deutsch

gendern

Vielen ist das Wort noch fremd. Soll man es [gɛndɐn] aussprechen, also wie ein deutsches Wort, oder [ʤɛndɐn] wie englisch Gin oder wie Dschungel, das auf englisch jungle zurückgeht? Für die Jungen no problem, sie kennen es oder schauen auf ihrem Handy ins Netz. Ältere schlagen den Duden auf. Wer die neueste Auflage hat, findet tatsächlich gendern mit der umständlichen Bedeutungsangabe ‚das Gender-Mainstreaming anwenden‘. Dies wiederum ist im Artikel darüber erklärt als ‚Verwirklichung der Gleichstellung von Mann und Frau unter Berücksichtigung der geschlechterspezifischen Interessen und Lebensbedingungen‘. Dazu gibt es die Beispiele ‚ich gendere‘ und ‚die Behörde wurde gegendert‘. Lexikographische Meisterwerke.

Andere Wörterbücher versagen ganz. Hilfreicher ist die Frage nach der Herkunft. Das Verb gendern ist im Deutschen gebildet aus dem entlehnten, schon weithin bekannten Substantiv Gender. Wer gendert, führt aus, was dies Grundwort beinhaltet und programmatisch fordert. (Ein englisches Verb to gender ist mir nicht bekannt). Damit kommen wir dem Kern der Sache näher.

Das Wort Gender wurde aus dem amerikanischen Englisch entlehnt, und zwar in der speziellen Bedeutung, welche amerikanische Sozialwissenschaftler und Feministinnen seit den 70er Jahren geprägt haben. Ursprünglich hatte das englische gender (ähnlich wie deutsch Geschlecht) die doppelte Bedeutung ‚biologisches Geschlecht‘ und ‚grammatisches Geschlecht‘. Das Nachdenken über die soziale Rolle der Frau führte zu der Forderung, die körperliche und die soziale Seite des Menschen verschieden zu benennen. So kam es zu einer Art terminologischer Spaltung in sex und gender, wobei gender nun pointiert die soziale Rolle des Menschen (ungeachtet seiner biologischen) bezeichnet. Damit wurde ein neues Emblem, ein Fahnenwort der Frauenbewegung kreiert. Nun hatte man das Instrument, mangelnde Gendergerechtigkeit in Geschichte und Gegenwart zu erforschen und einzufordern.

Gendern als Verb heißt zunächst umfassend, der sozialen Rolle (besonders der Frau) im Beruf, im Alltag, in der Gesetzgebung Gerechtigkeit, also Gleichbehandlung, zu verschaffen. Das zeigt das Beispiel von der gegenderten Behörde an. Davon hat sich in allerjüngster Zeit eine besondere Bedeutung abgespalten, die im Titel der Duden-Schrift ‚Richtig gendern‘ zum Ausdruck kommt. Schon früh hatten deutsche Germanistinnen die Ungerechtigkeit in der deutschen Sprache, das vermeintliche patriachalische Erbe im sogenannten generischen Maskulinum, entdeckt und gefordert, Frauen auch sprachlich gleichberechtigt sichtbar zu machen, nicht nur in der Anrede, die sich Politiker schnell angeeignet haben (Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger), sondern überhaupt, wenn Frauen mitgemeint sein sollen. Jetzt endlich gibt es ein eigenes Wort für eine geschlechtergerechte Sprachplanung und Sprachpraxis. Das Ganze ist eine ideologisch geprägte Intellektuellendebatte, der gemeine Mann (und seine Frau) hält das meiste davon für Stuss. Desinteresse schlägt aber in Empörung um, wenn diese Sprachspiele in behördliche Sprachvorschriften, in Gesetzestexte oder gar in Schulnoten eingehen. Da ist der Spaß vorbei. Und es ist eine Anmaßung, unter dem Logo DUDEN Ratschläge für richtiges Gendern zu erteilen. Als ginge es nur um das Wie und nicht auch um das Ob überhaupt. Der Verlag zahlreicher unentbehrlicher Werke zum Deutschen darf seine Autorität nicht für strittige Sprachexperimente verschwenden. Ob wir gendern, wie wir gendern, dazu holen wir uns gerne Rat von gescheiten Sprachwissenschaftlern männlichen wie weiblichen Geschlechts. Aber nicht vom Podest des Dudens.

Horst Haider Munske

Der Autor ist Professor für Germanistische Sprachwissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Vereins Deutsche Sprache e.V. Ergänzungen, Kritik oder Lob können Sie schicken an: horst.munske@fau.de

 

3. Berichte

Neues aus Münster

In der Region Münster und Umland findet am 15. September die Literaturveranstaltung „Hoffnungsfunken“ statt, die letzte in einer Trilogie, in denen Werke über Vertreibung, Flucht und Fremdheit im Hinblick auf die gegenwärtige Situation in Deutschland vorgestellt werden, wie die Westfälischen Nachtrichten berichten. Musikalisch begleitet wird der Abend von Franz Twickler am Klavier. Beginn der Veranstaltung ist um 17 Uhr in der Bürgerscheune in Saerbeck. Der Eintritt ist frei, jedoch müssen Zuschauer sich bis zum 5. September angemeldet haben. Es sollen auch Beiträge von Verfassern aus der Region mit eingebunden werden, welche bis zum 23. August dem Verein zuzusenden sind (Günter W. Denz, Buchenstraße 8, 48369 Saerbeck). (wn.de)

 

4. VDS-Termine

keine Termine

 

5. Literatur

Vom Recht aufs Lesen

Jedes fünfte Kind unter zehn Jahren ist funktionaler Analphabet, es kann also Texte, die es liest, inhaltlich nicht verstehen. Dies war das erschreckende Ergebnis der letzten IGLU-Studie. Passiert ist seitdem in der Bildungspolitik dennoch wenig. Die Petition „Jedes Kind muss lesen lernen“, ins Leben gerufen von der Kinder- und Jugendbuchautorin Kirsten Boie, will nun auf diesen Missstand aufmerksam machen. Politik und Medien schweigen das ernste Thema tot, kritisiert Boie im Interview mit dem Deutschlandfunk. Es fehle an einer verbindlichen frühkindlichen Förderung, ausreichender Unterstützung durch Lehrer und an erweiterten Angeboten wie Schulbüchereien. Mit der Petition sollen ein Umdenken auf oberster Ebene erreicht und neue Standards zur Leseförderung eingeführt werden. Unterzeichnen können Sie die Petition unter change.org. (deutschlandfunk.de, deutschlandfunkkultur.de)

 

200 Jahre Frankenstein

Das Monster von Frankenstein: Erschaffen an einem grauen, verregneten Sommerabend im Jahre 1816 am Genfer See. Es war ein kalter Sommer, und so war auch der Urlaub der 19-jährigen Mary Shelley kein typischer. Man saß beisammen, las sich deutsche Schauergeschichten vor und erfand nebenbei selbst Gruselfiguren. Eine davon schaffte es in einen Roman, der sich heute noch großer Beliebtheit rühmt. 200 Jahre ist es nun her, dass die Geschichte von Frankensteins Monster veröffentlicht wurde. Die Autorin schreibt später darüber: „Sie sollte die mysteriösen Ängste unserer Natur ansprechen und schauerliches Grauen erwecken – der Leser sollte es nicht mehr wagen, sich umzusehen, das Blut sollte in seinen Adern erstarren.“ Ein hoher Anspruch, den Shelley mit dem katastrophalen Ende des Romans gut erfüllt. (rp-online.de)

 

6. Denglisch

Mehr Schein als Sein

Manche Floskeln gehören zum Alltag, doch gerade in der Berufswelt nehmen sie oft überhand. Der Sinn dahinter sei meistens eine Verschleierung unliebsamer Tatsachen, aber auch Wichtigtuerei, die sich vor allem im übermäßigen Gebrauch des Denglischen zeige, erklärt der Sprachwissenschaftler Hermann Ehmann im Interview mit der WirtschaftsWoche. Den richtigen „Karriereslang“ erhalten die Arbeitnehmer in Kommunikationsseminaren, in denen sie nicht nur Formulierungen für eine möglichst unkomplizierte Kündigung erlernen, sondern auch vermeintlich zeitgemäße Berufsvokabeln. „Wenn dann auch noch Begriffe vermittelt werden, die es gar nicht gibt, wie beispielsweise ‚feedbacken‘, wird die Sprache vergewaltigt“, kritisiert Ehmann. Sich dem „Business-Denglisch“ zu entziehen sei schwierig, denn schnell laufe man Gefahr, zum Außenseiter zu werden. Englisch sei jedoch nicht die einzige Sprache mit einem hohen Ansehen. Besonders tote Sprachen, wie das Lateinische, erleben derzeit eine Rückkehr in die Berufswelt, werden sie doch häufig mit der klassischen Elite in Zusammenhang gebracht. (wiwo.de)


Der VDS-Infobrief enthält Neuigkeiten und Nachrichten der vergangenen Woche zur deutschen Sprache.

RECHTLICHE HINWEISE
Verein Deutsche Sprache e. V. Dortmund
Redaktion: Lea Jockisch, Alina Letzel

© Verein Deutsche Sprache e. V.