Infobrief vom 13. November 2020: Goethe-Institut im Umbruch

1. Presseschau

Goethe-Institut im Umbruch

Foto: Oliver Berg

Das als eingetragener Verein organisierte Goethe-Institut mit seinen 157 Instituten im In- und Ausland stand in diesem Frühjahr kurz vor der Zahlungsunfähigkeit und musste durch Überbrückungshilfen des Auswärtigen Amtes gestützt werden, berichtet die ZEIT ONLINE am 11.11.2020. Besonders die durch Corona ausgefallenen Einnahmen durch Sprachkurse, die ein Drittel des Gesamtetats (2020: 311 Mio. Euro) ausmachen, haben zu dieser Situation geführt. Die neue Präsidentin, die Mainzer Ethnologin Carola Lenz, hat daher als erstes unerwartete Management-Aufgaben zu bewältigen. Wie soll es mit der wichtigsten Kulturmittlerorganisation Deutschlands weitergehen? In den vergangenen Jahren ist die Konkurrenz gewachsen. Russlands Puschkin-Institut hat bereits 97 Vertretungen in 80 Ländern, die chinesischen Konfuzius-Institute (2004 gegründet) kommen mittlerweile auf weltweit 541 Standorte. Aber auch das Angebot von Unterricht für Deutsch als Fremdsprache ist stark gestiegen. Gegen wesentlich günstigere private Sprachschulen und vor allem gegen das Angebot der zahlreichen der DaF-Lehrer (Deutsch als Fremdsprache), die Fernunterricht am Rechner geben, kommen die sicherlich guten, aber teuren Goethe-Sprachkurse nicht an. Neue Ansätze werden vorgeschlagen: die Zusammenarbeit mit europäischen Partnern, zum Beispiel dem Institut français, zur Ausweitung der Aufgaben auf die internationale Entwicklungszusammenarbeit oder bei der Anwerbung ausländischer Fachkräfte. (zeit.de, hinter einer Bezahlwand)


ZDF reagiert auf Gendersternchen-Kritik

Das ZDF hat in einem Beitrag bei Facebook klargestellt, dass es keine Anweisung an die Mitarbeiter gibt, ob und wie Fernsehbeiträge zu gendern sind. Redaktionen hätten das Recht, diese Frage allein zu entscheiden; einige Reporter und Moderatoren hätten sich jedoch dazu entschieden, zum Beispiel eine kurze Sprechpause bei „Bürger-innen“ zu machen, damit das häufig genutzte Gendersternchen hörbar wird. „Wir möchten möglichst diskriminierungsfrei kommunizieren und achten dabei auch darauf, wie sich Gesellschaft und Sprache verändern“, heißt es in einer Antwort auf den Facebook-Beitrag. Die Kritik an der gelebten Praxis bleibt nicht aus. Ähnlich, wie bei verschiedenen Umfragen, sprechen sich die meisten Kommentatoren unter dem Beitrag gegen das Gendern aus. (weser-kurier.de, facebook.com)


Deutsch in der Moschee

In der vergangenen Woche fand die Deutsche Islamkonferenz statt – auch überschattet von islamistischen Anschlägen in Frankreich, Österreich und Afghanistan. Fehlende deutsche Sprachkenntnisse der Imame werden seit Jahren als Hindernis für die Integration von Muslimen in Deutschland gesehen. Denn die islamischen Geistlichen haben einen erheblichen Einfluss auf das Weltbild ihrer Zuhörer. „Es gibt derzeit nur eine Gruppe im Islam, die deutsch spricht, die Bedürfnisse der jungen Muslime gut kennt und vor allem weiß, wie sie diese in sozialen Netzwerken erreicht – das ist der radikale Salafismus“, kritisierte die türkischstämmige CDU-Politikerin Serap Güler die derzeitige Ausbildung der Imame. Im April 2021 soll der erste verbandsunabhängige Lehrgang in deutscher Sprache für islamische Prediger beginnen. (rtl.de, nordbayern.de)


BVB-Neuzugang lernt Deutsch

Der Fußballprofi Jude Bellingham, der jüngst als Neuzugang zu Borussia Dortmund kam, kämpft mit dem Erlernen der deutschen Sprache. Vor allem die Aussprache treibe den Engländer mitunter zur Verzweiflung. „Wie diese Deutschen ihre Wörter aussprechen, ist unglaublich und wirklich seltsam für mich“, sagte der 17-Jährige dem britischen Independent. Verstehen tue er jedoch mit jedem Tag mehr. Gegebenenfalls sei auch immer jemand zum Übersetzen da.

Macht nichts. So perfekt wie unsereins das Englische ausspricht, kann nicht jeder sein… (sport1.de)


Tipps zum Sprechen mit Maske

Ein Nachteil der Maskenpflicht ist die erschwerte Kommunikation. Die Stimme klingt je nach Maske gedämpfter und leiser, und die Wörter sind schlechter verständlich. Die für das Verstehen wichtigen visuellen Sprachinformationen durch Lippenbewegungen entfallen. Jedoch gebe es Möglichkeiten, die Kommunikation zu erleichtern, so Alexandra Begau, Sprachforscherin der TU Dortmund. Es sei wichtig, dem Gesprächspartner ins Gesicht zu schauen und sich beim Sprechen Zeit zu lassen. Aufmerksamkeit von beiden Seiten müsse gegeben sein. Auch könne es hilfreich sein, vermehrt mit Gestik nachzuhelfen und störende Geräuschkulissen wahrzunehmen, damit man sie übertönt oder vermeidet. [WAZ Dortmund, 11.11.20, WDO_1, NR. 264]


Frankfurt a. M. gibt Handlungsanweisungen zum Gendern

Vermeintlich geschlechtergerechte Sprache soll Klischees und Stereotype überwinden – das sagt zumindest die Stadtverwaltung Frankfurt und hat jetzt eine Broschüre mit Empfehlungen vorgestellt. Die Stadtverwaltung soll demnach nicht nur in internen Schreiben, sondern auch in solchen an die Öffentlichkeit Doppelpunkte, Gendersternchen oder Unterstriche nutzen (Mitarbeiter:innen, Mitarbeiter*innen, Mitarbeiter_innen). „Frauen und Männer sollten sich gleichermaßen angesprochen fühlen, aber auch diejenigen sollten einbezogen werden, die sich nicht eindeutig einem biologischen oder sozialen Geschlecht zuordnen könnten oder wollten.“ (faz.net)


2. Unser Deutsch

November

In diesem November 2020 wird Zeit sein, über vieles nachzudenken. Mancher mag auch fragen: Wieso heißt dieser Monat eigentlich November? Die Lateinkundigen oder die Italienfans finden gleich novem/nove ‚neun‘ und dazu septem/sette ‚sieben‘, octo/otto ‚acht‘, decem/dieci ‚zehn‘ – aber wie erklärt sich das? Diese Monatsnamen von September bis Dezember sind tatsächlich dem Lateinischen entlehnt, ursprünglich mensis (‚Monat‘) september usw. Das altrömische Kalenderjahr begann im März (martius), so erklärt sich die Zählung als ‚siebter, achter, neunter, zehnter Monat‘.

Die Zählung verschob sich um zwei Monate, als Julius Cäsar 45. v. Chr. eine Kalenderreform durchsetzte: Jahresbeginn am 1. Januar, Ablösung des älteren Mondkalenders mit 305 Tagen durch die lunisolare Zählung mit 365 Tagen und einem Schalttag im Februar. Dieser nach Cäsar benannte ‚julianische‘ Kalender hatte einen Vorläufer im ägyptischen Verwaltungskalender von 238 v. Chr. Ihn hatte Cäsar 47 v. Chr. bei einem Besuch in Alexandria kennengelernt. Die Kalenderreform wurde von einem Ausschuss unter Leitung von Sosigena aus Alexandria ausgearbeitet.

Die Neuregelung machte Geschichte, aber die alten Monatsnamen blieben – bis heute. Unter ihnen auch jene, die auf alte Götternamen zurückgehen wie März aus lateinisch martius (nach dem Kriegsgott Mars). März wurde schon vor der hochdeutschen Lautverschiebung des 6. Jahrhunderts entlehnt, so dass t (wie in martius) zu ts (wie in März) verschoben wurde.

Im Mittelalter hat es wohl ein Nebeneinander einheimischer und lateinischer Monatsnamen gegeben, wovon sich Hornung für Februar (eigentlich ‚Bastard‘ wegen der verkürzten Dauer) am längsten hielt. Endgültig wurden die lateinischen Monatsnamen erst im 16. Jahrhundert von den Humanisten durchgesetzt, es verschwanden die alten wie Hornung, Lenzmonat, Heumonat, Christmonat. Als regional integrierte Variante von Januaris hat sich Jänner in Österreich erhalten. So liefert die Sprachgeschichte Erklärungen, kann aber nichts dazu beitragen, unserem Empfinden im Abgang des Herbstes Ausdruck zu verleihen. Dies tut treffend Erich Kästner in seinem Gedicht auf diesen Monat. Es beginnt mit den melancholischen Zeilen „Ach, dieser Monat trägt den Trauerflor…“ .
Horst Haider Munske

Der Autor ist Professor für Germanistische Sprachwissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Vereins Deutsche Sprache e.V. Ergänzungen, Kritik oder Lob können Sie schicken an: horst.munske@fau.de


3. Kultur

Deutsch als Liebessprache

„Über Französisch heißt es immer, es sei die Sprache der Liebe, während Deutsch eher als mathematisch bezeichnet wird“, erzählt die Künstlerin und Autorin Stine Marie Jacobsen. Das erste Buch der gebürtigen Nordschleswigerin entstand im Laufe ihrer künstlerischen Ausbildung: German for Artists. Es ist der erste Teil einer Reihe, die Deutschlernern eine Einführung in die Grammatik und die Eigenheiten der deutschen Sprache bieten soll. Nun erscheint Teil drei unter dem Titel German for Lovers. Dazu wurde eine gleichnamige Ausstellung in der Haderslebener Kunsthalle 6100 eröffnet, die unter anderem sechs Kurzfilme beinhaltet, welche sich dem Thema Liebe in der deutschen Sprache widmen. „Das Problem ist“, so Jacobsen, „dass Deutsch eine sehr genaue Sprache ist, was in der Poesie zum Beispiel wunderschön ist, aber den Einstieg ins Deutsche schwierig macht.“ Mit ihren Büchern wolle sie den Tücken der deutschen Sprache mit Humor begegnen und so zeigen, dass Deutschlernen auch Spaß machen kann. (nordschleswiger.dk)


Neues Sprach-Museum in Washington D. C.

In der US-Hauptstadt Washington D. C. hat ein neues Museum eröffnet: Planet World befasst sich mit der Sprache sowie seiner Bedeutung und Wirkung für die Menschen. Dabei geht es interaktiv zu: Besucher können erraten, von wem ein Zitat oder ein Sinnspruch ist, oder sie können sich über Mikrophone unterhalten und erleben, wie sich der Schall ausbreitet. Auch Reden berühmter Persönlichkeiten können nachgeahmt werden. Der Eintritt ist frei. Wer also in der Post-Corona-Zeit in der Nähe Urlaub macht, sollte dorthin einen Abstecher machen. (k.at, planetwordmuseum.org)


Atlas der verlorenen Sprachen

6.000 Sprachen gibt es aktuell geschätzt weltweit – und viele davon werden irgendwann aussterben. So ist es vermutlich auch schon 5.000 anderen Sprachen ergangen, von denen wir nur Bruchstücke kennen, oder die nur aus Erzählungen von Historikern bekannt sind. Der Duden-Verlag hat sich jetzt in einer besonderen Ausgabe fünfzig dieser Sprachen gewidmet. Im Atlas der verlorenen Sprachen berichtet die Autorin Rita Mielke zum Beispiel von Sprachen, die ausgestorben sind, weil sie keine Schrift ausbildeten. Viele starben mit dem letzten aktiven Sprecher und können nur schwer oder gar nicht mehr reanimiert werden, weil das Interesse an solch einer Nischensprache nicht vorhanden ist. (l-iz.de)


4. Denglisch

Lernplattform wählt unglücklichen Namen

Die Pandemie hat vielerorts dazu angeregt, digitale Lernangebote zu schaffen. In Schleswig-Holstein entstand im Zuge dessen die Lernplattform its learning, um digitalisiertes Lernen für Schulen zu erleichtern. Der denglische Name wurde wohl mit Absicht gewählt – nicht jedoch der Internetlink, der daraus entstanden ist. Das Landeskürzel SH ist im Bundesland Teil vieler Namen und Internetseiten, sodass die Adresse der Lernplattform nun sh.itslearning.com lautet – in der Kombination eine etwas unglücklich gewählte Formulierung. Ressortchefin Karin Prien (CDU) twitterte als Antwort auf Kritiker, sie arbeiteten „sich an Pennälerhumor und der URL der Webseite eines Dienstleisters ab“.

Nun ja, was soll its learning bedeuten, außer Wortgeklingel? Wer im Kultusministerium die Feinheiten der Apostrophsetzung im Englischen nicht kennt, könnte es auch auf Deutsch sagen. (heise.de)


5. Termine

! ABGESAGT ! 25. November, Region 03 (Cottbus)
Mitgliedertreffen
Zeit: 18:00 Uhr
Ort: Hotel Zur Sonne, Taubenstraße 7, 03046 Cottbus

! ABGESAGT ! 25. November, Region 20/22 (Hamburg)
Feierliche Übergabe des „Elbschwanenordens“ 2020 an die Autorin Kirsten Boie (Anmeldung erforderlich)
Zeit: 18:30 Uhr
Ort: Gästehaus der Universität Hamburg, Rothenbaumchaussee 34, 20146 Hamburg

! ABGESAGT ! 26. November, Region 18 (Rostock)
Mitgliedertreffen
Zeit: 18:00 Uhr
Ort: Gasthaus Zum Bauernhaus Biestow, Am Dorfteich 16, 18059 Rostock


IMPRESSUM

Der VDS-Infobrief enthält Neuigkeiten der vergangenen Woche zur deutschen Sprache. Männer sind mitgemeint, das Gleiche gilt für andere Geschlechter. Namentlich gekennzeichnete Beiträge spiegeln mitunter die Meinung der Redaktion.

Redaktion: Holger Klatte, Alina Letzel, Dorota Wilke

© Verein Deutsche Sprache e. V.

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