Infobrief vom 31. Dezember 2020: Dänemark will fremdsprachige Predigten verbieten

1. Presseschau

Dänemark will fremdsprachige Predigten verbieten

Bild: karrenbrock.de / pixelio.de

In Dänemark soll das Predigen in nicht-dänischen Sprachen verboten werden. Ab Anfang kommenden Jahres soll ein neues Gesetz für sprachliche Transparenz in Gottesdiensten sorgen. Damit will die dänische Regierung gegen islamische Hassprediger vorgehen. Jedoch hagelt es von allen Seiten Kritik, denn das Vorhaben trifft außer Muslimen andere Minderheiten. Vor allem die deutschen Auslandsgemeinden machen sich Sorgen. In Nordschleswig haben die Gemeinden seit 1920 das Recht auf den Gebrauch der deutschen Sprache im Gottesdienst. Nun ist unklar, ob dieses Sonderrecht verloren geht. „Ich kann nicht im Voraus versprechen, dass die deutsche Minderheit in keiner Weise von unserem neuen Gesetz betroffen sein wird“, sagte der Integrationssprecher der Sozialdemokraten, Rasmus Stoklund. Denkbar seien eine Simultanübersetzung der deutschen Predigt oder eine schriftlich eingereichte Übersetzung. Auch das trifft nicht auf Begeisterung: „Das wäre eine Geste des Misstrauens, der Kontrolle“, so Rajah Scheepers, Pastorin der deutschen Sankt-Petri-Gemeinde in Kopenhagen. Zudem sei Dänisch für viele Priester gar nicht die Muttersprache, Übersetzungen seien für sie kaum zu bewältigen, kritisiert auch Gerd Lorenzen, Geschäftsführer des Kirchenbüros der Nordschleswigschen Gemeinde. Übersetzer anzuheuern könnten sich kleine Gemeinden wiederum nicht leisten. Ein wenig Entwarnung konnte bislang nur der politische Sprecher der Sozialdemokraten, Christian Rabjerg Madsen, geben: Ziel des Gesetzes sei nicht, die deutsche Minderheit zu „begrenzen“. Man sei sich des Problems bewusst und werde versuchen, es im konkreten Gesetzesentwurf zu berücksichtigen. (sueddeutsche.de, taz.de)


Ein Blick ins Land: Wo wird wie gegendert?

„Liebe Bürgerinnen und Bürger“ ist längst keine neue Formulierung mehr. Auf allen offiziellen Internetseiten deutscher Großstädte werden in Anreden beide Geschlechter angesprochen. Einzig die Form des Genderns variiert dabei. Die Zeit hat nun eine Deutschlandkarte veröffentlicht, die zeigt, welche Form der geschlechtergerechten Sprache die jeweiligen Städte verwenden. Bei über einem Viertel aller Großstädte fällt die Wahl auf das Gendersternchen. Aber auch andere Varianten wie der Unterstrich, das Binnen-I oder der Doppelpunkt sind vertreten. Ein weiteres Viertel bleibt bislang der Doppelnennung treu, spricht also von „Bürgerinnen und Bürgern“ – die wohl lesbarste Version der Gendersprache. Hier geht es zur Übersicht: zeit.de.


2. Unser Deutsch

Corona-Wortschatz

Wir werfen zum Jahresende einen Rückblick auf den neuen Wortschatz der Corona-Pandemie. Warum so viel Englisch? Was wurde gut übersetzt, was nicht? Wie unterscheiden sich Entlehnungen vom einheimischen Wortschatz?

Nehmen wir die Fachwörter Epidemie und Pandemie als Beispiel. Sie sind wie die meisten Fremdwörter nicht durchsichtig. Man versteht sie nicht auf Anhieb, von den wenigen Gräzisten unter uns abgesehen. Damit entsteht eine gewisse Distanz, eine Unverbindlichkeit, die dem Ernst der Lage widerspricht. Anders beim einheimischen Wortschatz. Wir haben das Wort Seuche. Es erinnert an Pest und Cholera, ist aber heute zumeist beschränkt auf die verheerenden Tierseuchen. So ist es uns fast abhanden gekommen.

Ähnlich fremd bleiben die Abkürzungen Covid-19 für Corona Virus Disease 2019 und FFP für Filtering Face Piece. Es hat Monate gedauert, bis das Durcheinander um die Masken und ihre Benennung einigermaßen geklärt war. Welche nützt wem? Der Mediziner-Terminus Chirurgenmaske war keine Empfehlung für jedermann, sie zu benutzen. Die Engländer kannten die community mask. Ein genialer Übersetzer fand dafür das Wort Alltagsmaske. Mit dem eingängigen Namen wurde sie weithin akzeptiert als selbstverständlicher Schutz im Bus, im Laden, auf belebten Plätzen. Gelungen ist auch die Abkürzung AHA für Abstand, Händewaschen, Alltagsmaske.

Ganz verschieden ist der Umgang mit Home-Office und Homeschooling. Das neue Wort für das ‚Büro daheim‘, auch wenn es nur der Küchentisch ist, wurde allgemein akzeptiert, zumal es in vielen Firmen seit langem gebräuchlich ist. Hier hilft die Internationalität des globalen Handels. Anders beim Homeschooling, einer gänzlich neuen, bisher unbekannten Form der Beschulung. Lange behalf man sich mit dem sprachlichen Import, der nicht passte zu dem schwierigen Alltag. Endlich fand man die Bezeichnungen Distanz-Unterricht, welche die Besonderheit dieser schulischen Praxis im Gegensatz zum Präsenz-Unterricht klar hervorhebt. Beide Ausdrücke sind auch gut zu gebrauchen, um den Wechselunterricht zwischen Schule und daheim zu benennen. Auch digitaler Unterricht hat sich eingebürgert, er kommt der Vertrautheit der Schüler mit ihren Handys entgegen.

Und warum halten wir an Lockdown und Shutdown fest? Dies sind weltweit verbreitete Fachwörter in der Bekämpfung der Pandemie, unentbehrlich auch in der wissenschaftlichen Kommunikation. Diese wird heutzutage fast nur noch auf Englisch geführt. Virologen und Epidemiologen tauschen sich weltweit aus. Englisch ist die Lingua franca, das Latein der Moderne. Aber nicht jeder Anglizismus muss bedenkenlos ins Deutsche, ins Französische oder Russische übernommen werden. Wo wir die Betroffenen ansprechen, wo Empfehlungen oder Gebote verstanden werden sollen, da ist die eigene Sprache unverzichtbar. Und wo Neues zu benennen ist, müssen neue Wörter gefunden werden. Das sollten wir künftig schneller bewältigen.

Horst Haider Munske

Der Autor ist Professor für Germanistische Sprachwissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Vereins Deutsche Sprache e.V. Ergänzungen, Kritik oder Lob können Sie schicken an: horst.munske@fau.de


3. Kultur

Zwischen Weihnachten und Neujahr

Die deutsche Sprache ist reich an Formulierungen, die sich nicht immer auf den ersten Blick erschließen. Ein solcher Fall ist die Redensart „zwischen den Jahren“, welche die Tage zwischen Weihnachten und Neujahr bezeichnet. Das kann auf den ersten Blick verwundern, immerhin ist der 31. Dezember der letzte Tag des Jahres. Doch dies war nicht immer so. Vor der allgemeinen Nutzung des gregorianischen Kalenders war in Europa weitestgehend der Jahresbeginn auf den 6. Januar datiert. Nach dem römisch-julianischen Kalender endete das Jahr allerdings bereits am 24. Dezember. Somit fallen die Tage nach Weihnachten bis zum Beginn des neuen Jahres sprichwörtlich zwischen die Jahre. (morgenpost.de)


4. Denglisch

Denglisch-Quiz

Wer sich von den Anglizismen in unserer Sprache überfordert fühlt, kann sich nun spielerisch einen Überblick verschaffen – und so zumindest Missverständnisse umgehen. Das Spiel „My English is under all pig“ nimmt die denglischen Eigenheiten auf den Arm und gibt zugleich Gelegenheit etwas zu lernen. Das Quiz besteht aus Aufgabenkarten: Zum Beispiel werden deutsche Redewendungen ins Englische übersetzt; der Spieler muss herausfinden, welche deutsche Wortwahl zugrundelag. Auch Zwillingswörter spielen eine Rolle: Kindergarten und Zwieback bedeuten im Englischen wie im Deutschen dasselbe, sie sind richtige Zwilllinge. Falsche Zwillinge stecken beispielsweise im Trainer, der im Englischen Turnschuh bedeutet, im Deutschen aber den Trainer einer Sportgruppe bezeichnet. Zuletzt gibt es noch die „Englisch made in Germany“-Aufgabenkarte: Auf ihr stehen Wörter, die zwar Englisch klingen, im Englischen aber so nicht existieren. Bekannt aus dieser Gruppe ist das Handy, als Telefon eine rein deutsche Erfindung, die besser Händi geschrieben würde. Auch das Public Viewing ist ein falscher Anglizismus, denn auf Englisch ist damit kein Freilichtkino, sondern eine Leichenschau gemeint. (shz.de)


Wischiwaschi

Kurz vor Redaktionsschluss im Radio gehört: „Die Musikfestivals, früher Highlights des Sommers, wurden gecancelt.“ Mir schmeckt solches Gefasel wie Cola von gestern. Stärker hörte sich das so an: „Die Musikfeste, früher Höhepunkte des Sommers, wurden gestrichen.“ Das sitzt, das tut weh. (ob)


Der VDS-Infobrief enthält Neuigkeiten der vergangenen Woche zur deutschen Sprache. Männer sind mitgemeint, das Gleiche gilt für andere Geschlechter. Namentlich gekennzeichnete Beiträge spiegeln mitunter die Meinung der Redaktion.

Redaktion: Alina Letzel, Frank Reimer, Oliver Baer

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