Infobrief vom 13. Februar 2021: Gleichstellung? Nicht per normierte Sprache

1. Presseschau

Gleichstellung? Nicht per normierte Sprache

Bild: Michael Gaida auf Pixabay

Deutschland ist besessen von Genitalien – das schrieb kürzlich Nele Pollatschek in einem Gastbeitrag im Tagesspiegel. Im Deutschlandfunk führte sie ihre Kritik an der vermeintlich geschlechtergerechten Sprache in einem langen Interview aus: Wer Gleichheit wolle, müsse sie herstellen, nicht nur darüber reden, sagte sie und verwies auf die jahrzehntelange Diskussion über sprachliche Varianzen, die sich aber in all der Zeit nicht auf die materielle Realität ausgewirkt hätten. Wer eine Gleichberechtigung der Geschlechter durch eine normierte Sprache herbeiführen wolle, der sei auf dem Irrweg. Das Geschlecht sei etwas höchst Privates.  Es habe auch nichts in einer Berufsbezeichnung zu suchen; jeder und jede solle das Recht auf Unsichtbarkeit haben. Manchmal wolle man einfach nur ein Mitarbeiter, ein Kollege sein, aber nicht darüber definiert werden, welchem Geschlecht man sich zugehörig fühlt. Das eingeforderte Gendern verstoße gegen das Recht des Einzelnen auf Unsichtbarkeit. (deutschlandfunkkultur.de)


Duden in der Defensive

Die Duden-Redaktion erfährt Gegenwind nicht nur durch die Aktion des VDS, sondern auch in Zeitungsartikeln und –kommentaren. Die Duden-Chefredakteurin Kathrin Kunkel-Razum verteidigt ihren Standpunkt. „Der Duden hat keine Sprachmacht oder Sprachgewalt, um die Nutzung bestimmter Begriffe zu verhindern“, so Kunkel-Razum in der Welt. Vielmehr orientiere er sich an der sprachlichen Realität; seit einigen Jahren bekomme der Duden vermehrt Zuschriften, in denen die Gleichstellung der weiblichen Formen gefordert werde. Außerdem führte sie an, dass auch viele Städte Gendersprache eingeführt hätten. Dabei lässt sie aus Sicht des VDS außer Acht, dass dieses Phänomen in einem elitären Milieu gepflegt wird, in dem Bemühen um politisch korrekte Ausdrucksweise. Die Sprachgemeinschaft, die Kunkel-Razum anzusprechen glaubt, folgt diesen Regeln nicht. Weder im normalen Miteinander im Supermarkt noch in der Autowerkstatt wird gegendert. Mehrere Umfragen der vergangenen zwei Jahren haben gezeigt, dass das Gendern keinen Rückhalt in der Gesellschaft hat. (welt.de, vds-ev.de)


Jahrestagung des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache im digitalen Raum

Die 57. Jahrestagung des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache (IDZ) wird ausschließlich digital stattfinden. Die Tagung findet vom 9.-11. März statt und beschäftigt sich dieses Jahr mit „Sprache in Politik und Gesellschaft.“ Der Fokus liegt auf der „Wechselbeziehung zwischen Sprachgebrauch bzw. sprachlichem Handeln und der gesellschaftlich-politischen Wirklichkeit,“ aus einer multi- und interdisziplinären Perspektive gesehen. Die Tagung richtet sich nicht nur an ein Fachpublikum, sondern ist auch gedacht für Politiker, Journalisten und grundsätzlich Interessierte. (morgenweb.de)


2. Unser Deutsch

MPK

In der Corona-Krise werden auch Institutionen sichtbar, die bisher nur im Verborgenen blühten. Zu ihnen gehört die Ministerpräsidentenkonferenz, meist abgekürzt als MPK nach den Erstbuchstaben der drei Glieder der Zusammensetzung. Solche Abkürzungen ersetzen zunehmend die Bandwurmbezeichnungen vieler Behörden. Was den Briefkopf schmückt, versagt in der Alltagskommunikation. Intern ist die MPK schon lange bekannt als ein inoffizielles Gremium der Bundesländer, das deren Interessen gegenüber dem Bund vertritt. Ähnliche länderübergreifende Einrichtungen gibt es für viele Ministerien wie Inneres, Gesundheit, Wirtschaft, welche intern als IMK (Gesundheitsministerkonferenz), GMK, WMK und so weiter firmieren. Die GMK diente bereits mehrmals der Absprache von Abwehrmaßnahmen gegen die Covid-19-Pandemie untereinander und mit der Bundeskanzlerin. Als problematisch haben viele Beobachter empfunden, dass dabei Regeln aufgestellt wurden, ohne dass die zuständigen Parlamente in Bund und Ländern beteiligt wurden. Und wenn dies nachträglich geschah, blieb wenig Spielraum, das Vereinbarte zu korrigieren.

Das gleiche Problem war bereits bei der sogenannten Rechtschreibreform aufgetaucht, als die Kultusministerkonferenz, als KMK bekannt, neue Schreibregeln für Schulen und Behörden verordnete, ohne dass die Parteien in den Parlamenten darüber diskutieren und bestimmen durften. Mit ihnen waren auch alle Betroffenen, die Journalisten und Buchautoren, die Lehrer und Schüler in Schulen und Hochschulen, die Verlage und Druckereien und natürlich die gesamte Leserschaft der deutschen Sprache ausgeschlossen.

Eingeführt wurden diese Behörden bereits in der 50er Jahren. Anfangs waren sie vielleicht wirklich Konferenzen, also ‚Besprechungen mehrerer Personen über fachliche Fragen‘. Aus befristeten Zusammenkünften sind inzwischen ansehnliche Behörden mit fester Adresse und großem Mitarbeiterstab geworden. Die KMK zum Beispielresidiert seit 2009 in einem repräsentativen vierstöckigen Gebäude in Berlin, Taubenstraße 10. Nur einmal im Jahr ist die KMK wieder echte Konferenz, wenn die Kultusminister zusammenkommen, um ihre vorbereiteten Vereinbarungen abzusegnen.

Auch die jüngsten Zusammenkünfte der MPK mit der Bundeskanzlerin waren echte Konferenzen. Dahinter verbirgt sich jedoch eine Institution, die im Grundgesetz nicht vorkommt, ebenso wenig wie die KMK, die IMK, die GMK, die WMK usw. All diese Abkürzungen täuschen eine Legitimität vor, welche diese Einrichtungen garnicht besitzen. Schlimm, dass wir sie trotzdem brauchen.

Horst Haider Munske

Der Autor ist Professor für Germanistische Sprachwissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Vereins Deutsche Sprache e.V. Ergänzungen, Kritik oder Lob können Sie schicken an: horst.munske@fau.de


3. Kultur

Gesetz in Österreich auf Slowenisch

In Österreich ist erstmals ein Gesetz auch auf Slowenisch veröffentlicht worden. Darin wird ein Zuschuss an das Land Kärnten für die Förderung der slowenischsprachigen Bevölkerung beschlossen. „Österreichs Stärke war immer seine Vielfalt. (…) Dies ist ein wichtiges Zeichen gegenüber den Kärntner Sloweninnen und Slowenen, deren Identität mit diesem Gesetz und den damit verbundenen Förderungen gestärkt werden soll“, sagte Vizekanzler Werner Kogler (Grüne) laut Der Standard. Der Zuschuss wurde vor dem Hintergrund des 100-Jahr-Jubiläums der Kärntner Volksabstimmung bewilligt – nach dem 1. Weltkrieg hatte sich die Mehrheit der Menschen in Südkärnten dafür ausgesprochen, zu Österreich zu gehören. (derstandard.at)


4. Denglisch

Simulation von Kompetenz

Der Autor und Journalist Thomas Tuma beschäftigt sich in seiner Kolumne humorvoll und treffend mit den Blüten des sogenannten Business-Denglisch. So diene das Wort learning eher dazu, Fehler zu vertuschen, als einen Wissenszuwachs anzuzeigen. Mittlerweile versinke man in denglischen Begriffen wie in einem Moor, so Tuma. Fachsprachen seien dabei für bestimmte Kommunikationssituationen zwar nötig, aber Denglisch-Sprecher „wollen gar nichts erklären, sondern eher verschleiern, was sie ohnehin nicht zu sagen haben.“ Die Verbreitung des Denglischen in der Wirtschaft gehe von der Werbesprache der 1970er aus, „die nach und nach alle Abteilungen und Hierarchieebenen infiziert“ habe.

Davon sei selbst der imaginierte Pförtner betroffen, der nun „den Bottleneck der Traffic-Spitzen an seiner Drehtür jeden Tag neu challengen und die Painpoints seiner Customer kennen“ müsse.

Tuma betont, es gehe ihm nicht um „Sprach-Nationalismus“, sondern um die mit dem Denglischen verbunden Zuschreibungen „Bildung“, „Internationalität“ und die „Zugehörigkeit zu einer Leistungs-Sonderklasse.“ So diene Business-Denglisch nicht der Verständigung, vielmehr sei es eine Form von „sehr elitäre[r] Ausgrenzung“. Kern dieser Sprachverirrung sei die „soziale Differenzierung“. Ein Verbot sei zwar nicht nötig, sie „ab und an zu hinterfragen, kann aber schon helfen.“ (Hinter Bezahlschranke: handelsblatt.com)


Jetzt wieder einheimisch

Eine schöne Nachricht aus dem oberbayrischen Rosenheim. Das Unternehmen Cityguide Rosenheim, welches ein regionales Internetportal betreibt, benennt sich in Stadttipps Rosenheim um. Grund sei die regionale Ausrichtung des Unternehmens, die verbunden mit „der Liebe zum Regionalen“ zu einer bewussten „Entscheidung zur deutschen Sprache“ geführt habe, so Inhaberin Silke Graf. (rosenheim24.de)


Der VDS-Infobrief enthält Neuigkeiten der vergangenen Woche zur deutschen Sprache. Männer sind mitgemeint, das Gleiche gilt für andere Geschlechter. Namentlich gekennzeichnete Beiträge spiegeln mitunter die Meinung der Redaktion.

Redaktion: Dorota Wilke, Frank Reimer

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