Infobrief vom 20. Februar 2021: Austragendes und nicht-gebärendes Elternteil

1. Presseschau

Austragendes und nicht-gebärendes Elternteil

Bild: Alexandra H. / pixelio.de

Eine australische Universität schafft die Wörter „Mutter“ und „Vater“ ab. Stattdessen soll im Rahmen der Universität ab sofort nur noch vom „austragenden Elternteil“ und vom „nicht-gebärenden Elternteil“ die Rede sein. Einmal angefangen, hört der Spuk nicht auf – denn zur Geburt gehört noch eine ganze Reihe anderer Begrifflichkeiten, die einem bestimmten Geschlecht zugesprochen werden. Das Handbuch des Gender Institute der Australian National University hält ebendies für ungerecht und schlägt auch für den Begriff „Muttermilch“ eine Alternative vor: „Menschenmilch“ („Human Milk“). Herkömmliche Ausdrücke würden die Personen ausschließen, die sich nicht mit binären Geschlechtern identifizieren.
Auch an Universitätskrankenhäusern in Großbritannien gibt es ähnliche Bestrebungen. Neben der „Muttermilch“ soll hier auch der Ausdruck „die Brust geben“ ersetzt werden. Statt des englischen „Breastfeeding“ soll es künftig „Chestfeeding“ heißen. Kritik gab es von dem bekannten TV-Moderator Piers Morgan in seiner „Good Morning Britain“-Show. Er hatte eine Nachricht einer Transperson vorgelesen, die selbst die neuen Sprachregelungen ablehnte, und hinzugefügt: „Das ist Nonsens und […] hat den gegenteiligen Effekt von dem Gewünschten. Es nervt und verärgert die Leute, das bringt keine Inklusion.“ Man könne Hebammen nicht vorschreiben, nicht mehr „die Brust geben“ zu sagen, wenn doch 99 Prozent aller Stillenden „die Brust geben“. Einige Universitätskrankenhäuser stellten jedoch klar, dass man die herkömmlichen Wörter nicht abschaffen, sondern nur ergänzen wolle. (focus.de, die-tagespost.de)


Sprache und Zuschreibung

Sprache kann Wirklichkeit schaffen. Die Art und Weise, wie wir etwas versprachlichen, hat Einfluss auf unsere Weltsicht. Dabei kann es durch unreflektierten Sprachgebrauch zur Reproduktion und Verstärkung von Stereotypen kommen, wie Alexander Mavroudis betont. Der Leiter der Koordinierungsstelle des Landschaftsverbands Rheinland (LVR) sieht vor allem Begriffe wie „sozial schwach“, „bildungsfern“ oder die Abqualifizierung ganzer Quartiere zu „Brennpunkten“ als kritisch. „Sozial schwach“ zu sein, werde dabei oftmals mit mangelnder sozialer Kompetenz oder mangelndem Integrationswillen in Verbindung gebracht. Hier seien aber keine Zusammenhänge herzustellen, denn: „Ob ich ein sozial denkender Mensch bin, hat nichts damit zu tun, wie viel Geld ich zur Verfügung habe“, so Mavroudis. Auch würden strukturelle Probleme außer Acht gelassen, wodurch eine „Eigenschuld“ der Betroffenen betont werde. Ähnlich verhalte es sich beim Begriff „bildungsfern“. Hier werde ein Konzept auf die schulische Laufbahn reduziert. Eine Reduktion, die Mavroudis kritisch beurteilt, denn Bildung finde auch in außerschulischen Kontexten statt und viele „Eltern bemühen sich trotz der prekären Lebensverhältnisse enorm, ihren Kindern viel zu ermöglichen.“ Um gewisse Vorurteile nicht weiter zu verstärken, sei es notwendig, die Zusammenhänge und ursächlichen Problemlagen sprachlich präzise zu benennen und gleichzeitig Lösungsansätze zu suchen. (ksta.de)


Vom Fräulein zur Frau

„Mein liebes Fräulein“ – eine solche Anrede wird heutzutage größtenteils nur noch neckisch und mit ironischem Unterton verwendet. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts war das aber anders. „Fräulein“ galt als Anrede für Kellnerinnen und markierte die Ehelosigkeit der Frau. Das erste offizielle Plädoyer für die Abschaffung des Ausdrucks verfasste 1952 eine Leserin des CDU-Parteiblatts Union in Deutschland. Von da an dauerte es noch weitere 20 Jahre, bis sich etwas tat: Am 16. Februar 1971 – vor genau 50 Jahren – wurde die Anrede „Fräulein“ offiziell aus dem Amtsverkehr getilgt.
Vergleicht man die Debatte um das „Fräulein“ mit der heutigen Gender-Diskussion, fällt eine interessante Parallele ins Auge. In beiden Fällen geht es um die Frage, wie generisch Personenbezeichnungen sein müssten. Soll eine Bezeichnung bereits ein bestimmtes Persönlichkeitsmerkmal preisgeben? Die Ansichten zwischen damals und heute unterscheiden sich. Während damals die sprachliche Markierung eines Merkmals, nämlich das des Personenstands der Frau, kritisiert und letztlich abgeschafft wurde, ist es heute genau umgekehrt: Die ständige sprachliche Markierung eines Merkmals, nämlich das des Geschlechts, wird gefordert. (deutschlandfunk.de)


Wer zögert, der lügt?

Eine im „Journal of Personality and Social Psychology“ veröffentlichte Studie legt zumindest einen solchen Zusammenhang nahe. Laut Forschern der Grenoble École de Management beeinflusse die Dauer des Zögerns bei der Beantwortung einer Frage als wie glaubwürdig eine Antwort aufgefasst werde. „Die Bewertung der Aufrichtigkeit anderer Menschen ist ein allgegenwärtiger und wichtiger Teil sozialer Interaktionen“, so einer der Autoren Ignazio Ziano. Gerade bei Gerichtsverhandlungen oder Verhören durch staatliche Stellen könne eine verzögerte Reaktion besonders schwerwiegende Konsequenzen haben. Die Experimente, bei denen die Antwortzeit zwischen einer sofortigen Antwort und zehn Sekunden lag, wurden mit 7500 Teilnehmern durchgeführt. Bereits kleine Verzögerungen von zwei Sekunden erwiesen sich als ausreichend, dass die Probanden eine Antwort als weniger glaubwürdig ansahen. (stuttgarter-nachrichten.de)

2. Unser Deutsch

Mieter, der

Das harmlose Wort ist in das Getümmel des Genderstreits geraten. Wieso? Der neue Online-Duden hat ihm ein neues Kleid verliehen und mit ihm unzähligen weiteren sogenannten Personenbezeichnungen im deutschen Wortschatz. Der Mieter wird jetzt so definiert: „Substantiv, maskulin – männliche Person, die etwas mietet.“ Das ist nicht falsch, denn Mieter können auch Männer sein, aber es ist unzureichend. Es fehlt die allgemeine Bedeutung ‚jemand, der etwas gemietet hat‘, wie sie das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften anführt. Ebenso übrigens das ausführliche Deutsche Universalwörterbuch des Dudenverlags. Diesen ‚generischen Gebrauch von Mieter findet man insbesondere bei Zusammensetzungen wie Mieterverein und Mieterversammlung.

Nach Meinung des Online-Dudens gibt es dort, entsprechend der Definition von Mieter, nur Männer. Das war wohl nicht bedacht. Man sieht vielmehr, dass selbst die Redakteure und Redakteurinnen des Dudenverlags den generischen Gebrauch benötigen. Er ist fest verankert im deutschen Sprachgebrauch, ein praktisches Verfahren, Personen beiderlei Geschlechts nach allgemeinen Merkmalen zu benennen. Das sollen Wörterbücher dokumentieren. Ob oder wie man gendert, das haben sie der Sprachgemeinschaft nicht vorzuschreiben.
Was treibt den Duden zu solchen sprachwidrigen Änderungen bewährter lexikographischer Praxis? Er belauscht den Zeitgeist und dient sich ihm an. Schon im neuesten gedruckten Duden hatte er allen Personenbezeichnungen eine weibliche Form beigefügt, von Dachdeckerin über Fagottistin bis Zaudrerin. Schlimmeres bringt ein Blick in die Vergangenheit zu Tage. Bereits ein Jahr nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten nahm er aktuellen Wortschatz auf: Blockwart, Sippenhaft, erbgesund, Untermensch. Die meisten sind heute getilgt. So kann man hoffen, dass auch die jüngsten Irrwege keinen Bestand haben. Denn die deutsche Sprache befindet sich nicht im Duden, sondern im Sprachvermögen und der Sprachpraxis von über 80 Millionen Muttersprachlern.

Horst Haider Munske

Der Autor ist Professor für Germanistische Sprachwissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Vereins Deutsche Sprache e.V. Ergänzungen, Kritik oder Lob können Sie schicken an: horst.munske@fau.de

3. Kultur

Personalisierte Musik durch Sprachanalyse

Tonfall, Lautstärke und Tempo unserer Sprache geben oft Aufschluss über unsere Stimmung. Der Musikstreaming-Dienst Spotify hat daraus bereits 2018 eine Idee entwickelt: Per Sprachanalyse soll der Gemütszustand des Nutzers erkannt werden, sodass ihm die passende Musik vorgeschlagen werden kann. „Intonation, Stress, Rhythmus und ähnliche Spracheinheiten“ sollen Hinweise darauf liefern, ob der Nutzer glücklich, wütend, traurig oder neutral eingestellt ist. Hintergrundgeräusche sollen außerdem verraten, ob der Nutzer gerade allein oder in Gesellschaft ist. Eine offizielle Ankündigung seitens Spotify gebe es aber noch nicht, so ein Unternehmenssprecher. Das Patent für die Sprachanalyse sei eingereicht und genehmigt, ob es aber letztlich umgesetzt werde, sei unklar. (netzwelt.de, futurezone.at)

4. Berichte

Internationaler Tag der Muttersprache

Sprache schafft Gemeinschaft. So sorgt die Muttersprache einer Gesellschaft für deren Zusammenhalt. Sie ermöglicht Kommunikation und inkludiert Menschen, die neu in ein Land kommen und sich der Gemeinschaft anschließen. Anlässlich des Internationalen Tags der Muttersprache am 21. Februar macht der Verein Deutsche Sprache darauf aufmerksam, wie wichtig es ist, sich in seiner Muttersprache artikulieren zu können. „Gefühle, Ideen, Sorgen – all das können wir in unserer Muttersprache am besten ausdrücken“, so Prof. Walter Krämer, Vorsitzender des VDS. Die Muttersprache sorge dafür, dass wir miteinander in Kommunikation treten – und das mit dem geringstmöglichen Reibungsverlust.
Jedoch sollten auch Möglichkeiten zur Mehrsprachigkeit genutzt werden, denn Muttersprache und Mehrsprachigkeit ergänzen sich sehr gut. Jedes fünfte Kita-Kind spricht zu Hause eine andere Sprache als Deutsch, dennoch stellt die Kommunikation auf Deutsch außerhalb der eigenen vier Wände für diese Kinder kein Problem dar. Diese „Chance auf Weltoffenheit und Lernen“ müsse genutzt und stetig ausgebaut werden, sagt Krämer. „Mehrsprachigkeit ist ein Geschenk, sie öffnet Türen, die uns sonst verschlossen blieben.“ (vds-ev.de)


5. Denglisch

Mehr Anglizismen hinterfragen

Ein weiterer Aspekt, auf den der Verein Deutsche Sprache im Zuge des Internationalen Tags der Muttersprache aufmerksam macht, ist die Nutzung von Anglizismen. Aus Sicht des VDS soll Deutsch als Sprache wieder mehr geschätzt werden. Anglizismen, für die es bessere und prägnantere Wörter im Deutschen gibt, sollten häufiger hinterfragt werden. Nicht jeder wisse, was „Sale“ bedeute, und statt „Member“ könne jemand auch einfach als „Mitglied“ bezeichnet werden, so Prof. Walter Krämer. „Das Deutsche bietet mannigfaltige Möglichkeiten, sich auszudrücken – man muss sie nur ergreifen und sich nicht von der Werbung einlullen lassen.“ (vds-ev.de)


Der VDS-Infobrief enthält Neuigkeiten der vergangenen Woche zur deutschen Sprache. Männer sind mitgemeint, das Gleiche gilt für andere Geschlechter. Namentlich gekennzeichnete Beiträge spiegeln mitunter die Meinung der Redaktion.

Redaktion: Alina Letzel, Frank Reimer

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