Infobrief vom 23. Januar 2020: Wort, komm raus!

1. Presseschau

Wort, komm raus!

Bild: Timo Klostermeier / pixelio.de

Wie heißt das denn noch? Das Ding … Mensch, na, das … haaaaach! Es liegt uns auf der Zunge, will uns aber partout nicht einfallen. Das ist lästig und ärgerlich. Schuld ist der Weg vom Sprachzentrum im Gehirn zum Sprechapparat, dem Mund. Auf dem Weg kann es zu kleinen Fehlern bei der Übertragung kommen, und diese manifestieren sich dann zum Beispiel in verwechselten Buchstaben oder Silben, oder eben auch mit dem Phänomen, dass ein Wort gar nicht erst weiterkommt. Verschiedene Ebenen, die im Gehirn abgefragt werden, bevor ein Wort ausgesprochen wird, arbeiten kurzzeitig nicht korrekt zusammen. Das sei aber nicht ungewöhnlich, haben Experimente in einem Sprachlabor gezeigt. Solche „Fehlschaltungen“ seien normal und träten in allen Sprachen auf. (spektrum.de)


Rassistischer Ortsname

Über die knapp 1.000 Einwohner zählende Gemeinde Mohrkirch im Landkreis Schleswig-Flensburg liest man selten in der überregionalen Presse. Nun dürfen sich die Dorfbewohner dem Vorwurf ausgesetzt sehen, der Name ihres Dorfes habe einen rassistischen Beiklang. Zu dieser Vermutung kommt der Berliner Anglistikprofessor Anatol Stefanowitsch, weil das Wort „Mohr“ im Namen vorkommt, welches seiner Meinung nach rassistisch ist. „Der Mann hat wahrscheinlich gegoogelt und ist dann auf uns gestoßen“, mutmaßt Mohrkirchs Bürgermeister Michael Haushahn im Flensburger Tageblatt. Stefanowitsch liegt gleich doppelt falsch: Der Name des Dorfs geht zurück auf das dänische Wort mår (Marder).

Bezahlschranke: shz.de.


Linguistik ohne Sprache

Nachgereicht wird hier noch eine Zusammenfassung eines ganzseitigen Artikels des Potsdamer Sprachwissenschaftlers Peter Eisenberg in der F.A.Z. vom 8. Januar. Darin liest er den Vertretern der „Genderlinguistik“ und besonders der Duden-Redaktion die Leviten. „Der Duden bildet sich offenbar ein, er könne auf diese Weise den allgemeinen Sprachgebrauch manipulieren, um dann festzustellen, der Gebrauch habe sich verändert und er folge ihm.“ Die gendernden Sprachwissenschaftler entzögen ihrer Disziplin den Forschungsgegenstand, die Sprache. „Denn wo bleibt eine Disziplin, die ihren Gegenstand erst einmal politisch zurichtet, statt ihn zu bearbeiten, wie er ist“, so Eisenberg.

Teilaspekte der Gendersprache nimmt sich Eisenberg aus sprachwissenschaftlicher Sicht einzeln vor: Das Gendersternchen habe keine sprachliche Funktion, es vermittle ausschließlich die Einstellung seiner Anhänger, „das Einfordern einer Unterwerfungsgeste“. Eisenberg unternimmt sogar den Versuch, das Gendersternchen sprachstrukturell einzuordnen, kommt aber zu dem Schluss: Grundlegende sprachliche Formmittel des Deutschen und universelle Silbenbaugesetze würden hier außer Kraft gesetzt. „Wer überhaupt sprachliche Fakten anerkennt, gelangt zu dem Schluss, dass die Verwendung von Stern und vergleichbaren Zeichen schon aus sprachinternen Gründen sowohl im Geschriebenen als auch im Gesprochenen zu unterbleiben hat.“ Beim Einsatz des substantivierten Partizips (Mitarbeitende) solle ein grammatischer Wandel erzwungen werden, den es in der Sprache nicht gibt. Und das generische Maskulinum heißt deswegen generisch, weil es sich bei Personenbezeichnungen nicht auf das natürliche Geschlecht bezieht. Das beweise ein Satz wie „Die meisten Leser von Christa Wolf sind Frauen.“

Eisenberg erklärt auch noch einmal ausführlich den Begriff Markiertheit und warum die Versuche der Genderlinguistik, sich geschlechtsneutral auszudrücken, untauglich sind. Er schließt mit diesen Worten: „Richtig ist, dass die Etablierung eines generischen Maskulinums im Deutschen historisch mit der gesellschaftlich absolut dominanten Rolle des Mannes begründet ist. Die kann und sollte man ändern, aber nicht gegen die Sprache, sondern mit ihr. Allein sprachliche Aufmerksamkeit wäre die halbe Miete. Das generische Maskulinum wird uns noch eine Weile erhalten bleiben, gerade weil es und nur es sexusneutral ist.“

Bezahlschranke: faz.net.


Wirtschaftswort des Jahres gesucht

Das Unternehmermedium „Die Deutsche Wirtschaft“ hat die Wahl zum Wirtschaftswort des Jahres ausgerufen. Dabei stehen sich Wörter zur Wahl, die das vergangene Jahr auf wirtschaftlicher Ebene besonders geprägt haben, wie zum Beispiel Home Office, Systemrelevanz oder Digitalisierungszwang. „Mit dem Wirtschaftswort des Jahres sollen die Menschen dafür sensibilisiert werden, wie bedeutend der Einfluss der Sprache auch auf dem Feld der Wirtschaft ist“, sagt Mit-Initiator Armin Reins. (die-deutsche-wirtschaft.de, wirtschaftswort-des-jahres.de)


2. Unser Deutsch

Impfen

Dies Wort und die ganze Wortfamilie von Impfung bis Impfling Impfstoff, Impfnadel, Impfarzt, Impfnarbe, Impfpass, Impfschutz, Impfpflicht, Impfschaden, Impfverweigerer usw. wird im Jahre 2021 zu den meistgebrauchten Wörtern des Deutschen aufsteigen. Der Sprachwissenschaftler kann hierzu nichts Neues, auch nichts Kritisches beitragen, aber erinnern an die lange Vorgeschichte dieses Wortes, welche bis ins Altertum zurückreicht.

Das althochdeutsche Verb impfōn ist schon seit dem 9. Jahrhundert belegt, entlehnt aus vulgärlateinisch imp(e)tare < lateinisch imputare ‚propfen‘, das seinerseits sein Vorbild in griechisch ̕εμφυτεύω ‚hineinpflanzen‘ hat. Das Okulieren in der Obstkultur hat also eine lange Tradition. Der Lautwandel von lat. p zu ahd. pf in impfen zeigt an, dass das Wort schon vor der hochdeutschen Lautverschiebung, also in der Begegnung germanischer Völker mit den römischen Besatzern an Rhein und Mosel, Main und Donau, entlehnt wurde. Damals wurde die mediterrane Obst- und Weinkultur importiert und mit ihr der betreffende Wortschatz. Eingeführt wurden u. a. Birne (ahd. bira aus lat. pira), Kirsche (ahd. kirs(a) aus lat. cerasus aus griechisch κέρασος), Pfirsich (ahd. pfersich aus mittellat. persica, ursprünglich ‚persische (Frucht)‘, Pflaume (ahd. pflūma/ pfrūma aus griech. προύνη) sowie das Verb pfropfen (Ableitung zu ahd. propfa ‚Ableger‘ aus lat. propāgo). Zum Wein-Wortschatz gehören Wein (ahd. wīn aus lat. vīnum), Winzer, Weinzierl (ahd. wīnzuril aus lat. vīnitor), Most (ahd. most aus lat. mustium (vīnum) ‚junger Wein‘), Essig (ahd. ezzīh aus lat. *acētum zu acidus ‚sauer‘), Kelter (ahd. kalc(a)tura aus lat. calcātūra zu calcāre ‚treten‘) und viele andere. Soweit der kulturgeschichtliche Hintergrund.

Die heutige vorwiegende Bedeutung ist erst seit dem 18. Jahrhundert belegt und hängt mit der Einführung der Pockenschutzimpfung zusammen. Damals wurden zunächst kleine Impfmesser verwendet, die jenen aus der Obstkultur ähnelten. Das führte zur Einführung des Wortes impfen auch für die medizinische Verwendung. Das gleichbedeutende inokulieren (auch engl. inoculate aus lat. inoculāre) wurde schließlich auf den ursprünglichen Gebrauch in der Gartenkultur eingeschränkt, während impfen nun fast nur noch ‚immun machen‘ bedeutet. Die therapeutische Zielsetzung macht jetzt den Kern der Bedeutung aus, zumal die Technik des Einschneidens inzwischen durch die Spritze ersetzt wurde. So ist schließlich der sachliche Zusammenhang der beiden aus der mediterranen Obst- und Weinkultur stammenden Verben verloren gegangen. Okulieren blieb ein Fachwort der Gartenkultur, impfen ist in den Kernwortschatz des Deutschen vorgerückt und zur Basis einer großen Wortfamilie geworden.

Übrigens wurde impfen schon früh übertragen gebraucht. Im ‚Tristan‘ (Gottfried von Straßburg, um 1210) heißt es über Heinrich von Veldeke: er imphete daz erste ris in tiutischer zungen. Heute können auch Ideologien zum Impfstoff werden. Sie immunisieren manchen gegen Gebote der Vernunft und des Gemeinsinns. Sie impfen gegen das Impfen.

Horst Haider Munske

Der Autor ist Professor für Germanistische Sprachwissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Vereins Deutsche Sprache e.V. Ergänzungen, Kritik oder Lob können Sie schicken an: horst.munske@fau.de


3. Kultur

Russisch wird verdrängt

Das Russische wird in den Republiken der ehemaligen Sowjetunion zunehmend verdrängt. Der Autor Roland Bathon schreibt auf freitag.de, dass daran nicht die fehlende Attraktivität der Sprache schuld sei, sondern es handele sich staatlich verordnete Maßgaben. In der Ukraine darf der Dienstleistungssektor seine Angebote nur noch dann auf Russisch anbieten, wenn explizit danach gefragt wird – dabei sind viele Regionen in der Ukraine mehrheitlich von russischen Muttersprachlern bewohnt. In Lettland wurde Lettisch an den Schulen als Unterrichtssprache installiert. Dabei sei es sinnvoll, so Bathon, wenn in Ländern, in denen Menschen Russisch als Muttersprache kennen, diese Sprache auch frei gesprochen werden darf. Sie sei eine Bereicherung und ein Schutz von Minderheiten zugleich. (freitag.de)


4. Berichte

Duden-Aufruf

Mehr als 10.000 Unterschriften in nur fünf Tagen – mit dieser Resonanz auf den Aufruf gegen den Duden hat selbst der VDS nicht gerechnet. „Besonders freut mich der große Zuspruch aus den Universitäten“, so der VDS-Vorsitzende Prof. Walter Krämer, „Aber auch viele Journalisten, Schriftsteller und Verlagslektoren teilen unsere Sorgen.“ Bemerkenswert sei aber auch die feste Verankerung des Aufrufs in allen anderen Schichten der Bevölkerung: Fürstinnen und Dolmetscherinnen, Küster und Kurienkardinäle, Richter und Staatsanwälte, Architekten, Ingenieure, Ärzte, Krankenpfleger, zahlreiche Diplomaten, überraschend viele Unternehmer, aber auch einfache Bauarbeiter, Handwerker, Polizisten, Soldaten, Lehrer, Schüler haben unterschrieben. Das macht deutlich, dass der Duden mit seinem Vorstoß zur Sexualisierung des Deutschen (Mieter – eine männliche Person, die mietet) keine Basis in der Bevölkerung hat. „Der Duden hat lange als Standardwerk in Sachen Sprache gegolten, jetzt ist er dabei, seinen einstmals guten Ruf zugunsten einer Ideologie ohne Hand und Fuß aufzugeben“, sagt Krämer. Zu dem Online-Wörterbuch des Duden gibt es eine ergiebige Alternative, das Digitale Lexikalische System der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften: DWDS. (vds-ev.de, dwds.de)


5. Denglisch

Englisch im Bett

„Deutsches Bettgeflüster hat irgendwie nichts Attraktives an sich“, schreibt eine Nutzerin auf der Plattform Reddit. Sie liebe zwar die deutsche Sprache, sexy sei diese aber nicht gerade. Unter ihrem Beitrag entfacht sich eine Diskussion, es gibt viel Zustimmung. Es scheint: Im Bett wird lieber Englisch gesprochen. Aber woran liegt das? Die Sexualberaterin Katrin Lukas hat in ihrer Praxis immer wieder mit diesem Phänomen zu tun. Die Schwierigkeit bestehe vor allem darin, dass die meisten Menschen nicht wissen und nie gelernt haben, wie sie ihre Lust, ihre Wünsche und ihr Begehren ausdrücken sollen. „Die Angst davor, missverstanden zu werden, sich zu blamieren oder gar abgelehnt zu werden, ist der größte Hemmfaktor“, so Lukas. Durch eine Fremdsprache lasse sich Distanz zum Gesagten aufbauen. Das sei der Grund dafür, dass viele Menschen lieber auf englische Formulierungen ausweichen. (20min.ch)


Der VDS-Infobrief enthält Neuigkeiten der vergangenen Woche zur deutschen Sprache. Männer sind mitgemeint, das Gleiche gilt für andere Geschlechter. Namentlich gekennzeichnete Beiträge spiegeln mitunter die Meinung der Redaktion.

Redaktion: Holger Klatte, Alina Letzel, Dorota Wilke

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