Infobrief vom 21. Mai 2022: Urheberrecht wichtiger als Gendern

1. Presseschau

Urheberrecht wichtiger als Gendern

Ein Verlag darf ohne Zustimmung des Autors seinen Text nicht gendern – so hat diese Woche ein Verfahren vor dem Hamburger Landgericht geendet. Sabine Mertens – Autorin, Coach und Leiterin der AG Gendersprache im VDS – hatte gegen den Verlag managerSeminare (Bonn) geklagt. Dessen Zeitschrift Training aktuell hatte aus „Zeichner“ (im Sinne von „jemand der mit Stift und Papier zeichnet oder gezeichnet hat“) eine „zeichnende Person“ gemacht. Mertens hatte den Verlag mehrfach darauf hingewiesen, keine Änderungen zugunsten des Genderns zulassen zu wollen. Trotz seiner Zusage, den Artikel in der eingereichten Form abzudrucken, hat ihn der Verlag nach Freigabe durch die Autorin in der Endversion „gendergerecht“ verändert. Der Richter habe bereits zu Beginn der Verhandlung klargestellt, dass eine konkrete Klage auf Einhaltung des Urheberrechts gute Aussichten auf Erfolg habe, so Mertens; es sei unstrittig, dass hier gegen das Urheber- und Persönlichkeitsrecht verstoßen wurde. Er schlug daher genau den Vergleich vor, den die Klägerin dem Verlag bereits vorher als außergerichtliche Einigung über ihren Anwalt vorgeschlagen hatte: Die betreffenden Stellen werden im Online-Angebot des Verlages in den Originalzustand zurückversetzt, die Beklagten müssen 4/5 der Prozesskosten tragen. „Das ist ein guter Tag für das Urheberrecht und die Freiheit des Autors“, so Mertens. „Das ist ein Erfolg auf ganzer Linie“, sagt der Vorsitzende des VDS, Prof. Walter Krämer, „es zahlt sich aus, gegen die ideologisch getriebene Gendersprache vorzugehen und sich nicht kleinkriegen zu lassen.“ Der VDS hat die Klage gegen die Zeitschrift unterstützt. (vds-ev.de, lto.de)


Sprache zwischen Vernunft und Gefühl

Manfred Schneider geht in seinem Artikel für die Neue Zürcher Zeitung der Frage nach, ob der Sprachgebrauch subjektiver wird. Er bezieht sich auf große Datenerhebungen, die seit 1980 einen Anstieg gefühlsbezogener Wörter in unserem Sprachgebrauch feststellen. Diese von Beobachtern der sozialen Medien geteilte intuitive Wahrnehmung mag die Vermutung stützen, „dass sich mit der Netzkommunikation weite Teile unserer Welt, die von Denken und Sprechen getragen werden, immer erfolgreicher gegen vernunftgeleitete Argumente zu immunisieren suchen.“ Rationalitätsbezogene und auf die Allgemeinheit fokussierte Wörter werden immer weniger verwendet, stellten Forscher um den niederländischen Ökologen Marten Scheffer fest. Schneider deutet die Befunde in seinem Beitrag auf unterschiedliche Weise. Friede, Diplomatie und Ausgleich seien zunehmend Herzenssache und die Abkehr von technischer Rationalität im Sprachgebrauch ein Anzeichen dafür, dass sich ein Mentalitätswandel ereignet. Kennzeichnend sei, dass in den letzten 40 Jahren deutlich mehr weibliche Stimmen in den Medien anzutreffen sind, auch damit lasse sich der veränderte Sprachgebrauch begründen. Die Studienergebnisse erlauben Rückschlüsse auf den Zeitgeist. Die „Abkehr“ von der Vernunft fordere dazu auf, den Sprachgebrauch zwischen Rationalität und Emotionalität weiter zu untersuchen. Der Ausgang aus der selbstprogrammierten Unmündigkeit liege jedenfalls in der – Aufklärung. (nzz.ch)


2. Gendersprache

Stadt Mönchengladbach bezweifelt Lesefähigkeit des VDS

Vor zwei Wochen berichteten wir über den Offenen Brief des VDS an den Oberbürgermeister von Mönchengladbach. Dieser hatte über die Allgemeine Geschäftsanweisung den Genderleitfaden der Stadt als Grundlage für den Schriftverkehr festgelegt. Der VDS kritisierte diese durch die Hintertür eingeführte Genderpflicht. In der Rheinischen Post beschwichtigt Oberbürgermeister Felix Heinrichs: „Es geht um eine Geisteshaltung, Gleichberechtigung spielt eine große Rolle.“ Niemand in der Verwaltung solle zur Verwendung des Gendersternchens erzogen werden, ergänzte der Pressesprecher der Stadt Dirk Rütten (was angesichts der Tatsache, dass auf sechs Seiten des Genderleitfaden viermal der Hinweis „Gendersternchen nicht vergessen“ steht, wenig glaubwürdig erscheint). Die Stadt stehe hinter ihrer Entscheidung, Kritik habe es damals bei der Einführung nur vereinzelt gegeben, der Großteil der Rückmeldungen sei positiv gewesen. Der VDS würde nur eine Pauschalkritik äußern, hätte den Genderleitfaden vermutlich nicht einmal gelesen. (rp-online.de  (Bezahlschranke))


Sprachgendern keine Lösung gegen Diskriminierung

Gendern ist das unterschwellige Bedienen alter Muster aus einer Zeit ohne Gendern. Zu diesem Schluss kommen die Soziologen Armin Nassehi und Irmhild Saage in einem Gastbeitrag in der FAZ. Während noch bis in die frühen 1970er die Rollenverteilungen der Geschlechter recht eindeutig gewesen seien, hätten sich in den letzten Jahrzehnten Handlungs- und Sichtweisen herausgebildet, die solche Geschlechterrollen hinterfragen. Als Beispiel nennen beide das „Doktor-Krankenschwester-Spiel“, das der Psychiater Leonard Stein 1969 kurz gefasst so beschrieb: Die Krankenschwester flüstert dem Arzt wichtige Informationen und Hinweise zur Behandlung des Patienten ins Ohr; der Arzt übernimmt dieses Wissen, als sei er der Autor und wirkt kompetent. Spielt die Krankenschwester das Spiel „richtig“, wird auch sie als kompetent anerkannt, ihr Geschlecht wird nicht weiter thematisiert, sondern vorausgesetzt. Beansprucht jedoch sie die Autorschaft für ihre Sätze, wird sie diskreditiert als lächerliches Mannweib.
Diese Geschlechterverteilung sei über Jahrhunderte nicht angezweifelt worden, so Nassehi und Saage. Bis heute, denn in Zeiten von Corona sei ganz selbstverständlich von Frauen erwartet worden, zu Hause zu bleiben, die Kinder zu unterrichten und gleichzeitig ihre Arbeit zu machen: „Es war möglich, Frauen als Mütter doppelt in Anspruch zu nehmen, weil hier die Infrastruktur bereits qua Geschichte und Geschlecht vorhanden war.“ Das Erkennen, dass es sich dabei überhaupt um Muster handelt, sei verhältnismäßig neu. Beim Versuch, diese Muster aufzubrechen, werde häufig übersehen, dass damit das Gegenteil erreicht wird. Das zeige sich auch beim Gendern: „Frauen wollen nicht mehr empfehlen, sondern den Männern diktieren, was sie sagen sollen, und die Männer reagieren darauf, indem sie solche Frauen lächerlich machen.“ Der Effekt sei, dass es zu einer Art „Besessenheit“ vom sprachlichen Ausdruck des Geschlechtes kommt: „Man sieht dann nichts anderes mehr.“ Gendersensible Sprache sei nicht geeignet Abhilfe zu schaffen. „Man muss Frauen Karrieren ermöglichen und ihnen Stellen geben, ihre Kompetenz stark machen und strukturelle Barrieren beseitigen.“ Wer damit ernst machen wolle, „dass dem Geschlecht nicht mehr jene disziplinierende Rolle zukommt wie im ‚Doctor-Nurse Game‘, sollte es nicht in jedem Satz sichtbar machen wollen.“ (faz.net (Bezahlschranke))


VHS löscht Gendersternchen

Während viele Städte, Hochschulen und Unternehmen aktuell gar nicht schnell genug „Ja“ zu Gendersternchen, Doppelpunkt und Co. sagen können, macht die Volkshochschule (VHS) Ammersee West eine Rolle rückwärts. Bisher hat die 2020 gegründete Bildungseinrichtung für Erwachsene das Gendersternchen verwendet. Daran störte sich ein Verbandsrat des Zweckverbandes der VHS. Michael Hofmann von der Bayernpartei bemängelte, das Sternchen sei „falsches Deutsch“, wie die Süddeutsche Zeitung berichtet. Man würde „eine sehr umstrittene Ideologie“ verbreiten und sich dem „Zeitgeist“ beugen. Mit acht zu vier Stimmen wurde für den Antrag gestimmt, die Gendersternchen zu verbannen – sehr zur Überraschung der Verbandsrätin Hannelore Baur (SPD): „Dass ein Gemeinderat der Bayernpartei so einen Antrag stellt, ist schon schrecklich, aber dass der Antrag mit Mehrheit übernommen wird, ist für mich als Frau nicht mehr nachvollziehbar.“ Auch die Vertreterin der Grünen, Miriam Anton, war fest davon ausgegangen, dass „dieser unsinnige Antrag abgelehnt wird“. Die VHS-Leiterin sollte selbst entscheiden dürfen, wie sie ihr Programmheft gestaltet. Uttings Bürgermeister Florian Hoffmann, der dem Zweckverband vorsteht, sieht das Gendersternchen beim Lesen problematisch, er bevorzugt die Paarbezeichnung (auch Beidnennung genannt), z. B. „Teilnehmerinnen und Teilnehmer“ – wobei er zu bedenken gibt, dass das für Platzprobleme im gedruckten Text sorgen würde. Die VHS-Leiterin Heike Gerl hat jetzt die Aufgabe, ein Programmheft zu erstellen ohne Gendersternchen – aber gendersensibel, denn darauf wird dennoch Wert gelegt. Viele andere Volkshochschulen halten sich an die Empfehlungen des Bayerischen Volkshochschulverbandes; dieser schlägt als gendergerechte Version den Genderstern oder den Doppelpunkt vor. (sueddeutsche.de)


NDR verfälscht Original-Zitat

Die ukrainischen Musiker des Kalush Orchestra haben mit ihrem Lied „Stefania“, einem Mix aus Rap und Folklore, den diesjährigen Eurovision Song Contest (ESC) gewonnen. Ihr Sänger Oleh Psiuk bedankte sich bei der Siegerehrung bei allen, die für ihn und seine Bandkollegen abgestimmt haben, und machte in seiner kurzen, aber emotionalen Rede klar: „This victory is for all Ukrainians!“ Während Peter Urban, Urgestein des ESC, in der Direktübertragung präzise übersetzte („Dieser Sieg ist für alle Ukrainer“), nahm man es am Tag danach beim NDR nicht mehr so genau: Dort hieß es im Infoprogramm: „Dieser Sieg ist für alle Menschen in der Ukraine.“ Offenbar war „Ukrainer“ dem NDR nicht gendergerecht genug, meint Dr. Hans Kaufmann, Mitglied des VDS, dem der feine Unterschied aufgefallen war. Diese Übersetzung sei formal und inhaltlich falsch und irreführend: „‚Alle Menschen in der Ukraine‘ sind keineswegs alle Ukrainer, sondern auch zahlreiche Ausländer und auch russische Kriegsgefangene. Außerdem sind wegen des Krieges Millionen Ukrainer, vor allem Frauen und Kinder, zur Zeit nicht in der Ukraine, sondern ins Ausland geflohen. Auch diesen hat Oleh Psiuk den Sieg des Kalush Orchestra gewidmet.“ Bei der falschen Übersetzung würde sie alle nicht erfasst, das krampfhafte Bemühen um die Vermeidung des generischen Maskulinums führe zu Verwirrungen. Man darf vermuten, es handle sich im vorliegenden Fall um eine bewusste Verfälschung. (ndr.de (Nur bis 22. Mai 2022 verfügbar), eurovision.de)

3. Sprachspiele: Flimmern und Rauschen

Wenn Rebellen nur bellen. Über die Sprache der Jugend und das Fragezeichen

Konflikte zwischen Jung und Nicht-mehr-ganz-so-jung sind alt. Gab’s schon immer. Das menschliche Leben beginnt natürlicherweise mit einer Phase der Imitation: Was die Großen machen, das machen die Kleinen nach. Bewegungen, Mimik, Sprache. Anders geht’s ja gar nicht. Es folgt eine Phase der Rebellion: „Was die Großen machen, das machen WIR (die Heranwachsenden) ganz anders.“ Irgendwann im Leben kommt die Phase der Erkenntnis und der Schlussfolgerungen am Schluss, während dasselbe Spielchen mit neuen Protagonisten auf bewährte Weise längst schon wieder im Gange ist.

Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass heute die Phase der Rebellion und die Phase der Imitation ein bisschen durcheinander geraten. Kleinkinder lassen wir rebellieren, Jugendliche imitieren. In Kriegszeiten werden immer JUGENDLICHE an die Front berufen als Erfüllungsgehilfen der Machtgelüste von Alten, warum sollte das im Infokrieg anders sein? Als mehrfacher Vater wende ich mich hiermit ohne Groll an die Jugend, und ich meine jetzt Menschen um die 20. Das sage ich nur, damit keine 40-Jährigen sich gemeint fühlen, zuhören dürfen aber alle. Also:

Liebe Jugendliche, wer sich regelmäßig irgendwo festkettet, der rebelliert nicht, der pariert. Hunde werden festgekettet. Und: Auf Autobahnen rumsitzen und dort nichts machen, das kann kein Zeichen einer „Bewegung“ sein. Es scheint unter euch auch keine Jugendsprache mehr zu geben, und das hat einen bezeichnenden Grund: Ihr imitiert die Erwachsenen, gegen die ihr eigentlich rebellieren solltet.

Aufmerksam hörte ich kürzlich in der Sendung „Neugier genügt“ auf WDR5 ein Interview mit einem jungen „Aktivisten“ Anfang 20. Thema (natürlich): unsere Umwelt, Nachhaltigkeit und sogar der Ukraine-Krieg. Nun ließen sich viele Stellen aus dem Gespräch anführen als Beleg für die bräsige Bürgerlichkeit des blutjungen Brotagonisten, doch es genügt allein die Ouvertüre, an deren Ende der Vorgeladene die Schön-dass-Sie-da-sind-Freundlichkeiten des Moderators erwidert mit einem artigen: „Haaalo, schön dass es geklappt hat.“

Den ganzen überverdauten Kack, den der kleine Kacktivist in den anschließenden 20 Minuten von sich gibt, muss man sich gar nicht geben, um zu wissen, wie er tickt, nein, der Auftakt gibt den Takt: „Haaalo, schön dass es geklappt hat“ – so klingen keine trutzigen Partisanen, das ist der Jargon eines Nesthäkchens. Hier äfft jemand die Plattitüden der Erwachsenenwelt nach, statt eine eigene Stimme zu entwickeln.

Als Student der Blablabla wird er seitens des WDR5-Moderators angepriesen, als Lokalpolitiker, als (Achtung) „Buchautor“. Dank reichhaltiger Bühnenerfahrung, auch bei sog. „Poetry Slams“, weiß ich: Etliche Anfang 20-Jährige können schreiben. Und lesen. Der hier kann allenfalls lesen und schreiben. Ich wette drauf, es gibt für ihn ein stets wohlig eingerichtetes Kinderzimmer im Elternhaus, und beim letzten Nachbarschaftsfest haben alle in der Straße mit Smoothies angestoßen und kundgetan, wie toll der Junge im Radio rüberkommen ist. Na, DEN holt man doch gerne nach der nächsten Umwelt-Sitzblockade mit dem SUV heim ins Reihenhausreich.

Auf DAZN läuft eine Serie mit dem Titel „Underground of Berlin“, da geht es um die Generation Boateng, die sich in Berliner Fußballkäfigen unter härtesten Bedingungen hat durchsetzen müssen auf dem Weg zum Bundesligaprofi. DAS sind Rebellen! Ein offensichtlich bestens behüteter deutscher Jüngling, der im Radio als Lokalpolitiker rumklugscheißert, der ist kein Rebell, der bellt nur ein bisschen. Er ist bestenfalls der Bell-Boy im Adlon der Artgerechten. Ich glaube, so manchem biodeutschen Aktivisten-Azubi würden eine Begegnung mit Kevin-Prince Boateng und ein paar Fußtritte in Berliner Käfigen gut tun.

Liebe Jugendliche, ihr seid nicht so wie der. Eure RepräsenTanten kommen etwas tantenhaft rüber, meint ihr nicht? Bleibt immer skeptisch: Die Mikrofonisten der Republik locken euch mit Interviewangeboten auf ihr glänzendes Bohnerwachsterrain, und ruckzuck steht euer Name auf deren Putzplan. Sie rufen euch nicht an, um ein Gespräch zu führen, sie wollen den Anrufbeantworter aktivieren. Dieser Begriff wird im Englischen noch frappanter: Der Knabe aus dem WDR5-Interview ist eine „answering machine“.

Ich möchte euch nicht zu Missetaten ermuntern, sondern zu mehr Bewusstsein. Ihr werdet regelmäßig an die Medienfront berufen, um Fragen zu beantworten. Genau das darf nicht zur Gewohnheit werden: Ihr müsst diejenigen sein, die Fragen STELLEN! Wir „Gealterten“ brauchen euch, eure Unbekümmertheit, eure Flexibilität, euer Wort. Das Ausrufezeichen am Ende eines Satzes steht stramm, das Fragezeichen ist geschmeidig und bissig wie eine Schlange. Die Fürsten fürchten das Fragezeichen. Also lasst euch nicht blenden im Lichte des 15-Minuten-Ruhms. Liebe Jugendliche, überlasst das unliebsame Antworten-Müssen den Alten. Stellt Fragen!

Ludger Kusenberg

Ludger Kusenberg alias Ludger K. hat als Conférencier mehr als 1.000 große Varietéshows moderiert (u. a. für Roncalli), als Solo-Kabarettist war und ist er regelmäßig in Deutschlands bedeutendsten Kleinkunsttheatern zu Gast. Zudem hat er 15 Jahre als freier Mitarbeiter beim WDR-Fernsehen auf dem Buckel, seine Tätigkeit ruht zurzeit. Als einer der wenigen in seiner Zunft bekennt er ganz offen: „Ich bin konservativ!“ Info und Termine unter ludger-k.de.


4. Kultur

Kulturpreis Deutsche Sprache 2022

Der Kulturpreis Deutsche Sprache 2022 geht an den Schriftsteller und Musiker Max Goldt. Der Träger des Kulturpreises, die Eberhard-Schöck Stiftung, gab bekannt, sie habe sich die Jury für ihn entschieden, weil Max Goldt „ein Meister der kleinen Formen, ein strenger Stilist, doch gleichzeitig offen für sehr freie poetische Formen“ ist. Er erhält den mit 30.000 Euro dotierten Jacob-Grimm-Preis Deutsche Sprache. Den mit 5.000 Euro dotierten Initiativpreis Deutsche Sprache erhält in diesem Jahr das Projekt Plattdeutsch in der Pflege. Da spricht man alte Menschen in Pflegeeinrichtungen in ihrer niederdeutschen Muttersprache an. Die Jury entschied, dass dadurch Vertrauen, Wertschätzung, Wohlbefinden und Nähe gefördert werden. Der Institutionenpreis Deutsche Sprache geht in diesem Jahr an die Redaktion der Zeitschrift Germanoslavica, die von der Akademie der Wissenschaften in Tschechien herausgegeben wird. Der dreiteilige Kulturpreis Deutsche Sprache wird seit 2001 für besondere Verdienste um die deutsche Sprache von der Eberhard-Schöck-Stiftung vergeben. Die Preisverleihung geschieht am 8. Oktober 2022 in Baden-Baden. (nordbayern.de, merkur.de)


5. Berichte

Aktion „Anstoß“ – Stadtbibliothek verschenkt Erstlesebücher

Seit 2008 bekommen Schulanfänger in Nürnberg jedes Jahr ein Erstlesebuch geschenkt. Die Aktion heißt „Anstoß – Ein Buch für jeden Schulanfänger“ und wird von der Nürnberger Stadtbibliothek organisiert. In diesem Jahr bekommen 5.540 Erstklässler ein Buch zum Thema Regenwald aus der Reihe „Was ist was“. Ermöglicht wird das Projekt durch die Unterstützung der Manfred-Lochner-Stiftung, die von der HypoVereinsbank und der Regionalgruppe Mittelfranken des Vereins Deutsche Sprache e. V. verwaltet wird. Der Nürnberger Tessloff-Verlag stellt bereits zum dritten Mal die Bücher aus seinem aktuellen Verlagsprogramm zum Selbstkostenpreis zur Verfügung. (infranken.de)


6. Denglisch

Streitgespräch mit dem VDS auf Englisch

Beim englischsprachigen Podcast „Common Ground Berlin“ ging es darum, warum die Deutschen so verliebt in das Englische oder Denglische sind. Es diskutierten der Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch und als VDS-Vertreter Oliver Baer. Zu Beginn geht es lange um die Frage, ob das Ausmaß des englischen Einflusses im Deutschen ungewöhnlich sei. „Ganz normale Entwicklung …“, argumentierte der Sprachwissenschaftler. Das Entlehnen von Fremdwörtern sei ein klassischer Prozess der Wortbildung. Widerspruch kam von Baer: „Die Wortbildung geschieht nicht von selbst. Für die Entwicklung einer Sprache ist die Sprachgemeinschaft verantwortlich“. Sie müsse sich angesichts der Globalisierung (und ihrem bereits begonnenen Rückbau) darauf einstellen, wie und wohin sich daraufhin Sprachen entwickeln werden. Stefanowitsch warf die Frage auf, warum sich die deutsche Sprachgemeinschaft grundsätzlich als „monolingual“ verstehe. Das sei in anderen Sprachgemeinschaften völlig anders. VDS-Vertreter Baer mahnte, die deutsche Sprache sei hierzulande ein verbindendes Element. Erst ihre Beherrschung ermögliche es Zuwanderern am Gesellschafts- und Wirtschaftsleben teilzuhaben. „Wie will man mit so einem Schild an der Autobahnbaustelle ‚Reißverschluss erst nach 600m‘ zurechtkommen?“ Ohnehin, so Baer, gebe es für die meisten englischen Wörter schönere deutsche Wörter. Als Beispiel nannte er das Jugendwort des Jahres cringe. „Fremdschämen“ sei witziger, treffender, einfach besser. (commongroundberlin.com)


7. Soziale Medien

Queer-Beauftragter setzt auf Gendersprache

Am Internationalen Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transfeindlichkeit (17. Mai) interviewte Caren Miosga in den Tagesthemen der ARD den Queer-Beauftragten der Bundesregierung, Sven Lehmann. Neben der Abschaffung des Transsexuellengesetzes ging es um das Gendern. Miosga fragte: „Was glauben Sie, wie lange wird es wohl dauern, bis das Sprechen des Gendersternchens normal wird – oder wird das nicht normal?“ Lehman antwortete: „Ich freue mich sehr, dass sehr, sehr viele das mittlerweile tun, um eben auch zu zeigen: Wir anerkennen, dass es geschlechtliche Vielfalt in dieser Gesellschaft gibt, und wir wollen das auch sichtbar machen. Das wird ja nicht verordnet, aber es gibt eine gesellschaftliche Bewegung, die einfach sagt: Das hat was mit Respekt und mit der Anerkennung von Vielfalt zu tun. Und deswegen bin ich mal gespannt, wann sich das durchsetzt – ich hoffe, dass das zügig der Fall sein wird.“
Bei Twitter antwortete die Journalistin Judith Sevinç Basad, die ein Buch über Wokeness-Kultur geschrieben hat, mit deutlichen Worten: „Drei Irrtümer, ein Gender-Thread: Nicht ‚sehr, sehr viele‘, sondern eine kleine, medienwirksame Minderheit gendert. ‚Es wird nicht verordnet‘? Doch, in manchen Städte-Verwaltungen schon. Und: Wenn das Gendern ein Zeichen für Toleranz und Vielfalt sein soll, wie sieht dann derjenige aus, der die Gender-Sprache ablehnt? Zu was führt der moralische Druck, als Menschenfeind dazustehen? Das Gendern wird sich nicht durchsetzen, weil es die Mehrheit der Bevölkerung ablehnt. Die moralischen Belehrungen von Medien und Politik treiben eher die gesellschaftliche Spaltung voran – garantiert nicht die zwanghafte Etablierung einer grammatikalisch falschen Sprache.“ Unter ihrem Beitrag finden sich zumeist Kommentare, die ihren Standpunkt teilen, z. B. „Es hat nichts mit Vielfalt zu tun“ oder „Wer gendert, grenzt primär erst mal aus. Alle Erfolge der Inklusion werden damit zunichte gemacht.“ (twitter.com)


Der VDS-Infobrief enthält Neuigkeiten der vergangenen Woche zur deutschen Sprache. Männer sind mitgemeint, das Gleiche gilt für andere Geschlechter. Namentlich gekennzeichnete Beiträge spiegeln gelegentlich die Meinung der Redaktion.

Redaktion: Oliver Baer, Holger Klatte, Asma Loukili, Dorota Wilke, Jeanette Zangs

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