Infobrief vom 14. August 2020: Neue Duden-Ausgabe mit 3000 neuen Wörtern

1. Presseschau

Neue Duden-Ausgabe mit 3000 neuen Wörtern

Bild: www.duden.de/presse

„Lockdown“, „Geisterspiel“, „Herdenimmunität“ – das sind einige neue Begriffe in der gerade erschienenen Ausgabe des Dudens. Die Coronakrise hat ihre Spuren hinterlassen. Aber auch andere Wörter haben es in die 28. Ausgabe des Nachschlagewerks geschafft, so zum Beispiel „Hatespeech“, „bienenfreundlich“ oder „Gendersternchen“. Unter den insgesamt 3000 neuen Einträgen finden sich zahlreiche Anglizismen, außerdem gibt es erstmals Hinweise zur Gendersprache. Der VDS kritisiert dies: Es müsse „endlich Schluss sein, dass Einzelne von oben herab entscheiden wollen, wie sich Sprache zu entwickeln hat“, so der VDS Vorsitzende Walter Krämer. „Viele Menschen nehmen das, was im Duden steht, für bare Münze und werden glauben, dass Gendersternchen und ähnliche Konstrukte echte Bestandteile der deutschen Sprache seien.“

Kathrin Kunkel-Razum, Leiterin der Duden-Redaktion rudert zurück: Es würden keine Regeln vorgegeben. „Das dürfen wir nicht und das machen wir auch nicht.“ Den Menschen, die Rat suchten, wolle die Redaktion diesen aber geben. (dw.com, deutschlandfunkkultur.de)


Gesellschaft für deutsche Sprache kritisiert Gendersternchen

Das Gendersternchen sei weder mit der deutschen Grammatik noch mit den Regeln der Rechtschreibung konform, stellt die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) in einer Pressemitteilung klar. Sowohl bei der Verwendung des Gendersternchens als auch bei anderen Formen wie dem Gender-Unterstrich oder dem Gender-Doppelpunkt komme es zu grammatisch falschen Formen – beispielsweise Arzt*in oder Ärzt*in. Die Nutzung unterschiedlicher genderneutraler Formen führe außerdem zu Uneinheitlichkeit. Auch bezüglich der Aussprache gebe es verschiedene Varianten, sodass es bei Sprechern und Zuhörern Unsicherheiten hervorrufe. Eine diskriminierungsfreie Sprache werde von der GfdS natürlich befürwortet, jedoch stelle das Gendersternchen „aus sprachlicher Sicht kein geeignetes Mittel dar, um dieses Anliegen umzusetzen“. Weiter heißt es in der Pressemitteilung: „Die orthografische und grammatische Richtigkeit und Einheitlichkeit, die (Vor-)Lesbarkeit und die Verständlichkeit eines Textes stehen […] an erster Stelle und müssen auch in einer diskriminierungsfreien Sprache gewährleistet sein. Die GfdS rät daher ausdrücklich davon ab, das Gendersternchen und ähnlich problematische Formen zu verwenden.“ (gfds.de)


Peinlicher Übersetzungsfehler bei kanadischer Brauerei

Wer sich bei der Benennung von Produkten fremder Sprachen bedient, sollte sich vorher gut informieren. Ein gut gemeinter Einfall entpuppte sich bei einer kanadischen Brauerei als Fettnäpfchen. Man wollte das hauseigene Bier nach einem Wort aus der Sprache der Ureinwohner Neuseelands, der Maori, benennen. „Huruhuru“ kann Wolle oder Feder bezeichnen, wird aber vorrangig als Ausdruck für Schamhaar verwendet. Ein Ledergeschäft in Neuseeland beging denselben Fehler und benannte einige Produkte nach diesem Wort.

Bei den Maori sorgte der Fauxpas sowohl für Belustigung als auch für Ärger. Man müsse „weitere und unabhängige Ratschläge zur maorischen Sprache einholen“, bevor man Produkte in die Öffentlichkeit bringe, teilte die Maori-Sprachkommission auf Facebook mit. Traurig sei es jedoch, dass die Besitzer des Lederladens wohl nach dem Vorfall von aufgebrachten Maori bedroht wurden. Die Brauerei stellte klar, dass ein Beleidigen der maorischen Kultur nie die Absicht gewesen sei. Mit dem Wort „Huruhuru“ habe man auf die Bedeutung der Feder anspielen wollen, um deutlich zu machen, dass das „Pale Ale“ der Brauerei leicht wie eine Feder sei. In Zukunft wolle man der Marke einen neuen Namen verpassen. (rnd.de)


2. Unser Deutsch

Freigänger

Dies Wort hat zwei Bedeutungen. Die Wörterbücher kennen nur eine: ‚Häftling, der tagsüber ohne Aufsicht in einem Betrieb arbeiten darf, aber abends in die Haftanstalt zurückkehren muss‘. Es heißt dann: ‚der Häftling hat Freigang‘.

Ich möchte mich der zweiten Bedeutung widmen, die lexikographisch noch nicht erfasst, aber Tierfreunden geläufig ist. Wer sich in einem Tierheim nach einer Katze umsieht, wird bald vor die Frage gestellt: Wohnungskatze oder Freigänger? Die einen teilen die Wohnung ihrer Herrschaft, außer sie werden zum Tierarzt gebracht. Sie sind lebenslang gefangen, versorgt zwar, aber der meisten ihrer natürlichen Bedürfnisse beraubt. Die anderen dürfen ihr Zuhause jederzeit verlassen, durch die Nachbarschaft streifen, ihre Wege markieren und auf Mäuse- oder Vogelfang gehen. In der Regel kommen sie nach Stunden in ihre Heimstätte zurück, wo ihnen täglich Trockenfutter, Nassfutter und Wasser in sauberen Schälchen angeboten wird, wo sie (in Grenzen) toben und kratzen dürfen, bespielt werden und vor allem schlafen, schlafen, schlafen.

Freigänger sind selbstbewusste Tiere. Sie wissen, dass sie selber über ihren Alltag entscheiden dürfen. Sie wählen immer neue Plätze für ihre Ruhestunden, und bestimmen nach Wetter und Lust den Zeitpunkt ihres Freigangs. Die Ziele und die Zeiten des Streunens sind ganz ihre Sache, allenfalls in der lokalen Katzen-Community abgestimmt. Die Voraussetzung für solche Freiheit ist ein jederzeit verfügbarer Zugang, sozusagen der Haustürschlüssel, am besten eine Katzenklappe (fehlt auch im Lexikon), die in eine Außentür eingelassen ist. Ein Schreiner hat sie mir voriges Jahr angebracht.

Zugegeben, Freigänger sind gefährdet. Manche Jäger und auch Nachbarn stellen ihnen nach, Autos seien ihr Hauptfeind. Auch Zecken plagen sie vom Frühjahr bis zum Herbst. Dies ist der Preis für ihr wildes Leben.

Ich bewundere und beneide unseren Moritz um seine Ungebundenheit. Zugleich freue ich mich über seine Zutraulichkeit und sein Vertrauen, das ihn jeden Tag nach seinen Exkursionen, die immer weitere Radien ziehen, zu uns zurückführt. Freigänger sind keine Gefangene, sie sind geliebte Dauergäste. Sie genießen doppelte Freiheit: die bekannte ‚Freiheit von‘ und zugleich die ‚Freiheit zu‘. Eigentlich ist Freigängertum eine ideale Lebensform. Manchmal möchte ich Katze sein, bei mir.
Horst Haider Munske

Der Autor ist Professor für Germanistische Sprachwissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Vereins Deutsche Sprache e. V. Ergänzungen, Kritik oder Lob können Sie schicken an: horst.munske@fau.de


3. Kultur

Internationale Deutscholympiade erstmals digital

Die diesjährigen Sieger der Internationalen Deutscholympiade (IDO) stehen fest. Deutschschüler aus den USA, Taiwan und Georgien wurden für ihre Leistungen ausgezeichnet. Für die beste Gruppenleistung wurde eine Zusammenarbeit von Teilnehmern aus Mexiko, Großbritannien, Italien und Tschechien geehrt. Wegen der aktuellen Reise- und Kontaktbeschränkungen wurde der Wettbewerb unter dem Motto „Dabei sein! Die IDO kommt zu dir“ erstmalig digital ausgetragen. Die IDO findet alle zwei Jahre statt und wird vom Goethe-Institut in Kooperation mit dem Internationalen Deutschlehrerinnen- und Deutschlehrerverband veranstaltet. Sie hat das Ziel, junge Menschen im Ausland für die deutsche Sprache zu begeistern, Toleranz untereinander zu fördern und Zugang zur deutschen Kultur, Wirtschaft sowie Zivilgesellschaft zu ermöglichen. Einen Einblick in die gestellten Aufgaben und die Lösungen der Teilnehmer der IDO gibt es hier: goethe.de (sueddeutsche.de)


4. Denglisch

Heiße Bankkarte

„Shop it like it’s hot‟ – mit diesem Spruch wirbt die Raiffeisenbank Isar-Loisachtal neuerdings für das Zahlen mit Kreditkarte. Bankkunde und VDS-Mitglied Dieter Weckerle verging beim Besuch seiner Bankfiliale sofort die Lust am Geldausgeben. „Das ist doch nur wichtigtuerisch‟, sagte er dem Münchner Merkur. Deren Redakteurin fragte auch die Marketing-Abteilung der Bank: „In unserer Regionalbank sprechen wir schließlich kein tiefstes Oberbayerisch mehr‟, so die Begründung von Andreas Pentenrieder.

Er sagte auch: „Gleichzeitig müssen wir aber den Zeitgeist treffen.‟ Möglicherweise war der Erfinder des Spruchs ein Liebhaber US-amerikanischer Rap-Musik. Ein Titel des Sängers Snoop Dogg lautet ähnlich „Drop it like it’s hot‟ – aber der ist aus dem Jahr 2004. 16 Jahre? Die Raiffeisenbank wäre in diesem Fall einfach spät dran. (merkur.de)


5. Termine

26. August, Region 03 (Cottbus)
Mitgliedertreffen
Zeit: 18:00 Uhr
Ort: Hotel Zur Sonne, Taubenstr. 7, 03046 Cottbus

26. August, Region 25 (West-Schleswig-Holstein)
Mitgliedertreffen
Zeit: 18:30 Uhr
Ort: Hotel Hohenzollern, Moltkestr. 41, 24837 Schleswig

1. September, Region 57 (Siegen)
Mitgliedertreffen, Regionalwahl und Führung durch die Stadtbibliothek Kreuztal
Zeit: 16:30 – 18:30 Uhr
Ort: Stadtbibliothek Kreuztal, Marburger Str. 10, 57223 Kreuztal

10. September, Region 65 (Wiesbaden/Kelkheim)
Mitgliedertreffen
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: Restaurant Europa, Stadthalle Kelkheim, Gagernring 1, 65779 Kelkheim (Taunus)


IMPRESSUM

Der VDS-Infobrief enthält Neuigkeiten der vergangenen Woche zur deutschen Sprache. Männer sind mitgemeint, das Gleiche gilt für andere Geschlechter. Namentlich gekennzeichnete Beiträge spiegeln mitunter die Meinung der Redaktion.

Redaktion: Holger Klatte, Alina Letzel

© Verein Deutsche Sprache e. V.

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