Infobrief vom 24. Januar 2020: Polizei senkt Rechtschreib-Anforderungen für Bewerber

1. Presseschau

Polizei senkt Rechtschreib-Anforderungen für Bewerber

Tim Reckmann | pixelio.de

Polizeischüler in Deutschland können sich in Zukunft mehr Fehler im Deutschtest erlauben. Die Bundespolizei hat ihre Anforderungen nach unten korrigiert – der Grund: Viele Bewerber sind am Test gescheitert, das sorgte in der vergangenen Zeit für Personalprobleme. Auch die Sportprüfung wurde überarbeitet: Standweitsprung und Liegestütze sind jetzt nicht mehr erforderlich.

Bereits vor zwei Jahren hatten die Deutschkenntnisse der Polizeischüler für ein Medienecho gesorgt. Damals hieß es, rund ein Drittel habe in den vergangenen Jahren den Deutschtest nicht bestanden. (welt.de, tagblatt.de)


Académie Française gegen Gendersprache

Nicht ein Gericht, nicht die Regierung – nein, ausgerechnet die Wissensplattform Wikipedia hat sich der Académie Française gebeugt. Die Akademie besteht aus 40 Mitgliedern – meist Wissenschaftler, Schriftsteller und Philosophen – und setzt sich für die Pflege der französischen Sprache ein. Nach den letzten Sprachreformen, die auch für das Französische gendersprachliche Regeln („écriture inclusive“) einführen sollen, formiert sich jetzt eine Gegenbewegung. Sie macht deutlich: Es ist nicht sinnvoll, wenn die Anrede „Liebe Leser“ nach der neuen Genderschreibung „Cher.e.s lecteur.rice.s“ heißen muss. Im Kampf gegen den Genderunfug hat die Académie Française jetzt mehr als einen Achtungssieg errungen: Wikipedia hat sich für die Schreibung der Académie entschieden.

Eine solche Akademie wünscht man sich für die deutsche Sprache auch. Solange es sie nicht gibt, setzen sich Sprachvereine für eine freie und angemessene deutsche Sprache ein: so kürzlich im ZDF der Kieler VDS-Regionalleiter Heiko Mitschke und interessanterweise neuerdings auch die Gesellschaft für deutsche Sprache. Deren Vorsitzender Peter Schlobinski sagt: „Es kann und darf nicht sein, dass jede Stadt ihre eigenen orthografischen Regeln einführt‟. (faz.net, zdf.de)


Sorge um Amerikas Fremdsprachenkenntnisse

Amerika hat nicht den besten Ruf, wenn es um das Erlernen von Fremdsprachen geht – und auch die Statistiken bestätigen dies. Rund 20 bis 25 Prozent der Amerikaner verstehen zwar mindestens eine Fremdsprache, allerdings betrifft dies fast ausschließlich Migranten oder Kinder von Migranten, die in Elternhäusern aufgewachsen sind, in denen noch die Sprache des Herkunftslandes gesprochen wird. Der Anteil an Amerikanern, die aufgrund ihrer schulischen Ausbildung ein normales Alltagsgespräch in einer Fremdsprache führen können, beträgt nur ein einziges Prozent – was erst einmal logisch erscheint, denn wer Englisch als Muttersprache bereits beherrscht, benötigt für internationale Kommunikation selten andere Sprachen. Jedoch sorgen sich Bildungsexperten um die wirtschaftlichen Konsequenzen. International aufgestellte US-Unternehmen greifen nämlich gerne auf nicht-amerikanische Mitarbeiter zurück, da diese im Gegensatz zu den Amerikanern multilingual sind. (freiewelt.net)


Wie funktioniert Übersetzung am besten?

Dem Internetkonzern Facebook ist ein peinlicher Fehler unterlaufen: Durch den Übersetzungs-Automatismus war der Name von Chinas Staatspräsident Xi Jinping im myanmarischen Netz als „Drecksloch“ übersetzt worden. Das führte unter anderem zu Beiträgen wie „Herr Drecksloch, Präsident von China, kommt um 16:00 Uhr an“. Da fragt man sich, wie sinnvoll automatisierte Übersetzungssysteme sind und greift doch lieber auf menschliche Übersetzer zurück, die den Kontext eines Textes beachten und somit ohne Fehler übersetzen können. Der „Allessprecher“ Ioannis Ikonomou ist ein gutes Beispiel dafür: Er beherrscht 32 Sprachen, arbeitet als Übersetzer für die EU-Kommission und ist leidenschaftlicher Sprachenlerner. Auf Kreta geboren, kam er durch den Tourismus schon früh mit Fremdsprachen in Kontakt und entwickelte den Wunsch, die gehörten Sprachen zu verstehen. Im Alter von fünf Jahren lernte er Englisch und zwei Jahre später Deutsch. Danach folgten Italienisch, Russisch und weitere, sodass er heute 32 Sprachen fließend spricht. (deutschlandfunkkultur.de, deutschlandfunknova.de)


2. Unser Deutsch

In Mitte

Berliner wissen sofort, was gemeint ist: der Ortsteil Mitte in der Berliner Innenstadt, ehemals (im Kaiserreich) Alt-Berlin und Alt-Köln mit den bekanntesten Wahrzeichen der Stadt, dem Brandenburger Tor, der Allee Unter den Linden, der Humboldt-Universität, vielen Botschaften, dem Roten Rathaus und so weiter. Später (2001) hat man den Namen Mitte auch für den neuen Bezirk (aus den Ortsteilen Mitte, Tiergarten und Wedding) verwendet. Aber das ist Amtssprache. Wenn die Berliner sagen „Wir fahren nach Mitte“ oder „Ich ziehe nach Mitte“, dann meinen sie den alten Ortskern. Dezidiert gebrauchen sie Mitte dabei immer ohne Artikel. Damit markieren sie den Unterschied zum appellativen Substantiv die Mitte. Ortsfremden mag das anfangs auffallen, Berliner insistieren auf dem Unterschied und sie haben recht damit. Denn Artikellosigkeit ist eins der auffälligsten morphologischen Merkmale von Eigennamen.

Damit wird angezeigt, dass ein Wort nur für einen bestimmten Ort, eine bestimmte Person gilt und diesen wie mit einem Etikett kennzeichnet. Die allermeisten dieser Eigennamen haben ihren Ursprung im appellativen Wortschatz, wie eben der Name Mitte aus dem Substantiv die Mitte. Und dies Wort wurde natürlich deshalb zur Bezeichnung des Stadtkerns gewählt, weil er in der Mitte der Stadt liegt. So lebt auch in den Eigennamen oftmals ein semantischer Anklang an die zugrundeliegende appellative Bedeutung fort. Dies Nebeneinander von Eigenname und appellativem Wort fällt immer wieder auf, zum Beispiel wenn jemand Kurz heißt und tatsächlich klein gewachsen ist. „Stimmt“, mag man witzelnd bemerken. Tatsächlich wird jedoch in der Regel solche semantische Erinnerung beim Gebrauch des Namens in der Anrede ausgeblendet.

Gibt es weitere entscheidende Besonderheiten von Eigennamen? Ich nenne nur eine, die wirklich spezifisch ist. Während der appellative Wortschatz, wie ihn die Wörterbücher verzeichnen, ein Besitz der gesamten Sprachgemeinschaft ist – jeder Deutschsprechende versteht die allermeisten deutschen Wörter – sind Eigennamen kein Allgemeinbesitz. Kein Mensch kennt alle deutschen Ortsnamen oder Familiennamen, nicht einmal alle Straßennamen seines Wohnorts.

Der Namenswortschatz ist außerordentlich vielfältig, neben den Vor- und Familiennamen sowie den Ortsnamen sind es die Namen von Flüssen, Seen, Meeren, von Firmen, von Gebäuden, von Waren, von Büchern und Kunstwerken, von Parteien, Behörden, nicht zuletzt von Haus- und Nutztieren. Jeder Mensch hat seine eigene Auswahl dieses gewaltigen Namenswortschatzes, nach Alter, Beruf und Lebensumfeld. Täglich lernen wir neue Namen kennen und vergessen vielleicht früher bekannte. Darum ist es schade, dass die Erforschung der Eigennamen, die Onomastik, ein Randgebiet der Sprachwissenschaften geblieben ist. Namen sind der produktivste, lebendigste Bereich jeder Sprache. Darum lässt er sich überhaupt nicht als Gesamtheit erfassen wie der appellative im Duden. Doch hier ist Wandel in Sicht: Die Digitalisierung macht es möglich, die meisten Namen findet man im Netz vielfältig erläutert. So wird Namenswortschatz gut zugänglich. Auch Mitte ist in Wikipedia erklärt, mit dem Hinweis: immer ohne Artikel.

Horst Haider Munske

Der Autor ist Professor für Germanistische Sprachwissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Vereins Deutsche Sprache e. V. Ergänzungen, Kritik oder Lob können Sie schicken an: horst.munske@fau.de


3. Kultur

SEVEN singt nun auf Deutsch

Hin und wieder berichten wir im Infobrief über Musiker, die sich, nachdem sie jahrelang englische Texte geschrieben haben, auf einmal deutscher Musik zuwenden. Mit „SEVEN“ reiht sich jetzt erneut ein Sänger ein. Der 41-jährige Schweizer hat bereits 17 Jahre Karriere hinter sich, in denen er konsequent auf Englisch gesungen hat. Nun wagt er etwas Neues und veröffentlicht Ende Februar seine erste deutschsprachige Platte. „Deutsch war immer mein Lieblingsfach“, erzählt er. Mit den neuen Liedern entfernt er sich nicht nur sprachlich, sondern auch musikalisch ein Stück weit von seiner früheren Musik. „Ich bleibe mal wieder nicht bei meinen Leisten und befreie mich aus einer Schleife, in der andere mich vielleicht gerne länger gesehen hätten. Aber ich war noch nie so nah dran an mir selbst.“ (eventim.de)


Ai Weiwei: „Deutsche wollen, dass du Deutsch sprichst“

Deutschland ist keine offene Gesellschaft – zu diesem Schluss kommt der chinesische Künstler Ai Weiwei. Bis vor wenigen Monaten hat er noch in Deutschland gelebt, dann ist er nach England gezogen. Hier sei man offener, Deutsche hätten eine autoritätshörige Gesinnung und eine tief verwurzelte Abneigung gegen Fremde. Das sei ihm vor allem dann aufgefallen, wenn im Kontakt mit Deutschen sein Gegenüber darauf beharrt hat, Deutsch zu sprechen. (welt.de)


4. Denglisch

Maturaarbeit erklärt Anglizismen für unnötig

Eine Schweizer Abiturientin hat den Anglizismen-Index des VDS als Grundlage für ihre Maturaarbeit genutzt. Sie hat drei verschiedene Zeitungen unterschiedlicher Ausrichtung (Boulevard, überregional, regional) ausgewählt und die Nutzung der Anglizismen untersucht. Ihre Bilanz: Fast 80 Prozent der benutzten Anglizismen gehören zu der Kategorie, die der VDS als „verdrängend“ definiert hat – das heißt, sie ersetzen immer stärker deutsche Begriffe, die eigentlich aussagekräftig und treffend sind. Dass sich Sprache verändert, sei klar – dennoch seien die meisten Anglizismen in der Zeitung unnötig, so das Resümee der Abiturientin. (suedostschweiz.ch)


5. Termine

27. Januar, Region 50/51 (Köln)
Mitgliedertreffen
Zeit: 18:00 Uhr
Ort: Cöllner Hof, Hansaring 100, 50670 Köln

28. Januar, Region 01 (Dresden, Riesa)
Mitgliedertreffen
Zeit: 18:00 Uhr
Ort: Ortsamt Dresden-Loschwitz, Grundstr. 3, 01326 Dresden

29. Januar, Region 03 (Cottbus)
Mitgliederversammlung
Zeit: 18:00 Uhr
Ort: Hotel Zur Sonne, Taubenstr. 7, 03046 Cottbus

30. Januar, Region 67/68/69 (Rhein-Neckar)
Mitgliedertreffen
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: Kyffhäuser – Das Gasthaus, Ladenburger Str. 38, 69120 Heidelberg

5. Februar, Region Österreich (Wien)
Stammtisch des Jungen VDS
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: Siebensternbräu, Siebensterngasse 19, 1070 Wien

7. Februar, Region 42 (Wuppertal, Remscheid, Solingen)
Ausstellungseröffnung mit Karikaturen von Friedrich Retkowski (im 1. OG)
Zeit: 17:00 Uhr
Ort: Stadtbibliothek Solingen, Mummstr. 10, 42651 Solingen

10. Februar, Region 65 (Wiesbaden/Kelkheim)
Mitgliedertreffen
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: Restaurant Europa, Stadthalle Kelkheim, Gagernring 1, 65779 Kelkheim (Taunus)

10. Februar, Region 20/22 (Hamburg)
Mitgliedertreffen
Zeit: 19:30 Uhr
Ort: Hotel Ibis Alsterring, Pappelallee 61, 22089 Hamburg

20. Februar, Region 18 (Rostock)
Regionalversammlung mit Fernsehvorführung: Dieter Nuhr Jahresrückblick 2019
(Anmeldung erforderlich)
Zeit: 18:00 Uhr
Ort: Gasthaus Zum Bauernhaus Biestow, Am Dorfteich 16, 18059 Rostock

27. Februar, Region 18 (Rostock)
Vortrag von Otto Ringel: Humorvoller Streifzug durch die deutsche Sprache
(Anmeldung erforderlich)
Zeit: 18:00 Uhr
Ort: Gasthaus Zum Bauernhaus Biestow, Am Dorfteich 16, 18059 Rostock

27. Februar, Region 70/71/73/74 (Stuttgart, Nordwürttemberg)
Regionalversammlung
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: Brauereigaststätte Dinkelacker, Tübinger Str. 46, 70178 Stuttgart

29. Februar, Region 72/78 (Bodensee/Ostschwarzwald)
Mitgliedertreffen
Zeit: 15:00 Uhr
Ort: Café Reiter, Haldenstr. 11, 78166 Donaueschingen


IMPRESSUM

Der VDS-Infobrief enthält Neuigkeiten der vergangenen Woche zur deutschen Sprache. Männer sind mitgemeint, das Gleiche gilt für andere Geschlechter. Namentlich gekennzeichnete Beiträge spiegeln mitunter die Meinung der Redaktion.

Redaktion: Holger Klatte, Alina Letzel, Dorota Wilke

© Verein Deutsche Sprache e. V.

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